Ausgewählte Themen und Motive in Tahar Ben Jellouns "Jour de silence à Tanger"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

30 Seiten, Note: 2


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Themen und Motive – Ein theoretischer Überblick

3. Textarbeit
3.1 Einsamkeit
3.2 Krankheit
3.3 Verrat
3.4 Tod

4. Besonderheit des Raummotivs

5. Textarbeit
5.1 Haus / Raum
5.2 Gegenstände / Objekte

6. Leitmotiv Wind

7. Abschlussbetrachtung

8. Quellenangaben
8.1 Literaturangaben
8.1.1 Primärliteratur
8.1.2 Sekundärliteratur
8.2 Onlinerecherchen

1. Einleitung

In meinem Referat, das ich im Rahmen des Seminars zu Tahar Ben Jellouns Jour de silence à Tanger hielt, beschäftigte ich mich mit ausgewählten Themen und Motiven in diesem Werk. Die folgende Hausarbeit soll dieses Referat ausbauen und erweitern.

Einen ersten Schwerpunkt wird dabei zunächst die Erarbeitung von allgemeinen theoretischen Grundlagen bezüglich der Begriffe Thema und Motiv bilden. Stützen werde ich mich dabei auf die Werke von Daemmrich und Schneider, in denen der Thematik in unterschiedlicher Art und Weise begegnet wird.

Anschließen soll sich die Arbeit am Text und die nähere Betrachtung einiger konkreter Themen- und Motivbeispiele wie Einsamkeit, Krankheit oder Tod. Zu klären wird dabei die Frage sein, welche Funktion diese Themen und Motive übernehmen und welche Absicht der Autor mit ihrer Verwendung verfolgte.

Da das Haus, in dem sich der Protagonist aufhält, eine besondere Rolle im Text spielt, soll diesem Motiv ein weiterer Schwerpunkt gewidmet werden. Dabei werde ich vorab über die Besonderheiten des Raummotivs im Allgemeinen reflektieren, um anschließend wieder am konkreten Text zu arbeiten. Der Autor beschreibt jedoch nicht nur den Raum, sondern auch die Gegenstände und Objekte, die sich in diesem befinden, so dass auch dieses Thema zu untersuchen sein wird.

Einen vierten Schwerpunkt soll schließlich das Thema Wind bilden, das in diesem Text eine Art Leitmotiv bildet. In den dazufolgenden Ausführungen soll besonders auf die Arbeit von Novén Bezug genommen werden, die sich mit diesem Thema beschäftigt.

Zusammenfassend möchte ich die Frage beantworten, welche Funktionen all die verschiedenen Themen und Motive übernehmen. Geklärt werden soll auch, warum und wann sie der Autor einsetzt und welche Absicht er damit verfolgt.

2. Themen und Motive – Ein theoretischer Überblick

Tahar Ben Jellouns Werk Jour de silence à Tanger ist mit der Gattungsbestimmung „récit“ gekennzeichnet.[1] Auch wenn sich die meisten Literaturwissenschaftler bei der Untersuchung von Themen und Motiven hauptsächlich auf Romane beziehen, wie auch Schneider und Daemmrich, können viele ihrer Theorien auf das von mir zu untersuchende Werk angewandt werden. Sowohl Schneider als auch Daemmrich unterscheiden Themen und Motive deutlich voneinander, so dass im Folgenden einzeln auf beide Formen eingegangen werden soll.

Schneider konkretisiert den Begriff des Themas nicht genauer, sondern spricht direkt von der Unterscheidung in Haupt- und Nebenthemen. Diese Unterscheidung lässt sich seiner Ansicht nach dadurch treffen, indem man untersucht, „wie oft ein Sujet im Text angesprochen wird, ob es vom Erzähler, von den Hauptfiguren oder nur von den Nebenfiguren aufgegriffen wird, ob es an Schlüsselstellen wie z.B. zu Textbeginn behandelt wird und ob es der Sache nach ernst und schwergewichtig ist“[2].

Wendet man diese Fragen nun zur Bestimmung auf den Text von Ben Jelloun an, so wird deutlich, dass bereits im ersten Satz zentrale Themen wie der Wind, die Zeit und der Tod angesprochen werden.[3] Da der Wind auch im letzten Abschnitt des Buches erwähnt wird, scheint es sich dabei offensichtlich um ein Hauptthema zu handeln.[4] Die konkrete Textarbeit wird zeigen, inwieweit diese Annahme aufgrund der Behauptung Schneiders, die Erwähnung eines Themas an Schlüsselstellen diene der Einteilung in Haupt- und Nebenthemen, zutrifft. Was die Häufigkeit und das Aufgreifen des Themas durch die verschiedenen Erzählerpositionen betrifft, so stehen neben dem Wind und dem Tod noch weitere Themen wie Krankheit, Einsamkeit und Langeweile.

Als besondere Themengebiete nennt Schneider das breite Spektrum der „Sozialbeziehungen [sowie] die Lebenswege von Individuen und die Position des Einzelnen in der Gesellschaft“[5], die sich durchaus auch in Jour de silence à Tanger finden lassen.

Die Hauptfigur reflektiert immer wieder über vergangene Freundschaften, Konflikte und Liebesbeziehungen und all diese Gedanken verdeutlichen dem Leser die vorherige beziehungsweise jetzige Stellung des Protagonisten in der Gesellschaft. Der gesamte Text kann als Darstellung des Lebensweges dieses Individuums gewertet werden.

Was nun die Motive in einem Text betrifft, so beschreibt Schneider sie als „komplexe Handlungsgefüge, die aufgrund ihrer Bekanntheit und Traditionsschwere bestimmte Vorerwartungen beim Rezipienten erwecken, […] jedoch nicht unbedingt den gesamten Handlungsverlauf [prägen]“[6]. Als Beispiele nennt er das Motiv „der unstandesgemäßen Heirat, […], des Menschenfeindes, des Teufelspaktes [etc]“[7]. Im Fall des Werkes von Ben Jelloun könnten Motive wie das der verbotenen Liebe (zwischen dem Protagonisten und einer minderjährigen Spanierin), des Einsiedlerdaseins (des Protagonisten) oder der Unglück bringenden Stadt (in diesem Fall Tanger) aufgezählt werden.

Ähnlich wie Themen unterscheidet Schneider auch Motive in Haupt- und Nebengruppen, was sich wiederum auch am Beispieltext zeigen lässt. So spielt das Motiv der verfluchten Stadt durchgehend eine wichtige Rolle, denn der Protagonist macht die Stadt Tanger für seine jetzige Situation, für sein Unglück verantwortlich. Immer wieder fließen Aussagen in den Text, die diese Schuldzuweisung verdeutlichen und ihren Höhepunkt in der vermeintlichen Lösung des Problems finden: „Pour guérir, il suffit de quitter cette ville.“(Jour de silence à Tanger, S. 37)[8]

Auch die Beschreibung des einsamen Lebens der Hauptfigur zieht sich durch den gesamten Text, wobei einzelne Themen wie Langeweile, Verlassenheit oder Einsamkeit dieses Hauptmotiv verdeutlichen. Als untergeordnetes Motiv könnte meiner Ansicht nach neben der untersagten Liebe zwischen einem Moslem und einer Katholikin auch das Aufzeigen vermeintlicher Klassenunterschiede in der Gesellschaft gesehen werden. In der Beschreibung der Putzfrau finden sich klare Anzeichen dafür, dass sich der Protagonist ihr aufgrund seiner Herkunft überlegen fühlt: „Il se dit qu’elle ne comprendrait pas. Elle vient de la périphérie de la ville où les gens de l’exode rural se sont entassés n’importe comment, n’importe où.“ (S. 13).

Eingehender und genauer als Schneider befasst sich Daemmrich mit der Definition der Begriffe Thema und Motiv. Für ihn sind „Themen und Motive […] Grundbausteine literarischer Werke“[9], die über einen langen Zeitraum hinweg in den Texten von Autoren aus den verschiedensten Ländern auftauchen. Sie sind somit nicht an eine Sprache und eine Kultur gebunden.

Die besonderen Themengebiete, die Schneider genannt hat, überträgt Daemmrich sowohl auf Themen als auch auf Motive. Seiner Ansicht nach erfassen beide „menschliche Verhaltensweisen. [Außerdem] vermitteln [sie] Grunderfahrungen des Daseins, erschließen die Zusammenhänge zwischen Empfindungen, Bewusstsein und Bedürfnissen; […] vergegenwärtigen sowohl Hoffnungen wie auch Angstvorstellungen und beleuchten wiederkehrende menschliche Phantasiegebilde“[10]. Themen wie die Krankheit des Protagonisten, seine Einsamkeit und Langeweile, seine Gedanken über den Tod und die Toten belegen diese Aussagen.

Was nun die genaue Unterscheidung von Themen und Motiven betrifft, so geht Daemmrich unterstützt von vielen Beispielen ausführlich auf beide Formen ein.

Das Thema ist für ihn der Grundgedanke eines Textes, „die zentrale Idee eines Werkes“[11]. Gleichzeitig betont er jedoch, dass sich innerhalb eines Textes auch mehrere Themen entwickeln können. Die Eigenschaften, die er zuvor sowohl Themen als auch Motiven zugesprochen hat, greift er anschließend noch einmal gesondert für Themen auf. Seiner Ansicht nach reichen die Themenschwerpunkte „von engster Figurenbindung über universelle menschliche Grunderfahrungen der Prüfung und der Bewährung, der Geburt, der Liebe und des Todes bis zu allgemeinen Vorstellungen, [wie die über] die Vergänglichkeit des Lebens“[12].

Ausgehend von diesen Überlegungen lassen sich, wie bereits erwähnt, in Ben Jellouns Text angesprochene Themen wie Tod, Liebe, Krankheit etc. finden. Die zentrale Idee des Textes zu formulieren, fällt hingegen schon schwerer. Betrachtet man den Text oberflächlich, so könnte man den Kerngedanken als das Nachsinnen eines alten Mannes über sein Leben beschreiben.

Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, dass dieses Nachdenken keineswegs objektiv und nur in Erinnerungen schwelgend ist, sondern es sich eher um eine verbitterte Abrechnung eben dieses Mannes mit seinem Leben und den darin vorkommenden Personen handelt.

Eine sehr genaue Definition liefert Daemmrich auch für den Begriff des Motivs. In Anlehnung an andere Literaturwissenschaftler beschreibt er ein Motiv als „kleinste Erzähleinheit, […] die nicht nur als Einzelelement, sondern auch als in sich schlüssiges Relationsfeld in der Überlieferung fortbesteht“[13]. Das bedeutet, dass mit einem einzelnen Motiv also immer mehrere gedankliche Felder verbunden sind, die im Kopf des Lesers aufgerufen werden. Im Gegensatz zu Schneider geht Daemmrich jedoch davon aus, dass Motive sehr wohl „auf die Handlung zurück [wirken]“[14] und diese strukturieren.

Gerade was diese Strukturierungsfunktion betrifft, so kommt es zu deutlichen Widersprüchen zwischen Schneider und Daemmrich. Schneider weist das Merkmal, an Schlüsselstellen in Erscheinung zu treten und dem Text so eine Gliederung zu geben, Themen zu. Daemmrich hingegen behauptet, „Motive [hätten] die Aufgabe, die Struktur der Texte zu befestigen“[15], ihn zu gliedern. Beide sind sich also uneinig über die Funktion von Themen und Motiven.

Übereinstimmend teilen sie jedoch die Motive in Haupt- und Nebenmotive, wobei Schneider diese Unterteilung hauptsächlich an der Häufigkeit des Auftretens festmacht, während Daemmrich die Hauptgruppe hinsichtlich der unterschiedlichen Funktionen der Motive noch einmal weiter unterteilt. Zu den Hauptmotiven zählen für ihn „neben Kern-, Füll-, Raum-, Situations-, Verweis- und Rahmenmotiven die beschreibenden, figurenbezogenen, handlungsdynamischen und blinden Motive“[16]. Genauer auf diese verschiedenen Motive einzugehen, würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

Im Folgenden soll nun versucht werden, am konkreten Text ausgewählte Themen und Motive näher zu beleuchten sowie ihre Funktion zu beschreiben.

3. Textarbeit

3.1 Einsamkeit

Bei der genaueren Beleuchtung des Themas Einsamkeit fällt zunächst auf, dass dieses in engem Zusammenhang zu Themen wie Verlassenheit oder auch Ausgeschlossenheit steht. Aber auch das Motiv des Verrates oder der Krankheit sind mit dem der Einsamkeit verbunden und es scheint, als „begünstigt [es] die Verknüpfung mit unterschiedlichen Themen“[17].

Dabei ist zu bemerken, dass die Einsamkeit auf unterschiedliche Art und Weise und aus verschiedenen Blickwinkeln heraus beschrieben wird. So gibt es mehrere Textstellen, in denen ein allwissender Erzähler einsame Momente im Leben eines alten Mannes aufzählt. Relativ neutral wird hier berichtet, dass sich der Mann allein in seinem Zimmer befindet: „Il est seul dans ce lit […]“ (S. 51).

Er ist jedoch nicht nur räumlich von der Außenwelt abgeschnitten, sondern auch durch die Tatsache, dass er sich durch sein Verhalten mit seinen Mitmenschen überworfen hat und dadurch auch im zwischenmenschlichen Bereich einsam und isoliert lebt. „Cette manie qu’il a de caricaturer les autres lui vaut beaucoup d’ennuis. Il s’en rend compte aujourd’hui. Il est isolé.“ (S. 73). Seine Einsamkeit hat also zwei Dimensionen, die der räumlichen und die der emotionalen Distanz zu anderen Menschen, erreicht.

Neben diesen objektiven Beschreibungen finden sich jedoch auch Passagen, in denen der Erzähler, obwohl noch immer in der dritten Person schreibend, ein engeres Verhältnis zu seinem Protagonisten aufbaut. Auch wenn er hier noch allgemeinere Formulierungen verwendet, die auf jeden Mann zutreffen könnten („un vieil ami“, „un homme“ – S. 34 f.), weiß der Leser, von wem die Rede ist und verspürt, wie verlassen und allein sich die Hauptgestalt fühlen muss. Dieses Wissen um die quälende Einsamkeit des Protagonisten entsteht durch die Verwendung besonderer Verben, Adverbien und Substantive: „Il manque particulièrement[18] à cet homme qui a tellement besoin de compagnie.“(S. 22). Oder: „Larbi aurait dû être là et tenir compagnie à un vieil ami qui, lui aussi, a besoin de soutien.“ (S. 34)

[...]


[1] Vgl.: Ben Jelloun, Tahar: Jour de silence à Tanger. Éditions du Seuil. Paris 1990. S. 5.

[2] Schneider, Jost: Einführung in die Roman-Analyse. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt 2003. S. 27.

[3] Vgl.: Ben Jelloun, T.: Jour de silence à Tanger. Paris 1990. S. 11.

[4] Vgl.: ebd. S. 122.

[5] Schneider, J.: Einführung in die Roman-Analyse. Darmstadt 2003. S. 28.

[6] Schneider, J.: Einführung in die Roman-Analyse. Darmstadt 2003. S. 30.

[7] Ebd.

[8] Die ab jetzt folgenden in Klammern angegebenen Seitenzahlen hinter französischen Zitaten beziehen sich stets auf die bereits genannte Ausgabe Jour de silence à Tanger von Tahar Ben Jelloun.

[9] Daemmrich, Horst S. und Ingrid G.: Themen und Motive in der Literatur. Ein Handbuch. Francke Verlag. Tübingen, Basel 1995. S. XI.

[10] Ebd. S. XII.

[11] Ebd. S. XXII

[12] Ebd. S. XXIII.

[13] Daemmrich, H. S. und I. G.: Themen und Motive in der Literatur. Ein Handbuch. Tübingen, Basel 1995. S. XV.

[14] Ebd.

[15] Ebd. S. XIX.

[16] Ebd. S. XVII.

[17] Daemmrich, H. S. und I. G.: Themen und Motive in der Literatur. Ein Handbuch. Tübingen, Basel 1995. S. 122.

[18] Unterstreichungen wurden zur Verdeutlichung durch mich vorgenommen.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Ausgewählte Themen und Motive in Tahar Ben Jellouns "Jour de silence à Tanger"
Hochschule
University of Sheffield  (Institut für Romanistik)
Note
2
Autor
Jahr
2005
Seiten
30
Katalognummer
V50645
ISBN (eBook)
9783638468312
Dateigröße
762 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ausgewählte, Themen, Motive, Tahar, Jellouns, Jour, Tanger
Arbeit zitieren
Stefanie Kahl (Autor), 2005, Ausgewählte Themen und Motive in Tahar Ben Jellouns "Jour de silence à Tanger", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50645

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