Soziale Arbeit in einer alternden Gesellschaft

Altern, Sterben, Tod und Trauern


Bachelorarbeit, 2019

69 Seiten, Note: 2,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Themenannäherung
2.1 Das Alter(n)
2.2 Das Sterben
2.3 Der Tod
2.4 Der Soziale Tod
2.5 Die Trauer
2.6 Die Sterbehilfe

3. Gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung über Vorstellungen und Umgang mit Sterben und Tod
3.1 Sterben und Tod vom Mittelalter bis zur frühen Neuzeit
3.2 Sterben und Tod ab Ende des 18. Jahrhunderts bis in die Moderne

4. Bedenkenswerte Aspekte Sozialer Arbeit im Umgang mit Sterben, Tod und Trauer
4.1 Der selbstbestimmte Tod und die Sterbehilfe
4.1 Sterben und Tod in Institutionen
4.3 Unterschiede in der Betroffenheit und im Umgang mit Alter(n), Sterben, Tod und Trauer von Männern und Frauen

5. Theoretische Bezugnahme zum Themenfeld Alter(n), Sterben, Tod und Trauer in der Sozialen Arbeit
5.1 Die Lebensweltorientierte Theorie
5.1.1 Grundgedanken der Lebensweltorientierten Theorie und ihre Herausforderungen in der zweiten Moderne
5.1.2 Fragen und mögliche Antworten zum Umgang mit dem Themenfeld Alter(n), Sterben und Tod in der zweiten Moderne

6. Sterben, Tod und Trauer - Aufgaben für die Soziale Arbeit
6.1 Sterbe- (Hilfe) und Begleitung in der Sozialen Arbeit
6.2 Die Soziale Arbeit in Hospiz und Palliative Care
6.3 Death Education und Soziale Arbeit

7. Fazit mit Ausblick

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abstract

In Deutschland werden seit dem 19. Jahrhundert statistische Daten zur Lebenserwartung erfasst. Im 21. Jahrhundert veranschaulichen diese Erhebungen, dass die Lebenserwartung eines Neugeborenen über das Doppelte gestiegen ist. Dieser Anstieg hängt mit verbesserten Bedingungen in der Hygiene und am Arbeitsplatz zusammen sowie mit dem Fortschritt in der medizinischen Versorgung. Mit der aktiven Zuwendung für den Erhalt und die Verlängerung von mehr Lebenszeit geht eine Abwendung vom Lebensende einher. Unmittelbar verbunden mit dem Lebensende nach einer langen Lebenszeit sind das Alter(n), das Sterben, der Tod und die Trauer. Die Abwendung von diesem Themenfeld, zugunsten des aktivierenden Sozialstaates, hat Gegenbewegungen hervorgebracht. Zu diesen zählen die Hospizbewegung, die Palliativ Care und die Death Education.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, die gesellschaftliche Entwicklung im Umgang mit Alter(n), Sterben, Tod und Trauer ebenso eingehend zu betrachten wie die Auswirkungen auf die Soziale Arbeit und ihre Akteur*innen. Die Soziale Arbeit nimmt sich der sozialen Probleme an, zu welcher die Folgen aus einer zunehmenden Lebenszeit sowohl für das Subjekt als auch für die Gesellschaft gehören. Bis heute wird die Versorgung am Lebensende von Medizin und Pflege dominiert. Gezeigt werden soll in dieser Arbeit, dass die Soziale Arbeit eine wertvolle weitere Perspektive und Kompetenzen mitbringt, die für einen humanitären demokratischen Staat im Umgang mit Alter(n), Sterben, Tod und Trauer unabdingbar sind.

1. Einleitung

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Max Klinger, der Tod am Wasser (Der pinkelnde Tod), 1881 (Schmidt, n. d., o. S.)

Der Tod war bis weit in die Neuzeit der vertraute Begleiter im Alltag der Menschen. Er wurde ins Zusammenleben integriert, so dass ein Mensch mitten in seinem Leben stets vom Tod umgeben war (vgl. Krüger, 2017, S. 23). Nach Hans-Werner Schmidt (n. d.), versucht Max Klinger dem bedrohlichen Tod mit Souveränität zu begegnen, indem er ihn in einer beißend humorigen Darstellung als einsamen Gesellen veranschaulicht, der zudem mit der menschlichen Schwäche des Stoffwechsels versehen ist. Gleichzeitig weist Klinger dem Tod die Rolle des Spielverderbers zu. Das Wasser wurde Ende des 19. Jahrhundert (Jh.) zum homöopathischen Korrektiv in Bezug zur „rasanten Industrialisierung mit all ihren Folgen“ (Schmidt, n. d., o. S.). Die Menschen haben Wasser als Reinigungsinstanz und Jungbrunnen gehuldigt, welches nun durch die Notdurft des Todes verunreinigt wird (vgl. Schmidt, n. d.).

Im 21. Jh. zeigt sich der Tod auch noch täglich, jedoch in einer anderen Form. Als Berichterstattung von Unfällen, Kriegen oder als gewaltsamer Tod mit Unterhaltungswert in Spielfilmen und Literatur (Mennemann, 1998, S. 1; Krüger, S. 57). Ein gesellschaftlicher Umgang mit Sterben und Tod, der seltsam anmutet, zumal in der sozialpolitischen Debatte die Bewältigung der Folgen des demografischen Wandels auf die Sozialsysteme intensiv diskutiert wird (vgl. Heckel, 2017, S. 1). Der demografische Wandel ist ursächlich dafür, dass in Deutschland von einer „alternden Gesellschaft“ gesprochen werden kann. Zwei Kriterien führen zum demographischen Wandel. Zum einen die sinkenden Geburtenraten und zum anderen das ungleiche Verhältnis zwischen der jungen Bevölkerung und der zunehmenden Anzahl alt gewordener Menschen. Dieses Zusammenwirken wird an den nachfolgenden Zahlen und Prognosen verdeutlicht. Die insgesamt sinkende Bevölkerungszahl in Deutschland lässt sich im Jahr 2005 mit 82,4 Millionen Menschen belegen und sie soll bis zum Jahr 2050 auf 69 Millionen sinken. Darin drücken sich die niedrigen Zahlen der Kinder, Jugendlichen und der junge Erwachsenen unter zwanzig Jahren aus. Im Jahr 2005 waren 20 % der Bewohner*innen jünger als zwanzig Jahre, 19 % waren 65 Jahre und älter, 61 % deckten die Altersspanne zwischen 20-65 Jahren ab. Erwartet wird, dass sich im Jahr 2050 nur noch die Hälfte der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zwischen 20-65 Jahren befinden wird. Hingegen werden mehr als 30 % älter als 65 Jahre und nur 15 % werden jünger als 20 Jahre sein. Die Zahl der 80-Jährigen und Älteren werden mit 40 % fast die dreifache Anzahl der Bevölkerung ausmachen als noch im Jahr 2005. Bei den Hundertjährigen wird ausgehend von ca. 10.000 Personen im Jahr 2005 mit einem Anstieg auf ca. 44.000 Personen im Jahr 2025 und mehr als 114.000 im Jahr 2050 gerechnet (vgl. Kondratowitz, 2012, S. 280). Das Alter einer Gesellschaft wirkt sich prägend auf die langfristige Nachhaltigkeit ihres ökonomischen Befindens aus, das „wiederum problematische Rückwirkungen auf die wohlfahrtsstaatliche Ordnungsparameter besitzt“ (ebd., 2012, S. 281).

Mit dem Begriff Alter(n) wird im 21. Jh. nicht mehr die bis dahin geschichtlich geprägte „letzte Lebensphase“ bezeichnet, sondern mit den jungen Alten werden in der Gesellschaft bereits „ältere“ Erwerbstätige ab dem 45. Lebensjahr bezeichnet. Aufgrund der deutlich gestiegenen Lebenserwartung ist zu der historisch dritten und letzten Lebensphase eine neue vierte Lebensphase mit der Gruppe der „Hochaltrigen Personen“ hinzugekommen. Sozialstaatlich betrachtet ist die Altersgrenze mit dem Ende der Erwerbstätigkeit verbunden. Alt ist aus dieser Perspektive, wer in den Ruhestand geht. Der Eintritt in den Ruhestand ist jedoch nicht einheitlich festgelegt, sondern hängt sowohl von den Bedingungen am Arbeitsmarkt als auch von Kriterien wie dem Geschlecht, den Berufsgruppen und den jeweiligen Qualifikationsstufen ab. Kenntlich wird durch die variable Festlegung des Kontext abhängigen Alter(n)s, dass das Alter(n) eine soziale Konstruktion ist. Aufgrund der unklaren Finanzierung des Rentensystems in Deutschland ist das Alter(n) und die zu bestimmende Grenze in der Politik ein Gegenstand intensiver Auseinandersetzungen geworden. Zu befürchten ist, dass rein materiell betrachtet, die soziale Ungleichheit innerhalb der alternden Gesellschaft zunehmen wird. Der strukturelle Wandel des Alter(n)s geht zudem mit einer zunehmenden Singularisierung und Feminisierung einher (vgl. Karl, 2004, S. 281-282).

Die Singularisierung entsteht häufig durch Verwittwung. Mehrheitlich sind es hochbetagte Frauen, die alleine leben. Erwartungsgemäß wird die Zahl der Personen, welche Versorgungs- und Gesundheitsangebote in Anspruch nehmen, mit der Hochaltrigkeit steigen. Gleichzeitig ist zu erwarten, dass das familiäre Pflegepotential, mitverursacht durch die Singularisierung, sinkt, weswegen auf die gesundheitlichen Versorgungssysteme neue Anforderungen zukommen (vgl. Olbermann & Reichert, 1993, S. 202-203, 206). Mit der Feminisierung im Alter wird gerne betont, dass vor allem Frauen häufiger von sozialen Problemen betroffen sind. Bezug genommen wird hier auf die gesellschaftliche Belastung durch die hohe Anzahl alter wie hochbetagter Frauen, da sich die Anzahl beispielsweise auf die Pflegekosten auswirkt. Kritisch erwähnt Gertrud Backes in diesem Zusammenhang die Erhebung der Kostenbilanz, die zwischen Männern und Frauen gezogen wird. Verglichen wurde die Gruppe der hochaltrigen Frauen mit Multimorbidität, Erkrankungen an Demenz und Pflegebedürftigkeit, mit der kürzeren Lebensspanne der Männer. Das Resultat dieses Vergleichs ist, dass die Frauengruppe für die Gesellschaft und das soziale Umfeld als höhere Belastung dargestellt wird. Häufig werden die Leistungen von Frauen, die im privaten Bereich z. B. bei der Pflege erbracht werden und die Gesellschaft entlasten, bei dieser Darstellung vergessen. Im Zuge der Feminisierung soll der hohe Anteil an alten bis hochaltrigen Frauen eine weibliche „Vergesellschaftungsform“ nach sich ziehen. Männer geben demnach die Gültigkeit ihrer spezifisch gesellschaftlichen Rolle mit der Beendigung ihres Erwerbslebens auf und neigen dazu, sich im Ruhestand der weiblichen Vergesellschaftungsform anzupassen (vgl. Backes, 2008, S. 449).

Die Folgen des Strukturwandels wirken sich auf die gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse maßgeblich aus. Sichtbar werden sie besonders in der Gesundheits- und Sozialpolitik. Gabriele Kleiner macht darauf aufmerksam, dass mit der alleinigen Feststellung des demografischen Wandels und den Versuchen, diesen mit Hilfe von erhöhten Beiträgen für die Pflege-, Kranken- und Rentenversicherung zu lösen, zu wenig getan ist. Die Entwicklung wird zu Veränderungen „in allen Institutionen und Bereichen der Sozialpolitik“ (Kleiner, 2005, S. 56) führen. Davon wird auch die Soziale Arbeit im Sinne eines grundlegenden Wandels betroffen sein. Die Aufgaben in der sozialen Altenarbeit werden eine Angebotsvielfalt benötigen, die sich an Angebot und Nachfrage zu orientieren hat und noch weit mehr an der historischen Entwicklung der Sozialen Arbeit und an den Zielen wie der Funktion der aktuellen Sozialpolitik. Die Soziale Arbeit, welche sich mit dem Alter(n) befasst, begegnet einem facettenreichen und vielfältigen Bild aus Lebensgeschichten, Lebensstilen und Lebenslagen. Einhergehen sie mit dem Themenfeld Sterben, Tod und Trauer am Ende eines gelebten Lebens. Ein Themenfeld, welches nach Kleiner sowohl allgemeine wie spezifische Anforderungen an die Soziale Arbeit stellt und bereits im Grundstudium der Sozialen Arbeit Beachtung finden sollte (vgl. Kleiner, S. 62). Denn „Wenn die letzte Stunde schlägt, erscheint ein ungebetener Gast und zwingt zur unwiderruflichen Reise in ein unbekanntes Land“ (vgl. Benkel, 2008, S. 132).

Die daraus abgeleiteten zentralen Fragen dieser Bachelorarbeit sind: Inwieweit besitzen die Aspekte des Themenfeldes Altern(n), Sterben, Tod und Trauer für die Soziale Arbeit mit alten Menschen in einer alternden Gesellschaft in Deutschland Relevanz und welche Aufgaben gehen für die Soziale Arbeit aus den thematisch ausgewählten Handlungsfeldern hervor.

In der Auseinandersetzung mit den Fragen an das Themenfeld Alter(n), Sterben, Tod und Trauer und der Bezugnahme auf die Soziale Arbeit, werden zunächst die für das Themenfeld bedeutsamen Begriffsdimensionen erläutert. Mit einem historischen Rückblick wird die gesellschaftliche Entwicklung und ihr Umgang mit dem Themenfeld verdeutlicht. Daraus gehen einige Aspekte hervor, die für die Soziale Arbeit in der Postmoderne bedacht werden sollten. Anhand der Lebensweltorientierten Theorie wird die reziproke Bedeutung von Theorie und Praxis veranschaulicht. Daran anschließend werden die mit der Theorie einhergehenden Aufgaben der Sozialen Arbeit im Themenfeld anhand von drei ausgewählten Handlungsfelder der Sozialen Arbeit eingehend betrachtet. Fazit und Ausblick gehen ineinander auf und bilden damit einen gemeinsamen Abschluss der Arbeit. Darin beinhaltet sind eine kurze Zusammenfassung, eine Möglichkeit künftiger Zusammenarbeit von Sozialer Arbeit in Hospiz und Palliativmedizin sowie eine persönliche Stellungnahme.

2. Themenannäherung

Mit der Annäherung an das Thema wird über die Dimensionen Alter(n), Sterben, Tod und Trauer die Basis der theoretischen sowie praxisbezogenen Erarbeitung des vorliegenden Themenfeldes gelegt.

Unter den Begriffen Sterben, Tod und Trauer sind weder im Fachlexikon noch im Handbuch der Sozialen Arbeit Einträge zu finden. Je nach Jahrgang sind im Handbuch der Sozialen Arbeit die Begriffe „Sterbehilfe“ oder „Tod“ in Verbindung mit „Hospizarbeit“ zu finden oder es werden die Begriffe „Sterbehilfe“ sowie „Sterbe- und Trauerbegleitung“ im Fachlexikon der Sozialen Arbeit erläutert.

2.1 Das Alter(n)

Allgemein bezeichnet der Begriff „Alter(n)“ individuelle Veränderungsprozesse, die sich auf die gesamte Lebensspanne beziehen. „Das Alter“ meint einen bestimmten Abschnitt im Lebenslauf. Altern(n) wird je nach Profession unterschiedlich definiert. Die Biologie beschreibt das Alter(n) als Veränderungen, welche mit der Reproduktionsphase einsetzen und mit einer abnehmenden Adaptionsfähigkeit des Organismus einhergehen. Die Psychologie sieht neben den Verlusten auch Zugewinne, die das Alter(n) mit sich bringt. Mithilfe der Biografischen Arbeit fragt die Psychologie danach, ob es zwischen Personen und sozialen Ungleichheiten im Laufe des Älterwerdens Unterschiede gibt. Soziolog*innen schauen im Rahmen der gesellschaftlichen Wandlungsprozesse auf die Lebensläufe als Teil des Älterwerdens. Sie gehen davon aus, dass Prozesse des Alterns im Zusammenhang mit sozialen Veränderungen stehen und durch veränderte Altersgrenzen sichtbar werden. Steigt die Lebenserwartung des Menschen, kommt es in vielen Gesellschaften zu normativen Forderungen durch die Politik an ältere Menschen. Unter dem Aspekt „aktiven Alters“ wird gesellschaftspolitische Partizipation in Form von mehr freiwilligem Engagement und längere Zeiten der Erwerbstätigkeit erwartet.

Zu weiteren Unterschieden kommt es bei der Definition des Beginns der Altersphase. Die biologische Definition bezeichnet die Altersphase als postreproduktive Phase und ist als Grundlagendefinition sowohl für das Individuum, als auch für die Gesellschaft wenig aussagekräftig. Die Lebenslaufsoziologie teilt anhand der Lebenslaufforschung einen Lebenslauf in drei Teile ein, welche sich an der Teilnahme am Arbeitsleben orientieren. Daraus resultiert eine Bildungsphase, eine Erwerbsphase und der Ruhestand. Dass eine Lebensphase, die sich Alter(n) nennt, entstehen konnte, liegt an der wohlfahrtsstaatlichen Institutionalisierung der Lebensläufe. Dabei kommt es sowohl von Seiten der Psychologie, als auch durch die Sozialberichterstattung zu einer Unterscheidung zwischen dem dritten und vierten Lebensalter. Deutlich zu sehen ist, dass ab dem 80. bis 85. Lebensjahr die Multimorbidität ebenso wie die sozialen Verluste deutlich ansteigen. Kritisiert wird zuweilen die Festschreibung der „dritten“ und „vierten“ Lebensalter, weil befürchtet wird, dass sich diese als Negativbilder in der Gesellschaft verfestigen. Die als gesellschaftlicher Erfolg zu verbuchende Verlängerung der Lebenszeit, geht zeitgleich mit zahlreichen Herausforderungen und Risiken für die Gesellschaft und Politik einher. Darunter fallen viele Aufgaben, wie dafür zu sorgen, dass ein selbstbestimmtes Leben im Alter ermöglicht wird. Die Sorge um die Gesundheit und Pflege gehören ebenso dazu, wie die Forderung nach verlängerten Arbeitszeiten (vgl. Tesch-Römer, 2017, S. 21-22).

Dem Grunde nach geht es um die Frage nach den Kosten und dem Nutzen der Alten in der Gesellschaft, eine Abwägung, die der Ökonomisierung zukommt, welche auch den Bereich Alter(n) umfasst. Aus hegemonial betriebswirtschaftlicher Perspektive wird das Alter auf die Konsumbereitschaft reduziert. Solange „die Alten“ konsumieren, werden sie positiv bewertet. Entfällt dieser Aspekt, wird das Alter(n) zum Kostenfaktor. Es kommt zu höheren Sozialversicherungsausgaben und der Pflegenotstand geht auf Kosten der nachfolgenden Generationen. Andere Realitäten des Alter(n)s könnten als Gegenargument durch volkswirtschaftliche, interaktionistische, kapitalisimuskritische oder aus den kritischen Analysen der Gerontologie hervorgehen. Diese sind jedoch selten, da es aus der Forschungsförderung, den Publikationsorten sowie der gerontologischen Gemeinschaft selbst Widerstand gibt (vgl. Aner, 2016, S. 37).

Die Pflege der Alten wird zumindest noch für die alternde Baby-Boom-Generation weitgehend von der Familie und dort fast ausschließlich von den Töchtern und Schwiegertöchtern, in Zusammenarbeit mit professionellen Pflegediensten, übernommen. Langfristig wird jedoch durch die steigende Anzahl von Einpersonenhaushalten die Ermöglichung und Förderung einer dauerhaften Implementierung von Diensten in den privaten Haushalten von alternden Menschen eine gesellschaftspolitische Aufgabe sein. Die Neubestimmung des Alter(n)s führt zu einer ambivalenten Kulturalisierung (Kondratowitz, 2012, S. 290). Dabei werden Werte und Normen wiederthematisiert, um zwischen den Älteren, der mittleren Generation und den Enkeln eine unterstützende Austauschbeziehung zu erwirken. Die Älteren unterstützen demnach die Jüngeren vor allem auf Ebene des Sach- und Geldtransfers, während in der Umkehrung die Älteren durch instrumentelle Hilfen Unterstützung erfahren. Im Zuge dieses Wandels weicht das Bild vom wohlverdienten Ruhestand nach dem zweiten Weltkrieg einer Neuverpflichtung. Diese geht vom aktiven Einsatz der Älteren sowohl für die Anliegen der Familie als auch in Form von bürgerschaftlichem Engagement aus (Kondratowitz, S. 283, 290, 292).

Mit dem Begriff Alter(n) kann gleichsam das gesellschaftlich positive Bild des Alter(n)s vom kompetenten Bürger und der kompetenten Bürgerin, die auch in ihrer letzten Lebensphase auf das „Selbstverständnis von Glück“ (Thiersch, 2015b, S. 183) bauen können, beschrieben werden oder es können die kränkenden Mühen des Subjekts, die mit dem Alt Werden einhergehen, beschrieben werden. Hierzu gehört das Leiden das mit dem Altern einhergeht. Es geht um die Verluste von Lebensmöglichkeiten und um die Frage nach der Nützlichkeit für andere, wenn das Da-Sein selbst schon genug Beschäftigung geworden ist. Wenn das Subjekt seines Lebens selbst entmächtigt wird, wird die Bezeichnung „Übergang“, der das Ende des Lebens kenntlich macht, zum Euphemismus, da der Übergang ein Abgang ist (vgl. Thiersch, 184-185).

2.2 Das Sterben

In der Medizin werden zumeist „die letzten drei bis sieben Lebenstage als Sterbephase“ (Oeing, n. d., o. S.) definiert. Diese Tage sind gekennzeichnet durch Schwäche, Abnahme von Mobilität und geistiger Leistungsfähigkeit sowie Rückgang des Verlangens nach Essen und Trinken. Der Atem verändert sich, häufig kann eine Art Rasseln gehört werden und „die Augen wirken eingefallen“ (ebd., n. d., o. S.). Das Ende der Sterbephase ist erreicht, wenn lebenswichtige Organe nicht mehr arbeiten und „das Gehirn nicht mehr mit Zucker und Sauerstoff versorgt wird“ (ebd., n. d., o. S.). Zuletzt erlöschen Atem- und Herztätigkeit (ebd., n. d.). Die Länge des Sterbeprozesses ist unterschiedlich, da sie abhängig ist an welcher Krankheit, durch welche äußeren Einwirkungen (Unfall, Vergiftung, Gewalt u.a.) oder altersbedingten Reduktionen dieser ausgelöst wurde. Häufig ist die letzte Phase des Sterbens verbunden mit der Agonie (Todeskampf). Die Folge ist, dass es zu einer Übersäuerung des Blutes kommt, die mit Keuchen und Zuckungen einhergeht (vgl. Thieme, 2019, S. 80). Aufgrund medizinischer Errungenschaften ist nach Peter Hucklenbroich (2001) hinzuzufügen, dass bei der Definition von Sterben heute nicht mehr der natürliche Verlauf gemeint ist, sondern der unter Berücksichtigung der medizinisch-technischen Möglichkeiten zu erwartende Verlauf (vgl. Hucklenbroich, S. 8). Die Problematik der medizinischen Lebensverlängerung, bspw. durch eine Herz- Lungenmaschine, liegt im Entzug des Willens der betroffenen Person und ihrer daraus folgenden Kommunikationsunfähigkeit. Dieser Zustand kann als Verlust der Würde gesehen werden, wodurch ein menschliches Grundrecht verletzt werden würde. In diesem Kontext wird auch das Recht auf ein „selbstbestimmtes Sterben“ diskutiert, welches in der Gesellschaft ungleich zugänglich ist. Unter Umständen kann der Einsatz von moderner Medizintechnik deshalb eine Person entmündigen (Thieme, 2019, S. 81). Beeinflusst werden die Umstände des Sterbens durch sozialstrukturelle Bedingungen und durch die Zeit. Ersichtlich sind diese zwei Dimensionen durch eine differenzierte und veränderte Sterbehäufigkeit, an der steigenden durchschnittlichen Lebenserwartung, an den Ursachen, die zum Tod führen, den Orten, an denen das Sterben stattfindet (Haus/Wohnung, Institution, Krankenhaus/Hospiz), an den Bedingungen, wie Sterbende betreut und versorgt werden, dem medizinisch-technischen Stand bei der Versorgung von Verletzten und Kranken sowie an den Abschiedsritualen (ebd., S. 81).

Die Grundbedürfnisse sterbender Menschen können unter vier Hauptdimensionen des Lebens zusammengefasst werden. In der sozialen Dimension geht es darum, während dem Sterben nicht allein zu sein, sondern Menschen um sich zu wissen, die einem nahe-stehen. Die körperliche Dimension bezieht sich darauf, keine Schmerzen erleiden zu müssen. Hinzu kommt die Hoffnung, dass sich das Sterben ohne geistige Störungen und ohne körperliche Belastungen vollziehen möge. Die psychische Dimension umfasst den Wunsch, dass noch genug Zeit bleibt, um Unerledigtes regeln zu können. Dazu gehören auch ungeklärte Beziehungen. Am Lebensende soll es möglich sein, sowohl selbst loszulassen als auch losgelassen zu werden. In der spirituellen Dimension geht es um die Fragen nach dem Sinn - Fragen nach dem Sinn im Leben ebenso wie im Sterben und die damit einhergehende Frage, was nach dem Tod sein kann. Diese Dimension benötigt vor allem gute Zuhörer*innen, welche den inneren Prozess der Auseinandersetzung mittragen (vgl. Mühlum, 2011, S. 308).

Der Arzt Sherwin Nuland geht darauf ein, dass die gesamte Gesellschaft der Möglichkeit folgt, dass es einen würdigen Tod geben könnte, um die Realität des Todes leichter zu ertragen. Ein würdiger Tod wäre ein Triumph über eine mächtige Realität, welche am Lebensende oft prägend ist. Nach seinen Erfahrungen hängt der Tod hingegen häufig mit aneinandergereihten Ereignissen zusammen, die zerstörerisch sind und in dessen Verlauf „sich die Persönlichkeit der Sterbenden Schritt für Schritt auflöst“ (Nuland, 1994, S. 18, 31). Ein würdiges Sterben konnte er als praktizierender Arzt nur selten erleben. Er plädiert daher für eine Entmythologisierung des Sterbens. Mit Hilfe von Aussagen Sterbender und Sterbeanwesender soll ein realitätsnahes Bild der klinischen wie biologischen Wirklichkeit gezeichnet werden. Diese Transparenz soll dazu beitragen, dem Tod vorbereitet, gefasst und tatsächlich ohne Angst begegnen zu können (ebd., S. 31). Hierzu beschreibt Nuland die Folgen von sechs Krankheiten, die am häufigsten zum Tode führen. Die Realität zeigt, dass der Weg zum Tod sowohl mühsam als auch zumeist mit körperlich und seelisch qualvollen Phasen einhergeht. Nur den wenigsten ist ein gänzlich friedvoller Tod beschieden. Ratsam ist es daher, sich bewusst mit den Folgen einer Krankheit auseinanderzusetzen, die Realität der Umstände anzuerkennen und damit einhergehend rechtzeitig ärztliche Hilfe aufzusuchen und schmerzstillende Medikamente anzunehmen (vgl. Nuland, S. 217-218).

Häufig wird in der Fachliteratur im Zusammenhang mit dem Thema Sterben konkret auf fünf Sterbephasen hingewiesen, die auf die schweizerisch-US-amerikanische Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross zurückgehen. Ihre Arbeit „On Death and Dying“ von 1969 wird für die entstehende Death Education als Meilenstein beschrieben. Sie hat mit ihrer Arbeit einen entscheidenen Beitrag geleistet, die gesellschaftlich verdrängten Themen Sterben, Tod und Trauer wieder ins Gespräch zu bringen (Krüger, 2017, S. 76). Die Gültigkeit der Sterbephasen wurde zwischenzeitlich mehrfach in Frage gestellt und kritisiert. Tim Krüger bezieht sich auf Robert Neimeyer, der die Sterbephasen als wissenschaftlich wenig fundiert bezeichnet und auf eine klinische Studie von Schulz und Aderman verweist, welche die fünf Phasen des Sterbens widerlegt haben. Krüger bezieht sich auf Reimer Gronemeyer der sich gegenüber der Sterbephasen auch deshalb ablehnend äußert, weil diese das Sterben in einen rational-wissenschaftlichen wie logisch begründbaren Apparat zwängen (ebd., S. 77).

2.3 Der Tod

Mit der Einigung verschiedener religiöser wie philosophischer Sichtweisen auf einen gemeinsamen Bedeutungskern, der Kontext unabhängig ist, kann der Tod als das Ende „des körperlichen Lebens“ (Wittwer, 2014, S. 9) definiert werden. Würde das Thema Tod den Mensch in den Wissenschaften und Religionen nicht über diesen anerkannten Bedeutungskern hinaus interessieren, wäre mit dieser Minimaldefinition alles gesagt.

In der Philosophie werden vier bedeutsame Fragen zum Tod aufgeworfen. Diese bauen aufeinander auf und werden nacheinander beantwortet. Zuerst wird gefragt (1) was der Tod ist, danach, ob er (2) ein Übel oder ein Gut ist, ggf. auch ein weder noch. Hierauf wird die Frage gestellt, ob (3) es vernünftig ist, sich vor dem „eigenen Tod zu fürchten“ (ebd., 2014, S. 8) und die letzte Frage bezieht sich darauf, (4) wie man sich vernünftigerweise zum bevorstehenden eigenen Tod verhalten soll. Zur Beantwortung der vier Grundfragen werden weitere Fragen gestellt, die sich auf die jeweiligen Grundfragen beziehen. Insgesamt erschöpft sich die philosophische Thanatologie1 nicht in der Bearbeitung der vier nachfolgend Fragen (ebd., S. 8, 24). Im Rahmen dieser Arbeit bilden die vier Grundfragen hingegen die Grundlage für die weitere Annäherung an die Dimension Tod. Die erste Frage, welche sich darauf ausrichtet, „was der Tod ist“, beantwortet sich bezogen auf den biologischen Körper mit der zu Beginn genannten Definition. Damit geht die Frage einher, ob der physische Tod das tatsächliche Ende des ganzen Menschen ist oder ob sich der Mensch aus verschiedenen Anteilen zusammensetzt, wovon ein Teil weiterlebt. Unterschieden wird zwischen Monismus und Dualismus. Im Monismus wird davon ausgegangen, dass das Ende des Lebens erreicht ist, wenn die körperlichen Funktionen ausfallen, der Mensch also durch seinen Körper bestimmt ist. Im Dualismus geht man davon aus, dass der Mensch einen Körper und eine Seele hat. Die Seele trennt sich beim Ausfall der Funktionen des Körpers vom Menschen und besteht als immaterielle Existenz fort. An diese Frage knüpft die philosophisch noch grundlegendere Frage an: Was ist der Mensch? (vgl. Wittwer, S. 8-12).

Bei der zweiten Frage nach Gut, Übel oder weder noch des Todes, wird der Tod ethisch bewertet. In der Philosophie wird es für möglich gehalten, dass der Tod auch ein Gut sein könnte oder wie Platon dachte, ein weder noch. Platon ging davon aus, dass die Bewertung des Todes auf das Wohlergehen des Menschen keine Auswirkung hat und somit als ethisch indifferent bezeichnet werden kann. Platons Gedanke wird im Griechischen als adiáphoron bezeichnet und wird in dem von ihm geführten Dialog, der „Phaidon“ erörtert, mit der Einschränkung, dass seine Annahme des weder noch, nur für Philosophen Gültigkeit besitzt. Insgesamt kommt es auch bei der Antwort auf diese Frage darauf an, ob sie aus der Sicht des Monismus oder Dualismus beantwortet wird. Im Monismus gibt es eine optimistische und eine pessimistische Sicht auf das Leben. Einmal wird von einem guten Leben ausgegangen, dann ist der Tod schlecht, weil er das Gute beendet. Ein anderes Mal wird von einem schlechten Leben ausgegangen, dann ist der Tod gut, weil er das schlechte Leben beendet. Es gibt somit zwei mögliche Antworten, was der Tod sein kann. Epikur beruft sich auf den Umstand, dass man den eigenen Tod nicht erleben kann, weswegen er aus seiner Sicht weder schlecht noch gut sein kann. Auch für die Stoiker ging es nicht um die Bewertung eines guten oder schlechten Lebens und Sterbens, sondern darum, dass man in seinem Leben moralisch gut handeln und seinen Charakter stetig vervollkommnen soll. Wer in diesem Sinn ein gelingendes Leben lebt, für den hat der Tod auf das Leben keinen Einfluss. Im Dualismus gibt es verschiedene ethische Qualitäten des Todes, die mit drei Aspekten zusammenhängen. Ein Aspekt ist das Leben, welches sowohl ein Gut, ein Übel oder keins von beidem sein kann. Ein anderer Aspekt richtet sich auf die Bewertung der seelischen Existenz nach dem Tod aus und der letzte Aspekt ist der Vergleich von beiden. Das heißt, es wird danach gefragt, ob die neue Existenz nach dem Tod bezogen auf das gelebte Leben, eine Verschlechterung oder Verbesserung darstellt (Wittwer, S. 12-15).

Diese philosophischen Betrachtungen gehen über das akademische Interesse insofern hinaus, als dass eine Bewertung die Allgemeingültigkeit bzgl. einem guten oder schlechten Leben und Tod besitzt, für die aktive Sterbehilfe und „der ärztlichen Beihilfe zum Suizid“ (ebd., 2014, S. 17) bedeutsam wäre. Denn wenn es möglich wäre, zu beweisen, dass die Beendigung eines Lebens grundsätzlich schlecht wäre, wäre es aus moralischer Sicht unzulässig, das Leben eines anderen zu beenden, da man einem anderen mit Absicht etwas Schlechtes antun würde (ebd., S. 16-17). Tatsächlich ist es nicht möglich, verallgemeinerbare Aussagen über die Qualitäten von Leben und Tod zu treffen, da diese immer von den jeweiligen Bedingungen einer Person abhängen (ebd., S. 16).

Bei der dritten Frage nach der Vernunft den eigenen Tod zu fürchten, werden zwei Arten von Todesfurcht unterschieden. Zum einen ist es die Furcht aufgrund einer lebensbedrohlichen Situation, in welcher man sich befindet, zum anderen ist es die situationsunabhängige Furcht, die aufgrund der Erkenntnis entsteht, dass man sterben wird. Die Philosophie fragt nach der situationsunabhängigen Todesfurcht. Die Frage nach der Frucht vor dem Tod fragt auch nach der Angemessenheit der Furcht bezogen auf die Situation. Wäre der Tod „ein gravierendes Übel“ (ebd., 2014, S. 19), wäre die Furcht angemessen. Diese Frage verweist somit auf die vorangegangenen Fragen. Philosophen gehen davon aus, dass man Menschen helfen kann, ihre situationsunabhängige Furcht zu bewältigen, indem man sie davon überzeugt, dass der Tod – entgegen ihrer Befürchtung – „nichts Schlechtes sein kann“ (ebd., 2014, S. 20).

Die vierte Frage richtet sich an eine vernünftige Haltung dem eigenen Tod gegenüber. Sie ist mit der Frage verbunden, wie man vernünftig leben soll. Eine weitere Frage, die damit einhergeht ist, ob man Sterben lernen kann. Darauf bezogen ist eine philosophische Haltung, welche auf Platon zurückgeht und als Anweisung für Philosophen gelten soll. Diese Haltung beschreibt, sich bereits zu Lebzeiten von allen körperlichen Einflüssen zu befreien, damit sich Leib und Seele schon vor dem Tod auf das vollständige Getrennt-Sein nach dem Tod einstellen können. Andere Philosophen wie bspw. Seneca und Montaigne halten eine ständige Vergegenwärtigung des irgendwann eintreffenden Todes für die geeignete Methode, um das Sterben zu lernen. Wer sich zu Lebzeiten immer wieder bewusst gemacht habe, dass er sterben wird, kann sich vor dem Tod nicht mehr fürchten, weil man sich an ihn gewöhnt habe. Montaigne meint damit, man nähme dem Tod durch die bewusste Auseinandersetzung mit ihm seine Fremdartigkeit und damit auch seinen Schrecken. Auch wenn man nicht wisse, wann der Tod eintritt und wie der eigene Tod sein wird, sollte man „überall auf ihn gefasst sein“ (Montaigne zit. von Wittwer, 2014, S. 22).

Der philosophisch bekannteste Umgang mit dem Tod ist, aufgrund der ständigen Vergegenwärtigung des Todes, erst richtig zu lernen, wie man lebt. Dafür steht das sogenannte „memento mori“2 („Sei eingedenk, dass Du sterben wirst!“) (ebd., 2014, S. 22). Aufgabe des „memento mori“ soll sein, sich der Endlichkeit ebenso bewusst zu sein wie über die Kürze der Lebenszeit. Während der Lebenszeit soll der Mensch „moralisch richtig leben“ (ebd., 2014, S. 23) oder wenn dies noch nicht gelingt, soll die Zeit genutzt werden, um an der Moral zu arbeiten, bevor das Leben zu Ende ist. Heidegger stellt hingegen als Lebensaufgabe nicht das moralisch richtig gelebte Leben in den Mittelpunkt, sondern das authentisch gelebte Leben. In beiden Fällen verweist der Tod auf eine endliche Lebenszeit, die entsprechend gut genützt werden soll. Dem Tod kommt auf diese Weise „eine positive Funktion für die Lebensführung zu“ (ebd., 2014, S. 23). Das „memento mori“ wird nicht von allen Philosophen befürwortet. Spinoza bspw. vertritt die Überzeugung, dass der Mensch, will er vernünftig leben, nach Selbstvervollkommnung und Selbsterhalt streben soll. Nichts sei dabei ferner als der beständige Gedanke an den Tod (ebd., 2014, S. 23-24). Der Tod als solcher ist nach Birgit Heller (2012) eine universelle Erfahrung, die als natürliches Phänomen angesehen werden kann. Dennoch ist er in fast allen Kulturen erklärungsbedürftig. Häufig wird er als Störung der geltenden Ordnung erlebt (vgl. Heller, S. 186).

2.4 Der Soziale Tod

Norbert Elias macht neben der Bedeutung der letzten Lebensstunden darauf aufmerksam, dass manche Menschen deutlich früher vom Leben getrennt werden als durch den offiziell festgestellten physischen Tod. Der Soziale Tod beginnt bereits während dem Prozess des Alterns und des Gebrechlich-Werdens. Ein Abbauprozess, der ein Sich-Abwenden der Gesellschaft bedeuten kann. Menschen werden aufgrund ihres Verfalls isoliert. Auch wenn bei den alternden Menschen selbst ein Rückgang an Kontaktfreude und Gefühlsvalenzen erkennbar ist, besteht weiterhin ein Bedürfnis nach Kontakt mit anderen Menschen. Doch es ist nicht selbstverständlich, dass der Wunsch nach Zugehörigkeit erwidert wird. Elias spricht von einer „stillschweigenden Aussonderung“, einem „allmählichen Erkalten der Beziehung zu Menschen, denen ihre Zuneigung gehörte“ (Elias, 1983, S. 8). Der Verfall schmerzt in diesem Sinne durch das Alleingelassen-Sein. Dies kommt, so Elias, besonders häufig in entwickelteren Gesellschaften vor und ist ein Zeichen der Schwäche einer Gesellschaft (ebd., S. 8). Thorsten Benkel zählt die Formen des sozialen Todes zu den modernen Verschleierungen, die den alt gewordenen und sterbenden Menschen ihr physisches Ende vorwegnehmen. Seit dem Beginn des institutionellen Sterbens in den 1930 ern wird entweder im Krankenhaus gestorben oder „das Altern(n), Leiden und Sterben“ (Benkel, 2008, S. 147) wird von alternativen Einrichtungen verwaltet. Der Tod ist sowohl in Kliniken als auch in Hospizen zur logistischen Herausforderung geworden, die auch ohne soziale Partizipation der Angehörigen oder deren Anteilnahme verwirklicht werden kann. In den Einrichtungen wird den alt gewordenen Patient*innen und Bewohner*innen, aufgrund ihres physischen Zustands, eine „neue soziale Umgebung“ (ebd., 2008, S. 147) aufgezwängt. Von der Lebenswelt mit ihrer inzwischen sozialen Vergangenheit, die vor dem Eintritt in eine Einrichtung noch gestaltet wurde, bleibt meist nur noch ein bruchstückhafter Zugang übrig. Häufig beklagt wird die fehlende emotionale Eingebundenheit der Professionellen, welche mit der „Versorgung der Sterbenden“ (ebd., 2008, S. 147) betraut sind. Zurückzuführen ist die fehlende emotionale Involviertheit auf die Strukturen der Institutionen, da eine Distanz der Professionellen notwendig ist, wenn soziale Bindungen wie in diesen Zusammenhängen „nicht um ihrer selbst willen bestehen“ (ebd., 2008, S. 147). Die Beziehung entsteht in diesen Zusammenhängen dadurch, dass das Personal seine Expertenkenntnisse anwendet. Eine Konkurrenz zwischen objektivem Fachwissen und subjektiver Anteilnahme wäre fehl am Platz. Die Folge ist, dass es in Einrichtungen zu einem schrittweisen Verlust der sozialen Bedeutung ihrer Patient*innen kommt. Diese Trennung von sozialen Verbindungen in Institutionen, wie Krankenhaus oder Hospiz, führen, wenn sie durchdringend und nachhaltig sind, „zum sozialen Tod“ (ebd., 2008, S. 148). Diese Umstände bewirken auf ihre Weise für die Betroffenen denselben Ausschluss aus ihren Beziehungsgeflechten, ihren Alltagsvorgängen und ihrer sozialen Welt, wie es auch der physische Tod ohne Unterbringung in einer Einrichtung getan hätte. Die Trennung des Ich von seiner Sozialwelt ist radikal. Der soziale Tod ist eine „feststellbare Realität, die unabhängig von den physischen Tatsachen gilt“ (ebd., 2008, S. 148), da es sich bei der Bedeutung von Toten für die Lebenden nicht um Esoterik handelt, sondern um eine gesellschaftliche Wirklichkeit. Die Handlungen, welche sich aus den gesellschaftlich zugeschriebenen Bedeutungen ergeben, können objektiv ermittelt werden (Benkel, S. 147-148). Auch Klaus Feldmann beschreibt die Aussonderung und das schrittweise soziale Sterben der unproduktiv gewordenen alten Menschen in modernen Industriekulturen. Besonders gefürchtet ist die Verschärfung des psychischen wie sozialen Sterbens durch den Übergang in Alten- oder Pflegeheime. Im Pflegeheim wird erneut sortiert, in die „rüstigen Insassen“, die einem weniger intensiven Sterbeprozess unterworfen sind, und die „hinfälligen Insassen“. Anders verhält es sich mit den Menschen, die an Alzheimer erkrankt sind. Aufgrund der Erkrankung sterben sie zuerst einen psychischen Tod. Der soziale Tod kann dagegen, durch lange Pflegezeiten und auf Kosten erheblicher Beziehungsbelastungen, hinausgezögert werden (vgl. Feldmann, 2010, S. 135-136, 139). Der soziale Tod ist bezogen auf den Aspekt des menschlichen Scheiterns von Interesse. Unter diesem Aspekt kann das Hinauszögern des Todes aufgrund der gesellschaftlichen Deutung von Scheitern besonders paradox erscheinen. Denn der soziale Tod wird nicht als Scheitern der Gesellschaft wahrgenommen, sondern als „normalisiert“. Das persönliche Scheitern eines Menschen wird hingegen dann besonders intensiv empfunden, wenn dieser bspw. „knapp vor oder nach der Pensionierung stirbt“ (Feldmann, 2004, S. 58). Ein weiterer Aspekt, der zum sozialen Tod führt, ist die Zunahme der Bindungslosigkeit und Brüchigkeit in sozialen Beziehungen. Die Zahl der „Menschen die in dauerhaften Paarbeziehungen mit Kindern leben“ (Thieme, 2019, S. 25-26) sinkt kontinuierlich. Prozentual gesehen ist der Anteil an allein lebenden Menschen zwischen 1996 bis 2012 von 38 % auf 44 % gestiegen. Auch der Menschen, die als Paar ohne Kinder zusammenleben, ist von 28 % auf 29 % gestiegen. Diese Zahlen belegen eine wachsende Gefahr zu vereinsamen. Eine weiteres Risiko vom sozialen Tod betroffen zu sein, besteht für die Menschen, die gegenüber der Mehrheitsmeinung eine oppositionelle Haltung einnehmen. Auf besondere Weise sind dadurch bspw. prominente Personen betroffen (ebd., S. 26).

2.5 Die Trauer

Der Verlust eines Menschen durch den Tod wird von den Hinterbliebenen zumeist durch den Prozess der Trauer verarbeitet. Hansjörg Znoj greift dabei auf die religiös philosophischen Vorstellungen, wie sie unter 2.3 beschrieben wurden, zurück. Kritisch ist „die Frage danach“ zu betrachten, welche Vorstellungen eine Person darüber hat, ob und wie es nach dem Tod weitergeht. Znoij geht davon aus, dass die Vorstellungen, dass es nach dem Tod eine weitere Existenz gibt, manche Menschen trösten könnte und andere daran hindern würde, diese unabänderliche Tatsache anzuerkennen. Eine wissenschaftlich fundierte Antwort, welche Vorstellung eher nützt oder schadet, gäbe es nicht. Nach Znoj ist es notwendig, sich mit dem meist leidvoll empfundenen Verlust eines Menschen (oder Tieres) auseinanderzusetzen. Diese Auseinandersetzung ist wichtig, um sich nach einem erlebten Verlust mit der veränderten Situation zu arrangieren. Dies gelingt nach Znoj dann am besten, wenn die Grenze zwischen den Toten und den Lebenden eindeutig wahrgenommen würde. Wer trauert, würde auf das eigene Leid zurückgeworfen. Dieses Leid geht mit Aufgaben einher, denen man sich stellen sollte, damit die Wirklichkeit akzeptiert werden kann (vgl. Znoj, 2012, S. 38-39).

Trauerreaktionen auf den Verlust durch den Tod sind sehr individuell. Die Trauer kann von depressiven Symptomen ebenso wie von positiven Gefühlen begleitet sein. Erhebliche Unterschiede gibt es beim Beginn der Trauer. Die Intensität der Beschäftigung mit dem erlebten Verlust ist sehr unterschiedlich. Auch die Zeit, die es braucht, um einen Verlust ins eigene Leben zu integrieren, variiert sehr stark. Hingegen dem gesellschaftlichen Versuch in Form von Mythen Trauerverhalten zu verallgemeinern ist, nach Znoj belegbar, dass es keine allgemein gültigen Aussagen über die Trauerbewältigung gibt. Trauern ist individuell verschieden. Jedoch wird sie wie in den kulturell gültigen Mythen, aufgrund gesellschaftlicher Normen sowie durch die sozialen Verbände, in denen eine Person lebt, bewertet. Die Bewertung geht mit Forderungen an das Verhalten der trauernden Person einher, welche je nach Situation und Umstand förderlich oder hinderlich für die Trauerbewältigung sein kann (ebd., S. 39-43).

Die Stärke einer Trauerreaktion hängt von der Beziehung zu der verstorbenen Person zu Lebzeiten ab. Die Todesursache spielt dabei zunächst eine untergeordnete Rolle (ebd., S. 45). Kann eine Person nicht so trauern, dass der Schmerz des Verlustes im Trauerprozess bewältigt wird, kann dies zur „komplizierten Trauer“ (oder anderen medizinisch diagnostizierten Störungsbildern wie bspw. der Angststörung) führen, welche mit pathologischen Trauerreaktionen einhergeht. Für die Bewältigung komplizierter Reaktionen bei der Trauer spielen verschiedene Faktoren für die Trauernden eine Rolle. Ein Faktor ist die Art der Beziehung, welche zwischen der toten und der trauernden Person bestand. Ein weiterer Faktor sind die Umstände wie die verstorbene Person zu Tode gekommen ist (z. B. Suizid). Auch die Ressourcen der trauernden Person umfassen einen Faktor. Hier spielen sowohl ökonomische wie soziale Ressourcen eine Rolle und schlussendlich kommt es darauf an, ob noch weitere psychische Belastungen im Vorfeld vorlagen oder im Nachhinein dazugekommen sind. Empirisch belegbar ist, dass bspw. nach dem gewaltsamen Verlust einer Person wie bei einem Terroranschlag oder Mord, das Risiko für die Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) in einem weit höheren Ausmaß wächst als nach einem natürlichen Tode (ebd., S. 48 - 52). Religionen sind Teil einer Kultur. Sie wollen Antworten auf den Sinn der menschlichen Existenz geben. Tod und Leben bekommen je nach religiöser Auslegung eine andere Bedeutung. Das Ziel von Religionen ist es, Menschen darin zu unterstützen, das Leben wie den Tod zu bewältigen. Für die Trauer spielen Religionen eine entscheidende Rolle, da sie mit sehr konkreten Vorstellungen und Vorgaben über den Umgang mit Tod und Trauer in Form von Riten und Ritualen einhergehen (Heller, 2012, S. 183-185). Trauerrituale sollen den Trauernden Raum für das jeweils eigene Erleben schaffen. In der westlichen Kultur gibt es keine tradierten Trauergemeinschaften mehr, die dauerhaft Stabilität und Sicherheit geben. Es besteht jedoch auch in der modernen Gesellschaft ein hoher Bedarf an Ritualen. Gemeinschaften, die sich allein zu diesem Zweck zusammenfinden, sind jedoch nur von kurzfristiger Dauer. Sie gründen ihr Handeln ausschließlich auf Anweisungen von außen und zerfallen am Ende wieder. Die Folge ist, dass diese Form gesellschaftlicher Trauer die Toten kaum noch im Blick hat. Ein bedeutender Unterschied für das Trauerverhalten liegt im Glauben der Trauernden begründet und damit, ob sie an eine Existenz nach dem Tod glauben oder nicht. Wer nicht an eine andere Existenz glaubt, nutzt ein Ritual schlussendlich zum Selbstzweck. Dieser hat infolge allenfalls einen „therapeutischen Nutzen für die Trauernden“ (ebd., 2012, S. 186). Heller weist auch daraufhin, dass Trauerrituale vor allem der Gesellschaft dienen, um die gegebene soziale Ordnung zu erhalten. Insofern sind Trauerrituale einer Ambivalenz unterworfen. Sie können die Trauer unterstützen oder hindern. Für die Begleiter der Trauernden ist es wichtig, die Trauernden innerhalb ihrer Kultur, deren Normen und soziokulturellen Bedingtheiten zu sehen und zu verstehen. Denn nur so kann ein Ausweg aus pathologisch verstandener Trauer und Normierung bei der Begleitung und Unterstützung von Trauernden gefunden werden (ebd., S. 186).

[...]


1 „Der Begriff „Thanatologie“ ist von den griechischen Wörtern thánatos („Tod“) und lógos (u.a. „Sprache“ oder „Lehre“) abgeleitet und bedeutet „Lehre vom Tode“.“ (vgl. Wittwer, 2014, S. 7).

2 „ Memento mori ist ein lateinischer Ausspruch, der sich mit Denke daran, dass du stirbst! oder ganz allgemein mit Gedenke des Todes! übersetzen lässt.“ „Die Wendung Memento mori geht auf das Mittelalter zurück, wurde aber seit der Renaissance vermehrt gebraucht und erlebte einen absoluten Höhepunkt in den Werken der Literatur und Kunst des Barock“ (vgl. wortwuchs.net, n.d., o.S.)

Ende der Leseprobe aus 69 Seiten

Details

Titel
Soziale Arbeit in einer alternden Gesellschaft
Untertitel
Altern, Sterben, Tod und Trauern
Hochschule
Hochschule Esslingen
Note
2,1
Autor
Jahr
2019
Seiten
69
Katalognummer
V506870
ISBN (eBook)
9783346058003
ISBN (Buch)
9783346058010
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es handelt sich bei der Auseinandersetzung mit Sterben und Tod um ein nach wie vor wenig beachtetes Thema in der Sozialen Arbeit. Wissenschaftliche Quellen sind ebenso rar wie die praxisbezogene Auseinandersetzung.
Schlagworte
Altern, Tod, Trauer, Sterben, Demographischer Wandel, Geschlechterreflexivität, Death Education, Lebensweltorientierte Theorie, Sterbebegleitung, Hospiz, Geschichtliche Aspekte, Palliativ Care
Arbeit zitieren
Renate Dertinger (Autor:in), 2019, Soziale Arbeit in einer alternden Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506870

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