Lehrkräftemangel in Deutschland. Aktueller Forschungsstand und Maßnahmen zur Verbesserung


Ausarbeitung, 2019
8 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Aktuelle Diskussion

Deutsche Schulen befinden sich in einer herausfordernden Lage. Hohe Zuwanderung und steigende Geburtenzahlen sorgen für einen Schülerboom, der spürbarer wird, da in vielen Bundesländern qualifizierte Lehrkräfte fehlen. Klaus Klemm, pensionierter Professor für Bildungsforschung und Bildungswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen, ist der Meinung, dass die Faktoren der Zuwanderung und der steigenden Geburtenzahlen nicht vorhergesagt werden konnten. Aus diesem Grund wurde die Bildungspolitik von dem Schülerboom überrascht. Zudem erklärt Klemm sich den Lehrkräftemangel damit, dass die zuständigen Ministerien lange Zeit mit sinkenden Schülerzahlen gerechnet und daher die Ausbildungskapazitäten zu stark zurückgefahren haben (Klemm & Zorn, 2018b).

In der Vorausberechnung der Schüler- und Absolventenzahlen für den Zeitraum von 2010 bis 2025 der Kultusministerkonferenz (KMK), wurde berechnet, dass sich die Anzahl der Schüler von knapp 11.7 Millionen (2009) bis 2025 auf ungefähr 9.6 Millionen Schüler reduzieren wird (KMK 2011). Das entspricht 17.8 % weniger Schüler als berechnet. Für den Primarbereich wurde ausgehend von 2.9 Millionen Schülern (2009) bis 2025 ein Rückgang von mehr als 343.000 Schülern erwartet (KMK 2011).

Die KMK geht laut neueren Berechnungen für das Jahr 2025 von 3.06 Millionen Grundschülern aus und nicht wie erwartet, von 2.6 Millionen (KMK 2018b). Dementgegen zeigt eine Schülerzahlenprognose auf der Basis der aktuellen Bevölkerungsvorausschätzung des Statistischen Bundesamts, dass die Zahl der Grundschulkinder rund 3.23 Millionen betragen wird (Klemm & Zorn, 2018b).

Die KMK geht laut einer Prognose aus dem Jahr 2018 von 15.300 fehlenden Lehrkräften aus (KMK, 2015). Die Bertelsmann-Stiftung ermittelte einen zusätzlichen Bedarf von 11.000 Lehrkräften, die von der KMK nicht berücksichtigt wurden. Somit fehlen für das Jahr 2025 mindestens 26.300 Absolventen für das Grundschullehramt. Von Seiten der Bertelsmann-Stiftung heißt es, dass die Diskrepanz auf den starken Anstieg der Schülerzahlen zurückzuführen ist. Eine ähnliche Differenz zeigt sich bei den Schätzungen bis in das Jahr 2030. Aus diesem Grund warnen Klemm und Zorn davor, dass die KMK den Lehrkräftebedarf um 42 % unterschätzt (Klemm & Zorn, 2018b).

Des Weiteren schätzt Meidinger, Präsident des Deutsches Lehrerverbands, für das Jahr 2019, dass ungefähr 15.000 Lehrerstellen zum neuen Schuljahresbeginn offenbleiben. Lin-Kitzing, die Bundesvorsitzende des Philologenverbands, wirft der KMK „Planungsversagen“ vor. en muss. Aus diesem Grund fordert Lin-Klitzing von der KMK, dass die Planung der Unterrichtsversorgung besser wahrgenommen werden muss (Focus online, 2019).

Mit der zunehmenden Knappheit qualifizierter Lehrkräfte rückt die Frage nach der Verteilung des Mangels stärker in den Mittelpunkt. Daten zeigen, dass Lehramtsabsolventen eher weniger in ländlichen Regionen Brandenburgs oder Sachsens arbeiten wollen. Zudem werden Schulen in sozialen Brennpunkten weniger von Lehramtsabsolventen gewählt. Dabei wäre es insbesondere an diesen Schulen von großer Relevanz qualifizierte und engagierte Lehrkräfte zu beschäftigen (Richter, Marx & Zorn, 2018).

Es konnte des Weiteren festgestellt werden, dass es massive Unterschiede zwischen den Schulformen und auch zwischen West- und Ostdeutschland gibt. Der Lehrkräftemangel im Osten ist beispielsweise deutlich größer als im Westen (KMK, 2018). Dazu besteht in Gymnasien deutschlandweit ein Überangebot an Lehrkräften. Die Differenzierung nach Lehramtstypen und des fachspezifischen Bedarfs zeigt, dass das Problem nicht besetzbarer Stellen vor allem für den Lehramtstyp Sekundarbereich II (berufliche Fächer) oder für die beruflichen Schulen sowie für die sonderpädagogischen Lehrämter besteht. Aber auch in den Lehrämtern des Primarbereichs zeigen sich zum Teil große Engpässe (KMK, 2018).

In zwei Leistungsvergleichen an Grundschulen konnte gezeigt werden, wie sich die Engpässe auswirken. Der nationale Bundesländerabgleich des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen konnte belegen, dass einige Grundschulen das durchschnittliche Leitungsniveau nicht halten können (Stanat et. al, 2016). Die Ergebnisse zeigen einen negativen Trend, der sich bundesweit vor allem in den Kompetenzbereichen Zuhören und Orthografie im Fach Deutsch sowie im Fach Mathematik zeigt (Stanat et. al, 2016). Der zweite Leistungsvergleich, die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU-Studie) zur Lesekompetenz, konnte herausfinden, dass im internationalen Vergleich Kinder aus benachteiligten Familien in den deutschen Grundschulen verstärkt den Anschluss verlieren (Hußmann et. al, 2016). Der Lehrkräftemangel ist für die Grundschulen besonders schwierig. Daten aus Nordrhein-Westfalen zeigen, dass zum Schuljahresbeginn fast jede zweite Stelle an Grundschulen nicht besetzt werden konnte (Richter, Marx & Zorn, 2018). In Berlin war von über 1.200 Einstellungen nur jede achte Person eine studierte Grundschullehrkraft, den Großteil bildeten Seiten- und Quereinsteiger (Richter, Marx & Zorn, 2018).

Aufgrund des enormen Lehrkräftemangels fordert die Bundesbildungsministerin Anja Karliczek mehr Studienplätze für die Lehrerausbildung. Sie ist der Meinung, dass Deutschland deutlich mehr Pädagogen braucht, als die Länder bislang angenommen hätten. Die Anstrengungen müssten laut Karliczek verstärkt werden, um mehr junge Menschen für den Lehrerberuf zu gewinnen. Des Weiteren benötigen die Hochschulen höhere Ausbildungskapazitäten (Berliner Morgenpost, 2019).

In der deutschlandweiten Debatte ist inzwischen von einem „Bildungsnotstand“ die Rede. In dieser Ausarbeitung liegt der Fokus auf dem Lehrkräftemangel an Grundschulen. Für eine bessere Lesbarkeit wird in der Ausarbeitung die männliche Form personenbezogener Substantive verwendet. Wenn nicht anders erwähnt, sind damit beide Geschlechter gemeint.

Aktueller Forschungsstand

In der Studie „Lehrkräfte dringend gesucht – Bedarf und Angebot für die Primarstufe“ haben Klaus Klemm und Dirk Zorn den sich abzeichnenden Lehrkräftemangel in Grundschulen genauer untersucht. Die Kernergebnisse der Studie zeigen, dass insgesamt, bis einschließlich 2025, knapp 105.000 Grundschullehrkräfte neu eingestellt werden müssen. Davon entfallen ungefähr 60.000 auf den Ersatz (primär altersbedingt) ausscheidender Lehrkräfte. Außerdem werden etwa 26.000 Lehrkräfte benötigt, um die Unterrichtsversorgung bei steigenden Schülerzahlen zu gewährleisten. Für zusätzliche pädagogische Aufgaben durch den Ausbau von Ganztagsschulen werden weitere 19.000 Lehrkräfte benötigt. An regulär ausgebildeten Absolventen für das Lehramt an Grundschulen stehen im gleichen Zeitraum allerdings maximal 70.000 zur Verfügung (Klemm & Zorn, 2018b).

Die Ergebnisse der Studie machen deutlich, dass es nicht ausreicht mehr Studienplätze an lehrerbildenden Hochschulen zu schaffen. In der Hochphase des Mangels sind die angehenden Lehrkräfte noch nicht einsetzbar, da das Lehramtsstudium ungefähr sechs bis sieben Jahre dauert (Klemm & Zorn, 2018b).

Die Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt, dass das primär altersbedingte Ausscheiden von Grundschullehrkräften aus dem Schulbetrieb bis zum Schuljahr 2030/31 zu einem Ersatzbedarf von knapp 81.000 Lehrkräften führt. Im Jahresmittel betrachtet, ist der Ersatzbedarf mit jährlich etwa 6.800 Personen bis zum Schuljahr 2020/21 am höchsten, sinkt dann bis einschließlich 2025/26 auf etwa 5.000 Stellen jährlich und danach weiter auf etwa 4.700 Stellen bis zum Ende des Betrachtungszeitraums (Klemm & Zorn, 2018b).

Bis einschließlich 2020/21 werden im Jahresmittel mehr als 1.300 zusätzliche Lehrkräfte benötigt, um bei steigenden Schülerzahlen eine gleichbleibende Unterrichtsversorgung zu gewährleisten. In den folgenden fünf Jahren steigt dieser Zusatzbedarf auf fast 3.800 Personen jährlich an. Ab 2026/27 bis zum Ende des Betrachtungszeitraums sinkt der Zusatzbedarf leicht, sodass jährlich etwa 630 Lehrkräfte weniger als in der Periode mit den höchsten Schülerzahlen benötigt werden (Klemm & Zorn, 2018b).

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Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Lehrkräftemangel in Deutschland. Aktueller Forschungsstand und Maßnahmen zur Verbesserung
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung)
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
8
Katalognummer
V506352
ISBN (eBook)
9783346066824
ISBN (Buch)
9783346066831
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lehrkräftemangel, Grundschulen, strukturelle Maßnahmen
Arbeit zitieren
Nadja Karossa (Autor), 2019, Lehrkräftemangel in Deutschland. Aktueller Forschungsstand und Maßnahmen zur Verbesserung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506352

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