Eine psychiatrische Diagnose des Friedrich Mergels aus Annette von Droste-Hülshoffs "Die Judenbuche" aus der Sicht des frühen 19. Jahrhunderts


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

28 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsangabe

Einleitung

1. Krankheitsbilder in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
1.1 Allgemeine Einordnung
1.2 Hysterie
1.3 Hypochondrie
1.4 Melancholie
1.5 Manie

2. Annette von Droste-Hülshoffs mögliche Kenntnis der zeitgenössischen Psychiatrie
2.1 Erziehung, Aus- und Weiterbildung
2.2 Eigene Erkrankung

3. „Die Judenbuche. Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen“
3.1 Zugrundeliegender Fall
3.2 Inhaltsangabe

4. Die Figur des Friedrich Mergels – ein Geisteskranker?
4.1 Sozio-psychologische Einordnung
4.2 Auffälligkeiten seiner Persönlichkeit
4.3 Versuch einer zeitgenössischen psychiatrischen Diagnose

5. Bewertende Zusammenfassung

Literatur

Einleitung

Die psychiatrische Wissenschaft der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bewegte sich von dem Interesse an psychogenetischen Hintergründen des Leidens weg in Richtung der genauen Beschreibung von Symptomcharakter und -struktur von Geisteskrankheiten.[1] Keine äußeren Ereignisse standen mehr im Vordergrund, sondern die Erkrankung und der Erkrankte selbst. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Verarbeitung psychiatrischer Schicksale in der zeitgenössischen Literatur. Georg Büchner beispielsweise beschrieb in seinem an psychiatrische Diagnosen grenzenden Roman „Lenz“ Symptome, Krankheitsausprägungen und Behandlungsmethoden der religiösen Melancholie.[2] Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht jedoch Annette von Droste-Hülshoffs 1842 erstmalig erschienene Novelle „Die Judenbuche“. Der Blick wird dabei auf den Mörder und Selbstmörder Friedrich Mergel gerichtet sein. Hierbei soll untersucht werden, ob er an einer aus damaliger Sicht psychiatrischen Krankheit leidet und ob ein konkretes wissenschaftliches Psychiatrie-Modell des frühen 19. Jahrhunderts Grundlage für Annette von Droste-Hülshoffs Schilderung ist. Um zu einem Ergebnis zu kommen, muss daher als erster Schritt geprüft werden, inwieweit psychische und psychiatrische Phänomene zur damaligen Zeit erforscht und der interessierten Öffentlichkeit bereitgestellt wurden. Des weiteren ist interessant, ob Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) selbst sich mit solchen Thematiken auseinander gesetzt hat und Erkenntnisse in „Die Judenbuche“ mit einfließen lassen hat. Anschließend müssen die Teilergebnisse mit Textstellen der Erzählung verglichen werden, so dass schließlich beurteilt werden kann, ob Friedrich Mergel aus zeitgenössischer Sicht in einer psychiatrischen Heilanstalt besser aufgehoben gewesen wäre oder nicht.

1. Krankheitsbilder in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

1.1 Allgemeine Einordnung

In Hufelands „Journal der practischen Heilkunde“ von 1839 findet sich eine kurze Zusammensetzung des Krankheitssystems nach den damaligen Erkenntnissen. Hiernach gehören Hysterie und Hypochondrie gemeinsam zur Gruppe der Zoonosemen („Krankheiten mit thierischem Heerde“), zur Unterklasse Neurosen (Gefühlskrankheiten, sensitive und torpide Krankheiten) und zur Familie der Dysaesthesen (Gefühltäuschungen, krankes Selbstgefühl). In die Gruppe der Psychonosemen („Krankheitsheerd im humanen Leben“), die Unterklasse der Phrenosen (Seelenkrankheiten, beruhend auf abnormen subjektiven Sinnes- und Seelenerregungen ohne objektive Erregung) und die Familie der Phantasmophrenosen (Wachirren der Vorstellungen) wird die Melancholie (Schwermut, Schwärmerei, Tiefsinn) eingeordnet, zur Familie der Energophrenosen (Wachirrende Handlungen, Wut) gehört nach Hufelands Übersicht die Manie („Willenswuth“).[3]

Auch der deutsche Psychiater Johann Christian Reil beschäftigte sich mit geistigen Krankheiten und schrieb ihnen als Symptome „Missverhältnisse der Erkenntniskräfte“ zu: „Sie sind Gemeingefühl, Sinnes-Anschauungen, Imaginationen; falsche Gefühle, Begriffe und Urtheile, und aus diesen Abnormitäten entspringen fehlerhafte Begierden und Verabscheuungen, die zu unvernünftigen Handlungen antreiben.“[4] Reil wendet zudem ein, dass die Variationen der Erkrankungen unendlich mannigfaltig wären.[5] Bei der folgenden Übersicht muss bedacht werden, dass die zeitgenössische Psychiatrie sich bezüglich Terminologie und Einordnung der Formen einzelner psychischer Krankheiten weiterhin teilweise erheblich uneins war. Auch wurde stetig der mögliche Übergang der einzelnen Formen der Geisteskrankheiten ineinander betont.[6] Dennoch wird im folgenden der Versuch unternommen, eine gewisse Klassifikation der einzelnen Störungen zu erstellen.

1.2 Hysterie

Gemeinsam mit der Hypochondrie steht Hysterie zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Kollektivname für eine Unzahl von Krankheitserscheinungen im mittleren Lebensalter bei beiden Geschlechtern. Symptome bei beiden Krankheiten seien nach Brück gesteigerte Sensibilität und Venosität, deprimierte Arteriosität und Energie des motorischen Nervensystems, zudem eine geschwächte Selbstbestimmung und vor allem Verdauungsbeschwerden (Dyspepsie oder Flatulenz).[7] Konkreter unterscheidet die „Allgemeine Encyklopädie“ von 1836 Hysterie und Hypochondrie: „Viele Ärzte halten Hysterie und Hypochondrie für einerlei; was bei Männern Hypochondrie ist, behaupten sie, ist bei Frauenzimmern Hysterie“[8]. Tatsächlich schreibt diese Enzyklopädie Hysterie ausschließlich dem weiblichen Geschlecht zu, welche fast nur zwischen dem 16. und 50. Lebensjahr einträte. Auslöser der Hysterie wäre eine Schwäche im Organismus, speziell des Nervensystems, verbunden mit einem hohen Grad an Sensibilität. Hysterische Menschen besäßen eine ungemein große Empfänglichkeit für Reize. Ursachen könnten ein schwächlicher Körperbau, zu große Anstrengung und Überspannung des Geistes, Schwärmerei, Trauer, Schrecken, Angst, aber auch ein erhöhter, nicht befriedigter Geschlechtstrieb sein.

Ausdrücken würde sich die Hysterie oft durch allgemeine Mattigkeit, Niedergeschlagenheit, Verdrießlichkeit, durch Melancholie, Gram oder Kummer. Bezeichnend für an Hysterie Erkrankte wäre ebenfalls eine extreme Launen- und Wechselhaftigkeit. Weiteres Symptom könnte manchmal ein sich nur in einem kleinen Umfang ausbreitender Kopfschmerz sein, der mit dem Einklopfen eines Nagels verglichen wird.[9] Ebenso wie bei Brück wird in dem Enzyklopädie-Artikel schließlich auf die schlechte Funktion der Verdauungsorgane hingewiesen: „besonders leidet der Magen; alle klagen über Blähungen, Drücken und Aufstoßen [...] Die Gedärme werden bisweilen heftig durch Krämpfe zusammengeschnürt“[10].

1.3 Hypochondrie

Die Enzyklopädie von 1836 weist darauf hin, dass Hypochondrie nicht selten mit Monomanie oder Melancholie verwechselt worden wäre, wovon sie sich nach Esquirol jedoch hauptsächlich durch die Dyspepsie unterscheiden würde. Dieses Verdauungsproblem wäre ein ständiger Begleiter der Hypochondrie. Die Krankheit entspränge meist schweren Sorgen oder Unglücksfällen. Daraus entwickelten sich starke Kopfschmerzen und Klingeln und Sausen der Ohren.[11]

In Grimms Deutschem Wörterbuch findet man als Beschreibung der Hypochondrie das Wort „Milzsucht“.[12] Gerade im 19. Jahrhundert wurden die Unterleibsorgane als körperliche Hauptursache für die Hypochondrie angesehen. Die Milz wurde schon in der griechischen Antike mit der Galle in Verbindung gebracht. Dies deutet erneut auf die Verbindung von Hypochondrie und Melancholie hin.[13] Insgesamt hätten die Geistesstörungen der Melancholie und Hypochondrie viel Ähnlichkeit miteinander. Ebenso wie melancholische Menschen würden „Hypochondristen“ vor größeren Menschenansammlungen fliehen und die Einsamkeit bevorzugen. Unterschied wäre jedoch, dass der „Melancholicus“ seine fixe Idee fast während des ganzen Laufes seiner Krankheit für sich behält und äußerst schwer davon abzubringen ist, denn sein Verstand würde ihm nicht sagen, dass sie unrichtig wäre. Hypochonder hingegen hätten meist das Bewusstsein ihrer falschen Vorstellungen, könnten sie daher eine gewisse Zeit unterdrücken und auch eher heilen. Daher wären an Hypochondrie leidende Menschen um ihre Herstellung z.T. aktiv bemüht, während sich „Melancholici“ bisweilen aller ärztlichen Behandlung widersetzen würden.[14]

1.4 Melancholie

Das älteste Erklärungsmodell für Melancholie, die Lehre von den vier Säften, entstand im 5. bis 4. Jahrhundert vor Christus und stammt aus der Hippokratischen Schrift „Über die Natur des Menschen“.[15] Im Deutschen Wörterbuch von Jakob und Wilhelm Grimm wird der wörtliche Ursprung des Wortes auf die Heilwissenschaft der griechischen Antike zurückgeführt und mit „Schwarzgalligkeit“ übersetzt. Das dazugehörende Krankheitsbild wäre die „fehlerhafte beschaffenheit des mit schwarzer, verbrannter galle“ versetzten Blutes, wodurch Schwermut erzeugt werden würde. Zugleich würde man Melancholie aber auch im Zusammenhang mit der Naturlehre des Mittelalters finden. Hierbei wäre sie eine der vier Bestandteile jedes Menschen,[16] die schwarze Galle würde mit Phlegma, gelber Galle und Blut gemeinsam die „quattuor humores“ bilden. Jedem der vier Säfte wäre während der Weiterentwicklung des Modells ein Element, eine Jahreszeit, Qualitäten und ein spezielles Menschenalter zugeschrieben.[17] So fasst ein anonymer, frühmittelalterlicher Naturphilosoph zusammen: „Es gibt nämlich vier Säfte im Menschen, die die unterschiedlichen Elemente nachahmen; jeder nimmt in einer anderen Jahreszeit zu, jeder ist in einem anderen Lebensabschnitt vorherrschend [...] Die schwarze Galle oder Melancholie ahmt die Erde nach, nimmt im Herbst zu und ist im Mannesalter vorherrschend“[18]. Die Gesundheit eines Menschen wäre gewährleistet, wenn die vier Säfte gleichmäßig im Körper verteilt wären, ein Überwiegen oder ein Mangel führte jedoch zu Krankheit.[19]

[...]


[1] Vgl.: G. Reuchlein: Bürgerliche Gesellschaft, Psychiatrie und Literatur. S. 350.

[2] Vgl.: C. Seling-Dietz: Büchners Lenz als Rekonstruktion eines Falls „religiöser Melancholie“.

[3] Vgl.: Journal der practischen Heilkunde, Bd. 88. S. 58f.

[4] J. C. Reil: Über die Erkenntnis und Cur der Fieber. S. 338.

[5] Vgl.: Ebd. S. 338.

[6] Vgl.: C. Seling-Dietz: Büchners Lenz als Rekonstruktion eines Falls „religiöser Melancholie“. S. 205f.

[7] Vgl.: A. Th. Brück: Balneographische Aphorismen, insbesondere über das Bad Driburg. S. 53.

[8] Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften und Künste. Zweite Section, dreizehnter Theil. S.73.

[9] Vgl.: Ebd. S. 72f.

[10] Ebd. S. 73.

[11] Vgl.: Ebd. S. 13f.

[12] Vgl.: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. S. 2002.

[13] Vgl.: A. Reiter: Mein wunderliches verrücktes Unglück. S. 54.

[14] Vgl.: Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften und Künste. Zweite Section, dreizehnter Theil. S. 13f.

[15] Vgl.: A. Reiter: Mein wunderliches verrücktes Unglück. S. 9.

[16] Vgl.: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. S. 1989.

[17] Vgl.: A. Reiter: Mein wunderliches verrücktes Unglück. S. 9.

[18] Zit. nach: Ebd. S. 10.

[19] Vgl.: Ebd. S. 11.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Eine psychiatrische Diagnose des Friedrich Mergels aus Annette von Droste-Hülshoffs "Die Judenbuche" aus der Sicht des frühen 19. Jahrhunderts
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
28
Katalognummer
V50624
ISBN (eBook)
9783638468114
ISBN (Buch)
9783638598101
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eine, Diagnose, Friedrich, Mergels, Annette, Droste-Hülshoffs, Judenbuche, Sicht, Jahrhunderts
Arbeit zitieren
M.A. Nicole Nieraad (Autor), 2004, Eine psychiatrische Diagnose des Friedrich Mergels aus Annette von Droste-Hülshoffs "Die Judenbuche" aus der Sicht des frühen 19. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50624

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