Was Hollywood aus dem Erzähltyp des Abenteuers macht

Den Reichtum an Talenten in Reichtum an Geld umwandeln


Essay, 2019

6 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Mit einem thematischen Medienwechsel weg von der Literatur von Chrétien de Troyes Aben- teurer Yvain bis zu James Joyce oder Franz Kafka und hin zur Filmfabrik Hollywood in seinen goldenen Jahren (1930-1960) rundete Prof. Dr. Liptay die Ringvorlesung „Glücksritter. Risiko und Erzählstruktur“ der DFG-Forschungsgruppe Philologie des Abenteuers gelungen ab.

Unter Risikomanagement in Hollywood versteht Liptay die Herausbildung eines Absich- erungssystems im Studiosystem Hollywoods, beruhend auf Planung und Kalkül. Ziel der Produ- zenten ist die Begrenzung des Risikos von Fehlinvestitionen sowie die Umsatzoptimierung.

Insbesondere kann in der strengen Differenzierung zwischen Testen und Experimentieren der fruchtbare Beitrag der Filmwissenschaftlerin der Universität Zürich zur Lesungsreihe gesehen werden: während der Abenteurer im klassischen Sinne kaum Einfluss auf das Risiko hat, setzt die Hollywoodmaschinerie diesem Rausch des Glücksritters das Kalkül entgegen. Liptay belegt die Standardisierungstendenzen mit Testaufnahmen der sog. China-Girls 1 und speziell anhand des Filmes von 1937 „A Star was born“ (dt. Titel: „Ein Stern geht auf“). Der Film dokumentiert den Aufstieg der durchschnittlichen Esther Blodgett (gespielt von Janet Gaynor), die es im Sinne einer cinderella-story aus dem Elend der Statistinnen zum Star in der Metropole der Träume Hollywood schafft. Den doppelstängigen Plot des von David O. Selznick produzierten Films vervollständigt der Abstieg des alkoholkrankes Schauspielers Norman Maine (gespielt von Fredric March) bis zu seinem Suizid ab.

Mit weiteren die Kehrseite der Traumfabrik Hollywood aufzeigenden Beispielen wie etwa George Dewey Cukors Film „What Price Hollywood?“ aus dem Jahr 1932 oder vielen weiteren Filmen über ein namenloses, ausgebeutetes Schauspielerproletariat, die vergebens ihr Glück zu machen versuchen,2 wurde die Schlüsselfunktion des Testens zur kommerziellen Realisierung des Abenteuers im Medium Film transparent. Das erklärte wie erreichte Ziel der Vortragenden war der Einblick in das Risikomanagement, Sicherheitsdenken und Kontrollwesen des Test- apparat Hollywood, der hinter den Geschichten des Abenteuers in den Kinosälen steht. Denn schließlich verdiene derjenige am meisten Geld, der wisse, was der Zuschauer sehen möchte.

Im Folgenden werden essayistisch drei Gedanken ausgeführt, zu denen der Vortrag Liptays angeregt hat.

(1. Paradoxien des Abenteuers) Die Forschungsgruppe kategorisiert sieben Paradoxien des Abenteuers. Offensichtlich wird dadurch, dass der Erzähltyp Abenteuer meist ungenau zwischen zwei Definitionspolen abläuft oder diese gar verbindet.3 Folgerichtig steht nun der Begriff Abenteuer weniger für narratologische Präzision und weit mehr als schillernder Allerweltsbegriff.4 Deutlich macht dies auch der Blick zum Hollywoodabenteuer: Wagemut auf der Leinwand und Risikovermeidung in der Produktion gehen einander mit her. Dieses paradoxe Verhältnis zwischen Sicherheitsbedürfnis und Abenteuerlust, die sich gegenseitig keinesfalls ausschließen, sondern vielmehr wechselseitig komplementieren, wird dur ch die positive Besetzung des Risikos in der kapitalistischen Gesellschaft der USA gestärkt. Aus der Erfahrung der Prosperität der 1920er Jahre wird Risiko moralisch und gesellschaftlich gerechtfertigt, während die Produktionsapparat dahinter industriell wie wissenschaftlich abgesichert5 das Risiko auf ein Minimum managt. Weiter präsentieren Filme wie „A Star was born“ das Glücks- versprechen auf Aufstieg sowie die unmittelbare Kehrseite des tragischen Abstieges. Das Ergeb- nis von Risiko und Abenteuer ist also zum einen Glück und zum anderen Scheitern.

So trivial die Gattung des Abenteuers auch sein mag, wohnt ihm oftmals ein Kompromiss inne, wobei in einer Form der Selbstreflexivität die Schattenseiten und der märchenhafte Erfolg durchgespielt werden. Dies trägt als bis heute wirksame Technik Hollywoods zu einer gewissen (Selbst-)Mythisierung bei. Spielfilme von der Westküste der USA können deshalb als Para- doxien zwischen den Genrepolen Märchen und Dokumentation pendeln; ja verbinden diese mitunter. Beim Punkt der besonderen Anziehungskraft Hollywoods in Verbindung mit Risiko und Erzählstrukturen des Abenteuers muss auch der Mythos und die Glorifizierung der westward expension mitgedacht werden, zumal die von der Ostküste beginnende Besiedlung Nordamerikas viele Komponenten des Abenteuers aufweist.

(2. Der schlechte Ruf des Abenteuers) Wer vorschnell und ostentativ dem Unterhaltungs- kapitalismus jeden ästhetischen Kunstcharakter abspricht sowie Profit und avantgardistische Kunstproduktion als unvereinbar betrachtet, der bezichtigt wohl auch eher das Abenteuer der Trivialität. Provokant, aber nicht zu Unrecht kann hier unterstellt werden, dass aus einer arrogant-intellektuellen Extraposition eines sterilen Theoretikers, der mit der griechischen Übersetzung des Begriffs Philologie nichts anzufangen weiß, dem Abenteuer meist ein viel zu schlechter Ruf zugewiesen wird. Schließlich hat sich doch jeder schon einmal – altersunabhängig– von einem Abenteuer begeistern lassen. Es kann und sollte umgekehrt vielmehr als eine intel- lektuelle Leistung betrachtet werden, wenn sich ein Rezipient im Moment der Lektüre oder des Kinobesuches auf den Stoff des Abenteuers einlassen kann.

Wer dann über Ereignis, Zufall und Schicksal, Risiko und Glück reflektiert, kann sich dem Erzähltypus annähern. Auch das hat Hollywood zu bieten: Blockbuster wie „A Star was born“, das wird deutlich, erfüllen mühelos nicht nur die aufgestellte Minimaldefinition des Abenteuers,6 sondern auch die Ergänzungen des Romanisten Prof. Dr. Bernhard Teuber in seinem Beitrag zur Ringvorlesung. Eine Heldin, die – einst noch zu Pferd nun mit der Eisenbahn – eine grenzüber- schreitende Bewegung aus der angestammten Welt dem Risiko entgegen anstellt und gefährliche wie arrangierte Kontingenzen meistert, wird von einer Erzählinstanz präsentiert. Dabei ist die essentielle Ungewissheit genauso gegeben wie die Präsentation des Scheiterns, denkt man an den gleichzeitig zum Aufstieg der Heldin stattfindenden Abstieg des Stars Norman Maine. Schließlich steht für die Durchschnittsperson am Ende der Aufstieg zum Star.

Zwar gewinnen viele Menschen durch das Abenteuer einen ersten Zugang zu Literatur, aber dennoch stand für die Philologien die Gattung des Abenteuers meist im Hintergrund. Zu plump, trivial und nicht ernst genug wird z.T. das Abenteuer betrachtet. Schon allein aus diesem Irrtum gewinnt die Forschungsgruppe zur Philologie des Abenteuers ihre fruchtbare Notwen- digkeit und – wie Marie Wokalek von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung richtig schreibt7 – ihre wissenschaftliche Legitimation zugleich.

(3. Identifikation als Erfolgsgarant des modernen Abenteuers) Das Abenteuer steht vor einer glorreichen Zukunft! Es ist massentauglich, es lebt von nicht stillzustellenden Triebkräften wie das genuin prosaische Phänomen der Spannung,8 es weist Abenteuerphantasmen aus und das Abenteuer stillt die Sehnsucht nach dem Auf- und Durchbruch der bestehenden Ordnung und Regeln unserer Alltagswelt. Hollywoodabenteuer könnten auch nicht säkularer sein und gewin- nen im Gegensatz zu antike Mythen um die Götter daran einen universellen Charakter. Daher keine Angst um den Erzähltypus!

[...]


1 Dabei handelt es sich um die Testaufnahmen puppenartiger Damengesichter mit sehr hellen Teint, die trotz eines rassistischen Potenzials eine normative withness in der Branche als ultimativ setzen. China-Girls stehen gewisser- maßen für das namenlose Proletariat dieser Filmwelt und zugleich als Belege für die Normierungsansätze.

2 Im Dokumentarfilm von 2005 „Girls on Film“ trugen Julie Buck und Karin Segal diese Testbilder von unbekannten Schauspielerinnen zusammen. Auch die avantgardistischen Filmemacher Wilhelm und Birgit Hein montieren eben- diese Start- und Endbilder der kommerziellen Filme in ihren „Materialfilmen“ vom 1976. Ebenso thematisiert Norman Fisher 1984 im Kurzfilm „Standard Gauge“ die Anonymität und Ausbeutung der China-Girls.

3 Koppenfels, Martin von, et al.: Wissenschaftliches Programm der DFG-Forschungsgruppe „Philologie des Abenteuers“, S. 5-7.

4 Ebd. S. 4.

5 Bereits früh begründete der Filmtheoretiker und Psychologe von der Harvard Universität Hugo Münsterberg mit dem Buch Psychologie und Wirtschaftsleben 1912 die Arbeitspsychologie und (Berufs-)Eignungsdiagnostik zur „optimalen Ressourcennutzung.“

6 Koppenfels, Martin von, et al.: Wissenschaftliches Programm der DFG-Forschungsgruppe „Philologie des Abenteuers“, S. 4.

7 Wokalek, Marie: Theorie des Abenteuers. Sind diese Helden noch heroisch? in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.02.2019.

8 Koppenfels, Martin von, et al.: Wissenschaftliches Programm der DFG-Forschungsgruppe „Philologie des Abenteuers“, S. 6.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Was Hollywood aus dem Erzähltyp des Abenteuers macht
Untertitel
Den Reichtum an Talenten in Reichtum an Geld umwandeln
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (Komparatistik))
Veranstaltung
Glücksritter. Risiko und Erzählstruktur
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
6
Katalognummer
V506841
ISBN (eBook)
9783346063779
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Glücksritter Risiko und Erzählstruktur, Glücksritter, Hollywood, A Star was born, Prof. Dr. Fabienne Liptay
Arbeit zitieren
Michael Prestele (Autor), 2019, Was Hollywood aus dem Erzähltyp des Abenteuers macht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506841

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