Die Altenstadter Judenpogrome und ihre erinnerungskulturelle Aufarbeitung

Vom Verschweigen zum Erinnern


Hausarbeit, 2019
20 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Die Nachkriegserinnerung und Behandlung jüdischen Kultur- gutes im Südwesten mit Hinblick auf den gesamtdeutschen Kontext

3. Genese und Vernichtung der Altenstadter Judengemeinde

4. Wandel der Erinnerungsmentalität am Beispiel Altenstadt
4.1. Die ersten Jahre bis 1955
4.2. Der Beginn einer Erinnerung
4.3. Jüngste Entwicklungen und Gegenwart

5. Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einführung

In Anbetracht des Kriegsendes und des damit einhergehenden Zusammenbruchs des Nationalsozialismus von nunmehr fast 75 Jahren stellt sich die Frage nach Erinnerung aus einer neuen Perspektive. Durch das Aussterben jener Generation, welche die Geschehnisse noch aus unmittelbarer Anschauung erlebt hatte, verstummen auch die unmittelbaren Erzählungen jener Zeitzeugen. Dabei sei in diesem Zusammenhang bereits eine gewisse Vorsicht angebracht, sollte man der Versuchung erliegen, persönliche Berichte im Sinne Leopold Rankes „blos [sic!] zeigen, wie es eigentlich gewesen“1 zu werten. Nachkriegserfahrung und veränderte Lebensperspektiven wirken in der Regel beeinflussend auf das Erinnerungspotential der Betroffenen. Umso mehr haben wir heute dank ergiebiger historischer Forschungsarbeit und neu erschlossenen Quellen die Möglichkeit, uns ein potentiell vielfältigeres Bild jener Phase der deutschen Geschichte zu konstruieren. In den folgenden Seiten stehen jedoch nicht die zwölf Jahre nationalsozialistischer Gewaltherrschaft im Mittelpunkt, vielmehr soll das Augenmerk auf die Nachkriegszeit und deren Verarbeitungsstrategien psychischer Ausnahmesituationen gelegt werden. Hier fällt durch die Jahrzehnte ein grundsätzlicher Wandel, sowohl in der Erinnerungskultur, als auch bei der Erinnerungspolitik auf, welcher in vorderster Linie zeitlichem Abstand zu den Ereignissen und dem daraus resultierenden Generationenwechsel geschuldet sein dürfte. Aleida Assmann verweist in diesem Kontext auf die 68er-Generation, welche das Schweigen der Eltern nicht mehr bereit war, hinzunehmen und begann eigene Antworten zu suchen.2 Hierzu belegen unabhängige Untersuchungen die These, wonach eine öffentliche Erinnerungskultur nach beschämenden oder traumatischen Ereignissen erst nach einem zeitlichen Intervall von fünfzehn bis dreißig Jahren eintritt.3 In diesem Zusammenhang scheint auch das Verhalten hinsichtlich des Umganges mit jüdischem Kulturgut bis in die erste Hälfte der 50er Jahre erklärbar. Die Dominanz der Scham wählte den einfacheren Weg der Verdrängung der Ereignisse, als sich der Auseinandersetzung mit dem Geschehenen zu widmen. Dieser Schritt blieb, wie geschildert, den nachfolgenden Generationen vorbehalten, wobei der Prozess auch hier nicht stringent verlief. Es bedurfte einer Vielzahl von Impulsen politischer als auch historischer Provenienz, um den heutigen Stand der Gedächtniskultur zu erreichen. Erinnerung ist einem stetigem Wandel unterworfen. Es muss davon ausgegangen werden, dass hiervon auch die behandelte Thematik künftig nicht ausgenommen werden kann. Aus diesem Grund kann die Arbeit, abgesehen von den historischen Komponenten, nur als zeitgenössische Momentaufnahme gesehen werden. Der Fokus dieser Untersuchung führt in die bayerisch-schwäbische Marktgemeinde Altenstadt an der Iller, zwischen Ulm und Memmingen gelegen. Hierzu wurden im Ort mehrere Interviews geführt, welche sich über einen Zeitraum von circa 3 Monaten dehnten. Erstmalig konnte der Verfasser auch die Dokumente jenes Schriftverkehrs auswerten, der zum Zweck des Synagogenabbruchs zwischen den einzelnen Behörden geführt wurde. Da trotz, zum Teil detaillierter Einzelschilderung die Quellen gerade im Hinblick auf die Zeit nach 1955 nicht sehr zahlreich sind, wurde eine Erweiterung des Untersuchungsgebietes auf das heutige Bundesland Baden-Württemberg sowie den bayerischen Regierungsbezirk Schwaben vollzogen. Dies erscheint auch deshalb sinnvoll, um eine Einordnung des lokalen Gedächtnisses in einen überspannenden Rahmen zu gewährleisten und das Wagnis eines Vergleiches einzugehen.

2. Die Nachkriegserinnerung und Behandlung jüdischen Kultur- gutes im Südwesten mit Hinblick auf den gesamtdeutschen Kontext

Traumatische Erlebnisse wie Krieg, Vergewaltigung, Flucht hinterlassen physische und psychische Spuren. Dies betrifft natürlich - um hier diese pauschalen Begriffe zu verwenden - primär die „Opfer“ der Gewalt, zumal diese gezwungen werden, mit ihrem erfahrenen Leiden umzugehen. Doch auch seitens der unmittelbaren und mittelbaren „Täter“ lässt sich konstatieren, dass angetanes Unrecht oftmals eine verhaltensrelevante Reaktion hervorruft. Dabei ist die Bandbreite der möglichen psychischen Konsequenzen enorm, reicht von tiefer Reue bis hin zu Versuchen der Rechtfertigung oder Verleugnung der Geschehnisse. Selbstverständlich ist die Tat, das verursachende Ereignis neben der persönlichen seelischen Verfassung der Maßstab für die verschiedenen Möglichkeiten und die Intensität der darauffolgenden Reaktionen. Einen äußerst wichtigen Faktor stellt darüber hinaus der Abstand zum Ereignis dar; psychische „Lähmungen“ und Sprachlosigkeit bestimmen mitunter die erste Phase nach dem traumatisch Erlebten, die – falls seitens des Betroffenen überhaupt der Wunsch besteht – oft erst durch entsprechende psychotherapeutische Einflussnahme sichtbar gemacht werden können. Eine neue Sinnstiftung, beispielsweise durch Aufbauarbeit, kann helfen, das negativ Erlebte kurzzeitig zu verdrängen, zu übertünchen. Wie Peter Reichel treffend darlegte, konnte die deutsche Gesellschaft in der unmittelbaren Nachkriegszeit die Schmach und Schande ihrer jüngsten Geschichte nur dadurch kompensieren, indem sie diese verdrängte, die Agitatoren dämonisierte und sich selbst zum Opfer eben jener stilisierte.4 Charakteristisch hierzu auch die in der Nachkriegszeit gar nicht seltene Einteilung der Handelnden in drei Gruppen: Die Nazis, die Juden und wir. Derlei Kategorisierung verankerte sich dabei in manchem Gedächtnis von Zeitzeugen und blieb bis in die jüngste Vergangenheit präsent. Jene, die Rechenschaft ablegen müssten, distanzierten sich von den Taten, beschuldigten andere oder verharmlosten die Geschehnisse, was bei zahlreichen Nachkriegsprozessen allzu deutlich wurde.5 Überlebenskampf und Wiederaufbau dominierten stattdessen den Tagesablauf und boten selten Raum für Schuldfragen. Es lässt sich durchaus konstatieren, dass mit dem Schutt auch die Fragen nach Verantwortung und Mittäterschaft weggeräumt wurden. Nicht nur metaphorisch verborgen unter hermetisch abgeschlossenen Bergen. In der neu gegründeten DDR hingegen begann man, die Verbrechen der Nationalsozialismus unter dem Dach des feindlichen Faschismus zu subsumieren, der ja nun mit Errichtung des Sozialistischen Einheitsstaates überwunden sei.6 Der Antifaschismus galt als Staatsdoktrin per se, was eine unabhängige Erinnerungs-kultur nahezu unmöglich machte und auch nicht gewünscht war. Zwar wurden anfangs aller Opfergruppen gedacht, was jedoch schon bald einer ideologisch begründeten Zweiteilung weichen musste: Die „Kämpfer gegen den Faschismus“ erfuhren weitere Verehrung, während die „Opfer des Faschismus“, zu welchen u.a. Juden und Bibelforscher gerechnet wurden, sukzessive an Bedeutung verloren. Zwar bemühten sich bereits in den späten 40er Jahren intellektuelle Gruppierungen und Künstler um eine kritische Auseinandersetzung mit der erfolgten Gewaltherrschaft, was jedoch in weiten Kreisen der Bevölkerung keinen Widerhall fand. Deren Einbeziehung in die Diskussion etablierte sich in Westdeutschland sukzessive erst in der 2. Hälfte der 60er- Jahre.7 Dennoch sollte es weitere eineinhalb Jahrzehnte dauern, bis auch explizit die jüdische Kultur und deren Geschichte in den Fokus der Interessen gelangte.8 Ein nicht unbedeutender Meilenstein auf diesem Weg stellte die US-amerikanische Serie „Holocaust“ dar, welche im Jahr 1979 erstmalig in Deutschland ausgestrahlt wurde. Der Filmtitel etablierte sich fortab als Terminus neben den bislang in der deutschen Sprache üblichen Begriffen „Judenvernichtung“ oder „Judenmord“. Die Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard Weizsäcker anlässlich des 40. Jahrestags des Kriegsendes positionierte sich im öffentlichen Gedächtnis als Wendepunkt von der „Niederlage“ zur „Befreiung“. Die zahlreichen Proteste und Denkschriften dagegen belegten den Mut des Staatsoberhaupts, aber auch die noch zögernde Bereitschaft, sich mit der Vergangenheit im sogenannten Dritten Reich auseinanderzusetzen. Der im darauffolgenden Jahr einsetzende Historikerstreit über Einmaligkeit oder Vergleichbarkeit des Holocaust zeigte erneut, wenn auch wiederum primär auf intellektueller Ebene, welche Schwierigkeiten und Unmöglichkeiten eine eindeutige Positionierung verhindern können.

Dieser erinnerungskulturelle Wandel lässt sich repräsentativ anschaulich bei der Betrachtung des Umgangs mit jüdischem Kulturgut nachvollziehen. Die zahlreichen Synagogen, welche die Ausschreitungen im Jahr 1938 relativ unbeschädigt überdauert hatten, verloren dadurch nicht nur ihre Bedeutung als Gotteshaus, sondern auch ihre generelle Wahrnehmung. Die Nachkriegsgeneration erwähnte Zweck und Nutzen der Gebäude in der Regel oft mit keinem Wort. Der gesellschaftliche Konsens basierte diesbezüglich weitestgehend auf Verdrängung und Nichtbeachtung. Wie bereits angeschnitten, lag die Priorisierung bei Tätigkeiten, wie Wiederaufbau, Suche nach Arbeit und Ähnlichem. In diesem Zusammenhang erscheint auch erklärbar, dass für viele der ehemaligen, im Nationalsozialismus geschändeten Synagogen über eine neue Nutzung überhaupt nicht nachgedacht wurde. Zwar fungierten einige dieser Gotteshäuser, welche die Pogromnacht im Großen und Ganzen unbeschädigt überstanden hatten, eine Zeit lang als Lagerhallen oder Geschäftsräume, jedoch hatten diese Verwendungen im Regelfall nicht allzu lange Bestand, von einem weitsichtigem Nutzungskonzept ganz zu schweigen. Den jeweils entsprechenden Diskussionen voraus ging zunächst die 1947 von den alliierten Militärregierungen angeordnete Verfügung, im Dritten Reich beschlagnahmte jüdische Vermögensgegenstände zurückzugeben.9 Vielerorts veräußerten daraufhin die jüdischen Gemeinden ihre nicht mehr nutzbaren und auch nicht mehr benötigten Gotteshäuser an Firmen und Privatpersonen, oft gar mit der ausdrücklichen Erlaubnis, einen Umbau vorzunehmen.10 Einige Synagogen verblieben auch in gleicher Funktion, welche sie bereits nach den Pogromen 1938 innehatten, so jene in Baisingen (Lkr. Tübingen), die seit 1940 als Scheune und Lager genutzt wurde.11 Die jüdischen Gotteshäuser in Kirchen (Lkr. Lörrach), Müllheim (Lkr. Freiburg), Philippsburg (Lkr. Karlsruhe) wurden in den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten abgerissen und an deren Stelle zum Teil Neubauten errichtet.12

Dieses Schicksal sollte auch die Synagoge in Freudental (Lkr. Ludwigsburg) ereilen: Noch im Oktober 1979 spricht sich der Gemeinderat einstimmig für den Abbruch der ehemaligen Gebetsstätte aus. Es bestünde keine Notwendigkeit zur Erhaltung. Die 2 Millionen Mark, welche eine für eine Restaurierung veranschlagt wurden, solle man lieber in die in die Ortskernsanierung investieren, so die Meinung der Räte. Ebenso wurde der Vorschlag zur Errichtung einer Gedenkstätte unter Hinweis auf die Folgekosten verworfen. Die einhellige Meinung der gewählten Volksvertreter war, das Gebäude müsse weg. Den Befürwortern eines Erhalts der Synagoge wurde eine emotionale Argumentation vorgeworfen. Zudem hätte, so die Ansicht der Gemeinderäte, die jüdischen Organisationen nach dem Krieg nicht verkaufen müssen.13 Allem behördlichem Widerstand, vor allem seitens der CDU-Fraktion zum Trotz formierte sich wenig später eine Initiativgruppe zur Erhaltung der Synagoge, was letztendlich in eine Renovierung sowie einer Nutzung als pädagogisch-kulturellem Zentrum mündete.14 Dieses mangelhafte Interesse seitens gewählter Volksvertreter stellte bedauerlicherweise auch Jahrzehnte nach Kriegsende keinen Einzelfall dar. Bei einer Podiumsdiskussion, in welcher über die weitere Nutzung der Synagoge in Baisingen (Lkr. Tübingen) debattiert wurde, war kein einziges Mitglied des damaligen Ortschaftsrates anwesend.15 Auch im benachbarten Hechingen zeigten 1985 die städtischen Behörden wenig Interesse an ihrem jüdischen Erbe. Erst durch mediale Unterstützung der lokalen Presse und Gründung eines Trägervereins konnte die ehemalige Synagoge als Veranstaltungszentrum wiederbelebt werden. Zwischenzeitlich erhielt sogar die, in der Zeit des Nationalsozialismus unbenannte, vorbeiführende „Synagogenstrasse“ wieder ihren alten Namen zurück.16 Ebenfalls einer 1988 gegründeten privaten Initiative ist die Errichtung eines jüdischen Museums in Haigerloch (Zollernalbkreis) in zu verdanken. Nachdem die dortige Synagoge nach dem Krieg von der Israelitischen Kultusvereinigung an einen Privatmann veräußert wurde, ließ dieser zunächst ein Kino und in der Folge einen Supermarkt im Gebäude einrichten.17 Diese Beispiele stellen wohl eher die Regel als die Ausnahme dar, gelten gar als repräsentativ für den deutschen Südwesten, wie weitere Vergleiche bescheinigen.18 Zu konstatieren ist aber auch, dass in den späten 70ern und frühen 80er Jahren viele Initiativen zur Erinnerung und Sicherung des jüdischen Erbes entstanden. Es liegt nahe, dies in Verbindung mit dem Heranwachsen der Töchter bzw. Söhne der Kriegsgeneration zu verbinden. Auch die moralischen Denkanstöße der 68er mögen hier eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben. Wenn die Eltern keine Antwort zu geben konnten oder wussten, machte man sich eben selbst auf die Suche. Auffällig in diesem Zusammenhang wirkt das Phänomen, dass Neubürger ein besonderes Interesse an der jüdischen Vergangenheit der jeweiligen Orte zeigten. Dennoch stießen gerade derlei Bemühungen nicht selten auf Widerstand der einheimischen, alteingesessenen Bevölkerung.19 Die vorangegengenen Beispiele sind Sammelbänden entnommen, die verstärkt seit den 90er Jahren von verschiedenen Museen, Vereinigungen, Gesprächskreisen und ähnliches publiziert werden. Neben ausgesprochen ortshistorischen Mitteilungen fallen hier positiv zahlreiche Schriftenreihen des Hauses für Geschichte Baden-Württemberg auf. Die im Jahr 2000 ins Leben gerufene „Laupheimer Gespräche“ führen ebenfalls in diese Richtung, zumal hier über den unmittelbar lokalen Tellerrand geblickt wird.

3. Genese und Vernichtung der Altenstadter Judengemeinde

Wie in vielen ländlichen Regionen Südwestdeutschlands entstand auch die Altenstadter Judensiedlung in der frühen Neuzeit. Gründe für diese allgemeine Wanderungsbewegung sind primär in der Behandlung der Juden in den Städten zu suchen, welche sich sukzessiv, mitunter durch pogromartige Verfolgungen, von dem in der Regel ungeliebten Bevölkerungsteil zu befreien versuchten.20 Die Rechberger als Inhaber der Herrschaft Illereichen, zu welcher auch der benachbarte Ort Altenstadt gehörte, befanden sich Mitte des 17. Jahrhunderts offenbar in einer desolaten finanziellen Situation, so dass eine Ansiedlung von Schutzgeldzahlenden Juden als eine notwendige Maßnahme zur Sanierung der Finanzen erschien.21 Trotz restriktiver Maßnahmen seitens der jeweiligen Ortsherrschaften wuchs die Judengemeinde im Jahr 1834 auf 403 Mitglieder an und zählte damit ungefähr die dreifache Menge der Personen christlichen Glaubens.22 Um diesem Wachstum auch in religiöser Hinsicht gerecht zu werden, wurde 1802 die von Johann Nepomuk Salzgeber errichtete neue Synagoge festlich eingeweiht. Auch die Beschäftigungsverhältnisse der jüdischen Bevölkerung hatten sich kontinuierlich gewandelt. Während Anfangs der Hausierer- und Trödelhandel den nur allernotwendigsten Lebensunterhalt sicherte, waren im 19. Jahrhundert mehrere Bürger mosaischen Glaubens in Führungspositionen örtlich bekannter Unternehmen zu finden. 1875 wird durch Juda Löw Erlanger eine aus jüdischer Tradition erwachsene Schuhleistenfabrik gegründet, welche bis zum heutigen Tag noch besteht. Auf der anderen Seite setzte allerdings bereits Ende des 19. Jahrhunderts eine allmähliche Abwanderung Altenstadter Juden ein, die sich während der Weltwirtschaftskrise noch verstärkte. Auch erkannten zu jenem Zeitpunkt bereits einige, dass sich die angebotenen radikalen, scheinbar einfachen politischen Lösungen ungut auf ein weiteres Zusammenleben auswirken würden und sahen im Verbleib am bisherigen Wohnort keine Zukunft mehr. Überseeische Gebiete, aber auch Palästina wurden zum bevorzugten Ziel der Exilanten. Eine Ortsgruppe der NSDAP gründete sich in Altenstadt im Jahre 193223, wobei diese zumindest Anfangs auf starken Widerstand der landwirtschaftlichen Interessensvertretungen gestoßen war. Die jüdischen Wähler stimmten zu diesem Zeitpunkt mehrheitlich für die SPD, wobei der einflussreiche Hauptlehrer Hermann Rose Anhänger der BVP (Bayerische Volkspartei) war.24 Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 konnte dennoch dank des Verbleibs der örtlichen Entscheidungsträger im Amt die Einflussnahme der Partei zumindest im lokalen Bereich auf ein erträgliches Maß reduziert werden25. Die bereits 1924 mangels Schülerzahlen aufgelöste Judenschule ging 1938 in den Besitz der politischen Gemeinde über. Durch gezielte Propaganda forciert hielt jedoch langsam aber kontinuierlich auch in den Häusern Altenstadts der judenfeindliche Geist des Nationalsozialismus Einzug. Parolen wie „Kauft nicht bei Juden“ waren fortan auch an den betreffenden Geschäftshäusern zu finden. Zur regelrechten Mutprobe wurden, wie später nach Augenzeugenberichten dokumentiert, Ehrerbietungen an verstorbene jüdische Mitbürger. Vielfach mit Meldung bedroht, widersetzten sich dennoch manche Trauergäste dem Verbot, an einer Beerdigung auf dem jüdischen Friedhof beizuwohnen.26 Hingegen verlief der Abend des 9. November 1938 in Altenstadt ruhig. Erst nachdem das Landratsamt Illertissen am Folgetag den örtlichen Sturmführer SA, Kurt Ziegler, auffordert, auch in Altenstadt Aktionen gegen Juden durchzuführen, entschloss sich dieser, eine demagogische Rede zu halten.27 In diesem Zusammenhang wurden wertvolle Kultgegenstände aus der Synagoge entwendet und ins Rathaus verbracht. Gegen 20.30 Uhr schien die judenfeindliche Kundgebung ohne Melden größerer Zwischenfälle zunächst beendet, als auf Fahrrädern eine SS-Einheit aus dem 15 Km entfernten Vöhringen erschien, mit dem Befehl, die Synagoge zu sprengen oder in Brand zu setzen. Nur auf Zureden eines Gendarmen konnte der Trupp von diesem Vorhaben abgebracht werden, zumal ein Feuer wahrscheinlich auf die benachbarten Gebäude übergegriffen hätte. Dennoch wurden Gebetsbücher und weitere Kultgegenstände im Inneren der Synagoge zerstört, die Fenster mit Steinen eingeworfen und die Mauern mit antisemitischen Parolen beschmiert.28 Wie auch andernorts führten die immer massiveren Einschränkungen und Schikanen der jüdischen Bevölkerung auch in Altenstadt zu erneuten intensiven Ausreisebemühungen. Allerdings konnten von den 32, dort im Jahr 1938 noch gemeldeten Juden in der Folge lediglich sieben Deutschland verlassen. Vier Jahre später begannen die gewaltsamen Deportationen, die in Altenstadt in mehreren Schüben durchgeführt wurden. Später sollte eine betagte Zeitzeugin zur Auskunft geben, man hebe schon gewusst, dass sie [die Juden, R.M.] nach Theresienstadt kommen, bloß was das gewesen ist, dass hat man nicht gewusst.29

[...]


1 Ranke, Leopold: Sämtliche Werke Bd. 33/34, S. 7

2 Vgl. Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit, S. 27

3 Vgl. ebd.

4 Vgl. Reichel, Peter: „Onkel Hitler und Familie Speer“ – die NS-Führung privat, S. 94

5 Vgl. u.a. Hahn, Joachim: Synagogen in Baden-Württemberg, S. 63

6 Vgl. Müller, Birgit: Erinnerungskultur in der DDR, S. 66

7 Vgl. Hecht, Cornelia: Zum Umgang mit der Erinnerung an jüdisches Leben, S. 41

8 Vgl. Ebd.

9 Vgl. Hahn, Joachim: Synagogen in Baden-Württemberg, S. 63

10 Vgl. ebd. S. 59

11 Vgl. ebd. S. 63

12 Vgl. ebd. S. 64

13 Vgl. Hahn, Joachim: Synagogen in Baden-Württemberg, S. 52ff

14 Vgl. ebd. S. 54 ff

15 Vgl. ebd. S. 65

16 Vgl. ebd. S. 62

17 Vgl. Hecht, Cornelia, S. 39

18 Vgl. ebd. S. 40

19 Vgl. ebd. S. 37

20 Vgl. Sommer, Karin: Die Juden von Altenstadt, S. 1

21 Vgl. Ebd. S. 2 und Böhm, Hans: Illereichen-Altenstadt, S. 52

22 Vgl. Sommer, Karin: Die Juden von Altenstadt, S. 9

23 Vgl. Ebd. S. 36

24 Vgl. Sommer, Karin: Die Juden von Altenstadt, S. 38

25 Vgl. Ebd. S. 49

26 Vgl. Ebd. S. 51

27 Vgl. Ebd. S. 51

28 Vgl. Ebd. S. 52

29 Vgl. Sommer, Karin: Die Juden von Altenstadt, S. 38

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Altenstadter Judenpogrome und ihre erinnerungskulturelle Aufarbeitung
Untertitel
Vom Verschweigen zum Erinnern
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für Geschichte und Biografie)
Note
2,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V506903
ISBN (eBook)
9783346064110
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Judenprogrome, Bayern, Schwaben, Altenstadt
Arbeit zitieren
Ralph Manhalter (Autor), 2019, Die Altenstadter Judenpogrome und ihre erinnerungskulturelle Aufarbeitung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/506903

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