Die Mediatisierung von Freundschaft

Eine empirische Untersuchung der Interaktionen junger Erwachsener in den sozialen Online-Netzwerken


Masterarbeit, 2019
81 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Zusammenfassung

1 Einleitung

2 Mediatisierung
2.1 Soziale Netzwerke und digitale Kommunikation
2.2 Geschichtlicher Abriss der Kommunikation
2.3 Herkunft sozialer Netzwerke und das Web 2.0
2.4 Funktionen sozialer Netzwerke
2.5 Spezielle Formen sozialer Netzwerke
2.5.1 Facebook
2.5.2 WhatsApp
2.5.3 Instagram

3 Freundschaft
3.1 Definition und Begriffsklarung
3.2 Freundschaftstheorien
3.2.1 Entwicklungsstufen der Freundschaft nach Selman
3.2.2 Entwicklungsmodell der Freundschaftserwartungen nach Bigelow und La Gaipa
3.3 Freundschaft als dynamischer Prozess
3.4 Funktion von Freundschaft

4 Empirische Untersuchung
4.1 MethodischesVorgehen
4.1.1 Tagebuchstudie
4.1.2 Qualitatives Leitfadeninterview
4.1.3 Durchführung der Interviews und Datenaufbereitung
4.1.4 Datenauswertung
4.1.5 Stichprobe

5 Ergebnisse
5.1 Ergebnisse der Interaktionstagebücher
5.2 Einzelfalldarstellung
5.2.1 Interview I1
5.2.2 Interview I2
5.2.3 Interview I3
5.2.4 Interview I4
5.2.5 Interview I5
5.2.6 Interview I6
5.3 Zusammenfassende Ergebnisdarstellung
5.3.1 Kontaktpflege als Nutzungsmotiv
5.3.2 Soziale Online-Netzwerke als bequeme Kommunikationsmedien
5.3.3 Vorwegnahme potentieller Gesprachsthemen
5.3.4 Soziale Ausgrenzung und Konfliktpotential
5.3.5 Dauererreichbarkeit und Antwortzwang
5.3.6 Weitere Erkenntnisse

6 Fazit
6.1 Kritische Betrachtung und Schlussfolgerung
6.2 Ausblick und zukünftige Forschungsarbeit

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit beschaftigt sich mit den Interaktionen junger Erwachsener in sozialen Online-Netzwerken. Ziel war es, die Auswirkungen der digitalen Nut­zung auf freundschaftliche Beziehungen empirisch zu überprüfen. Dazu doku- mentierten sechs Teilnehmer ihre Interaktionen über einen Zeitraum von einer Woche in digitalen Tagebüchern und wurden anschlietend in qualitativen Inter­views befragt. Die Ergebnisse bestatigen, dass die Nutzung sozialer Online-Netz­werke einen Effekt auf das Konzept der Freundschaft hat. Die Auswirkungen wei- sen dabei sowohl positive als auch negative Konsequenzen auf.

Gender-Erklarung

Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird in der vorliegenden Masterarbeit die gewohnte mannliche Sprachform bei personenbezogenen Substantiven und Pro­nomen verwendet. Dies impliziert jedoch keine Benachteiligung des weiblichen Geschlechts, sondern soll im Sinne der sprachlichen Vereinfachung als ge- schlechtsneutral zu verstehen sein.

1 Einleitung

„Wir erleben eine Völkerwanderung in den digitalen Kontinent.", erklart Ranga Yogeshwar in der Talkshow Markus Lanz im vergangenen Frühjahr (Markus Lanz, 2019). Mit dieser Aussage möchte der Wissenschaftsjournalist zum Aus- druck bringen, wie stark die Digitalisierung auch im heutigen Zeitalter voran- schreitet. Der Digitalisierung liegen dabei unterschiedliche Definitionen zu Grunde. Sie kann zum einen als „digitale Umwandlung und Darstellung bzw. Durchführung von Informationen und Kommunikation" oder als „digitale Modifika- tion von Instrumenten, Geraten und Fahrzeugen" verstanden werden (Bendel, 2018, S. 1). In der Literatur wird gleichbedeutend auch von der digitalen Revolu­tion gesprochen (Bendel, 2018). Die stetige Weiterentwicklung digitaler Medien führt zu einem immer starker werdenden Einfluss, der sich in fast allen Lebens- bereichen bemerkbar macht. Diese Erkenntnis ist nicht neu, denn bereits in den 1990er-Jahren beschaftigte sich der Erziehungswissenschaftler und Autor Dieter Baacke mit den Auswirkungen von Medien auf alltagliche Lebenswelten. Er stellt damals schon fest: „Lebenswelten sind Medienwelten, Medienwelten sind Le­benswelten" (Baacke, 1999, S. 31). Damitsoll ausgedrückt werden, dass die me­diale Veranderung kein einseitiges Prinzip ist, sondern vielmehr als wechselsei- tiger Prozess angesehen werden kann (Hartmann & Hepp, 2010; Hepp, 2013). Zudem kommt dem Terminus mediatisierte Lebenswelt eine zentrale Bedeutung im Hinblick auf die Mediatisierung zu (Birkner, 2017). Nach Hepp und Krotz (2012) können diese Welten als „alltagliche Konkretisierungen von Mediengesell- schaften und Medienkulturen" verstanden werden (S. 13).

Es ist die kontinuierlich steigende Anzahl an Medien, die unter anderem bedingt, dass Wissenschaftler von der Mediatisierung der Gesellschaft sprechen. Fried­rich Krotz (2007) beschreibtdiesen Prozess hinzukommend als Wandel der Kom­munikation. Insbesondere das Auftauchen sozialer Online-Netzwerke führte zur „Auflösung von Gewohnheiten" (Klingler, Vlasic & Widmayer, 2012, S. 433) und durchdringt Lebensbereiche, die bis zur digitalen Revolution nur schwach in Ver­bindung mit digitalen Medien standen. Gleichermaften zeigen aktuelle Statisti- ken, welchen Stellenwert soziale Online-Netzwerke im Leben junger Erwachse- ner haben. So sind einer Schatzung zufolge über2,5 Milliarden Menschen Nutzer eines sozialen Online-Netzwerks - zukünftige Tendenz steigend (eMarketer, 2017). Als Resultat dieser Veranderung schafft die Digitalisierung neue Formen von Beziehungen, indem sie traditionelle Konzepte zunehmend mediatisiert. Wahrend Kommunikation vor der D igitalisierung vor a Hem im persönlichen Raum, also Face-to-Face, stattgefunden hat, verlagert sie sich heute in den digitalen Raum (Dürscheidt & Frick, 2014).

Der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit soll auf der Mediatisierung des Kon- zepts der Freundschaft liegen. Die Mediatisierung der Freundschaft stellt Men- schen, die eine freundschaftliche Beziehung zueinander pflegen, vor neue Her­ausforderungen und es lassen sich folgende Forschungsfragen ableiten: Welche Bedeutung kommt sozialen Online-Netzwerken im digitalen Zeitalter zu und wel­che Auswirkungen haben diese auf das Konzept der Freundschaft? Wodurch zeichnen sich die Interaktionen innerhalb freundschaftlicher Beziehungen aus und wie hat sich die Kommunikation zwischen den Freunden verandert?

Die vorliegende Arbeit soll zur Beantwortung dieser Forschungsfragen herange- zogen werden. Ziel ist es, die Mediatisierung der Freundschaft theoretisch auf- zuarbeiten und anschlietend zu untersuchen, welche Konsequenzen die Nut­zung sozialer Online-Netzwerke im Hinblick auf die freundschaftliche Beziehung zwischen jungen Erwachsenen nach sich zieht.

Die Arbeit gliedert sich in sechs Kapitel. Kapitel 2 und 3 geben einen Überblick über die theoretischen Grundlagen, die der vorliegenden Untersuchung dienen. Nach einer Einführung in Themengebiete Mediatisierung und soziale Netzwerke folgt eine Erlauterung des Freundschaftsbegriffes. Zudem werden die Ergebnisse einer fundierten Literaturrecherche zu Forschungsarbeiten im Bereich der Medi­atisierung und den Auswirkungen sozialer Medien dargestellt.

Anschlietend wird in Kapitel 4 der empirische Teil der Arbeit dargelegt. Ausge- hend der relevanten Forschungsfragen erfolgt eine detaillierte Beschreibung der methodischen Umsetzung. Diese umfasstneben der Wahl eines geeigneten For- schungsinstruments auch eine Erlauterung der Auswertungsmethode sowie der Stichprobenauswahl. Zudem wird auf den Aufbau und den Ablauf der Studien- durchführung eingegangen.

Kapitel 5 gibt Aufschluss über die Ergebnisse der durchgeführten Studie. Dazu werden zunachst die einzelnen Auswertungsschritte und -bestandteile der ein­zelnen Untersuchungskomponenten prasentiert. Anschlietend werden diese im Hinblick auf die zuvor postulierten Forschungsfragen interpretiert.

Im letzten Kapitel erfolgt eine kritische Reflektion der Untersuchung sowie die Diskussion der Ergebnisse mit Bezug auf die Erkenntnisse aus dem theoreti­schen Teil der vorliegenden Arbeit. Die methodische Vorgehensweise wird ebenfalls reflektiert, offene Fragen aufgeworfen und weiterführende Möglichkei- ten der Forschung aufgezeigt.

2 Mediatisierung

Gleichsam mit dem Einzug des Internets in alltagliche Lebenswelten stieg in der Vergangenheit auch das Interesse für digitale Medien und deren Nutzung (Birk- ner, 2017). Die Vernetzung unseres Alltags mit diesen digitalen Anwendungen kann unter dem Begriff der Mediatisierung zusammengefasst werden. Die Lite- ratur bietet eine Vielzahl an Versuchen, den Begriff genauer zu konzeptualisie- ren. Oftmals wird das Konzept der Mediatisierung dem Konzept der Medialisie- rung gleichgesetzt und somit synonym verwendet. Mediatisierung kann als An- satz der Medien- und Kommunikationsforschung verstanden werden, der ver- sucht zu erklaren, wie sich Medien auf alltagliche Lebenswelten auswirken (Hepp, 2014).

Ferner kann Mediatisierung als prozessartiger Wandel des medialen Erlebens auf unterschiedlichen soziokulturellen Ebenen verstanden werden. Im Mittelpunkt dieser kontinuierlichen Veranderung stehen unterschiedliche Kommunikations- medien (Krotz, 2001). Der Autor Friedrich Krotz (2001, S. 33) erklart:

Medien werden als technische Gegebenheiten verstanden, über die bzw. mit denen Menschen kommunizieren - sie sind in einer spezifischen Gesellschaft und Epoche in Alltag, Kultur und Gesellschaft integriert (und dadurch soziale Institutionen), und die Menschen haben soziale und kommunikative Praktiken in Bezug darauf entwi- ckelt. Menschliche Geschichte kann deshalb als Entwicklung gesehen werden, in deren Verlauf immer neue Kommunikationsmedien entwickelt wurden und auf un­terschiedliche Weise Verwendung fanden und finden. In der Konsequenz entwickel- ten sich immer mehr immer komplexere mediale Kommunikationsformen, und Kom­munikation findet immer haufiger, langer, in immer mehr Lebensbereichen und be- zogen auf immer mehr Themen in Bezug auf Medien statt.

In der Kommunikations- und Medienwissenschaft wird im Wesentlichen auf den oben genannten Autor und seine Arbeiten verwiesen (Hartmann & Hepp, 2010). Krotz (2001 ) versucht Kommunikationsmedien ganzheitlich zu erfassen. Einzelne Medien, wie beispielsweise das Fernsehen, spielen eine untergeordnete Rolle. Er geht in seiner Analyse verstarkt auf die allumfassende Medienprasenz ein und betont, dass Medien „in immer gröterer Anzahl zu allen Zeitpunkten zur Verfü- gung“ stehen und „dauerhaft Inhalte“ anbieten (Krotz, 2001, S. 22). Im Zentrum der Mediatisierung steht die Analyse von Auswirkungen auf unterschiedliche Lebenswelten, die durch mediale Veranderungen im Hinblick auf Alltag, Kultur und Gesellschaft bedingt sind (Krotz, 2001, 2007; Lundby, 2014).

Der Einfluss digitaler Medien auf den Menschen und die Gesellschaft, ist Unter- suchungsgegenstand zahlreicher Studien. Ob dieser Einfluss eher Fluch oder Segen zu sein scheint, kann bis heute nicht konkretisiert werden. Aktuelle For- schungsarbeiten weisen sowohl negative als auch positive Effekte nach. So fan­den die Autoren Bak und Keftler (2012) heraus, dass die Nutzung des sozialen Netzwerks Facebook zu Konformitatseffekten führt. Demnach resultiert aus der intensiven Nutzung des Netzwerks gruppenkonformes Verhalten, welches sich in den Meinungsaufterungen der Befragten zeigt. Die Autoren argumentieren zu­dem, dass dieser Umstand das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Gruppe fördert. Ein Mitglied in einem sozialen Online-Netzwerk kann als wichti- ger Teil einer Gruppe wahrgenommen werden. Teil eines Netzwerks oder einer Gruppe zu sein, befriedigt das motivationspsychologische Konzept des An- schlussmotivs. Nach McQuail (1994, zit. n. Batinic & Appel, 2008, S. 114) sind im Anschlussmotiv unterschiedliche Aspekte der Integration und sozialen Inter- aktion eingeschlossen. Medien werden demnach genutzt, um einer Gruppe an- zugehören und am Leben der Gruppenmitglieder teilzuhaben. Zudem gewinnen Konversationen untereinander an Relevanz und die Gemeinschaft in einem so­zialen Online-Netzwerk kann als Ersatz für reale Gemeinschaften dienen.

Andere Studien beschaftigen sich mit den negativen Konsequenzen, die durch den Konsum digitaler Medien verursacht werden. Demnach führt die Nutzung bei 36% der Befragten einer Nachforschung der Schwenninger Krankenkasse und derStiftung Die Gesundarbeiter (2018) dazu, dass sie sich gestresst fühlen. Dies betrifftvorallem die Altersgruppe der 18 bis 34-Jahrigen (37-39%). Im Gegensatz dazu fühlen sich die 14 bis 17-Jahrigen weniger gestresst (24%). Rund die Halfte gibt an, kaum Lösungswege zu finden, die den Stress durch digitale Medien re- duzieren. Auslöser für den empfundenen Stress sind vor allem gebotene Ablen- kungsmöglichkeiten in Form von Chats und sozialen Medien (67%), die Informa- tionsflut durch beispielweise Push-Benachrichtigungen samtlicher Dienste (54%) und die standige Erreichbarkeit (53%). Zudem besteht die Sorge, nicht angemes- sen schnell auf erhaltene Nachrichten zu reagieren (45%) oder etwas zu verpas­sen (38%). Dabei lösen sowohl Ablenkungsmöglichkeiten (70%) als auch die Dauererreichbarkeit (62%) vor allem bei Frauen Stress aus. Die Informationsflut belastet insbesondere die Gruppe der 26 bis 34-Jahrigen (61%), wahrend die 18 bis 25-Jahrigen eher unter dem vermeintlichen Antwortzwang leiden (51%).

Knapp die Halfte aller Befragten klagt über Stresssymptome wie Müdigkeit, Er- schöpfung, Einschlafprobleme und Gereiztheit. Zudem betonen 42% weniger di- rekte persönliche Kontakte zu anderen Menschen zu pflegen. Um dem Stress entgegenzuwirken üben 73% der Befragten regelmatig Hobbys aus und mehr als die Halfte nimmt sich bewusst digitale Auszeiten. Manner beschranken ihre digitale Nutzung starker auf das Wesentliche als Frauen. Die 18 bis 25-Jahrigen gehen tendenziell weniger Hobbys nach, um dem Stress zu begegnen als die anderen Befragten. Gleichermaten zeigt die Studie jedoch auch, dass die Be­fragten die Einfachheit und Schnelligkeit der Kommunikation über digitale Medien zu schatzen wissen.

So schnell und einfach die Kommunikation im digitalen Zeitalter auch ist, so birgt diese auch ein Potential für Konflikte. Die Autorin Stephanie Braun (o.D.) be- schreibt die Herausforderungen unterschiedlicher Kommunikationsbarrieren und setzt sich mit diesen auseinander. Die Herausforderungen digitaler Kommunika- tionsmöglichkeiten steigen, sobald die Komplexitat innerhalb einer Konversation ansteigt. Auch Emotionen spielen hierbei eine tragende Rolle, denn diese können über textbasierte Nachrichten nicht eindeutig vermittelt werden. In genau dieser Vielschichtigkeit liegt die Problematik: Inhalte werden subjektiv wahrgenommen und vom Individuum interpretiert, ohne zu wissen, welche eigentliche Botschaft hinter einer Nachrichtstecken sollte. Missverstandnisse und daraus resultierende Konflikte scheinen vorprogrammiert. Eine schnelle Konfliktlösung scheint über soziale Online-Netzwerke wie WhatsApp schier unmöglich. Braun befasst sich zudem auch mit dem Aspekt der standigen Erreichbarkeit und thematisiert die Erwartungshaltung, die durch digitale Kommunikation erzeugt wird. Auch sie be­tont, dass der Kommunikation über soziale Online-Netzwerke ein Antwortzwang geschuldet ist, dem sich kaum entzogen werden kann. Gruppenchats, in denen innerhalb kürzester Zeit viele Nachrichten zusammenkommen können, spielen dabei eine besondere Rolle. Dabei führt unter anderem die Angst, etwas Wichti- ges zu verpassen, dazu, standig Nachrichten zu lesen und zu beantworten. Zu­dem bieten unterschiedliche Funktionsweisen, beispielweise die Lesebestati- gung bei WhatsApp, viel Interpretationsspielraum. Dies führt zur Starkung von Unklarheiten sowie Unsicherheiten seitens der Empfanger und wirkt sich auch auf die reale Beziehung zum Gesprachspartner aus.

2.1 Soziale Netzwerke und digitale Kommunikation

Aufgrund der hohen Relevanz für die vorliegende Arbeit soll zunachst ein tiefgehendes Verstandnis für die Begrifflichkeit des sozialen Netzwerkes entwickelt werden. Dabei wird neben der Definition auch auf den Wandel der Begrifflichkeit eingegangen und unterschiedliche Formen sowie Funktionen sozialer Netzwerke werden naher erlautert.

2.2 Geschichtlicher Abriss der Kommunikation

Folgt man der Zeitachse der Geschichte der Kommunikation, so ist ersichtlich, dass sich die menschliche Kommunikation über Jahrhunderte an vorherrschen- den Trends und Veranderungen orientiert und kontinuierlich weiterentwickelt hat (Weidlich, 2013). Neben der Möglichkeit, über Sprache und Worte miteinander zu kommunizieren, steht vor allem die Ausbreitung der Kommunikation im Vor- dergrund. So wurden im frühen Afrika Nachrichten anhand von Trommelschlagen verbreitet, wahrend Jahrhunderte spater die Agypter einen ersten Kurierdienst für Schriftrollen erfanden. Darauf folgten das erste Postsystem in Persien, Rauchzeichen in Asien und in Stein gemeitelte Zeitungen in Rom. Mit dem Auf- treten der Telegrafie in der Mitte des 19. Jahrhunderts erlebten Kommunikations- wege rund um die Welt eine Revolution. Die elektrischen Signale des Telegrafen ermöglichten nun Kommunikation über weite Strecken hinaus. Etwa ein Jahrhun- dert spater erschien das erste Mobiltelefon und Telefonate konnten unabhangig vom Festnetz geführt werden. Diese Technologie wurde weiterentwickelt und ei­ner breiten Bevölkerungsmasse zuganglich gemacht. 1992 wurde dann die erste SMS (Short Message Service) versendet (Weidlich, 2013). Etwa 20 Jahre spater lag die Anzahl versendeter SMS in Deutschland bei 60 Milliarden pro Jahr (Bundesnetzagentur, 2017, S. 60). Parallel zum Aufkommen des Short Message Service erfolgte auch die Kommerzialisierung des Internets in den 1990er-Jah- ren. Menschen rund um die Welt nutzen seit jeher vernetzte Computer als Kom- munikationsmedium und die Entwicklung des Social Web als virtuelle Gemein- schaft nimmt einen immer starkeren Stellenwert in der Gesellschaft ein (Ebersbach, Glaser, & Heigl, 2016, S. 13ff.). Damit nachvollzogen werden kann, welche Relevanz sozialen Online-Netzwerken heutzutage beigemessen wird und weshalb sie unterschiedlichste Lebensbereiche durchdringen, soll in den nach- folgenden Kapiteln naher darauf eingegangen werden, welche Charakteristika und Funktionen soziale Netzwerke in ihrem Ursprung aufweisen.

2.3 Herkunft sozialer Netzwerke und das Web 2.0

Heutzutage werden Soziale Netzwerke haufig mit digitalen Kommunikationsmit- teln in Verbindung gebracht bzw. synonym verwendet. Dies geschieht vor allem im Kontext des sogenannten Web 2.0 bzw. Social Web. Um nachvollziehen zu können, was unter einem sozialen Netzwerk im digitalen Sinne zu verstehen ist, soll in diesem Kapitel zunachst darauf eingegangen werden, was ein soziales Netzwerk im klassischen bzw. herkömmlichen Sinne ausmacht. Für die Schaf- fung eines detaillierteren Verstandnisses für den Terminus des sozialen Netzwer- kes, erfolgt im ersten Schritt zudem eine Erlauterung der Entwicklung des Web 2.0. 2004 pragte der Verleger Tim O’Reilly den Begriff Web 2.0 auf einer Internetkon- ferenz, in deren Rahmen neu aufkommende Dienste und digitale Anwendungen diskutiert wurden, die eine neue Form der Internetnutzung mit sich brachten (Al- par& Blaschke, 2008; Kaplan & Haenlein, 2010; King, 2014). In der Literatur wird noch heute oft auf den definitorischen Ansatz von O’Reilly zurückgegriffen. O’Reilly (2006) beschreibt das Web 2.0 als „business revolution in the computer industry caused by the move to the internet as platform, and an attempt to under­stand the rules for success on that new platform. Chief among those rules is this: Build applications that harness network effects to get better the more people use them. (This is what I’ve elsewhere called “harnessing collective intelligence”)" (O'Reilly, 2006).

Walsh, Hass & Kilian (2011) beschreiben das Web 2.0 als interaktive Plattform, die die Nutzer auf eine neue Art zur aktiven Teilnahme animiert. Im Vergleich dazu stellte das Internet bis zu diesem Zeitpunkt eine eher starre Informations- quelle dar (Walsh, Hass, & Kilian, 2011, S. 4). Auch die Autoren Kaplan und Ha­enlein (2010) stellen die Interaktivitat des Web 2.0 in den Vordergrund und sind der Auffassung, dass Nutzer die digitalen Anwendungen und Inhalte gemein- schaftlich modifizieren (Kaplan & Haenlein, 2010, S. 60). Zusammenfassend lasst sich sagen, dass die aktive Beteiligung der Nutzer zu einem weiteren Zu- satznutzen des Internets führt (Lackes & Siepermann, M., 2019).

Wahrend der Entwicklung des Web 2.0 haben besonders soziale Online-Netz­werke einen hohen Stellenwert eingenommen. Diese verkörpern die interaktive Charakteristik des Social Web. Social-Network-Dienste (SND) oder auch Social­Network-Sites (SNS) dienen in erster Linie der Vernetzung von Menschen (Ebersbach, Glaser, & Heigl, 2016, S. 95), die die digitalen Anwendungen vor allem für „textbasierte computervermittelte Kommunikation" im Internet nutzen (Döring, 2003, S. 38). Im Mittelpunkt sozialer Netzwerke stehen Online-Commu­nities. Die starke Ahnlichkeit der verwendeten Begriffe erschwert eine exakte Ab- grenzung und einheitliche Definition derselben. Schoberth & Schrott (2001) se- hen in der virtuellen Gemeinschaft jedoch eine besondere Form der Gemein­schaft (Schobert & Schrott, 2001). Boyd und Ellison (2007) definieren SNS als „web-based services that allow individuals to (1 ) construct a public or semi-public profile within a bounded system, (2) articulate a list of other users with whom they share a connection, and (3) view and traverse their list of connections and those made by others within the system" (Boyd & Ellison, 2007, S. 211 ). Zudem können folgende Merkmale in Anlehnung an (Ebersbach, Glaser, & Heigl, 2016, S. 95) beschrieben werden:

- Es ist eine Registrierung erforderlich
- Profilseiten geben Auskunft über Interessen und Tatigkeiten,
- Daten liegen hauptsachlich in strukturierter Form vor,
- Beziehungen zu anderen Menschen werden dargestellt,
- mit einem starken Bezug zu realen Sozialbindungen,
- Bekanntschaften über die sprichwörtlichen „fünf Ecken" werden nachvoll- ziehbar gemacht.

Um den Erfolg der Online-Netzwerke nachzuvollziehen, wird im Folgenden ein Blick auf die Funktionsweisen sozialer Netzwerke im klassischen Sinne gewor- fen. Der Ursprung des Begriffs ist auf die Soziologie zurückzuführen und lasst sich definieren als „ein Geflecht von sozialen Beziehungen, in das der Einzelne, Gruppen, kollektive oder korporative Akteure eingebettet sind" (Kopp & Schafers, 2010, S. 209). Diese Beziehungen lassen sich klar differenzieren. Zum Einen existiert die Integration der „starken und direkten Beziehungen zwischen den Netzwerkeinheiten" und zum Anderen die derschwacheren, indirekten Beziehun­gen in sozialen Netzwerken (Schenk, 1984, S. 29). Zudem lassen sich unter- schiedliche Elemente im Rahmen der Netzwerkeinheiten bestimmen. Ein Be­standteil dieser Einheiten sind unter anderem „Gruppen, Organisationen oder auch Nationen" (Röhrle, 1994, S. 15). Auch Kopp und Schafers (2010) nehmen eine Integration schwacherer Beziehungen ahnlich wie Schenk (1984) an. Es ist davon auszugehen, dass Unterschiede innerhalb der direkten, als auch der indi­rekten Kommunikationsbeziehung in sozialen Netzwerken bestehen. Diese Un­terschiede wirken sich zudem auf das Verhalten der Individuen aus (Kopp & Schafers, 2010). Für die vorliegende Arbeit ist dieser Sachverhalt besonders wichtig, da der Untersuchungsansatz dem Gedanken folgt, dass es vor allem die direkte Kommunikation zwischen den Akteuren ist, die sich auf die Freundschaft derselben auswirkt.

Gleichermaten zur Differenzierung zwischen starken und schwachen Beziehun­gen findet eine Unterscheidung zwischen totalen und partialen Netzwerken statt. Barnes (1969) beschreibt ein totales Netzwerk wie folgt: „a first-order abstraction from reality, and it contains as much as possible of the information about the whole of the social life oft he community to which it corresponds[1]' (Barnes, 1969, S. 56; zit. n. Schenk, 1984). Demzufolge gehören alle möglichen Beziehungen zwischen einzelnen Netzwerken in ein totales Netzwerk. Zudem gehören alle Be­ziehungen einem partialen Netzwerk an, sobald sie sich auf nur eine bestimmte Kategorie, wie beispielsweise Verwandtschaft oder Freunde, beschranken (Schenk, 1984).

Ferner können soziale Netzwerke als „spezifische Webmuster alltaglicher sozia­ler Beziehungen" verstanden werden (Keupp & Röhrle, 1987, S. 7). Röhrle (1994) setzt sich in Anlehnung an Schenk (1984) mit den Merkmalen dieser Beziehun­gen auseinander (S. 16). Er unterscheidet zwischen relationalen, kollektiven und individuell bedeutsamen funktionalen Merkmalen und Merkmalen der Morpholo­gie (siehe Tabelle 1). Die Intensitat einer Beziehung kann dabei als relationales Merkmal der sozialen Beziehung verstanden werden. Röhrle (1994) erörtert in Anlehnung an Granovetter (1982), dass es klare Unterschiede zwischen schwa­chen und starken Verbindungen gibt. Die Intensitat dieser Verbindung setzt sich „aus dem Aufwand, mit dem soziale Beziehungen gepflegt werden, dem Grad es emotionalen Engagements oder gegenseitigen Vertrauens und a us dem Ausmat wechselseitiger Unterstützungen“ zusammen (Granovetter, 1982, zit. n. Röhrle, 1994, S. 17)

Kontakthaufigkeit und Kontaktdichte können zudem ebenfalls als relationales Merkmal angesehen werden. Latente Beziehungen zeichnen sich eher durch ihre schwache Kontaktdichte aus. Gleichzeitig sind diese Beziehungen „aktivierbare soziale Einheiten“ und „insbesondere für Befindlichkeiten, wie z.B. Geborgen- heitsgefühle, sehr bedeutsam“ (Röhrle, 1994, S. 17). Zwischen der Dauer der sozialen Beziehung und ihrer Intensitat scheint es einen Zusammenhang zu ge- ben (Schenk, 1984; Röhrle, 1994). Dennoch ist die Kontakthaufigkeit nicht ent- scheidend für die Intensitat und Intimitat von Beziehungen (Schenk, 1984, S. 70). Eine Beziehung mit verschiedenen Möglichkeiten zu kommunizieren, führt auf Dauer nicht zwingend zu einer hohen Intimitat bzw. Intensitat innerhalb der Be­ziehung. Aus diesem Grund unterscheidet Schenk (1984) zwischen einzelnen partialen Netzwerken. So beispielsweise bei Studenten eines gleichen Kurses. Wird der Ansatz, dass die Kontakthaufigkeit sich auf die Beziehungsintensitat auswirkt, berücksichtigt, so nimmt die Intensitat der Beziehung ab, sobald die Kontakthaufigkeit der Einheiten reduziert wird. Im Falle einer Verwandtschaft ver­halt es sich gegensatzlich. „Hierbei spielt die Haufigkeit des Kontaktes, die bis- weilen durch regionale Grenzen behindert wird, kaum eine Rolle" (Mayer, 1962, S. 576-592 zit. n. Schenk, 1984, S. 71). Demzufolge kann es trotz der einge- schrankten Kontaktmöglichkeiten zu einer hohen Beziehungsintensivitat kom­men. Röhrle (1994) kategorisiert die soziale Unterstützung sowie die soziale Kon- trolle als funktionale Merkmale sozialer Netzwerke. Aufgrund dieser Merkmale lassen sich soziale Netzwerke als „selbsterhaltende- bzw. -regulierende Sys- teme" verstehen (Röhrle, 1994, S. 18).

Tabelle 1: Merkmale sozialer Netzwerke (in Anlehnung an Röhrle, 1994, S. 16)

1. Relationale Merkmale
1.1. Starke vs. schwache Bindungen
1.2. Kontakthàufigkeit
1.3. Latente vs. aktualisierte Beziehungen
1.4. Dauer
1.5. Multiplexe vs. uniplexe Beziehungen
1.6. Egozentriertheit vs. Altruismus
1.7. Reziprozitàt
1.8. Homogenitàt
1.9. Grad deran Bedingungen geknüpften Zugànglichkeit

2. Kollektiv und individuell bedeutsame funktionale Merkmale
2.1. Soziale Unterstützung
2.2. Soziale Kontrolle

3. Merkmale der Morphologie
3.1. Gröfte
3.2. Dichte
3.3. Erreichbarkeit
3.4. Zentralitàt
3.5. Custerund Cliquen
3.6. Sektoren und Zonen

Zur Bestandigkeit sozialer Beziehungen tragt vor allem die oben genannte sozi­ale Kontrolle bei, wahrend Unterstützung im Sinne sozialer Netzwerke auf die Pflege dieser Beziehung Einfluss nimmt (Röhrle, 1994). Demzufolge gleichen funktionale Merkmale Abweichungen innerhalb sozialer Netzwerke aus und tra- gen zu einem Gleichgewicht im Bereich dieses Systems bei.

Um ein besseres Verstandnis der Strukturen innerhalb sozialer Netzwerke zu er­langen, ist die nahere Betrachtung der Merkmale der Morphologie benannten Kri- terien von Röhrle (1994) hilfreich. Die Gröte eines Netzwerkes wird durch die Anzahl der teilnehmenden Personen bestimmt (Keupp & Röhrle, 1987). Ebenso bedeutsam ist die Dichte des Netzwerks. Diese lasst sich mit Hilfe der tatsachli- chen Verbindungen in Relation zu den potentiellen Verbindungen in einem sozi­alen Netzwerk bestimmen (Keupp & Röhrle, 1987; Röhrle, 1994). Regionen, in denen beispielsweise eine höhere Dichte vorkommt, lassen sich als Cliquen oder Cluster definieren (Keupp & Röhrle, 1987, S. 26). Hinsichtlich der morphologi- schen Struktur sozialer Netzwerke ist die Erreichbarkeit sozialer Einheiten ebenso entscheidend. Darüber soll ermittelt werden, „wie schnell und unmittelbar Mitglieder eines sozialen Netzwerkes eine Zielperson (Element) erreichen kön­nen" (Röhrle, 1994, S. 19).

In der Theorie heitt es, dass eine Kommunikation innerhalb sozialer Netzwerke erst bei der physischen Anwesenheit von mindestens zwei Personen zustande kommt (Buhl, 2008; Döring, 2003). Genauso existieren in computervermittelten Netzen soziale Netzwerke. Schelske (2007) zufolge handelt es sich bei dieser Form von Kontakt ebenfalls um reale Beziehungen. Social Network Sites (SNSs) im Sinne von sozialen Netzwerken sind heute nicht mehr wegzudenken (Richter, Riemer & von Brocke, 2011). Besonders „textbasierte computervermittelte Kom­munikation", wie zum Beispiel Facebook, WhatsApp oder Instagram, findet über SNSs im Internet statt (Döring, 2003, S. 38). Für den spateren Verlauf der Unter­suchung ist es von wesentlicher Bedeutung, dass die zuvor beschriebenen Merk­male sozialer Netzwerke im herkömmlichen Sinne auch auf digitale Netzwerke projiziert werden können.

Um nachvollziehen zu können, weshalb Anwendungen wie Facebook, WhatsApp und Instagram so erfolgreich sind, können Gründe für die Nutzung von sozialen Medien hinzugezogen werden. Hierzu befragte die Vodafone Stiftung im Jahr 2018 664 Personen im Alter von 14 bis 24 Jahren zu ihren jeweiligen Nutzungs- absichten (siehe Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 : Nutzungsabsichten junger Erwachsener in Deutschland (In Anlehnung an Vodafone Stiftung, 2018)

Für die befragten Personen zeigen sich sowohl in der Informiertheit über das Le­ben der eigenen Freunde als auch in der Absicht, mit diesen in Kontakt zu blei­ben, die eigentlichen Hauptmotive der Nutzung sozialer Online-Netzwerke.

2.4 Funktionen sozialer Netzwerke

In Ihrem Ursprung dienen soziale Netzwerke in erster Linie Funktionen wie Schutz und Halt. Zurückzuführen ist dies auf die frühsten Entwicklungsphasen eines jeden Kindes, da das frühkindliche Leben auf diese Funktionen in beson- derer Weise angewiesen ist. Ein Kind würde ohne diese sozialen Funktionen in­nerhalb eines jeweiligen sozialen Netzwerkes kaum überleben. So kann ein Neu- geborenes seinen biologischen Bedürfnissen nicht eigenstandig nachgehen, wie beispielsweise der Nahrungsaufnahme. In der Regel ist das soziale Netzwerkfür diese Aufgabe zustandig. Durch seine jeweiligen Bezugspersonen werden die Bedürfnisse des Sauglings befriedigt, genauso wird es vor potenziellen Gefahr- dungen geschützt. Da mit sollen mögliche Bedrohungen vermieden b zw. reduziert werden. Halt oder auch emotionale Zuwendung wird in Form von Zuneigung und Liebe ausgedrückt (Schmidt-Denter, 2005). Um soziale Beziehungen und ihre Funktionen darzustellen, wird zwischen verschiedenen Beziehungstypen diffe- renziert. Abbildung 2 zeigt eine Unterteilung der unterschiedlichen Typen nach Döring (2003). Dabei wird zunachst zwischen formalen und persönlichen Bezie­hungen unterschieden. Im nachsten Schritt können die Beziehungen nach ihrem Bindungsgrad, einer schwachen oder starken Bindung, unterteilt werden. Zuletzt grenzt Döring (2003) die Beziehungspartner „nach der Art der jeweiligen Rolle" ab (S. 405). Hervorzuheben ist, dass formale Beziehungen in Funktionssysteme eingegliedert sind, welche „dazu dienen, gesellschaftliche Aufgaben zu erfüllen" (Döring, 2003, S. 405). Das Handeln der Beziehungspartner ist hier durch forma- lisierte Rollen vorgegeben, da sie sich in einer ökonomischen Austauschbezie- hung, wie etwa einer Beziehung zwischen Kunden und Verkaufer, befinden. Der Schwerpunkt einer solchen Beziehung liegt oftmals in der Aneignung eines Pro- duktes, beziehungsweise des Geldes, also in der Transaktion zwischen mindes- tens zwei Personen. Gegenteilig sind persönliche Beziehungen in soziale Sys- teme eingeschlossen. Bei sozialen Systemen handelt es sich um das „Aufgebot des Ahnlichen und Gleichen, um Gefühle der Nahe und Verbundenheit" (Döring, 2003, S. 406). Folglich nehmen Emotionen in persönlichen Beziehungen eine grofte Rolle ein, wahrend sie in formalen Systemen einer marginalen Relevanz entsprechen. Besonders bedeutsam sind Emotionen wie „Wertschatzung und Vertrauen" (Döring, 2003, S. 406).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Beziehungstypen (in Anlehnung an Döring, 2003)

Werden schwache und starke Bindungen genauer betrachtet, so fallt auf, dass sie sich vor allem in ihrer Intensivitat unterscheiden. Schwache Bindungen sind „dadurch gekennzeichnet, da sie weniger zeitintensiv sind, mit einem geringeren emotionalen Engagement verbunden sind, nicht intim und wenig multiplex sind" als starke Bindungen. Starke Bindungen basieren auf „tiefere Gefühle wie Ge- borgenheit und Liebe" (Diewald, 1991, S. 101).

Maslow zur Folge streben Individuen nach Zugehörigkeit und Liebe (Maslow, 1991). Soziale Netzwerke sind dabei besonders hilfreich, da diese Systeme eine Vernetzung untereinander ermöglicht. Damit Menschen gesund bleiben und schlussweg überleben, muss das Zugehörigkeitsbedürfnis befriedigt werden (Maslow, 1991, S. 71).

In Zeiten zunehmender Mobilitat, Globalisierung und Digitalisierung bietetvor al­lem das Internet die Möglichkeit der Vernetzung. Unter Beachtung der oben ge- nannten Funktionen und Merkmale wird deutlich, dass die sozialen Medien und insbesondere die sozialen Online-Netzwerke eine grundlegende Funktion im Rahmen der„digitalen Gemeinschaft" einnehmen. Denn auch hier werden grund­legende Bedürfnisse nach Schutz, Halt, und Anschluss befriedigt. Angesichts dieser Auslegung liegt die Vermutung nahe, dass sich das Zusammenleben in­nerhalb von Gemeinschaften zunehmend in die virtuelle Welt verlagert.

2.5 Spezielle Formen sozialer Netzwerke

Im Folgenden sollen die für die vorliegende Untersuchung relevanten digitalen sozialen Netzwerke naher betrachtet werden. Im Fokus stehen Nutzungsdaten und die wesentlichen Inhalte der jeweiligen Anwendungen. Die Netzwerke wur- den auf Basis ihrer Popularitat und Relevanz ausgewahlt.

2.5.1 Facebook

Betrachtet man die Nutzerzahlen sozialer Netzwerke, so fallt schnell auf, dass Facebook mit mehr als zwei Milliarden monatlich aktiven Nutzern weltweit die grötte virtuelle Gemeinschaft darstellt (We Are Social, Hootsuite, & DataReport, 2019). 2004 gründete der Amerikaner Mark Zuckerberg das soziale Netzwerk mit dem Ziel, die Welt offener zu gestalten und eine bessere Vernetzung im Rahmen von Kommunikationsmedien zu gewahrleisten (Facebook, 2019). Mehr als die Halfte aller aktuellen Nutzer ist zwischen 18 und 34 Jahre alt. Lediglich ein Anteil von 6% ist jünger als 18 und ca. 4% sind alter als 65 Jahre (We Are Social, Hootsuite, & DataReport, 2019). Die genaue Altersverteilung findet sich in Abbil­dung 3.

Abbildung 4 bildet die Ergebnisse einer Umfrage zur taglichen Nutzungsdauer von Facebook nach Geschlecht in Deutschland im Jahr 2017 ab. Geschlechts- spezifische Unterschiede in der Nutzungsdauer sind im Bereich taglich 0,5 bis 1 Stunde und taglich wenigerals 30 Minuten zu finden. Zum Zeitpunkt der Umfrage gaben 28% der weiblichen und 19% der mannlichen Befragten an, Facebook 30 bis 60 Minuten am Tag zu nutzen. Rund 21% der Manner und 13% Frauen nutzen Facebook weniger als 30 Minuten taglich. In den anderen Antwortkategorien las­sen sich nur minimale Unterschiede feststellen (Statista, 2017).

Eine Studie mit Studierenden von Pempek, Yermolayeva und Valvert (2009) gibt Aufschluss über die Nutzungsmotive der Facebook-User (siehe Abbildung 5). An erster Stelle steht die Kommunikation mit Freunden (85%). Kommunikation ist in diesem Fall als vielseitiger Prozess zu verstehen, da nur 13% der Befragten an- gaben, Facebook zum Senden und Empfangen von privaten Nachrichten zu nut­zen. Ein weiteres wichtiges Element stellt das Betrachten und Posten von Fotos dar (36%). Im Gegensatz dazu werden textbasierte Eintrage lediglich von 12% der Teilnehmer erstellt oder betrachtet. Jeweils 25% der befragten Studierenden gaben an, Facebook zu Vergnügungszwecken, wie beispielsweise in Auseinan- dersetzung mit bestehender Langeweile, oder für die Organisation von Veran- staltungen zu nutzen. Letzteres macht deutlich, dass Facebook auch zur Be- schaffung von Informationen genutzt wird.

Menschen überall auf Welt problemlos miteinander kommunizieren können (WhatsApp, 2019). Seit der Übernahme durch Facebook im Jahre 2014 verzeich- nete WhatsApp einen Zuwachs aktiver Nutzer um mehr als 200% und im Jahr 2018 eine absolute Nutzerzahl von mehr als 1,5 Milliarden (TrenchCrunch, 2018).

Abbildung 6: Altersverteilung der WhatsApp-Nutzer in Deutschland (in Anlehnung an Faktenkontor, 2018)

Abbildung 7 zeigt verschiedene Nutzungsintentionen von WhatsApp-Usern. Die Umfrage von (YouGov, 2017b) ergab, dass WhatsApp von Erwachsenen haupt- sachlich zur Kontaktpflege mit Freunden innerhalb von Deutschland (81%) und Mitgliedern der Familie (75%) genutzt wird. 38% der Befragten gaben an, den Dienst zu nutzen, um mit Freunden aus dem Ausland in Kontakt zu bleiben. Au­terdem wird WhatsApp für Gruppenchats (55%) und als Kommunikationsmittel für den Kontakt mit Arbeitskollegen (52%) genutzt. 48% der befragten User ga­ben an, WhatsApp für die Organisation von Freizeitaktivitaten zu nutzen.

2.5.3 Instagram

Instagram ist eine Anwendung, die 2010 ursprünglich als eine Art Microblog er- schien. Der Onlinedienst vereint die Funktionalitaten einer Foto-Sharing-App und die eines sozialen Netzwerks. Mit dem massiven Nutzerwachstum der Plattform stieg in der Vergangenheit auch das Interesse anderer Unternehmen an Insta­gram. Im April 2012 teilte CEO Kevin Systrom mit, dass einer zukünftigen Über- nahme durch Facebook zugestimmt wurde (Instagram, 2019). Heute reiht sich Instagram mit etwa einer Milliarde monatlich aktiven Nutzern in die Liste der gröt- ten sozialen Online-Netzwerke ein (We Are Social, Hootsuite, & DataReport, 2019).

Unter Berücksichtigung der Altersverteilung (siehe Abbildung 8) fallt auf, dass der Grotteil der Instagram-Nutzer zwischen 18 und 34 Jahre alt ist (570 Mio.). Zum Zeitpunktder Erhebung waren 57 Millionen User noch minderjahrig ( 13-17 Jahre) und 20 Millionen Nutzer alter als 65 Jahre. Personen mittleren Alters zahlen ebenfalls zu den Nutzern der Anwendung. Zudem verbringt der Durchschnittsnutzer 22 Minuten am Tag auf Instagram (PicewaterhouseCoopers GmbH, 2018, S. 7).

[...]

Ende der Leseprobe aus 81 Seiten

Details

Titel
Die Mediatisierung von Freundschaft
Untertitel
Eine empirische Untersuchung der Interaktionen junger Erwachsener in den sozialen Online-Netzwerken
Hochschule
Technische Hochschule Köln, ehem. Fachhochschule Köln
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
81
Katalognummer
V507062
ISBN (eBook)
9783346070999
ISBN (Buch)
9783346071002
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale Netzwerke, Mediatisierung von Freundschaft, Mediatisierung, Social Network, Social Media, Einfluss sozialer Netzwerke, Digitalisierung
Arbeit zitieren
Viktoria Giller (Autor), 2019, Die Mediatisierung von Freundschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/507062

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Mediatisierung von Freundschaft


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden