Verschiedene Interpretationsansätze der preußischen Agrarreform von 1807


Essay, 2005
6 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Die Agrarreform

Die Reformen, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Preußen durchgeführt wurden, sind noch heute Gegenstand heftiger Kontroversen innerhalb der Geschichtsforschung. Besonders um­ stritten ist die Agrarreform, die 1807 mit dem Oktoberedikt des preußischen Beamten Freiherr von und zum Stein ihren Anfang nahm und erst ein halbes Jahrhundert später als abge­ schlossen betrachtet werden kann.

Einige Wissenschaftler sind der Ansicht, die Agrarreform sei v. a. vor dem Hintergrund der konkreten zeitgeschichtlichen Ereignisse zu betrachten, in diesem Fall der verlorene Krieg Preußens gegen Frankreich. Die Niederlage mit den daraus resultierenden Konsequenzen; also die Gebietsabtretungen, die Kontributionen an und die Besatzung durch Frankreich; hätten dem preußischen Staat keine andere Wahl gelassen, als sich selbst von innen heraus zu re­ formieren. Anderenfalls wäre er allein schon unter dem Gesichtspunkt des ineffizienten Agrarsystems und der daraus resultierenden mangelhaften Versorgung der Bevölkerung nicht weiter überlebensfähig gewesen. Die Reform wird hier also als etwas begriffen, das nach reiflicher Überlegung bewusst durchgeführt wurde, um den preußischen Staat sowie dessen Bewohner durch die Krisenzeit hindurch zu retten. Relativierend muss allerdings schon an dieser Stelle eingewendet werden, dass die Reformpläne nicht erst nach Beendigung des Krieges angefertigt wurden, sondern bereits vorher existierten.

Dem gegenüber steht die Deutung der Agrarreform aus marxistisch-leninistischer Sicht. Für diese Wissenschaftler sind die Konsequenzen aus der Reform nichts weiter als ein Ausdruck des Übergangs von der Feudal- zur bürgerlichen Herrschaft. Die am Beginn ihrer expansiven Entwicklung stehende Industrie habe zur Erwirtschaftung des Maximalprofits weitere Arbeits­ kräfte gebraucht, wobei der Zugriff auf diese durch die bisherige ländlich-feudale Sozialord­ nung mit ihrer strikten Einbindung der Landbewohner in das agrarische Produktionssystem verwehrt wurde. Vor dem Hintergrund dieses Hindernisses habe nun die preußische Beamten­ schaft, die, wie z. B. der Freiherr. v. Stein, teilweise selbst aus der Industrie kam, das alte ständische Sozialsystem aufgebrochen und die Bauern sowie Grund und Boden mobil werden lassen, damit letzten Endes die Industrie und damit die Bourgeoisie über diese verfügen könne.

Tatsache ist jedenfalls, die Agrarreform berührte wesentliche Punkte des sich konstitu­ ierenden Kapitalismus und übertrug Grundprinzipien desselben auf die Landwirtschaft: Neben der Mobilität der Produktivkräfte, die durch die Befreiung der Bauern ab 1807 von allen bis­ her bindenden Strukturen gewährleistet wurde und die eine Voraussetzung für den Kapitalis­ mus ist, liberalisierten die Reformer auch die bislang geltenden Einschränkungen in Bezug auf den Erwerb von Grund und Boden. Der Ausschließlichkeitscharakter der Mobilisierung der bäuerlichen Arbeitskräfte zum Zwecke der Bereitstellung von Industriearbeitern, wie ihn die Marxisten unterstellen, wird allerdings mit dem Argument relativiert, es seien haupt­ sächlich unterbäuerliche Schichten sowie Heimarbeiter gewesen, die später in den industri­ ellen Fabriken eingesetzt worden seien, es also keine oder zumindest keine relevante Um­ wandlung von Bauern in Industrieproletariat gegeben habe. Diese Argumentation lässt jedoch außer Acht, dass Heimarbeiter bereits Teil der kapitalistischen Produktionsverhältnisse waren, denn sie produzierten längst für einen kapitalistisch wirtschaftenden Unternehmer bzw. dessen Profitmaximierung und brauchten gar nicht mehr in neuartige Produktionsverhältnisse hineingesetzt zu werden. Außerdem wurden ja gerade im Zuge der Agrarreform die Produk­ tionsverhältnisse kapitalisiert, d. h., diejenigen Bauern, die nicht zu Industrieproletariern wurden, leisteten eben Lohnarbeit in der nun kapitalistischen Landwirtschaft. Obige Argu­ mentation verliert auch dadurch noch an Glanz, wenn man die Zuwachsrate an Personen be­ trachtet, die zwischen 1816 und 1846 neu in die Arbeiterklasse stießen. Diese betrug insge­ samt 158 % (1 350 000 Personen). Insofern kann auf jeden Fall gesagt werden, dass die Agrarreform massenhaft Arbeitskräfte zur Verfügung stellte.

Wenn des Weiteren einige Wissenschaftler die Verwirklichung von Inhalten einiger, zu dieser Zeit neuer philosophischer Gedankengebäude als wesentliche Triebkraft und Motivation der preußischen Reformer ansehen, so ist dies sicherlich nicht falsch, denn die neue Sozialord­ nung orientierte sich z. B. an Kants Vorstellungen vom Menschen als selbständigem Individu­ um. Dieser Gedanke floss ja auch tatsächlich in die Agrarreform ein: Die Bauern sollten in Zukunft unabhängig sein von den über Jahrhunderten gewachsenen, auf Traditionen beru­ henden Herrschaftsverhältnissen. Dem Menschen sollte seine gerade erst „entdeckte“ Würde gegeben werden. Dadurch sollte er zur Basis des neuen Staats- und Gesellschaftssystems werden, dass sich selbst eine Verfassung gab und mit Hilfe von mündigen Bürgern, die die Sache des Staates als ihre eigene betrachten, eine neue Stärke erreichen wollte.

Als falsch kann allerdings ebenso wenig die abstraktere Sichtweise der marxistisch-leninis­ tischen Theoretiker bezeichnet werden, die davon ausgehen, dass die veränderten gesell­ schaftlichen Verhältnisse eben ein neues Menschenbild erforderten, ein Menschenbild, das allen Menschen ihre Selbständigkeit einräumt, damit diese einerseits ohne Behinderungen als Arbeiter verfügbar sind bzw. andererseits als Unternehmer Freizügigkeit in allen wirtschaftli­ chen Belangen genießen. Ein Menschenbild, das jedem Einzelnen ohne Ansehen der Geburt die Betätigung in jedem Gewerbe erlaubt (Gewerbereform) und damit die ungehinderte Kon­ kurrenzwirtschaft gewährleistet. Diese Loslösung des Individuums von allen bisherigen Ein­ schränkungen geschah nach Ansicht der Marxisten nicht etwa um dessen selbst willen, son­ dern sie geschah forciert, um die sich revolutionierenden gesellschaftlichen- und Produktions­ verhältnisse nicht weiter aufzuhalten. Selbstverständlich musste sie dazu in einen institu­ tionellen Rahmen, in Gesetze gegossen werden. Der Blick über Preußen hinaus bestätigt diese Sichtweise: Die aufkommende Konkurrenz gegenüber Industriellen der anderen europäischen Länder bzw. Staaten machte es notwendig, nach außen hin geschlossen auftreten zu können. Dies war nur möglich, wenn alle Bürger des Staates die gleichen Rechte besaßen und sich nicht durch erhebliche regionale Unterschiede voneinander abhoben. Dieser Notwendigkeit kam die Agrarreform entgegen, indem sie gleiches Recht für alle herstellte.

Die Beantwortung der Frage nach der tatsächlichen Absicht der preußischen Reformer führt allerdings letztlich auf die Frage nach deren Bewusstseinsstand zurück. Wie erwähnt, kam der Freiherr v. Stein selbst aus der Industrie und war vor seiner Reformtätigkeit Wirtschafts- und Finanzminister Preußens. Insofern kann getrost davon ausgegangen werden, dass er sich über die Interessen der sich neu formierenden Unternehmerschicht durchaus im Klaren war und diese auch durch Einbringen selbst entworfener Reformpläne vertreten konnte.

Der Original-Wortlaut des Oktoberedikts von 1807 weist ausdrücklich darauf hin, die for­ cierten Veränderungen fänden statt, um die „allgemeine Not“ des preußischen Volkes zu be­ heben. Von daher müsse alles entfernt werden, „was den einzelnen bisher hinderte, den Wohl­ stand zu erlangen, den er nach Maß seiner Kräfte zu erreichen fähig war“. Die Schlussfolge­ rungen, die aus der allgemeinen Notlage heraus gezogen werden, sind ganz offenbar von Adam Smith und seiner Schrift Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations aus dem Jahre 1776, der „Bibel des Kapitalismus“, geprägt.

Die Geister scheiden sich nun allerdings an der Bewertung dieser Tatsache. Während marxis­ tische Theoretiker hierin lediglich eine Untermauerung für ihre These sehen, dass die Revolu­ tionierung der agrarischen Produktionsmittel auch eine Revolutionierung der agrarischen Pro­ duktionsverhältnisse mit sich bringen müsse, wird dieser Umstand von anderen Wissenschaft­ lern kaum beachtet. Tatsächlich ist jedoch auch hier die grundlegende Frage angebracht, die sich jeder Historiker stellen sollte: C ui bono ? Die Antwort liegt auf der Hand: Denen, die planten, unter den veränderten Bedingungen materiellen Wohlstand anzuhäufen.

Bei der Beschäftigung mit der Ideologie lassen sich wohl kaum Gemeinsamkeiten in der Be­ wertung derselben durch die verschiedenen Interpretationsansätze finden: Der marxistisch- leninistische Ansatz nimmt die Aussagen, die gemacht wurden, um die Reform zu recht­ fertigen oder zu begründen, nicht ernst bzw. glaubt nicht an deren Aufrichtigkeit, wohingegen andere Wissenschaftler Äußerungen von Zeitgenossen für bare Münze nehmen. So können diese Worte Steins von 1808, „der letzte Rest der Sklaverei, die Erbuntertänigkeit, ist vernich­ tet, und der unerschütterliche Pfeiler jedes Thrones, der Wille freier Menschen, ist gegründet. Das unumschränkte Recht zum Erwerb des Grundeigentums ist proklamiert.“ sehr unter­ schiedlich interpretiert werden. Einerseits kann die Beseitigung der „Sklaverei“ positiv auf­ gefasst werden, andererseits kann genauso gut gesagt werden, an die Stelle der alten, feudalen Sklaverei trat die Sklaverei, der das Proletariat in den Manufakturen ausgesetzt war. Dies tun marxistische Theoretiker.

Auch der als bedeutend dargestellte freie Wille der Menschen lässt sich dahingehend hin­ terfragen, wem die rechtliche Freiheit nützte, wenn er dauerhaft in seiner materiellen Existenz bedroht war.

Eine weitere Kontroverse wird durch die Frage entfacht, wer nach der Reform an der Spitze der gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse stand. Eine Sichtweise geht davon aus, es sei die Bürokratie gewesen, die in der Reform die Möglichkeit gesehen habe, der Monarchie Herrschaftsbereiche zu entreißen. Tatsächlich stand am Ende der Reform(en) ein funktionierender Staatsapparat aus Beamten, durch dessen Hände zumindest alle Ver­ änderungen in den relevanten gesellschaftlichen Bereichen gehen mussten (Heer, Wirtschaft, Bildung etc.).

Die marxistisch-leninistische Theorie hingegen geht davon aus, durch die kapitalistische Um­ wälzung der Gesellschaft stünden im Anschluss selbstverständlich auch deren Träger an der Spitze der gesellschaftlichen Macht. Der Staat wird hierbei lediglich als ein Instrument in den Händen der bürgerlichen Klasse betrachtet, der an und für sich die bloße Funktion der Inter­ essenvertretung für dieselbe übernimmt. „Die Bourgeoisie hebt mehr und mehr die Zersplitte­ rung der Produktionsmittel, des Besitzes und der Bevölkerung auf. […] Die notwendige Folge hiervon war die politische Zentralisation. Unabhängige, fast nur verbündete Provinzen mit verschiedenen Interessen, Gesetzen, Regierungen und Zöllen wurden zusammengedrängt in eine Nation, eine Regierung, ein Gesetz, ein nationales Klasseninteresse, eine Douanenlinie“. Der Bürokratie wird kein wirklicher Handlungsspielraum eingeräumt und insofern sei es auch müßig, sie an der Spitze von Machtverhältnissen zu sehen.

Dieser Streit reduziert sich im Kern auf eine Ermessensfrage: Die preußischen Beamten konn­ ten zwar die Agrarreform en detail gestalten, indem sie aber durch die Entrechtung der Aristo­ kratie dieselbe schwächte und ihrer Privilegien beraubte, spielte sie dem Bürgertum in die Hände. Auf einer gewissen Ebene kann die Bürokratie also als selbständig und in ihren Ent­ scheidungen als souverän bezeichnet werden; abstrakt betrachtet tat sie aber nichts, was der sich neu formierenden gesellschaftlichen Schicht schaden konnte; im Gegenteil, sie bereitete ihr den Boden, auf dem sich diese entfalten konnte, sei es nun durch die „Befreiung“ der Bau­ ern, damit diese als Lohnarbeiter zur Verfügung stehen oder sei es durch die Garantie, dass ein jeder fortan Grundbesitz und Kapital akkumulieren konnte. Insofern hat auch die Leug­ nung der Selbständigkeit der Bürokratie bei der Preußischen Agrarreform einige Berechti­ gung.

Wir sehen also, die verschiedenen Interpretationsansätze lassen sich grob auf zwei Hauptbe­ reiche aufteilen: Erstens den der Ideologie und zweitens den der Frage nach der neuen herr­ schenden Klasse.

Ich persönlich möchte mich in diesen Fragen nicht auf einen der beiden gegensätzlichen An­ sätze festlegen. Beide haben ihre Stärken und Schwächen. Der marxistisch-leninistische An­ satz ist in meinen Augen viel umfassender, gleichzeitig aber auch pauschaler, weil er die Indi­ vidualität der Menschen völlig außer Acht lässt, um ihr Verhalten stattdessen lediglich auf­ grund ihrer Zugehörigkeit zu dieser oder jenen Schicht bzw. Klasse zu interpretieren. Gerade im Falle der preußischen Agrarreform ist dies fragwürdig, da diese Zeit eine Zeit des Um­ bruchs war und die gesellschaftlichen Klassen noch längst nicht so gefestigt waren, wie sie es ein halbes Jahrhundert sein sollten.

Die Kontroversen liegen also nicht unbedingt in der Sache begründet, sie sind vielmehr Aus­ druck der unterschiedlichen Grundannahmen. Eine Annäherung ist jedoch so lange nicht in Sicht, bis nicht über die Grundvoraussetzungen diskutiert wird. Dies setzt jedoch voraus, dass die eine Seite die jeweils andere auch ernst nimmt.

Verwendete Literatur:

- Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Phillip Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart, 1999
- Harry Pross (Hrsg.): Dokumente zur deutschen Politik 1806 - 1870, Fischer Bücherei KG, Frankfurt am Main, 1963
- Christof Dipper: Die Bauernbefreiung in Deutschland 1790 - 1850, Verlag W. Kohl­ hammer GmbH, Stuttgart, 1980
- Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1800 - 1866, Bürgerwelt und starker Staat, Verlag C. H. Beck, München, 1983
- Barbara Vogel (Hrsg.): Preußische Reformen 1807 - 1820, Verlagsgruppe Athenäum- Hain-Scriptor-Hanstein, Königstein/Ts., 1980

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Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Verschiedene Interpretationsansätze der preußischen Agrarreform von 1807
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Vorlesung "Vom Alten Reich zum Deutschen Bund"
Note
2
Autor
Jahr
2005
Seiten
6
Katalognummer
V50669
ISBN (eBook)
9783638468503
ISBN (Buch)
9783656561101
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dieser Essay beschäftigt sich mit zwei gegensätzlichen Interpretationsschemata zur preußischen Agrarrevolution von 1807: zum Einen eine Deutung aus idealistischer Sichtweise, zum Anderen eine solche aus materialistischer (marxistischer) Sichtweise.
Schlagworte
Verschiedene, Interpretationsansätze, Agrarreform, Vorlesung, Alten, Reich, Deutschen, Bund
Arbeit zitieren
Christoph Eyring (Autor), 2005, Verschiedene Interpretationsansätze der preußischen Agrarreform von 1807, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50669

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