Katharina die Große, die Deutsche auf dem Zarenthron. Eine aufgeklärte Herrscherin?


Hausarbeit, 2019
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Aufklärung in Russland

3. Katharina II. von Russland

4. Das „aufgeklärte“ Russland unter Katharina II
4.1 Die Intentionen Katharina und ihr Scheitern
4.2 Die Große Instruktion
4.3 Die Gouvernementsreform
4.4 Die Kulturpolitik und das Bildungswesen
4.5 Der Gnadenerlass

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts war das russische Reich für viele andere Länder eher unbedeutsam. Ob in Bezug auf die Wirtschaft, die Politik oder die Gesellschaft: Im Gegensatz zu Westeuropa war Russland rückständig. Es war keine Großmacht. Es war ein riesiges Reich mit zahllosen Dörfern und einem extremen Klima, welches die Lebensumstände des Volkes erheblich erschwerten. Es gab viele verzweifelte Leibeigene, noch mehr unglückliche Bauern und überall unendlich weite Steppen, Wälder und Schneelandschaften. Ein riesiges Land, das zu regieren fast unmöglich schien. Betrachtet man eine Auflistung der russischen Regierenden, erkennt man ein einziges Chaos. Von einer konstanten Regierung konnte keine Rede sein, denn allein von 1725 bis 1761 gab es in Russland sechs Regierungsumstürze, vielen folgte sogar der Tod des ehemaligen Herrschers. Damals wurden Zaren noch nicht durch ihr Erbrecht zum Herrscher, stattdessen wurden sie vom vorherigen Zar zum Nachfolger bestimmt. Eine Entscheidung, die natürlich auch jederzeit wieder rückgängig gemacht werden konnte.1 Erst eine Prinzessin aus dem deutschen Anhalt-Zerbst brachte Regelmäßigkeit in die russische Regierung und hielt sich länger auf dem Zarenthron als ihre unmittelbaren Vorgänger. Katharina II., die Große, die Deutsche, die angeblich aufgeklärte Absolutistin.2

Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts brachte nicht nur für Westeuropa unzählige Veränderungen. Während die Franzosen ihre, ziemlich blutige, Revolution vorbereiteten, schwappte der Gedanke der Aufklärung auch nach Preußen und sogar ins Russische Reich hinüber. Katharina II., Russlands Alleinherrscherin, galt damals wie heute als aufgeklärte absolute Herrscherin, die das russische Reich zur Modernisierung führen sollte. Aber stimmt das? War die Deutsche auf dem Zarenthron wirklich so aufgeklärt, wie es ihr nachgesagt wird? Und was genau bedeutete das für Russland? Wie sah das angeblich aufgeklärte Russland des 18. Jahrhunderts aus?

Auf den folgenden Seiten sollen eben diese und weitere Fragen geklärt werden. Dazu erläutere ich, was die Aufklärung in Russland bedeutete und wie genau die Modernisierung aussehen sollte. Ebenso wichtig ist es natürlich, sich die verschiedenen Reformen anzusehen, die Katharina II. in der Zeit ihrer Herrschaft umgesetzt hat, wie zum Beispiel die Große Instruktion, das Bildungswesen und die Gouvernementsreform. Aber es sollten auch die Gesetze betrachtet werden, die sie zwar umsetzen wollte, zu denen es aber nie kam. Denn um zu erörtern, ob Katharina wirklich so aufgeklärt war, sind nicht nur ihre Taten, sondern auch ihre Wünsche und Intentionen wichtig.

2. Die Aufklärung in Russland

Das 18. Jahrhundert gilt in Europa allgemein als das Zeitalter der Aufklärung, der Vernunft, der Erkenntniszunahme. In den verschiedenen europäischen Reichen hatte dies allerdings unterschiedliche Bedeutungen. Während die Aufklärung in Frankreich in eine blutige neunjährige Revolution gipfelte, war sie in Preußen unter Friedrich II. weitaus weniger radikal und extrem.3 Und auch im Russischen Reich machte sich die Aufklärung anders bemerkbar. Dort nennt man die europäische Aufklärungsform Provescenie. Dies kommt von dem russischen Wort svet für Licht und reiht sich so in die verschiedenen Wörter für die Aufklärung ein. Im Englischen heißt es enlightenment, im Französischen spricht man von les lumières. Das Licht und die Erleuchtung bilden immer einen wichtigen Wortstamm. Für die Russen hatte Provescenie verschiedene Bedeutungen, wie die „christliche Erleuchtung“, „hell und freundlich sein“, aber auch „moralische Selbstvervollkommnung“. Im Allgemeinen meint Provescenie allerdings die Einbeziehung der Russen in die europäische Aufklärung oder auch die „Teilhabe an europäischer Kultur und Zivilisation“. Es steht also für die Europäisierung oder die Zivilisation nach dem westeuropäischen Vorbild. Dazu zählte für die Russen des 18. Jahrhunderts auch der Erwerb von Bildung, Kultur, Erziehung und Wissen. Attribute, die auch im Westeuropa dieser Zeit von größter Bedeutung waren.4

Doch nicht nur Bildung, wie der Erwerb von Fremdsprachen, und Wissen waren notwendig, um im Russischen Reich als aufgeklärt zu gelten. Auch die geistige und sittliche Gesinnung waren den Menschen der Aufklärung wichtig. Sie strebten die Selbstvervollkommnung des Menschen an. Dazu gehörten auch Attribute wie Milde und Gerechtigkeit. Ein großer Unterschied der Provescenie zur westlichen Aufklärung war auch die Position zur Kirche. In Frankreich zum Beispiel waren die Aufklärer Religionsgegner, in Russland hingegen ging die Aufklärung mit der orthodoxen Kirche beinahe Seite an Seite.5

Die Aufklärung im Russischen Reich fand mit der Französischen Revolution ein relativ jähes Ende. Die Grausamkeit, mit der die Franzosen nicht nur ihren Herrscher, sondern auch den französischen Adel hinrichteten, war für Katharina II. ein enormer Widerspruch zu ihrer Auffassung von der Aufklärung. Daher wandte sie sich in ihren letzten Lebens­und Regierungsjahren strikt von der europäischen Auffassung der Aufklärung ab und folgte ihrer eigenen Interpretation der Provescenie. Doch auch diese sollte mit Katharinas Tod im November 1796 ein Ende haben. Ihr Sohn und Nachfolger Paul I. kehrte vielen Prinzipien seiner Mutter den Rücken und beendete mit seiner restriktiven Zensurpolitik die Provescenie im Russischen Reich.6

3. Von der deutschen Prinzessin zur russischen Alleinherrscher^

Sophie Auguste Frederike kam im Mai 1729 als Prinzessin von Anhalt-Zerbst-Dornburg zur Welt. Ihr Vater war zwar der Gouverneur von Anhalt-Zerbst-Dornburg, doch sie wuchs trotzdem in bescheidenen Verhältnissen auf und erhielt keine bessere Schulbildung als viele Andere . Schon früh entwickelte die spätere Alleinherrscherin einen Hang zum verantwortungsbewussten Handeln, aber auch eine Abneigung gegen die lutherischen Lehren, so wie gegen jeglichen religiösen Glauben und nüchterne Regeln. Sie stellte ihren Lehrern stattdessen theologische Fragen, auf die diese keine zufriedenstellenden Antworten wussten.7 Um sich später mit ihrem Mann Peter III. vermählen zu können, musste sie 1744 zum orthodoxen Glauben konvertieren und bekam so den Namen, unter dem sie berühmt wurde: Katharina Alexejewna.8

Als sie ihren deutschen Namen ablegte, wollte sie damit auch ihre deutsche Herkunft ablegen. Sie bemühte sich sehr, national und politisch eine Russin zu sein und passte sich ihrem neu gewonnen Volk an. Sie versuchte allerdings auch nach dem Vorbild ihrer aufgeklärten französischen Vorbilder zu handeln. Für Katharina war der aufgeklärte Absolutismus eine erstrebenswerte Herrschaftsform, ebenso wie für Friedrich II., König von Preußen. Viel Gedankengut und viele Reformansätze Katharinas können tatsächlich mit denen des „Alten Fritz“ verglichen werden.9 Doch auch der aufgeklärte Absolutismus ist vorrangig noch immer Absolutismus, bei dem der Alleinherrscher uneingeschränkte Macht besitzt. Es ist eine Herrschaftsform, die hauptsächlich in Ländern ausgeübt wurde, deren Gesellschaftsform im Vergleich mit anderen Ländern eher zurückgeblieben war. Eben dies war in Russland der Fall, auch wenn sich Katharina in ihren Regierungsjahren stets bemühte, dies zu ändern. Eine geregelte Gesellschaft war Katharinas Erachtens nach für so ein großes Reich unabdingbar, um zu funktionieren und sich zu entwickeln.10 Obwohl sich Katharina immer weiter von ihrer deutschen Herkunft entfernte, ist es durchaus möglich, dass die deutsche Frühaufklärung ihrer Kindheit und Friedrich des Großen als Vorbild eines idealen Kaisers, dem Kaiser ihrer Kindheit, ihr die Gedanken der Aufklärung einpflanzten.11

Um ihre Herrschaftsform und ihre Reformen durchzusetzen, musste Katharina II. allerdings erst einmal an die Macht gelangen. Nach dem Tod der Zarin Elisabeth (1709­1762) kam Katharinas Gatte Peter III. auf den Zarenthron. Ganze Sechs Monate lang regierte er das russische Reich auf seine Weise, bis seine Frau Katharina, ihr Liebhaber, dessen Bruder und weitere Anhänger der Kaiserin im Juli 1762 den Zaren vom Thron stießen. Es war ein vergleichsweise friedlicher Umsturz, dem sich Peter untergeben fügte, da er sich seiner Niederlage bewusst war. Trotzdem starb er einige Tage nach seinem Sturz in der Gefangenschaft aus offiziell ungeklärten Gründen. Dass er von Katharinas Anhängern ermordet wurde, wurde weder bestätigt, noch angezweifelt. Doch aufgrund einiger Briefe, die später gefunden worden sind, ist sicher, dass Katharina den Mord weder veranlasst hatte, noch davon wusste. Im Oktober 1762 wurde Katharina II. in Moskau offiziell zur Zarin gekrönt.12

4. Das „aufgeklärte“ Russland unter Katharina II.

4.1 Die Intentionen Katharinas und ihr Scheitern

Schon Peter der Große (1672-1725) begann im Russischen Reich einige Veränderungen durchzuführen und das Land nach westlichem Vorbild zu reformieren. Die wirtschaftliche Lage Russlands verbesserte sich deutlich unter Peters Regierung. Er investierte in große Infrastrukturprojekte und förderte damit Handel und Industrie. Es entstanden neue Straßen und Kanäle. Außerdem bildete sich zwischen dem Adel und den Bauern ein neuer Stand, der bürgerlich und kaufmännisch geprägt war.13 Damit schuf Peter der Große die ersten Grundsteine, auf denen Katharina II. fast 40 Jahre später aufbaute.

Und trotzdem waren die ersten Eindrücke, die Katharina von dem großen russischen Reich bekam, schockierend. Eine riesige Landmasse mit weiten Feldern und unendlichen Wäldern machte die Landschaft ihres zukünftigen Reiches aus. Mitten drin lagen überall vereinzelt Dörfer, die durch schlechte Wege und Straßen verbunden waren. In den Dörfern sah sie barfüßige Kinder und große Armut. Dieses Elend zu sehen, wirkte, laut Katharinas Aufzeichnungen, so stark auf sie, dass sie es auch in ihrer Regierungszeit nicht vergaß und beschloss, nach bestem Gewissen dagegen vorzugehen.14

Katharina träumte von einem Regime, in dem Weisheit und Gerechtigkeit vorherrschten. Die Gedanken und Pläne dafür bekam sie durch viele Schriften der Aufklärer, allen voran Voltaire, mit dem sie schon vor ihrer Machtübernahme in regem Kontakt stand. Zu den wichtigsten Werten Voltaires und der Aufklärung zählten Humanität, Patriotismus, Nächstenliebe, Milde und Wohlwollen. Werte, die Katharina in ihren Gesetzen und Instruktionen versuchte zu vermitteln. Auch die in ihrem Reich üblichen Maßnahmen zur Zensur sah sie skeptisch und mit Verachtung, war sie doch der Meinung, daraus entstehe Unwissenheit. Eine Aufhebung dieser Zensur war jedoch, wie so vieles in Katharinas Herrschaftszeit, aus verschiedenen Gründen weder umsetzbar noch ratsam.15

Denn Katharina II. wollte so viel von und für ihr riesiges Reich, bedachte allerdings einen wichtigen Faktor nicht: Russland war noch nicht so weit. In deutschen Verhältnissen aufgewachsen, waren die Begriffe Gesellschaft und Kultur für Katharina II. selbstverständlich. Umso schockierender und ungewohnter war es für sie, als sie erkennen musste, dass dies für die russische Bevölkerung völlig neu war. Dort stützten sich Kultur und Gesellschaft auf den Dienstadel, die Leibeigenschaft und vor allem aber auf die Selbstherrschaft, die das Aufkommen einer Volkssouveränität verhinderte. Russland war ein Land von Traditionen und Gewohnheitsrechten, nicht von Formalitäten und Gesetzen. Eine fast unüberwindbare Barriere für die Aufklärung. Katharina versuchte es trotzdem. Ihr dienten die Länder in Westeuropa als Vorbild. Doch dort waren die Begriffe „Staat“ und „Gesellschaft“ schon seit dem 13. Jahrhundert fest verankert. Im Russischen Reich hingegen begann dies erst in der Mitte des 17. Jahrhunderts.

[...]


1 Jan von Flocken, „Katharina II. Zarin von Rußland Biografie", 1991, S.50., Erich Donnert, „Katharina die Große und ihre Zeit - Russland im Zeitalter der Aufklärung", 1983, S.14.

2 Jan von Flocken, „Katharina II.", S.5.

3 Angela Borgstedt, „Das Zeitalter der Aufklärung", 2004, S.5-11.

4 Michael Schippan, „Die Aufklärung in Russland im 18. Jahrhundert", 2012, S.14-17.

5 Vgl. ebd. S.17-18, S.48.

6 Schippan, „Aufklärung", S.127.

7 von Flocken, „Katharina II.", S.7-9.

8 Vgl. ebd., S.41-42.

9 Otto Hertzsch, „Katharina die Zweite von Rußland", 1940, S.18-19.

10 Erich Donnert, „Politische Ideologie der russischen Gesellschaft zu Beginn der Regierungszeit Katharinas II. Gesellschaftstheorien und Staatslehren in der Ära des aufgeklärten Absolutismus", 1976, S.2-5.

11 Hertzsch, „Katharina", S.19.

12 von Flocken, „Katharina II.", S.103, S.110, S.118.

13 Donnert, „Katharina", S.13.

14 Von Flocken, "Katharina II.", S.44.

15 Vgl. ebd., S.56, S.143, S.146.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Katharina die Große, die Deutsche auf dem Zarenthron. Eine aufgeklärte Herrscherin?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
18
Katalognummer
V506290
ISBN (eBook)
9783346068804
ISBN (Buch)
9783346068811
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Russland, Aufklärung, Katharina die Große, 18. Jahrhundert
Arbeit zitieren
Jacquelin Koberstein (Autor), 2019, Katharina die Große, die Deutsche auf dem Zarenthron. Eine aufgeklärte Herrscherin?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506290

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