Die deutsche Gebärdensprache

Einführung der Gebärdensprache als Unterrichtsfach in Schulen


Bachelorarbeit, 2019

31 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Gehörlosigkeit und Hörschädigungen

3 Gebärdensprache
3.1 Definition
3.2 Geschichte
3.3 Verbreitung

4 Aufbau und Struktur von Gebärden

5 Bedingungen des Gebärdenspracherwerbs

6 Gebärdensprache im deutschen Schulsystem
6.1 Gebärdensprache als Unterrichtsfach
6.1.1 Inhalte im Gebärdensprachunterricht
6.1.2 Leistungsbeurteilung im Unterricht
6.2 Gebärdensprache als Fremdsprache
6.3 Bilingualer Unterricht und Chancengleichheit in Erziehung und Bildung

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

9 Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Schon Paul Watzlawick sagte „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ [1] Demzufolge gibt es viele Möglichkeiten der Kommunikationen. Nicht nur verbal, sondern auch nonverbal, durch Mimik, Gestik, Körperhaltung. In Deutschland ist es vor allem die Lautsprache, die verwendet wird. Doch es gibt einige Menschen, die die Lautsprache nicht wahrnehmen können. Diese Menschen sind gehörlos. Einige von ihnen sind von Geburt an gehörlos, andere verlieren ihr Gehör im Kindes-, Jugend- oder Erwachsenenalter.

Viele gehörlose Menschen verwenden die Gebärdensprache um sich (untereinander) zu verständigen. „Die Gebärdensprache ermöglicht Gehörlosen eine entspannte und verlässliche Kommunikation. Diese Sprache ist aber noch mehr: Sie bildet die Grundlage einer eigenen Sprachgemeinschaft und Kultur, zu der sich auch Hörende, die die Gebärdensprache beherrschen, zugehörig fühlen.“ [2]

Gegenwärtig sind in Deutschland nur wenig hörende Menschen in der Lage die Gebärdensprache anzuwenden. Die Gehörlosengemeinschaft erscheint meines Erachtens dadurch relativ isoliert. Meine persönliche Erfahrung ist, dass Hörende meist kaum Kontakt mit Gehörlosen haben. Außerdem entsteht der Eindruck, dass Hörende wenig Wissen über die Gehörlosen, ihre Kultur und vor allem die Gebärdensprache haben. Seit ich an dieser Hochschule studiere und den Gebärdensprachkurs besuche, habe ich zunehmend ein großes Interesse an der Gebärdensprache entwickelt. Während dieser drei Jahre und vor allem jetzt in der Zeit des Schreibens dieser Bachelorarbeit habe ich mit vielen Freunden, Kollegen, und Bekannten gesprochen, die kaum etwas über die Gebärdensprache wussten. Dabei rückte insbesondere die Fragestellung, ob die Gebärdensprache international gültig sei, in den Fokus. Dieser Fragestellung werde ich mich im Laufe dieser Arbeit noch widmen.

Gehörlosigkeit muss nicht soziale Isolation bedeuten. Deshalb werde ich mich in dieser Arbeit damit auseinandersetzen, welche Möglichkeiten es gibt die Gebärdensprache für hörende Menschen präsenter zu machen.

Zu Beginn dieser Arbeit erläutere ich in Kürze die Begriffe Gehörlosigkeit und gehe auf angeborene und erworbene Hörschädigungen ein. Das Cochlea Implantat wird aufgrund meines Ziels im Vorfeld einen allgemeinen Gesamtüberblick zu erhalten ebenso im Ansatz thematisiert, ist aber im Verlauf dieser Arbeit dann nicht mehr relevant.

Im Folgenden werde ich darstellen welche Perspektiven, durch die Implementierung der Gebärdensprache als Unterrichtsfach oder als Fremdsprachenangebot an Schulen, geschaffen werden könnten. Dies erscheint sowohl für Hörende als auch Gehörlose Menschen relevant, um gemeinsam interagieren zu können.

Die Definition von dem was Gebärdensprache ist, der historische Hintergrund, sowie die Verbreitung und die Fragestellung ob Gebärdensprache international angewandt werden kann. Es folgt eine Erläuterung über den Aufbau und die Struktur von Gebärden, einschließlich einer detaillierten Ausführung über die Funktionsweise der Gebärdensprache.

Im vierten Kapitel geht es um den Gebärdenspracherwerb mit der Differenzierung auf die Gehörlosigkeit von Geburt an oder die erworbene Gehörlosigkeit.

Das fünfte Kapitel bietet einen Überblick, welchen Stellenwert die Gebärdensprache im deutschen Schulsystem hat. Anknüpfend daran wird die Gebärdensprache als Unterrichtsfach, die relevanten Inhalte und die Erfordernisse bezüglich der Leistungsbeurteilung thematisiert. Im letzten Teil des Kapitels geht es um den bilingualen Unterricht und der damit einhergehenden Schaffung von Chancengleichheit in Erziehung und Bildung. Es folgt das Fazit, in welchem ich die Ergebnisse zusammenfasse.

Wörter die in Glossen geschrieben sind, beziehen sich auf ausgeführte Gebärden.

Die in dieser Arbeit gewählte männliche Form meint auch ausdrücklich weibliche oder andere Geschlechtsidentitäten.

2 Gehörlosigkeit und Hörschädigungen

Seit den zwanziger Jahren verwendet man in Deutschland den Begriff „Gehörlosigkeit“. Vor dieser Zeit wurden Betroffene anstelle von „gehörlos“ als „taub“ bezeichnet. Aber auch Taubheit, Taubstummheit oder taubstumm sind heute noch gängige Begriffe.

Als gehörlos wird bezeichnet, wer ohne Gehör oder nur mit einem geringen Restgehör geboren wurde. Auch wenn ein Kind das Gehör noch vor dem Spracherwerb verloren hat, wird dieses Kind als gehörlos bezeichnet. Denn für den Spracherwerb ist die Hörleistung unzureichend und ohne spezielle Hilfestellungen ist der Spracherwerb nur bedingt möglich. Für Außenstehende kann die Sprechweise der Gehörlosen fremd klingen und auch schwer zu verstehen sein. Daher verwenden viele gehörlose Menschen die Gebärdensprache.

Ursachen für die erworbene Gehörlosigkeit können beispielsweise Schädigungen des Kindes im Mutterleib infolge von Krankheiten oder Durchblutungsstörungen, Verletzungen oder Sauerstoffmangel des Gehirns bei der Geburt, Mittelohrentzündungen, Nervenkrankheiten oder Knall- und Explosionstraumata sein.

Bei schwerhörigen Menschen sind die vorhandenen Hörfähigkeiten soweit ausreichend, dass sie die Lautsprache weitgehend natürlich lernen können. Es werden außerdem nochmal leichtgradige, mittelgrade und hochgradige Schwerhörigkeit unterschieden. Dabei spielt der Hörverlust in dem Frequenzbereich 500 bis 2000 Hz eine Rolle. Bei der leichtgradigen Schwerhörigkeit darf dieser nicht mehr als 30 dB betragen. Bei der mittelgradigen Schwerhörigkeit liegt der Hörverlust zwischen 40 und 60 dB und bei der hochgradigen Schwerhörigkeit zwischen 60 und 90 dB.

Ende der 70er Jahre hat ein österreichisches Ehepaar eine Technologie entwickelt, mit der Gehörlose, durch elektrische Impulse an das Gehirn, hören können. Die Rede ist von dem Cochlea Implantat. Je früher dieses eingesetzt wird, desto besser ist die Funktionalität. Denn so können die Nervenzellen gut mit der Elektrode im Innenohr zusammenwachsen. In Deutschland werden „zehn Prozent der CI-Systeme bei kleinen Kindern eingesetzt. Den Großteil der Implantate erhalten Erwachsene. Pro Jahr werden in Deutschland 60 von einer Million Erwachsenen mit einem Cochlea-Implantat versorgt.“ [3]

3 Gebärdensprache

3.1 Definition

Bei der Gebärdensprache handelt es sich um eine visuell-räumliche Sprache. Sie verfügt über eine eigenständige Grammatik und eigene Dialekte, wie sich auch in der deutschen Lautsprache in den Bundesländern mit der Zeit unterschiedliche Dialekte herausgebildet haben.

„Die Bedeutung der Sprache liegt nicht in ihrer äußeren Erscheinungsform begründet. Sie ist also nicht dadurch bedingt, daß [sic!] sie aus artikulierten Wörtern und Lautfolgen besteht, die nach bestimmten Regeln zu gesprochenen Sätzen verknüpft werden. Die positiven Auswirkungen der menschlichen Sprachen sind vielmehr darin begründet, daß [sic!] sie dem Menschen ein System von Zeichen zur Verfügung stellen, mit denen er in tagtäglicher Kommunikation aufgewachsen ist und in die die Wirklichkeit, Erfahrungen, Bedürfnisse und Interessen der Mitglieder seiner Sprachgemeinschaft eingegangen sind und sie gleichsam widerspiegeln, so daß [sic!] es ihm möglich ist, sich mit Hilfe der dieser Zeichen problemlos zu verständigen.“[4] Unter dieser Betrachtungsweise, ist die Gebärdensprache, wie jede andere Sprache auch, eine vollwertige Sprache. Den einzigen Unterschied den die Gebärdensprache im Vergleich mit der Lautsprache hat ist, dass sie anstelle artikulierter Wörter Gebärdenzeichen nutzt und grammatikalische Aspekte nicht über Endungen, sondern durch eine regelhafte Änderung von Grundgebärden oder durch zusätzliche Gebärden.

Seit 2002 ist die Gebärdensprache in Deutschland als eigenständige Sprache offiziell anerkannt und auch in der Gesellschaft wird die Gebärdensprache zunehmend angenommen.

Zur Definition von Gebärdensprache kann man drei Punkte festmachen:[5]

- Die Gebärdensprache ist auf natürliche Weise im sozialen Miteinander gehörloser Menschen entstanden.
- Sie ist komplex gestaltet und auf sprachstruktureller Ebene systematisch aufgebaut.
- Aus funktionaler Sicht ist sie nicht nur ein zentrales Mittel sozialer Verständigung, sondern bildet in ihren Strukturen auch ganz unterschiedliche soziale Gegebenheiten systematisch ab.

3.2 Geschichte

Bis zum 18. Jahrhundert wurden die damals sogenannten „Taubstummen“ nicht als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft anerkannt. Die Betroffenen lebten verstreut und isoliert voneinander und von dem Rest der Welt. Der Mönch Abbe de l’Epée gründete im Jahr 1760 die erste Schule speziell für Gehörlose. Er hat aufbauend auf den Gebärden Gehörloser, die Gebärdensprache erweitert und zu einer Unterrichtssprache für Gehörlose weiterentwickelt.[6] Für de l’Epée waren alle Menschen gleich – ein Gehörloser konnte in seinen Augen kein schlechterer Mensch sein, als jemand der hören und sprechen konnte. „Auch sein wissenschaftlicher Ansatz darf als durchaus innovativ gelten: Er ging davon aus, dass Sprache nicht von Natur aus im Menschen verwurzelt ist. Er betrachtete die Sprache als ein losgelöstes Zeichensystem, das es möglich machte, Dinge und Zeichen auf willkürliche Weise mit einander zu verbinden – also mit Worten ebenso wie mit Gebärden.“[7] Im Laufe der Zeit, verbreitete sich seine Methode, Gebärden im Unterricht zu verwenden, über ganz Europa. Viele Gehörlosenschulen und (Unterstützungs-) Vereine wurden gegründet. Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es für die Gehörlosengemeinschaft einige Rückschläge: Auf dem Mailänder Kongress beschlossen hörende Gehörlosenpädagogen die Gebärdensprache aus dem Unterricht zu nehmen. Zudem gab es Kritiken einiger Gelehrten, „ob man nicht mit den ‚sprechenden Händen‘ einen falschen Weg eingeschlagen habe.[8] Um erbkranken Nachwuchs zu verhindern, wurden im Dritten Reich Zwangssterilisationen von Gehörlosen durchgeführt.

Erst viel später, nach dem zweiten Weltkrieg, insbesondere in den 80er und 90er Jahren, wurde vermehrt darüber diskutiert, die Gebärdensprache wieder anzuerkennen. Am 24. Juli 2002 wurde dann in das SGB X folgender Passus eingefügt: § 19 (1) „Die Amtssprache ist deutsch. Menschen mit Hörbehinderungen und Menschen mit Sprachbehinderungen haben das Recht, in Deutscher Gebärdensprache, mit lautsprachbegleitenden Gebärden oder über andere geeignete Kommunikationshilfen zu kommunizieren; Kosten für Kommunikationshilfen sind von der Behörde oder dem für die Sozialleistung zuständigen Leistungsträger zu tragen. § 5 der Kommunikationshilfenverordnung in der jeweils geltenden Fassung gilt entsprechend.“ [9]

3.3 Verbreitung

In Deutschland gibt es etwa 80.000 Gehörlose, weitere 120.000 Schwerhörige oder Hörende benutzen die Gebärdensprache. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung in Deutschland von 83 Millionen (Stand 2018) sind diese 200.000 Menschen nur ein minimaler Bruchteil. Für eine Bildhafte Vorstellung: Potsdam hat etwa 180.000 Einwohner.

Die Barrierefreiheit ist in Deutschland, beispielsweise in den Medien noch nicht so fortgeschritten wie in einigen anderen Ländern. In deutschen Fernsehsendungen gibt es kaum Einblendungen von Gebärdensprachdolmetschern und auch Untertitel gibt es von den Fernsehsendern viel zu Wenige. Hinzu kommt, dass es nur wenige hörende Menschen, gibt die die Gebärdensprache beherrschen. Wer einen Gebärdensprachkurs besuchen möchte, muss dafür viel Geld zahlen.

Viele Menschen glauben, dass es eine international gültige Gebärdensprache gibt, dem ist aber nicht so. Liona Paulus sagt in ihrem Interview mit dem adhibo.-Wissenschaftsblog der Hochschule Fresenius, dass Laien oft den Fehler machen, Gebärdensprache mit Pantomime gleichzusetzen. Da Pantomime generell von allen weltweit verstanden wird, haben jene Personen keine Vorstellung über Dialekte oder Fremdsprachen innerhalb der Gebärdensprache. Weltweit gibt es rund 200 verschiedene Gebärdensprachen. Etwa 60 von ihnen sind bis zu einem gewissen Grad erforscht und dokumentiert. Die American Sign Language (ASL) ist die bisher meist erforschte Gebärdensprache und in vielen Ländern verbreitet: USA, Kanada, Lateinamerika, Afrika, Südostasien.[10]

„Spannend ist die „International Sign“: Das ist eine vitale und oftmals „spontan“ entstehende Kommunikationsform, ähnlich einer Pidgin-Sprache. Verwendet und weiterentwickelt wird sie bei allen möglichen Gelegenheiten – vorausgesetzt die Gesprächspartner haben keine gemeinsame Gebärdensprache. Anlässe sind zum Beispiel internationale Konferenzen, die Deaflympics (der Ausdruck für die Sommer- und Winterspiele der Tauben), Kunst- oder Theaterfestivals, alles von und für Gebärdensprachler. Das Ergebnis ist daher sehr beeindruckend: Ein tauber Deutscher ist in der Lage, sich binnen weniger Stunden oder Tage mit einem Gleichgesinnten aus China nicht nur zu verständigen, sondern sogar zu komplexen Themen wie Politik, Gefühlen oder Humor auszutauschen. Das ist auch ein Grund dafür, warum taube Personen sehr reisefreudig sind und unterwegs schnell Anschluss finden.“ [11] Einige Gebärdensprachen haben Gemeinsamkeiten oder Übereinstimmungen, das kann beispielsweise am geschichtlichen Hintergrund liegen: Die deutsche Gebärdensprache hat Verwandtschaften mit der israelischen Gebärdensprache. Aufgrund der Repressalien während des Nationalsozialismus flohen einige jüdische Gehörlosenlehrer und taube Schüler der israelischen Taubstummenanstalt in Berlin-Weißensee nach Israel und ließen dort die Schule wiederaufleben und verwendeten auch die deutsche Gebärdensprache weiter.[12] In Deutschland wird man als „behindert“ eingestuft, wenn man taub ist. Beispielweise in Brasilien dagegen gehört man dort eher einer „sprachlichen Minderheit“ an. Auf Monitoren in Flughäfen gibt es dort Gebärdensprach-Avatare. Im ganzen Land kann man sein Abitur in brasilianischer Gebärdensprache machen. Die Zahl der nicht-gehörlosen Menschen, die der Gebärdensprache mächtig sind, nimmt stark zu. Das liegt vor allem an dem anderen Umgang der Gesellschaft mit gehörlosen Menschen.

4 Aufbau und Struktur von Gebärden

Zunächst fallen die Aktivitäten der Hände auf. Ein Großteil der gebärdensprachlichen Lexeme[13] wird mit Hilfe der Hände artikuliert, diese Bewegungen werden Gebärden genannt. Einen wesentlichen Anteil bei der Kommunikation mit Gebärdensprache haben aber auch die Bewegungen des Oberkörpers, des Kopfes, die Blickrichtung und die Mundbewegungen. „Mit der Orientierung des Oberkörpers wird zum Beispiel angezeigt, wer zu wem spricht. Ein leicht geneigter Kopf mit gleichzeitig erhobenen Augenbrauen signalisiert, dass es sich bei einer entsprechend begleiteten Phrase um einen Konditionalsatz handelt. Die Mimik verrät je nach Stellung der Augenbrauen, ob der Gebärdensprachnutzer gerade eine genuine oder doch eher eine rhetorische Frage stellt. Adverbiale Informationen lassen sich an den Lippen oder an der Mimik ablesen. Allein diese grobe Skizzierung zeigt auf: Gebärdensprache ist weit mehr als nur Handzeichen.“ [14]

Vorgreifend sollte an dieser Stelle der Begriff „Gebärdenraum“ erläutert werden. Der Gebärdenraum ist der physische Raum vor dem Oberkörper des Gebärdensprachnutzenden. Wie auf einer dreidimensionalen Bühne werden hier die einzelnen Gebärdenzeichen platziert, um sinnvoll zueinander in Bezug gesetzt werden zu können.[15]

Wie einzelne Wörter in der Lautsprache, lassen sich auch in der Gebärdensprache die einzelnen Gebärdenzeichen in unterschiedliche Bausteine zerlegen. Damit verfügen sie über eine sublexikalische[16] Struktur. Bei der Durchführung der Gebärdenzeichen mit den Händen kommt es auf folgende Elemente an: die Handform, die Handstellung, die Ausführungsstelle und die Bewegung.

Die […] Gebärde LEHRER […] lässt sich also folgendermaßen beschreiben:

- Handform: Die Hand bildet eine Faust, bei der Zeige- und Mittelfinger gerade ausgestreckt sind und ein V bilden (das sogenannte Victory-Zeichen).
- Handstellung: Die Handflächen zeigen zueinander.
- Ausführungsstelle: Die Gebärde wird im Gebärdenraum vor dem Oberkörper ausgeführt.
- Bewegung: Die Hände bewegen sich 2x zeitgleich und parallel zueinander vom Oberkörper weg nach vorne in den Gebärdenraum.“[17]

Diese genaue Beschreibung von Gebärden anhand der einzelnen Elemente ist deshalb notwendig, weil schon die geringste Abweichung von nur einem Element dazu führen könnte, dass das Gebärdenzeichen eine ganz andere Bedeutung bekommt. Beispielsweise kann bei der Gebärde LEHRER durch die Änderung der Handstellung, die Handflächen zeigen zum Oberkörper des Gebärdenden, nun die Bedeutung WICHTIG erhalten. (s. Abb. 1)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: „Die DGS-Gebärden LEHRER (links) und WICHTIG (rechts)“

Ein Großteil des Inhalts und der Bedeutung von Äußerungen der Gebärdensprachnutzenden, lässt sich primär am Gesicht ablesen. Anhand dessen, wie die Mimik satzbegleitend eingesetzt wird, lässt sich erkennen, was die erzählende Person sagen möchte. Aussagesätze werden begleitet von einem entspannten (unmarkierten) Gesichtsausdruck. Hochgezogene Augenbrauen sind bei Ja/Nein-Fragen typisch, auch in Kombination mit einem leicht nach vorne geneigten Kopf und weit geöffneten Augen. Bei Befehlen oder Was-Fragen gehen die Augenbrauen hingegen nach unten. Außerdem liefern die mimischen Ausdrücke auch adverbiale Informationen. Beispielsweise zeigen aufgeblähte oder zusammengezogene Wangen an, dass die manuell dargestellte Person dick beziehungsweise dünn ist. Mit einem leicht nach vorne gebeugten Kopf und einem aus leicht zusammengezogenen Augenbrauen und sichtbaren Zähnen komponierten Gesichtsausdruck, wird die Gebärde ARBEITEN als eine sehr intensive Tätigkeit beschrieben.

[...]


[1] Watzlawick, Paul

[2] Gehörlosenverband München und Umland

[3] Lossau (2016) Diese Prothese macht Gehörlose zu Hörenden

[4] Prillwitz, Wisch, Wudtke (1991) Zeig mir deine Sprache! Elternbuch, S. 114

[5] Vgl. Becker, Jaeger (2019) Deutsche Gebärdensprache – Mehrsprachigkeit mit Laut- und Gebärdensprache

[6] Vgl. Kugler-Kruse (1988) Die Entwicklung visueller Zeichensysteme: Von der Geste zur Gebärdensprache, und Strixner, Wolf (2014) Kleines Wörterbuch der Gebärdensprache

[7] Strixner, Wolf (2014) Kleines Wörterbuch der Gebärdensprache, S. 13

[8] Ebd., S. 15

[9] Sozialgesetzbuch

[10] Vgl. Paulus (2017) Die internationalen Unterschiede der Gebärdensprache – ein Interview mit Hochschuldozentin Liona Paulus

[11] Ebd.

[12] Vgl. ebd.

[13] Ein Lexem ist die Grundform eines Wortes, zum Beispiel spiel -en, spiel -e, spiel -st, spiel -t

[14] Becker, Jaeger (2019) Deutsche Gebärdensprache – Mehrsprachigkeit mit Laut- und Gebärdensprache S. 22f

[15] Vgl. ebd.

[16] Sublexikalisch meint das Zerlegen eines Wortes in seine Bestandteile

[17] Becker, Jaeger (2019) Deutsche Gebärdensprache – Mehrsprachigkeit mit Laut- und Gebärdensprache, S. 24

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Die deutsche Gebärdensprache
Untertitel
Einführung der Gebärdensprache als Unterrichtsfach in Schulen
Hochschule
Fachhochschule Clara Hoffbauer Potsdam
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
31
Katalognummer
V506220
ISBN (eBook)
9783346081179
ISBN (Buch)
9783346081186
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gebärdensprache, Unterrichtsfach
Arbeit zitieren
Sarah Dargel (Autor), 2019, Die deutsche Gebärdensprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506220

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