Freiheit und Übermensch in Nietzsches Philosophie und Dostojewskis "Der Großinquisitor". Wie steht der Mensch zur Freiheit?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

29 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Die schaffende Parallele zwischen Nietzsche und Dostojewski

II Die Bürde der menschlichen Freiheit in Unzeitgemäße Betrachtungen III und „Der Großinquisitor“
1. Nietzsches Kritik am unfreien "Scheinmenschen" des Abendlandes
2. Des Großinquisitors Anerkennung der menschlichen Schwäche
3. Die drei „Versuchungen“ des Menschen laut dem Großinquisitor

III Das Verhältnis zu Gott als seine Negation
1. Befreiung des Menschen durch den Tod Gottes in Der tolle Mensch
2. Abkehr von Gott zum Teufel für das irdische Wohl des Menschen

IV Nietzsches Übermensch und der Großinquisitor als sein Ebenbild
1. Nietzsches Übermensch in Also sprach Zarathustra
2. Iwans Großinquisitor als Verkörperung des Übermenschen und des letzten Menschen

V Vom christlichen Gemeinschaftsglauben zum Individualismus der Moderne

VI Literaturliste

Lieber will der Mensch das Nichtwollen als nicht zu wollen.

Friedrich Nietzsche in Genealogie der Moral

I Die schaffende Parallele zwischen Nietzsche und Dostojewski

Es mag auf den ersten Blick überraschen, die Philosophie Friedrich Nietzsches mit dem Werkausschnitt „Der Großinquisitor“ aus Die Brüder Karamazow von Fjodor M. Dostojewski in Vergleich zu setzen. Zumal Nietzsche Dostojewskis Werke erst sehr spät für sich entdeckte, ein Jahr vor seinem Zusammenbruch, der sogleich auch das Ende für seinen Schaffensprozess bedeutete. Die Brüder Karamazow hat Nietzsche erst gar nicht gelesen.1 Doch finden sich viele Parallelen nicht nur in ihren Werken, sondern auch im Lebensweg. Dostojewskis Leben war von Schmerz, physisch als auch seelisch geprägt. Er litt unter Epilepsie, Spielsucht, entkam kurz vor seiner Hinrichtung dem Tode und lebte daraufhin ein Jahrzehnt in Gefangenschaft in Sibirien. Wie der Philosoph Christian Thies ihn beschreibt: „ein körperliches Wrack“, dessen Werk „der Krankheit abgerungen werden“ musste.2 So ist es mit Nietzsche kaum anders. Er schreibt: „In allen Lebensaltern war der Überschuß des Leidens ungeheuer bei mir.“3 Auch er krankte an Gebrechen wie chronischen Kopfschmerzen, die ihn allzu oft nicht arbeiten ließen, in ständiger Einsamkeit lebend. Und so erholte sich letztendlich bis zum Tode nicht mehr von seinem geistigen Zusammenbruch um 1889, der seinen Anfang mit der Umarmung eines Pferdes zum Schutz vor der Erniedrigung des Droschkenbesitzers auf den Straßen von Turin genommen hat.4

Auch hier findet sich erstaunlicherweise eine sehr ähnliche Romanszene aus Dostojewskis Die Brüder Karamasow, in der Iwan, die im Folgenden wichtige Figur, die Sinnlosigkeit des Leidens der Tiere anprangert, und als Beispiel das Peitschen eines Pferdes „auf seine sanften Augen“ nimmt.5 Das Leiden ist somit Ursprung und Katalysator für das Schaffen beider Denker. Denn alles gelebte Leben findet auch in ihren Büchern Eingang. Und so verarbeiten beide Philosophen6 ein signifikantes Problem, das Thomas Mann auch als „geistesbrüderliche Koinzidenz“ aufgrund seiner Übereinstimmungen bezeichnet7: Den Nihilismus und im zweiten Schritt seine Lösung. Dostojewski stellt diese Denkströmung, vertreten durch den eben genannten Protagonisten Iwan Karamazow, in Perspektive zu seiner eigentlichen christlichen Denkweise, vertreten durch den Protagonisten Alexej. Beide Überzeugungen konkurrieren miteinander, bei der letztendlich das Christentum als Verständnis einer allumfassenden Liebe für Dostojewski überwiegt. Nietzsche behandelt konkret den Nihilismus in seinen Schriften und verneint das Christentum durchwegs als Wurzel und Quelle des Nihilismus vehement. Er kommt in der Destruktion alles Vorherigen zu seiner eigenen Idee: Dem Übermenschen. Letztendlich lässt sich aber genau diese Philosophie für ihn explizit als eine „Bejahung des Lebens“8 verstehen, obwohl er vollständig vom philosophischen Grundgerüst des Abendlandes abweicht. Denn dieses bedeutet für ihn, verleiblicht in der Figur Christi, eine Verneinung des Lebens. Der Lösungsweg aus dem „Nichts“ fällt folglich sehr unterschiedlich aus.

Entscheidend für die vorliegende Arbeit ist aber die metaphysische Ausganglage der Autoren bezüglich der Freiheit und des Übermenschen, die in der Denkweise des Protagonisten Iwan und in Nietzsches Schriften zu finden ist: Wie ist der Mensch zur Freiheit beschaffen? Wie geht er mit der „drohenden“ Freiheit von Sinn um? Welche Lösung wird für die mangelnde Freiheitsfähigkeit des Menschen geschaffen?

Diese Fragen zeigen sogleich auf, was unter Nihilismus zu verstehen ist: Ein Sinnvakuum, das durch den Wegfall, beispielsweise der christlichen Lehre und dem damit verbundenen Gedanken an eine Ewigkeit im Jenseits eine allumfassende Orientierungslosigkeit für den Menschen darstellt, wodurch das Leben nichtig (nihil – das Nichts), mit anderen Worten sinnlos erscheint. Das Leben kann „aus seinem unmittelbaren Sein [nicht] die nötige Selbstaffirmation“ herausziehen9. Und wenn der Mensch sein Leben nicht teleologisch in einer etablierten Ordnung auslegen kann, wozu dann noch leben? Dies führt auch zum ersten Gedankenkomplex der vorliegenden Argumentation. Denn es stellt sich die Frage: Wenn der Mensch immer Ziel und Ordnung benötigt, was auch als illusorische bequeme Unfreiheit bezeichnet werden kann, ist er überhaupt in der Lage mit wahrhaftiger Freiheit, dem Anzweifeln einer bestehenden Ordnung und der daraus folgenden Selbstständigkeit, -tätigkeit und -verantwortung umzugehen? Nietzsche ruft gerade dazu auf und kritisiert in Unzeitgemäße Betrachtungen III das Fehlen der Suche nach wahrhaftiger Erkenntnis und der daraus möglichen Freiheit nach Veränderung für ein Leben in Bequemlichkeit. Das Poem „Der Großinquisitor“ von Iwan zeigt genau diese Schwäche der menschlichen Natur auf: Der Mensch vergibt sein höchstes Gut, die menschliche Freiheit, nur allzu gerne für „das irdische Brot“ (BK S. 378) und die Beruhigung seines Gewissens, da die verwirrende und zur Selbsttätigkeit aufrufende Freiheit eine Last für den Menschen darstellt.

Doch zeigt sich, dass auch die etablierte Herrschaft, in diesem Fall das Christentum für Nietzsche und die Figur Iwan, den Menschen doch nicht zufriedenstellt und er sich nach Jahrtausenden nun für das Erringen der Freiheit gegen alles Bestehende auflehnt. Gerade aufgrund der Willkür des christlichen Konstrukts für Nietzsche und Iwan tritt der Tod, beziehungsweise die Negierung Gottes ein: Für Nietzsche im Aphorismus Der tolle Mensch hervorgehoben, im Poem „Der Großinquisitor“ noch abgeschwächt in Form einer innerlichen Abkehr von Gott zum Teufel, dem Bösen, hin.

Nach der Erkenntnis vom Tode Gottes muss aber nun eine neue Denkweise folgen: Die Setzung von Wahrheit und Freiheit durch den Übermenschen. In Also sprach Zarathustra zeigt Nietzsche, was diese höhere Form des Menschen für ihn bedeutet. Der Großinquisitor kann als dieser Übermensch à la Nietzsche und als der Mensch des vollkommenen Willens für Iwan verstanden werden. Doch wird am Ende diskutiert, ob der Großinquisitor wirklich noch der „Übermensch“ oder gar schon wieder der „letzte Mensch“ im Sinne Nietzsches bedeuten würde.

II Die Bürde der menschlichen Freiheit in Unzeitgemäße Betrachtungen III und „Der Großinquisitor“

„Sie wollten offenbar lieber Opfer und Beschenkte als Täter und Schenkende sein – vielleicht aus Angst vor der eigenen Freiheit.“10

So spricht sich der Literaturwissenschaftler Rüdiger Safranski im Sinne Nietzsches und implizit des Großinquisitors über die Menschen aus. Anstatt ihren eigenen Fähigkeiten selbstverantwortlich Wert und Gewicht beizumessen, übergeben die Menschen die Verantwortung an eine höhere für sie unendliche Idee und entwerten damit ihr eigenes endliches Handeln. Wenn die Idee aber wegbricht, so bleibt nur noch das selbstentwertete endliche Leben übrig, womit der Kern des Nihilismus schon immer in diesem höheren Denken, dem Christentum, verankert gewesen ist. Der Mensch hat Angst vor dieser Freiheit ohne höhere Idee, da er dann wortwörtlich vor dem „Nichts“ steht. Genau diese Angst kritisiert Nietzsche am Menschen des Abendlandes in Unzeitgemäße Betrachtungen III.

Im Poem „Der Großinquisitor“ verurteilt eben dieser die Menschen nicht direkt für ihre mangelnde Stärke in Freiheit zu leben. Der Großinquisitor konstatiert vielmehr ihre Schwäche als Faktum und rechtfertigt somit seine Herrschaft gegenüber seinem Gefangenen: Jesus. Das Poem wird in I 3. direkt zu Nietzsche in Vergleich gestellt, in dem die Charakteristika des Menschen und damit ihre Unmöglichkeit in Freiheit zu leben, dargestellt sind.

1. Nietzsches Kritik am unfreien „Scheinmenschen“ des Abendlandes

Schon zu Anfang in seinem Frühwerk Unzeitgemäße Betrachtungen III aus dem Jahr 1876 stellt Nietzsche zwei allumfassende wechselseitige Eigenschaften der Menschen fest: „einen Hang zur Faulheit“ und Furchtsamkeit.11 Im Grunde ist sich der Mensch seiner Individualität und seinem schaffenden Inneren wohl bewusst, trägt diese aber nicht nach Außen hin, sondern verbirgt sich gegenüber anderen hinter Konventionen und Manieren aufgrund genau der zwei eben genannten Charakteristika. Und so wird die Menschheit zu einer Gemeinschaft mit dem erreichten Ziel „heerdenmäßig zu denken und zu handeln“ (UB S. 337). Denn es ist bequemer. Der Einzelne muss sich nicht mit sich selbst befassen und bildet seinen Maßstab in Orientierung an Anderen, um Teil der Herde zu sein. Wenn jeder der Gemeinschaft so handelt und sich „am Nachbarn“ orientiert (UB S. 337), lässt sich gar nicht mehr erkennen, dass allesamt „in Ketten“ gelegt sind (UB S. 338). Denn alle agieren gemeinsam abgestimmt auf den Anderen in einer Komfortzone, in der Ruhe und Ordnung herrscht. Der Anschein entsteht, dass sie aktiv frei nach eigenem Bemessen handeln würden. Für Nietzsche ist jedoch das Gegenteil der Fall. Sie „tödte[n] die Zeit“ ab (UB S. 338) und überlassen ihre „Existenz einer gedankenlosen Zufälligkeit“ (UB S. 339). Damit ist gemeint, dass die Menschen ihr zeitlich endliches Leben nicht eigenständig gestalten, folglich kein autonomes selbstverantwortliches Dasein führen, sondern zu passiven, das Leben verneinenden, „Scheinmenschen“12 ihrer Zeit werden (UB S. 338). Sie haben sich einer etablierten Ordnung verpflichtet, die beispielsweise die Religion oder Nation bereitstellt. Diese wird daraufhin als die alleinige unüberbrückbare Wahrheit angesehen, da sie für den Menschen eine gemeinsame Sicherheit schafft. Dabei ist die Wahrheit nur ein zeitlich und geografisch bedingtes Produkt. Die Ansicht kann nämlich „ein paar hundert Meilen weiter schon nicht mehr verpflichten“ (UB S. 339). Genauso steht es für Nietzsche mit dem „Orient und Occident.“ Diese seien nur zwei „Kreidestriche, die uns jemand vor unsre Augen hinmalt, um unsre Furchtsamkeit zu narren“ (UB S. 339). Folglich wird dem Menschen eine Illusion vor seine Sinne gestellt. Diese Sinne, vor allem die Augen, können als Möglichkeit von Realitätsabbildung betrachtet werden. Es ist aber ein Leichtes, den Menschen zu täuschen, da er besonders seine Angst beruhigt sehen will. Kreide impliziert zudem etwas im Laufe der Zeit Verbleichendes und leicht Wegzuwischendes. Somit ist die etablierte Wahrheit im Orient und Okzident eine wegzuwischende Lüge für Nietzsche. Die Menschen bewegen sich innerhalb dieser Ordnungen im Glauben auf gefestigtem Boden, auf „ererbten Capital“ (UB S. 340) der Wahrheit zu stehen, reproduzieren aber damit schon Altes, ohne aus ihrer Komfortzone herauszutreten. So ist beispielsweise die Wissenschaft für Nietzsche eine Wissensanhäufung, die nicht mehr Neues schafft, sondern eine quantitative Wiederholung darstellt (Vgl. UB S. 344).

Noch schlimmer zieht Nietzsche gegen das Christentum des Abendlandes ins Gericht (Vgl. UB S. 345). Denn die christliche Religion hat die Künstlichkeit, folglich Lüge und Verstellung, salonfähig gemacht. Sie stellt eine willkürlich festgelegte Lüge an sich, als auch die Bejahung von verstelltem Verhalten in der Gesellschaft dar. Der Grund liegt für Nietzsche in der „Höhe seines Ideals“. Diese verneint um der idealisierten „Sitte“ wegen die „Natürlichkeit“, den Inbegriff der menschlichen Natur und des Lebens. Die von Nietzsche favorisierte Antike bejaht dagegen die Natürlichkeit und somit das Leben. Dorthin kann aber „der moderne Mensch“ aufgrund der vom Christentum „vererbte[n] Furcht vor dem Natürlichen“ nicht mehr zurückkehren (UB S. 345). Für Nietzsche liegt in „diesem Hin und Her zwischen Christlich und Antik“ die Wurzel des Nihilismus. Der Mensch hat Angst vor dem Natürlichen, erkennt aber auch das Bedürfnis nach Natürlichkeit, das wahrhaftiges und befreites Leben impliziert. Das Spannungsfeld von „Hin und Her“ macht ihn ohnmächtig, „unfruchtbar und freudelos“, da ihm der Halt fehlt. Die Quintessenz des Menschen besteht aber „in der Begierde, irgendwo einen Halt zu haben“ (UB S. 345).

Wie kann der Mensch sich nun befreien und Stabilität erlangen? Er muss seine individuellen „Schale[n]“, das schaffende Potenzial, (UB S. 340) erkennen wollen, an sich selbst arbeiten und so seinen „Genius“ gegen die gemeinschaftliche Bequemlichkeit freisetzen (Vgl. UB S. 338, 340). Das bedeutet, dass er sich selbst „angraben“ und in seine verborgenen Tiefen eindringen soll, ohne zu wissen, was aus diesem Experiment herauskommt. Mit allen vorhandenen Ordnungen wie beispielsweise der Religion muss er brechen, was zuerst einen gefährlichen Abstieg im Inneren des Menschen impliziert, um sich seiner Selbst bewusst zu werden. Daraufhin ist das Individuum durch Selbsterkenntnis in der Lage eine Steigerung zu vollführen, der Steuermann seines Daseins zu werden (vgl. UB S. 338) und irgendwann „sein wahres Wesen“ (UB S. 340) in der Höhe zu erklimmen. So wird er zum Übermenschen (siehe Kapitel IV).

2. Des Großinquisitors Anerkennung der menschlichen Schwäche

Ein ähnliches Bild zur menschlichen Freiheit zeichnet der Großinquisitor des römischen Katholizismus im recht einseitigen Gespräch mit Gott, der in Gestalt von Jesus auftritt. Er prangert darin nicht direkt die Menschen wie Nietzsche, sondern Gott an, der sein Volk der verwirrenden, auf Entscheidung und Verantwortung basierten Freiheit zum Glauben hin ausgeliefert hat.

Das Poem des Atheisten Iwan spielt in Sevilla im 16. Jahrhundert während „der furchtbarsten Zeit der Inquisition, als zum Ruhm Gottes täglich die Scheiterhaufen loderten“ (BK S. 371). Gott steigt nach fünfzehn Jahrhunderten in Gestalt Jesu wieder zu den Menschen herab. Alle erkennen ihn und gehen ihm erbarmungsvoll nach. Auf dem Domplatz erkennt ihn auch der Großinquisitor samt seinem Gefolge. Anstatt sich Gott vor die Füße zu werfen als sein Diener und der in seinem Namen Herrschende, nimmt er ihn gefangen, um ihn am nächsten Tag auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen (Vgl. BK S. 372f). In der Nacht vor der Hinrichtung erscheint der Großinquisitor in Gottes Zelle. „Warum bist du gekommen, um uns zu stören?“ (BK S. 373), ist die rhetorische Frage des Großinquisitors. Er zeigt Gott auf, dass dieser schon morgen von seinem Volk wie damals zur Kreuzigung Jesu verraten und dass sich das Volk für den Herrscher des Diesseits, den Großinquisitor entscheiden wird. Die Menschen werden die etablierte Ordnung wählen, die ihnen Glück verspricht und sich wieder gegen die damals von Gott geschenkte Freiheit richten.

Für Nietzsche entscheidet sich der Mensch immer für die schon gefestigte Konvention, die ihm „sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht“13 verspricht. Auch der Großinquisitor erlaubt seiner „Herde“ mit Erlaubnis der Kirche sogar zu sündigen (Vgl. BK S. 384). Das ist für den Großinquisitor der Inbegriff von Liebe: Die Anerkennung der menschlichen Schwäche, mit der „Bürde der Freiheit“ nicht umzugehen können und um die er sie „liebevoll erleichterte[n]“ (BK S. 384). „Fünfzehn Jahrhunderte [hat sich die Kirche] mit der Freiheit abgequält“, die nun durch den Großinquisitor für das Wohlergehen der Menschheit abgeschafft ist (BK S. 375). Dazu hat er die Menschen aber nicht gezwungen, da diese freiwillig der Kirche „ihre Freiheit gebracht und sie [...] zu Füßen gelegt haben“ (BK S. 382). Das Ergebnis ist die absolute Überzeugung des Volkes als „Unfreie“ (BK S. 382) „vollkommen frei zu sein“ (BK. S. 375). Auch hier findet sich eine Parallele zu Nietzsche: Dem Menschen sind seine Ketten nicht sichtbar, er meint frei aktiv zu agieren (Vgl. UB S. 338). Diese Problematik zeugt von einem großen Spannungsfeld, insgesamt, dass der Großinquisitor mit den Begriffen „Unfreie“ und „Rebellen“ als Charakteristika für den Menschen umschreibt (Vgl. BK S. 382). Ihre Funktion ist Rebellion, ihr eigentliches Sein – Unfreiheit. Einerseits will der Mensch seine wirklich erlangte Freiheit von allen Fesseln so schnell wie möglich abgeben, um nicht selbst nach eigenem Bemessen zu entscheiden und selbstverantwortlich handeln zu müssen. Wenn er sie dann weitergegeben hat, meint er die Freiheit tatsächlich in Form einer Ordnung eingefangen zu haben. Bis er wieder gegen die Institution „rebelliert“, da es ihm nun wie einem Kind gegen den Lehrer scheint, er könnte auch ohne diesen leben. Die Folge laut dem Großinquisitor ist aber nur Verderben, Blut und Zerstörung, deren Ergebnis die Einsicht darstellt, dass die „Rebellen[...] ihre eigene Rebellion nicht aushalten“ (BK S. 383). Die Freiheit steht somit für „Unruhe, Verwirrung und Unglück“, obwohl Gott den Menschen zum Rebellen nach Freiheit erschaffen und für seine Freiheit in Gestalt Jesu am Kreuz gelitten hat (Vgl. BK S. 382f; S. 375).

3. Die drei „Versuchungen“ des Menschen laut dem Großinquisitor

Der Großinquisitor zeigt auch die Gründe für das Unvermögen der Menschen in tatsächlicher Freiheit zu leben. Dieses ist nämlich an die drei „Versuchungen“ vom „Geist der Selbstvernichtung und des Nichtseins“ gekoppelt (UB S. 376), die Gott als mögliche Gaben an den Menschen in Matthäus 4,1 verneint. Dieser Geist versteht sich als der Teufel.14 Den drei „Fragen“ Satans weist der Großinquisitor eine enorm große Bedeutung zu, da sie für ihn „die gesamte künftige Geschichte der Welt und des Menschengeschlechts“ aufzeigen (BK S. 376). Die erste Versuchung besteht in der irdischen Sättigung des hungernden Jesus in der Wüste. Der Teufel verlangt von Jesus, dass er als der Sohn Gottes die „Steine zu Brot werden“ lassen und so seinen Hunger stillen soll. Doch Jesus hält das Wort Gottes höher als das irdische Brot.15 Folglich wählt Jesus die Freiheit: Er entscheidet sich selbstverantwortlich gegen sein körperliches Bedürfnis für die geistige Stillung, ohne von Gott etwas dafür zu verlangen. Würde er die Steine in Brot verwandeln, so würde er die von Gott gegebene Macht einsetzen und seinen Glauben unter die Bedingung der irdischen Befriedigung stellen. In dieser Form wäre sein Glauben immer in einem unfreien Abhängigkeitsverhältnis. Der Großinquisitor zeigt jedoch auf, dass der Mensch im Gegensatz zu Gottes Sohn immer „das irdische Brot“ wählen und im Gegenzug seine Freiheit abgeben würde. Mit beidem gleichzeitig kann er nicht leben. Denn er ist nicht imstande zu teilen (Vgl. BK S. 378).16 So ist auch für Nietzsche der Scheinmensch jemand, der seine Freiheit für die Befriedigung seiner „Lüstchen“ gerne abgibt (Vgl. Za S. 20 und siehe Kapitel IV 1.).

[...]


1 Gillepsie, Michael Allen, Dostojewsky’s Impact on Nietzsche’s Understanding of Nihilism, in: Love, Jeff/Metzger,Jeffrey (Hrsg.): Nietzsche and Dostojewsky. Philosophy, Morality, Tragedy, Illinois 2016, S. 87, 94.

2 Thies, Christian, Nicht publizierter Exkurs „Tolstoi und Dostojewski“ aus der Habilitationsschrift „Der Sinn der Sinnfrage. Metapyhysische Reflexionen auf kantianischer Grundlage“ S.6 (https://www.phil.uni-passau.de/fileadmin/dokumente/lehrstuehle/thies/online-text-Tolstoi_und_Dostojewski.pdf, letzter Zugriff am: 3.3.2018).

3 Nietzsche, Friedrich, in: Zweig, Stefan, Der Kampf mit dem Dämon. Hölderlin, Kleist, Nietzsche. Leipzig 1925, S. 243.

4 Vgl.: Ross, Werner, Der ängstliche Adler. Friedrich Nietzsches Leben. Stuttgart 1979, S. 784f.

5 Dostojewski, Fjodor, Die Brüder Karamasow. Roman in vier Teilen und einem Epilog. Köln 2010, S. 359. Aus diesem Werk wird im Folgenden im Fließtext mit dem Kürzel BK und Seitenzahl zitiert.

6 In dieser Arbeit konzentriere ich mich explizit auf den philosophischen Gedankengang von Dostojewski, der in den Protagonisten ausgearbeitet ist. Die Figuren Iwan und Alexej stehen beide für entgegengesetzte philosophische Ideen.

7 Thomas Mann, in: Wissemann, Heinz: Die Idee des Übermenschen in Dostojewskis Legende vom Großinquisitor, S. 68 (http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2013/10191/, letzter Zugriff am: 5.3.2018).

8 Brock, Eike, Nietzsche und der Nihilismus. Berlin 2015, S. 3.

9 Safranski, Rüdiger, Das Böse oder das Drama der Freiheit. Frankfurt am Main 5. Aufl. 2003, S. 258.

10 Safranski, Rüdiger über Nietzsches Philosophie, in: Ebd., S. 260.

11 Nietzsche, Friedrich, Die Geburt der Tragödie. Unzeitgemäße Betrachtungen I-IV. Nachgelassene Schriften 1870-1873. München 1999, S.337. Im Folgenden wird aus Unzeitgemäße Betrachtungen III mit dem Kürzel UB und Seitenzahl im Fließtext zitiert.

12 Der Scheinmensch heißt in Nietzsches späteren Schriften „der letzte Mensch“. Siehe Also sprach Zarathustra S. 19 in Kapitel IV 1.

13 Nietzsche, Friedrich, Also sprach Zarathustra I-IV. München 1999, S. 20. Im Folgenden wird dieses Werk mit Za und Seitenzahl zitiert.

14 Interessant ist die Gleichsetzung von „Selbstvernichtung und Nichtsein“ und Teufel, somit auch Nihilismus und Teufel, da Nihilismus das Sein in Zweifel stellt, beziehungsweise für nichtig erklärt (Vgl.: Brock, Nietzsche, a.a.O., S. 2) Mit dem Teufel hat Iwan in Kapitel am Ende der Brüder Karamasov ein Streitgespräch, das auch als eine Diskussion mit dem Nihilismus verstanden werden kann.

15 Mt 4,1 Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. 2 Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. 3 Und der Versucher trat herzu und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. 4 Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5. Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.« Die Bibel. Lutherübersetzung. Stuttgart 2016.

16 Bis auf diese Frage steht des Großinquisitors Argumentation analog zum Bibelvers. Die beiden letzten Fragen werden nicht stringent wie in der Bibel dargestellt.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Freiheit und Übermensch in Nietzsches Philosophie und Dostojewskis "Der Großinquisitor". Wie steht der Mensch zur Freiheit?
Hochschule
Universität Passau  (Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte)
Veranstaltung
Hauptseminar: Philosophie und Politik bei Friedrich Nietzsche
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
29
Katalognummer
V507081
ISBN (eBook)
9783346059741
ISBN (Buch)
9783346059758
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie, Nietzsche, Dostojewski, Politische Theorie, Der Großinquisitor, Die Brüder Karamasov, Christentum, Nihilismus, Gewissen, Gott, Gott ist tot, Der tolle Mensch, Unzeitgemäße Betrachtungen, Also sprach Zarathustra, Dostojevski, Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Metaphysik, Freiheit, Übermensch, Letzte Mensch
Arbeit zitieren
Veronika Spleiß (Autor), 2018, Freiheit und Übermensch in Nietzsches Philosophie und Dostojewskis "Der Großinquisitor". Wie steht der Mensch zur Freiheit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/507081

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