Die französische Intervention in Mali aus neorealistischer Sicht


Seminararbeit, 2019
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Entstehung und Verlauf des Konflikts

3 Theoriegrundlage
3.1 Neorealismus.
3.2 Balance-of-Threat-Theorie
3.3 Balance-of-Interests-Theorie

4 Frankreichs historische Rolle in Afrika
4.1 Frankreich als Kolonialmacht
4.2 Entkolonialisierung und Francafrique

5 Motivaton für Frankreichs Eingreifen
5.1 Terrorismusbekämpfung
5.2 Migrationsbekämpfung
5.3 Erhaltung und Erweiterung von Rohstoffkanälen

6 Theoriebezug
6.1 Zum Neorealismus
6.2 Zur Balance-of-Threat-Theorie
6.3 Zur Balance-of-Interests-Theorie

7 Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Der Kriegsforscher Herfried Münkler äußerte sich zu Kriegen im 21. Jahrhundert wie folgt: „Innergesellschaftliche Kriege sind nicht auf Geländeabschnitte begrenzt, [sondern] haben eine starke Tendenz, die Grenzen ihres Ursprungsgebietes zu überspringen und sich innerhalb kür- zester Zeit in transnationale Kriege zu verwandeln“ (S. 31). Dieser Umstand wird um das Maß erhöht, um das sich auf dem umkämpften Territorium Bodenschätze befinden (vgl. ebd., S. 16). Diese Analyse trifft auf Mali zu. Längst wird der Konflikt nicht mehr nur von Aufständischen und der Regierung bestimmt. Internationale Akteure haben teil. Allen voran die ehemalige Ko- lonialmacht Frankeich. Sicherheitspolitische und wirtschaftliche Interessen, sowie Migration spielen eine Rolle (vgl. Gebauer/Hengst 2013). Ich möchte mich auf die französische Interven- tion und somit auf Frankreich als ausländischen Hauptakteur fokussieren. In dieser Arbeit werde ich das französische Eingreifen aus Sicht des neorealistischen Theorieansatzes betrach- ten und darlegen welche Aspekte sich mit dem selbigen erklären lassen und welche wiederum offen bleiben. In diesem Kontext werde ich mich mit folgenden Fragen beschäftigen: Kann der Hilferuf aus Bamako unter dem Aspekt des Bandwagoning verbucht werden? Welche Eigenin- teressen verfolgt Frankreich in Mali? Lässt sich das Bedrohungsszenario der islamistischen Gruppen vor Ort mit der Balance-of-Threat-Theorie erklären?

Um den Kontext zu verstehen werde ich zunächst die Entstehung und den Verlauf des inner- staatlichen Konflikts in Mali nachzeichnen. Des Weiteren bleiben, das Skizzieren der Sonder- rolle Frankreichs in Afrika und die damit in Verbindung stehenden Interessen und Vorgehens- weisen in Mali und das Aufzeigen der Legitimation des französischen Staates als Interventi- onsgrund, bevor ich die aktuelle Situation erläutere, ein Fazit ziehe und eine Theoriekritik durchführe.

2. Entstehung und Verlauf des Konflikts

Der aktuelle internationale Konflikt nahm seinen Lauf bereits in der Unabhängigkeitszeit der ehemaligen französischen Kolonien in Westafrika. Durch die Grenzziehung, des einstigen Ko- lonialherren, verteilte sich das Siedlungsgebiet der nomadischen Tuareg nun auf fünf postkolo- niale Staaten. Seither verfolgen die Tuareg den Wunsch nach einem eigenen vereinten Staats- gebiet (vgl. Klute/Lecocq 2016, S. 83).

So organisierten sie sich Anfang der 1990er Jahre zum Mouvement Populaire pour la Liberation de l´Azawad (MPLA) und führten bewaffnete Angriffe in Mali durch. Der Armee gelang es nicht die Aufstände unter Kontrolle zu bringen. Woraufhin 1991 ein Waffenstillstand zwischen der MPLA und der Regierung ausgehandelt wurde, welcher den Tuareg einen Sonderstatus für den Norden Malis und eine de facto Autonomie zusicherte. Noch im selben Jahr kam es zu internen Auseinandersetzungen innerhalb der MPLA. Spaltungen in unterschiedliche Splitter- gruppen waren die Folge. Die Kämpfe gingen auch zwischen den neu gegründeten Splitterbe- wegungen weiter. Unter diesen Auseinandersetzungen hatte vor allem die Zivilbevölkerung zu leiden. Dies nahm eine Gruppe lokaler Führungspersönlichkeiten zum Anlass, eine Versöhnung aller ethnischen Gruppen in Nordmali in die Wege zu leiten. Die Anstrengungen führten zum Erfolg und resultierten im Bourem-Pakt, der 1996 Frieden brachte (vgl. ebd. S. 85-90).

Die vom arabischen Frühling ausgehenden Revolutionsbestrebungen in Libyen 2011 hatten auch Auswirkungen auf Mali. Gaddafi rekrutierte unter anderem Tuareg zur Aufstandsbekämp- fung. Nach Gaddafis Sturz kehrten diese bewaffnet und kampferfahren nach Mali zurück. Es folgte die Gründung einer neue Bewegung, die Mouvement National pour la Liberation de l´Azawad (MNLA). Diese, nun militärisch gut ausgestattet, forderte erneut, zunächst friedlich, die Unabhängigkeit und die Bildung eines eigenen Tuaregstaates. Die malische Regierung ver- stärkte daraufhin und auf internationalen Druck ihre Militärpräsenz im Norden. Die MNLA sah sich deshalb 2012 gezwungen kriegerische Auseinandersetzungen einzugehen, aus welchen sie siegreich hervorgingen. Am 6. April 2012 verkündete sie die Gründung ihres Staates Azawad in Nordmali. Der MLNA gelang es nicht die öffentliche Ordnung und den Schutz der lokalen Bevölkerung sicherzustellen. Sie wurden in November 2012 von islamistischen Splittergruppen vertrieben. Dem Mouvement pour l´Unicite et le Jihad en Afrique de l´Oues (MUJAO), ein Ableger der Al-Qaida im Maghreb, gelang es mit Unterstützung der, ebenfalls islamistischen, Ansar Dine strategisch wichtige Städte wie Gao und Menaka einzunehmen. In den besetzten Gebieten gilt seither die Scharia (vgl. ebd. S. 92-96; Gänsler 2013; Gorzewski 2013).

Nach dem Vorstoß der Islamisten nach Zentralmali wendete sich die malische Regierung an Frankreich mit der Bitte um Unterstützung (vgl. Klute/Lecocq 2016, S. 96).

3. Theoriegrundlage

3.1 Neorealismus

„Kaum eine Theorie hat die politologische Disziplin der internationalen Beziehungen hat so stark geprägt wie der Neorealismus“ (Schörnig 2010, S. 65.).

Im Neorealismus sind Staaten die Hauptakteure der internationalen Gesellschaft. Hierbei wer- den Staaten als homogen betrachtet. Ihre innere Beschaffenheit, ob Sozialismus, Kapitalismus, Demokratie oder Diktatur, spielt für die Betrachtung keine Rolle. Die neorealistische Weltord- nung zeichnet sich durch die Dominanz von Sicherheitsinteressen und dem Selbsterhaltungs- trieb der Akteure aus. Es gibt keine zentralisierte Weltinstanz die das internationale Handeln von Staaten untereinander reglementiert und im Falle eines Verstoßes sanktioniert. Die Abwe- senheit einer solchen Instanz wird unter Neorealisten als Anarchie bezeichnet. Aufgrund dieser Anarchie befinden sich Staaten im globalen System in ständiger Unsicherheit über die Inten- tionen des Nachbarstaates und müssen deswegen immer auf den schlimmsten Fall (Krieg) vor- bereitet sein (vgl. ebd. S. 65-73).

Nach Waltz ist jeder Staat somit gezwungen sich auf seine eigenen Interessen zu konzentrierten und nicht auf Hilfe von außen zu vertrauen (vgl. Waltz 2010, S. 107). Als Präzisierung dieser Aussage benutz Waltz die Balance-of-Power-Theorie. Laut ihr sind Staaten, die in einem anar- chistischen System überleben wollen, gezwungen alles daran zu setzen ihre Sicherheit zu ma- ximieren. Sicher sind sie erst wenn ein Mächtegleichgewicht entsteht, da potenzielle Aggres- soren durch die Möglichkeit einer Niederlage abgeschreckt werden. Solche Prozesse bezeichnet der Neorealismus als Blanacing. Durch Balancing ist es jedem Staat möglich seine eigene Po- sition im internationalen System selbst zu bestimmen. Machtverschiebungen zugunsten eines anderen Staates können entweder durch eigene Aufrüstung oder durch Bündnisbildung ausge- glichen werden. Setzt ein besonders mächtiger Akteur seine Mittel zur Verbesserung seiner Position ein, ist es wahrscheinlich, dass schwächere Staaten durch Bündnisbildung versuchen diese Macht auszugleichen. Staaten verbünden sich also gegen den mächtigsten Akteur im in- ternationalen System. So kann eine uni-, bi- oder multipolare Weltordnung entstehen (vgl. Schörnig 2010 S. 74ff.). Waltz geht in diesen Zusammenhang davon aus, dass bipolare Systeme am wenigsten zu Krieg neigen und am stabilsten sind, da sich Machtverhältnisse in solchen Systemen am ehesten überschauen lassen und am wenigsten Fehleinschätzungen unterliegen (vgl. Waltz 2010, S. 161ff.).

3.2 Balance-of-Threat

Stephen Walt verändert die Grundannahme der Balance-of-Power-Theorie von Waltz und be- gründet die Balance-of-Threat-Theorie (vgl. Schöring 2010, S. 80). Laut dieser verbünden sich Staaten im internationalen System nicht gegen den mächtigsten Akteur und streben somit kein Mächtegleichgewicht an, sondern gegen den Bedrohlichsten und streben ein Gleichgewicht der Bedrohungen an: „Balance-of-power theory predicts that states will ally against the strongest state in the system, but balance-of-threat-theory predicts they will tend to ally against the most threatening“ (Walt 1997, S. 933).

3.3 Balance-of-Interests-Theorie

Mit Randall Schweller reformuliert ein weiterer Politikwissenschaftler eine Grundannahme der Waltz'schen Balance-of-Power-Theorie. Schweller argumentiert, dass sich schwächere Staaten nicht zwangsläufig gegen den mächtigeren Staat zusammenschließen, sondern sich freiwillig in eine Allianz mit dem stärkeren Staat begeben. Dieses Verhalten wird als „bandwagoning“ (Schweller 1994, S. 72) bezeichnet. Staaten neigen speziell zu solchem Verhalten, wenn sich für sie dadurch Gewinne erzielen lassen: „Balancing is driven by the desire to avoid losses. Bandwagoning by the opportunity for gain. […] States tend to bandwagoning for profit rather than [for] security” (ebd. S.74; 99). Diese Modifikation der Waltz'schen Theorie bezeichnet Schweller selbst als Balance-of-interests: „[…] I propose a theory of balance-of-interests” (ebd. S. 99; vgl. Schöring 2010, S. 80).

4. Frankreichs historische Rolle in Afrika

4.1 Frankreich als Kolonialmacht

Der französische Einfluss und die Präsenz in Afrika beginnen im ausgehenden 16. Jahrhundert. Damals startete, begünstigt von der industriellen Revolution, die koloniale Ausdehnung Frank- reichs. Es wurden zahlreiche Rechtfertigungen gefunden. Die Sicherung der Märkte und der Einflusssphäre, Freiheit und Schutz des Handels und schließlich der Wunsch Frankreich sich als Großmacht zu behaupten (vgl. Fremeaux 2008, S. 152;159f.). Der damalige Ministerpräsi- dent Jules Ferry äußerte sich wie folgt: „Einfluss ohne Handel, ohne Einbindung in das Welt- geschehen […] bedeutet für eine große Nation dasselbe wie Abdankung, und schneller als Sie sich vorstellen können, bedeutet es den Abstieg vom ersten Rang […]“ (ebd. S. 160). In den folgenden Jahrhunderten wurde die Kolonialisierung energisch vorangetrieben. Nachdem es Frankreich gelang nach Schwarzafrika vorzudringen und einige Länder zu unterwerfen, kam es 1884/85 zur Kongokonferenz in Berlin. Gegenstand dieser Konferenz war die territoriale Auf- teilung des afrikanischen Kontinents. Belgiens Anspruch auf den Kongo, sowie Frankreichs Anspruch auf die Gebiete nördlich des Kongo wurden anerkannt. Dies löste einen Wettlauf der Europäer auf afrikanische Ländereien aus (vgl. Schunck 1994, S. 305). So kam es zwischen 1880-1897 zur Kolonialisierung Westafrikas (darunter auch Malis) durch Frankreich, das fortan als Französisch-Westafrika existierte. Frankreichs koloniale Ausdehnung erreichte von 1870- 1914 ihren Höhepunkt, womit das französische Kolonialreich, nach dem britischen zum zweit- größten der Welt avancierte. In Afrika erstreckte es sich von Algerien bis zum Kongo, was 90% der Gebiete des kompletten Kolonialreichs ausmachte (vgl. ebd; Fremeaux 2008, S. 157).

4.2 Entkolonialisierung und Francafrique

Im Verlauf der folgenden Jahrzehnte kam es zu Spannungen im Kolonialreich. Nationale Kräfte trieben die Unabhängigkeit voran. Frankreich versuchte solche Bestrebungen durch den Ausbau der Rechte für Kolonien, wie z. B. die Gleichstellung der Kolonialbürger mit Staatsbürgern Frankreichs, im Keim zu ersticken (vgl. Schunck 1994, S. 477; Fremeaux 2008, S. 171). Doch Frankreichs Einfluss in Afrika schwand fortwehrend, was letztendlich in der Entkolonialisie- rung mündete (vgl. Uterwedde 2017, S. 177; Schunck 1994, S. 546). Anfang der 1960er Jahre entließ Frankreich schließlich alle afrikanischen Kolonien auf ganz unterschiedliche Weise in die Unabhängigkeit (vgl. Schunck 1994, S. 547).

Dies geschah jedoch nicht ganz uneigennützig. Frankreich gelang es ein ganzes Spektrum von diplomatischen und militärischen Vereinbarungen an die Unabhängigkeit zu knüpfen, welche wohlwollend von den Ex-Kolonien aufgenommen wurden. Mit Hilfe dieser Vereinbarungen legte Frankreich eine stabile Grundlage im postkolonialen Afrika (vgl. Fremeaux 2008, S. 175). Die Unterhaltung fortdauernder Beziehungen Frankreichs mit Afrika ist unter dem Begriff „Francafrique“ (Thorel 2013) bekannt geworden. Der Begriff bezeichnet die postkolonialen Beziehungen Frankreichs zu seinen ehemaligen Kolonien im Zeichen der Frankophonie (vgl. ebd.; Uterwedde 2017, S. 176). Der frankophone Kongo, ehemalige belgische Kolonie, wurde in diese Beziehungen eingebunden (vgl. Schlichte 1998, S. 310). Für Frankreich ist die Fran- kophonie ein Instrument um die weltweite Entwicklung der französischen Sprache, Kultur und Wissenschaft zu fördern, darüber hinaus aber auch eine wertvolle Plattform außenpolitischer Einflussnahme. Ein gutes Beispiel ist die Eingliederung der postkolonialen afrikanischen Staa- ten in die UNO durch Frankreich selbst, wodurch sich die französischsprachigen Vertreter und das Ansehen Frankreich in der Organisation erhöhte (vgl. Schunck 1994, S. 547).

Ursprünglich entstand Francafrique, weil „die traditionelle französische Einflusssphäre trotz Entkolonialisierung aufrechterhalten werden [sollte], um weiterhin den wirtschaftlichen Inte- ressen Frankreichs zu dienen“ (Thorel 2013). Beispielsweise der Zugang zu Energieressourcen im ehemaligen kolonialen Machtbereich. Im Kern bestehen diese Interessen bis heute. Das Zu- sammenarbeiten, das unter Francafrique geführt wird, umfasst umfangreiche Handels- und Mi- litärabkommen, sowie Diplomatie und Entwicklungshilfe (frankophone afrikanische Staaten erhalten die Hälfte der öffentlichen Entwicklungshilfe Frankreichs). Außerdem sind sie an die Franc-Währungszone (heute Euro) gekoppelt und in einer Vielzahl von überstaatlichen Orga- nisationen untereinander und mit Frankreich verflochten (vgl. Schlichte 1998, S. 309; Uter- wedde 2017, S. 178). So ist es Frankreich gelungen in Afrika eine besondere Einflusszone sei- ner Politik auch nach der Entkolonialisierung aufrecht zu erhalten. Sie umfasst 30 Staaten, da- von 17 ehemalige Kolonien (vgl. Uterwedder 2017, S. 178). Damit nimmt Frankreich eine Son- derrolle unter den ehemaligen Kolonialmächten ein, weswegen es oft mit dem Vorwurf kon- frontiert ist neokoloniale Politik zu machen (vgl. Schlichte 1998, S. 309).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die französische Intervention in Mali aus neorealistischer Sicht
Hochschule
Universität Kassel
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V506839
ISBN (eBook)
9783346063007
ISBN (Buch)
9783346063014
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frankreich, Mali, Neorealismus, Malieinsatz
Arbeit zitieren
Anton Kleister (Autor), 2019, Die französische Intervention in Mali aus neorealistischer Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506839

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