Diese Arbeit setzt sich mit dem Begriff der Biopolitik auseinander, wobei die Kontroverse zwischen der Befürwortung und der Dementierung des Lebens ein zentraler Bestandteil der Arbeit ist. Es sollen die Zusammenhänge zwischen Foucaults Biopolitik und Agambens Thanatopolitik, welche die Kehrseite der Biopolitik darstellt, aufgezeigt werden. Den Ausgang dieser Arbeit liefert eine Begriffseinordnung der Biopolitik, gefolgt von jener Definition, die auf Foucaults Ansichten beruht. Der Kontrast, den die Thanatopolitik von der Biopolitik abgrenzt, soll dann mit Hilfe von Agamben herausgearbeitet werden. Zum Schluss möchte ich anhand Achille Mbembes Nekropolitik eine Erweiterung Agambens Standpunkt aufzeigen.
Durch seine Grundidee der Biopolitik gelang es Michel Foucault den Begriff der Macht auf eine völlig neue, fundamentale Art und Weise zu betrachten. Und zwar in einem Modell, das nicht an die Begriffe wie Souveränität oder Recht gekoppelt war. Aus diesem Modell heraus ließ sich eine Analyse der Moderne entwickeln, die den Diskurs innerhalb der Humanwissenschaften nachhaltig verändert hat. Dieses neuartige Machtkonzept, welches die Produktivität, das Leben und die Lebensprozesse in den Fokus rückt und in einem ganz deutlichen Kontrast zur Souveränitätsmacht steht, stößt jedoch auf Probleme, sobald es mit geschichtlichen Realitäten konfrontiert wird. Denn die technischen Fortschritte der Moderne haben nicht nur Errungenschaften hervorgebracht, welche das Leben fördern und erhalten sollen, sondern auch jene, die das Leben in großem Maße vernichten können. Die blutigsten Kriege und Genozide sind Teil dieser Epoche und ein fester Bestandteil der Politik.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Biopolitik und Bio-Macht
3. Foucaults Genealogie der Biopolitik
3.1 Der Tod im Dienste des Lebens
4. Thanatopolitik und Nekropolitik
4.1 Das nackte Leben und der Ausnahmezustand
4.2 Agambens alternative Genealogie der Biopolitik
4.2.1 Das Lager als biopolitischer Raum
4.3 Nekropolitik – Die verallgemeinerte Instrumentalisierung der menschlichen Existenz
4.3.1 Die Entwicklung der Biopolitik nach Mbembe
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept der Biopolitik durch einen vergleichenden Diskurs der Ansätze von Michel Foucault, Giorgio Agamben und Achille Mbembe, um die Transformation des Verhältnisses von staatlicher Macht, Leben und Tod zu analysieren.
- Grundlagen der Biopolitik und Bio-Macht bei Foucault
- Foucaults Genealogie der Macht und der Rassismus als Todesmacht
- Agambens Thanatopolitik, das nackte Leben und der Ausnahmezustand
- Mbembes postkoloniale Erweiterung zur Nekropolitik
- Vergleich der staatszentrierten versus dispersen Machtkonzepte
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Tod im Dienste des Lebens
Aus Foucaults These, dass die moderne Politik sich zu einer Politik des Lebens entwickelt und die Souveränitätsmacht überlagert, geht nicht hervor, dass das souveräne Recht des Todes keinerlei Rolle in einem politischen System des Lebens spiele. Im Gegenteil: Im Rahmen der Vorlesung im Jahr 1976 am Collège de France äußert Foucault, dass es infolge der Transformation von Souveränitätsmacht zu Bio-Macht ebenfalls zu einer Verschiebung von einem politisch-militärischen zu einem rassistisch-biologischen Diskurs kam.22 Im politisch-militärischen Diskurs wird der Begriff der „Rasse“ dazu benutzt, um politische Gegner bzw. eine feindliche soziale Gruppe, durch „geografische Herkunft, Sprache oder Religionsausübung“23 von der eigenen zu unterscheiden.
Folglich war das Gesellschaftsbild des politisch-militärischen Diskurses von der Vorstellung geprägt, dass die Gesellschaft sich in zwei feindliche Lager teilt und zwei antagonistische soziale Gruppen existieren.24 Das Recht der Tötung im politisch-militärischen Diskurs äußert sich durch Kriege, Schlachten oder Ermordungen, wobei das Ziel die Zerstörung des politischen Gegners ist. Die diskursive Verschiebung ereignete sich im 19. Jahrhundert, als der Begriff der Rasse zunehmend eine evolutionstheoretische Umdeutung erfuhr, wodurch „an die Stelle des historisch-politischen Themas des Krieges mit seinen Schlachten, Siegen und Niederlagen […] das evolutionär-biologische Modell des Kampfes ums Leben“25 tritt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Machtkonzept der Biopolitik und Darlegung der zentralen Fragestellung bezüglich des widersprüchlichen Verhältnisses zwischen dem Schutz des Lebens und der modernen Gewalt.
2. Biopolitik und Bio-Macht: Begriffsklärung der Biopolitik als Instrument der Verwaltung von Lebensprozessen sowie Erläuterung der dualen Blickwinkel von staatlicher Regulierung und individueller Selbstregulierung.
3. Foucaults Genealogie der Biopolitik: Analyse des Wandels vom Recht des Souveräns, sterben zu machen, hin zur modernen Bio-Macht, die das Leben optimieren und verwalten will.
3.1 Der Tod im Dienste des Lebens: Untersuchung der Rolle des Rassismus als notwendiges Mittel innerhalb der Bio-Macht, um Zäsuren innerhalb der Bevölkerung zu erzeugen und Todesmacht auszuüben.
4. Thanatopolitik und Nekropolitik: Einleitung in die alternativen Ansätze von Agamben und Mbembe, die den Fokus der Biopolitik auf das nackte Leben und den Tod verschieben.
4.1 Das nackte Leben und der Ausnahmezustand: Definition der Begriffe bei Agamben und Erläuterung der Figur des homo sacer als Grenzfigur politischer Macht.
4.2 Agambens alternative Genealogie der Biopolitik: Diskussion der Thesen Agambens, die den modernen Staat als Regime der Vernichtung und das Lager als Paradigma politischer Macht begreifen.
4.2.1 Das Lager als biopolitischer Raum: Analyse der Symbiose von Biopolitik und nacktem Leben und die Kritik an Agambens Verständnis von Macht im Vergleich zu Foucault.
4.3 Nekropolitik – Die verallgemeinerte Instrumentalisierung der menschlichen Existenz: Einführung in Mbembes Konzept der Nekropolitik als postkoloniale Erweiterung, die den Fokus auf die materielle Zerstörung von Körpern legt.
4.3.1 Die Entwicklung der Biopolitik nach Mbembe: Untersuchung der historischen Ursprünge von Tötungsmechanismen in der Kolonialzeit und deren Kontinuität in modernen politischen Systemen.
5. Fazit: Zusammenfassende Gegenüberstellung der drei Ansätze und Ausblick auf die aktuelle politische Relevanz der Macht über den Tod im Zeitalter der Biopolitik.
Schlüsselwörter
Biopolitik, Bio-Macht, Foucault, Agamben, Mbembe, Nekropolitik, Souveränität, nacktes Leben, Ausnahmezustand, Rassismus, Homo Sacer, Todesmacht, Staatsrassismus, kolonialer Terror, Postkolonialismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse und dem Vergleich der Biopolitik-Konzepte von Michel Foucault, Giorgio Agamben und Achille Mbembe und untersucht, wie diese Denker das komplexe Verhältnis zwischen Macht, Leben und Tod interpretieren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Transformation souveräner Macht zur Bio-Macht, die Rolle von Rassismus in modernen Staaten, die Konzepte des nackten Lebens und des Ausnahmezustands sowie die postkoloniale Perspektive auf Gewalt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die unterschiedlichen Genealogien der Biopolitik darzulegen und kritisch zu reflektieren, wie diese Ansätze das staatliche Handeln und die Ausübung von Macht über das Leben und den Tod legitimieren oder dekonstruieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die primär auf der Literaturanalyse und dem diskursiven Vergleich der philosophischen Hauptwerke der genannten Autoren basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden Foucaults Fokus auf das Leben und die Disziplinierung, Agambens Thesen zur Thanatopolitik sowie Mbembes Erweiterung zur Nekropolitik anhand historischer und politischer Beispiele diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Biopolitik, Souveränität, Ausnahmezustand, Nekropolitik, homo sacer und Staatsrassismus.
Wie unterscheidet sich Mbembes Nekropolitik von Foucaults Biopolitik?
Während Foucault die Biopolitik als eine Technologie zur Förderung und Verwaltung des Lebens deutet, begreift Mbembe die Nekropolitik als deren Kehrseite, bei der die Zerstörung und Instrumentalisierung menschlicher Existenz im Vordergrund steht.
Was bedeutet der Begriff "homo sacer" in der Arbeit?
Bei Agamben bezeichnet der homo sacer eine Figur, die aus der politischen Ordnung ausgeschlossen und deren Tötung straffrei ist, was als fundamentale Struktur moderner Souveränität angesehen wird.
- Arbeit zitieren
- Hanna Rittich (Autor:in), 2018, Zwischen Leben und Tod. Der Begriff der Biopolitik bei Michel Foucault, Giorgio Agamben und Achille Mbembe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506198