"Fahrenheit 451" von Bradbury und „1984“ von Orwell. Aufrechterhaltung und Dynamiken der Gesellschaftsordnung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Beschreibung und Gemeinsamkeiten der dystopischen Gesellschaftsmodelle in 1984 und Fahrenheit 451
Hierarchisierung der Gesellschaft – politische und gesellschaftliche Ordnung
SystemgegnerInnen
Fahrenheit 451: Zur Schaustellung der SystemgegnerInnen zur Sicherung der Souveränität
1984: Verhinderung des Märtyrertodes
Freizeit, Kultur und Familie
Sprache
Krieg als Oppressionsmittel

Aufrechterhaltung der Gesellschaftsordnung: Die Machtverhältnisse in 1984 und Fahrenheit 451
Kontrolle der Sprache und des Denkens
Instrumentalisierung der Schutzfunktion des Staates
Ressourcenmanagement
Zweckentfremdung der zwischenmenschlichen Beziehungen

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

George Orwells „1984“, ein dystopischer Roman über einen totalen Überwachungsstaat, welcher erstmals 1949 erschien, zeigt auf, dass die Macht einer Partei bis in die Tiefen der menschlichen Vorstellungskraft reichen kann. Ray Bradbury zeichnet in „Fahrenheit 451“, erstmals 1954 erschienen, das Bild einer hedonistischen Konsumgesellschaft, in der Bücher verboten sind, wodurch sich eine intellektuelle Verkümmerung vollzog. Beide Autoren erlangten durch ihre dystopischen Werke Weltruhm. Aus politikwissenschaftlicher Sicht stellt sich die Frage, wie sich die politische Ordnung innerhalb der beschriebenen Gesellschaften reproduziert und welche Macht-/Kräfteverhältnisse wirken.

Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, die dominierenden Machtverhältnisse und gesellschaftlichen Dynamiken innerhalb der dystopischen Welten von Fahrenheit 451 und 1984 darzustellen und zu vergleichen. Dabei steht die Analyse der Machtverhältnisse im Vordergrund, wobei zuerst das verwendete Machtkonzept beschrieben wird.

Die Leitfrage dieser Arbeit lautet: Wie wird die Gesellschaftsordnung in den Dystopien 1984 von George Orwell und Fahrenheit 451 von Ray Bradbury aufrecht erhalten und welche Gemeinsamkeiten weisen die beiden Werke im Hinblick auf die vorherrschenden Machtverhältnisse auf?

Als Methode dieser Seminararbeit dient die Literaturrecherche sowie v.a. die eigenständige Untersuchung der beiden Werke auf Basis von Michel Foucaults Praktiken der Machtanalyse. Die Werke werden zunächst anhand selbstgewählter Kategorien beschrieben und miteinander verglichen. Die gesellschaftlichen Kategorien für die Analyse sind dahingehend gewählt, dass sie eine große Relevanz für das Bestehen der Gesellschaftsordnung haben und im darauffolgenden Kapitel als Beispiele für die Analyse der Machtbeziehungen dienen. Kurz zusammengefasst, die Leitfrage dieser Arbeit wird durch die Ergebnisse der Analyse unter Einbezug von wissenschaftlicher Literatur beantwortet.

Der theoretische Fokus dieser Arbeit liegt auf Foucault, obwohl er sich nie als Theoretiker der Macht sah. Er sah Macht als praktisches Prinzip und hinterfragte, wie sie in der Gesellschaft funktioniert und sie analysiert werden kann. In unzähligen Publikationen geht er auf das Konzept der Macht und Disziplin sowie die Möglichkeiten der Analyse ein. In „Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I“, erstmals erschienen 1983, beschreibt er u.a., auf welche Weise sich Machtverhältnisse in einer Gesellschaft vollziehen können und welche Rolle der Widerstand spielt. Er führt auch in die Konzepte der „Bio-Politik“ und „Bio-Macht“ ein, auf welche später genau eingegangen wird. In „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“, erstmals erschienen 1994, wird die Entwicklung des Strafsystems vom Mittelalter bis heute dargestellt. Foucault geht in diesem Werk u.a. auf die Wirkung von körperlichen Strafen sowie die verschiedenen Möglichkeiten, den menschlichen Körper zu disziplinieren, ein. Die genannten Werke von Foucault sind eine wichtige Grundlage für die Analysepraktiken in dieser Arbeit und enthalten Beispiele, die gut auf die Dystopien 1984 und Fahrenheit 451 umgelegt werden können.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in zwei große Abschnitte: Zu Beginn wird der Gesellschaftsaufbau und das Leben in den beiden dystopischen Welten anhand von vier Kategorien eingehend beschrieben. Die vier Kategorien behandeln die Gesellschaftsordnung, die SystemgegnerInnen, das Freizeit- und Familienleben und die Bedeutung von Sprache sowie die Rolle des Krieges. In diesem Abschnitt wird auch auf Gemeinsamkeiten von Fahrenheit 451 und 1984 hingewiesen. Im zweiten Abschnitt wird zuerst in das Machtkonzept von Foucault eingeführt und anschließend werden die Gemeinsamkeiten der Machtverhältnisse und -beziehungen in den Werken auf Basis von Foucault analysiert. Dabei liegt ein Fokus auf den verschiedenen Disziplinartechniken in den hier behandelten Dystopien.

Beschreibung und Gemeinsamkeiten der dystopischen Gesellschaftsmodelle in 1984 und Fahrenheit 451

Hierarchisierung der Gesellschaft – politische und gesellschaftliche Ordnung

Über die politische Ordnung ist in Fahrenheit 451 beinahe nichts erwähnt. Genauso wenig erfährt der Leser über die Produktionsverhältnisse und die ökonomische Lage im Allgemeinen. Es scheint, als wären Güter im Überfluss und ein gewisser Wohlstand vorhanden. Es wird im Buch erwähnt, dass die Bevölkerung am Land unter Armut leidet.

Wer regiert, ist in Fahrenheit 451 nebensächlich. Der Spitzenkandidat wird nur nach seiner äußerlichen Erscheinung und seiner Performance auf den Fernsehwänden beurteilt. (vgl. Bradbury 2000, 114f.) Die Gesellschaft in Fahrenheit 451 ist ohne moralische Ordnung und ethische Basis, es herrscht keine Gesellschaft im eigentlichen Sinne. Die Bevölkerung wird durch kulturelle Homogenisierung zusammengehalten, der Fernseher dient als Kontrollinstrument der Massen. Die wesentlichen Elemente des Systems sind: Krieg, Wirtschaftskraft, Militär, Unterdrückung. (vgl. Baker 2005, 493) Die Feuerwehr funktioniert als Exekutive des Staates.

In 1984 herrscht eine gegenteilige Situation, die Organisation der Partei wird bis ins kleinste Detail beschrieben. Die Gesellschaft von Ozeanien ist durch eine starke Hierarchisierung geprägt und besteht aus drei Klassen: die Parteiinternen, die Parteimitglieder und die Proles. Letztere sind für die ersten beiden Klassen de facto keine Menschen. Die Ideologie des Engsoz unter der Führung des Großen Bruders ist allgegenwärtig in Ozeanien erkennbar ähnlich einer Diktatur. Der Staat ist in mehreren Ministerien organisiert: das Ministerium der Liebe, das Ministerium der Wahrheit, das Ministerium für Überfülle und das Ministerium für Frieden. (vgl. Orwell 2017, 10f., 67)

Das ozeanische Gesellschaftssystem ist statisch, denn die Vergangenheit kann jederzeit vom Ministerium für Wahrheit geändert werden und aufhören zu existieren. Die Partei kann die Vergangenheit an die gegenwärtige Situation anpassen, die Bevölkerung befindet s ich in einer endlosen Gegenwart, in der die Wahrheit von der Partei produziert wird. Das einzige Interesse der Partei ist das Streben nach Macht in einer endlosen Herrschaft. Die Macht der Partei durchdringt die Gesellschaft auf allen hierarchischen Ebenen. (vgl. Orwell 2017, 316)

SystemgegnerInnen

Fahrenheit 451: Zur Schaustellung der SystemgegnerInnen zur Sicherung der Souveränität

In Fahrenheit 451 stehen die Bücher und jene, die sie verbotenerweise lesen, dem System Gegenüber. Der Akt des Lesens kann als individuelle moralische Handlung gesehen werden und die Bücher als letztes Überbleibsel der Humanität bzw. des ethischen Wissensschatzes. Die Hochkultur der Bücher steht somit in Konkurrenz zur Konsumgesellschaft und der Kommodifizierung des Lebens. Die Bücherverbrennung, v.a. spezielle Fälle, werden als Schauspiel der Bevölkerung dargeboten, wie die Verfolgungsjagd Montags. Gerade das Ende der Verfolgungsjagd, bei der ein Unschuldiger anstelle Montags sterben musste, zeigt die wahre Funktion der Verfolgung. (vgl. Bradbury 2000, 169) Es geht hierbei nicht um die Rechtsdurchsetzung, sondern um die Terrorwirkung des Vollzugsaktes, bei dem das Volk der Adressat ist. Die politische Führung stellt durch den Akt der Vollstreckung ihre Souveränität wieder her, ähnlich der Marter im Mittelalter. (vgl. Foucault 1994, 64f.) Eine Verfolgungsjagd ohne Vollstreckung am Ende wäre unvorstellbar und würde die Souveränität und die Autorität des Systems untergraben.

In Fahrenheit 451 zeigen sich mehrere Formen des Widerstands, aber es gibt keine offiz ielle Widerstandsbewegung. Die Revolutionäre verbringen ihr Leben außerhalb der Stadt in der Natur und stellen somit einen großen, passiven Gegensatz zur maschinellen, urbanen Welt dar. Clarisse ist zwar keine aktive Systemgegnerin, aber eine Schlüsselfigur für die Emanzipation Montags. Sie passt nicht in das gesellschaftliche System und bekommt das jeden Tag zu spüren. In der Schule wird sie als ungesellig und merkwürdig bezeichnet, weil sie nicht den üblichen Freizeitbeschäftigungen nachgeht, z.B. mit Freunden Dinge zerstören oder mit extrem erhöhter Geschwindigkeit Auto fahren. (vgl. Bradbury 2000, 44, Baker 2005, 497) Faber ist ebenfalls aus dem passiven Widerstand, da ihm der Mut fehlt, aktiv gegen das Regime zu kämpfen. Der einzige aktive Widerstandskämpfer des Romans ist Montag, der – scheinbar von seinen körperlichen Instinkten geleitet – immer mehr Bücher von Einsatzorten mitnimmt und zuhause versteckt. Es scheint, als hätte sich sein Verstand von seinem Körper getrennt während dieser Taten. (vgl. Baker 2005, 497)

Wer in Fahrenheit 451 Bücher besitzt und liest, begeht Hochverrat an der Regierung. Die Folge ist die Einlieferung in eine psychiatrische Anstalt oder der Tod durch den mechanischen Hund. Auf Nachfrage Montags, was mit dem Mann passiert sei, dessen Bibliothek von ihnen verbrannt wurde, antwortet Beatty: „Jeder ist geistesgestört, der meint, er könne die Regierung und uns hintergehen.“ (Bradbury 2000, 48) Eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft ist daher nicht mehr möglich.

1984: Verhinderung des Märtyrertodes

In 1984 kommt die Vernichtung von SystemgegnerInnen einem vielschichtigen Prozess gleich, der bis in die Psyche des Menschen vordringt. Zu Beginn erfolgt eine vollständige Gehirnwäsche, bei der durch schwere Folter Psyche und Körper gebrochen werden. Dies kann auch mehrere Jahre dauern. Die Folter und Umformung des Geistes ist nötig, weil kein Gedanke existieren darf, der sich gegen das System richtet. Das gesamte widerständische Gedankengut muss vernichtet und mit Liebe und Fanatismus für das System ersetzt werden. Dabei müssen die drei Stufen: „Lernen, Verstehen, Akzeptieren“ bestanden werden. (Orwell 2017, 313) In Orwells Dystopie werden die GegnerInnen solange zermürbt, bis sie 100%ig bekehrt sind und sich freiwillig ergeben. Erst nach dieser Heilung dürfen sie die Erlösung erwarten. Nach der Umformung der ParteigegnerInnen leben einige unauffällig am Rande der Gesellschaft, bis sie ihr Schicksal ereilt. Der Tod, obgleich schon Jahre während der Folter herbeigesehnt, wird erst zu einem späteren Zeitpunkt gewährt und kommt unerwartet. So wird verhindert, dass SystemgegnerInnen einen Märtyrertod sterben und die Bevölkerung die erlittene Erniedrigung vergisst. Niemand wird sich je an sie erinnern, denn sie werden aus der Vergangenheit gelöscht. (vgl. Orwell 2017, 305ff.)

Einige SystemgegnerInnen werden ebenfalls innerhalb der Partei zur Unterstützung der parteiinternen Propaganda verwendet. Beispielsweise werden die Parteiinternen jeden Morgen zu einem zweiminütigen Hassvideo („2-Minuten-Hass“) in einen Raum gebeten. Das Video handelt jeden Tag von Goldstein und seiner Gruppe, der bekanntesten Revoluzzer-Gruppe. Die wirkliche Existenz von Goldstein ist aber ungeklärt. Die Videos zeigen abermals neue Gräueltaten, die Goldstein angeblich begangen haben soll, während die Parteiinternen ihre Hasstiraden auf ihn herablassen. (vgl. Orwell 2017, 18fff.) Der Gegner wird einem jeden Tag vor Augen geführt, was auch das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Partei und der verschiedenen Abteilungen stärkt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
"Fahrenheit 451" von Bradbury und „1984“ von Orwell. Aufrechterhaltung und Dynamiken der Gesellschaftsordnung
Hochschule
Universität Wien  (Faculty for Political Science)
Veranstaltung
Seminar Kultur und Politik – Utopien/Dystopien
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V506716
ISBN (eBook)
9783346061348
ISBN (Buch)
9783346061355
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Orwell, Fahrenheit, Politik und Kultur, Literaturvergleich, Gesellschaft, Dystopie, Utopie, Foucault
Arbeit zitieren
Luana Luisa Heuberger (Autor), 2018, "Fahrenheit 451" von Bradbury und „1984“ von Orwell. Aufrechterhaltung und Dynamiken der Gesellschaftsordnung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506716

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