Identitätsbildende Prozesse im Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zur Zeit des Wilhelminischen Deutschlands


Hausarbeit, 2019

26 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der historische Sachverhalt in der Wilhelminischen Epoche

3. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens
3.1 Entstehungskontext
3.2 Ziele und Aufgaben des C.V.‘s
3.3 Politischer Standpunkt
3.4 Verhältnis zu den innerjüdischen Ausrichtungen

4 Der Wandel des jüdischen Selbstverständnis innerhalb des Centralvereins
4.1 Abwehr des Antisemitismus
4.2 Deutsch-patriotische Identität
4.3 Die Wahrnehmung des Judentums

5 Schlussbetrachtung

6 Quellenverzeichnis

7 Literaturverzeichnis

I. Abkürzungsverzeichnis:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

,,Hundsfott, wehr‘ Dich!‘‘1 Mit diesem an einen Kampf anknüpfenden Aufruf versuchte der im Jahr 1893 gegründete Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C.V.) seine jüdischen Mitbürger zu erreichen und sie anzuhalten, sich gegen den aufkommenden Antisemitismus zu erheben. Dies geschah in einer Zeit, in der die herrschende Agitation gegen die Juden immer größere Auswirkungen einnahmen und darüber hinaus von den Antisemiten versucht wurde, die jüdische Bevölkerung ihrer bürgerlichen Rechte zu berauben. Dabei nahm der C.V. eine ganz entscheidende Rolle im Abwehrkampf gegen den Antisemitismus ein und führte zusätzlich zu einem Wandel des jüdischen Selbstverständnisses innerhalb der jüdischen Bevölkerung. Diese identitätsbildenden Prozesse wurden durch verschiedene Debatten im Vereinsorgan Im deutschen Reich (IdR) gefördert. Diese Vereinszeitschrift erschien zwei Jahre nach der Gründung des C.V.‘s, am 1. Juli 1895.2

Der zeitliche Rahmen für diese Arbeit wurde auf die Epoche des wilhelminischen Kaiserreichs festgelegt, welche von 1890-1914 vorherrschend war. Kennzeichnend für diese Phase war das ,,Aufkommen des Massenkonsums, die zarten Anfänge des Umweltschutzes und gesellschaftliche Reformbewegungen sowie viele wissenschaftliche Entdeckungen‘‘3. In dieser facettenreichen und widersprüchlichen Epoche lebte die jüdische Minderheit seit den 1860ern auf rechtlicher Ebene gleichberechtigt. Die jüdische Gemeinschaft im deutschen Reich verband ein großes Interesse an akademischer Bildung, ihre orthodoxe Religiosität hingegen trat immer mehr in den Hintergrund.4 Der sich nun entwickelnde neuere und modernere Antisemitismus, schaffte es nicht nur salonfähig zu werden, sondern erreichte eine neue Form der Organisierung, bei der politische Parteien gegründet wurden. Unter der Bedrohung des erstarkenden Antisemitismus entstanden in der jüdischen Bevölkerung Streitschriften zur Ermutigung der jüdischen Bevölkerung. Raphael Löwenfeld forderte aus diesem Grund eine Vertretung, die unsere Zeit und unsere Stellung im Staate nicht versteht, durch eine andere zu ersetzen, die aus dem Geiste der gebildeten Mehrzahl heraus zu den Fragen der Gegenwart Stellung nimmt5.

Ausgehend von diesem Bittgesuch wurde schließlich der C.V. am 26. März 1893 gegründet.6

Die zu untersuchende Forschungsfrage innerhalb dieser Arbeit lautet wie folgt: Welche identitätsstiftenden Prozesse waren für den Wandel des Selbstverständnisses zum Judentum innerhalb des C.V.‘s von besonderer Bedeutung? Bei dieser Fragestellung wird sich vor allem auf die kollektive Identität innerhalb des C.V.‘s konzentriert und nicht auf einzelne Individuen. Der Schwerpunkt wurde auf die kollektive Identität gesetzt, da die ausgewählten Quellen es nicht erlauben, die individuelle Identität einzelner Juden widerzuspiegeln. Des Weiteren ist das Ziel dieser Arbeit die Darstellung des Wandels im Selbstverständnis der Juden, welches sich ebenfalls nur auf ein Kollektiv bezieht. Anhand dieser Untersuchung lässt sich erkennen, inwieweit die jüdische Bevölkerung ein Wandel in ihrem Verhältnis zum Judentum erlebt hat und welche Faktoren dafür ausschlaggebend waren. Ebenfalls lässt sich erkennen, ob und inwiefern der Antisemitismus zum Erstarken des Judentums geführt hatte. Für die Untersuchung dieses Forschungsschwerpunkts dient die Vereinszeitschrift Im deutschen Reich. Hierfür werden die Exemplare aus dem Zeitraum 1895 bis 1914 verwendet. Bei der Bearbeitung der Forschungsfrage wird der sozialgeschichtliche Ansatz herangezogen, da dieser sich nach Gruppen beziehungsweise nach einem Kollektiv orientiert. Dabei spielt der Begriff ,Identität‘ eine besondere Rolle und wird immer wieder in den Fokus genommen. Im Verhältnis zu einem Kollektiv kann die persönliche Identität dazu führen, dass man sich mit einer oder mehreren Gruppen identifiziert, welche die gleichen Werte und Meinungen vertreten. Hierbei wird innerhalb der Identitätsforschung das Verhältnis einzelner Personen zu Personengruppen besonders deutlich, weswegen der Schwerpunkt in dieser Arbeit auf die identitätsbildenden Prozesse innerhalb des C.V.‘s gesetzt wurde.

Zunächst wird mit einem einleitenden Kapitel zur wilhelminischen Epoche begonnen, bei dem sowohl die historischen Verhältnisse als auch die Situation der Juden geschildert werden sollen. Als nächstes folgt die Vorstellung des C.V.‘s. Hierbei werden zunächst die Gründungsverhältnisse und die ersten Schritte dargestellt. Die Aufgaben, die Ziele und der politische Standpunkt des C.V.‘s werden im Anschluss beschrieben. Das letzte Unterkapitel zur Vorstellung des C.V.‘s beinhaltet die Verbindung des Vereins zur Orthodoxie und zum Zionismus. Anschließend wird der Schwerpunkt der Arbeit vorgestellt, der die Untersuchung zu den identitätsbildenden Prozessen beinhaltet. Hierbei wurde eine Dreiteilung unternommen, sodass zuerst die Abwehr des Antisemitismus dargestellt wird. Darauf folgen die Ausführung der deutsch-patriotischen Identität und das letzte Unterkapitel mit der Erarbeitung der Wahrnehmung des Judentums. Abschließend wird das Fazit in Form einer Schlussbetrachtung formuliert.

2. Der historische Sachverhalt in der Wilhelminischen Epoche

Die Epoche des wilhelminischen Kaiserreichs begann mit dem Ende der Kaiserzeit von Friedrich III und mit der Thronbesteigung des neuen Kaisers Wilhelm II. 1888, mit der formal an der Verfassung nichts geändert wurde. Das Herrschaftssystem war charakterisiert durch ,,eine konstitutionelle Monarchie mit einem extrakonstitutionellen Kern‘‘7. Innerhalb Wilhelms Kaiserzeit kam es zu entscheidenden gesellschaftlichen und politischen Einschnitten, bei denen er eine zentrale Figur spielte.8

Die wilhelminische Epoche ist gekennzeichnet von einem stark dynamischen Bevölkerungswachstum in den Industrieregionen, welches sich in dem Bewusstsein der Zeitgenossen eingrub und dadurch als Folge das Expansionsbestreben förderte. Gründe für dieses Bevölkerungswachstum waren zum einen die geringen Geburtenabstände, das leicht sinkende Heiratsalter und die bereits früher einsetzende Aufhebung von Heiratsbeschränkungen, mit der vor allem die Quote der Verheirateten in den Unterschichten wuchs9.

Ein weiteres Charakteristikum des Kaiserreiches war die wachsende massenhafte Mobilität. Diese wurde unter anderem durch die Industrialisierung und den Prozess der Urbanisierung vorangetrieben. Aber auch die verkehrstechnischen Erneuerungen, wie beispielsweise die Eisenbahn oder das Dampfschiff, machten diese Wanderungsbewegungen einfacher.10

Typisch für die Industriegesellschaften war die Form der Klassengesellschaft. Unterscheidungskriterien innerhalb der Bevölkerung waren bei dieser Form die ,,Leistung, [das] Einkommen und [das] Kapital‘‘11. Anhand dieser Differenzierung wurden die einzelnen Bevölkerungsgruppen deutlich voneinander unterschieden. Die Folge waren soziale Gräben, beziehungsweise eine zerteilte Gesellschaft sowie soziale Ungleichheit. Besonders die Arbeiter nahmen in dieser Gesellschaft eine schwierige Rolle ein. Sie arbeiteten durchschnittlich zehn bis elf Stunden in der Industrie am Tag und waren dabei vielen Risiken ausgesetzt. Unfälle, Krankheiten oder auch der Tod waren keine Seltenheit bei den Industriearbeitern. Aber auch Armutsrisiken gehörten zum Alltag der Arbeiter. Innerhalb dieser Zustände kam es oft zu Streiks und Unruhen, die durch die Sozialpolitik gemildert werden sollten. Allerdings führten diese Zustände zu einem Solidaritätsgefühl und einer gemeinsamen Identität der Arbeiter.12

Eine weitere Veränderung dieser Zeit ist der wachsende Stellenwert des modernen Antisemitismus in der deutschen Bevölkerung. Die Ursachen für die Entstehung dieses Judenhasses sind unterschiedlich. Allerdings wird immer wieder die Wirtschaftskrise als Beweggrund genannt, bei welcher der Jude als Sündenbock dargestellt wurde. Die Antisemiten verknüpften in ihrer Ideologie gegen die Juden Vorwürfe von wirtschaftlicher Ausbeutung, weltweiter Herrschaft und schlechten Rassenmerkmalen, verbunden mit dem Aufruf zur Revision der Emanzipation und Eingrenzung des Handlungsspielraums für Juden13.

Die jüdische Bevölkerung hob sich in bestimmten Sektoren von der übrigen deutschen Bevölkerung sehr stark ab. Vor allem die soziale Schichtung ist hierfür eine Ursache, da sich die Juden hauptsächlich im Mittelstand und in der bürgerlichen Oberschicht befanden, welches durch die Berufswahl im Handel und Verkehr verstärkt wurde. Sie verzeichneten dadurch eine außergewöhnlich hohe Konzentration in bestimmten Branchen, wobei es kein jüdisches Industrieproletariat gab. Ebenfalls strebte die jüdische Bevölkerung einen sozialen Aufstieg an, welcher sich im Bildungsstreben bündelte. Im demographischen Sektor lässt sich für die jüdische Bevölkerung eine eindeutige Konzentration in den Städten und eine Ost-West-Wanderung darlegen.14 Aufgrund dieser sozialen Schichtung der jüdischen Bevölkerung sahen die Antisemiten ihr Ziel darin, die Unterschiede zwischen Juden und der Gesamtbevölkerung in ausgewählten Berufs- und Machtpositionen zu belegen, dass die Minderheit ihre formale Gleichstellung zur >>parasitären Ausbeutung des deutschen Volkes<< nutze15.

In Folge der Entwicklung des modernen Antisemitismus wurden im wilhelminischen Kaiserreich antisemitische Parteien gegründet. Der Höhepunkt des parteipolitischen Antisemitismus stellt das Jahr 1893 dar, in dem die Reichstagswahlen stattfanden. Sie erreichten 2,9% der Stimmen und traten somit erstmals mit 16 Abgeordneten in den Reichstag.16 Allerdings blieb es nicht bei der Gleichgültigkeit gegenüber dem Antisemitismus innerhalb der jüdischen Bevölkerung. Beispielsweise wurde 1893 der C.V. als jüdischer Abwehrverein gegründet. Auch die Gründung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland (ZVfD) war eine Antwort auf die immer stärkere Diskriminierung. 17

3. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens

3.1 Entstehungskontext

Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens wurde in einer Zeit gegründet, in der die Juden ihre juristische Emanzipation ab 1871 rechtlich erreicht hatten.18 Trotz diesen garantierten Rechten, welche in der Verfassung von 1871 festgeschrieben wurden, versuchten die Antisemiten die Emanzipation der Juden zu verhindern. In dieser Zeit erreichten die Antisemiten erstaunliche Wahlerfolge, die für Angst und Schrecken in der jüdischen Bevölkerung sorgten. Allerdings führte nicht nur die stärkere Konfrontation mit dem modernen Antisemitismus zur Gründung dieses Abwehrvereins. Auch weitere äußere Faktoren drängten die jüdische Bevölkerung zu einer Selbstabwehr. So sorgten beispielsweise die Ritualmordbeschuldigungen von 1891 in Xanten dafür, dass die antisemitische Agitation starken Anklang in der deutschen Bevölkerung erreichte. Des Weiteren wurde 1892 im Trivialprogramm der Konservativen Partei ,,die Forderung zur Eindämmung des jüdischen Einflusses‘‘19 aufgenommen. Außerdem schlossen mehrere Parteien Wahlbündnisse mit den Antisemiten. Hierbei wird ersichtlich, dass die Antisemiten eine immer größere politische Bedeutung entwickelten. Die deutschen Juden fanden ihre politische Heimat hauptsächlich in der deutschen-freisinnigen Partei. Diese spaltete sich allerdings in die Freisinnige Volkspartei und die Freisinnige Vereinigung und verlor zudem auch noch bei der nächsten Reichstagswahl die Hälfte ihrer Mandate. Bevor diese Ereignisse stattfanden, nahm die jüdische Bevölkerung den Antisemitismus kaum wahr. Allerdings änderte sich dies mit der nun erheblichen Verschlechterung ihrer Situation in Deutschland.20

Die ursprüngliche Scheu vor militanter Verteidigung wich nun einer bewussten Kampfhaltung. Es entwickelte sich langsam innerhalb der jüdischen Bevölkerung das Streben nach einem Selbstschutz. Das fing mit jüdischen studentischen Vereinigungen an den Universitäten an und ging 1891 mit der Gründung des nichtjüdischen Vereins zur Abwehr des Antisemitismus weiter.21 Allerdings übte dieser Verein einen geringen Einfluss auf die antisemitischen Vorfälle und ihre politischen Folgen aus. Diese nichtjüdische Organisation, deren Wirkung sich auf den Umkreis der freisinnigen Partei beschränkte, wurde oftmals auch als ,,freisinnige Judenschutztruppe‘‘22 bezeichnet. Es wurden Stimmen in der jüdischen Bevölkerung laut, die um eine Selbstverteidigung der jüdischen Rechte kämpften. In dieser bedrohlichen Situation schrieb Raphael Löwenfeld seine Schrift ,,Schutzjuden oder Staatsbürger‘‘. Ihm ging es darum, die Auffassung eines mittelalterlichen Schutzjudentums abzulegen und die jüdische Bevölkerung zu ermutigen, sich für die Gleichberechtigung ihrer staatsbürgerlichen Rechte einzusetzen. Sie sollten sich zu einer Gemeinschaft versammeln und gegen die antisemitische Agitation kämpfen. Diese Schrift war nicht die einzige, die zu aktiver Selbstwehr aufrief. Auch die von F. Simon geschriebene Schrift ,,Wehrt euch! Ein Mahnruf an die Juden‘‘ diente dem Zweck, die jüdische Bevölkerung zu ermutigen, sich gegen den Antisemitismus zu wehren. Zwischen diesen beiden Schriften gibt es einen prägnanten Unterschied. Simon wandte sich bei der Selbstverteidigung an den jüdischen Aspekt und die Zugehörigkeit zum Judentum, wohingegen Löwenfeld es für wichtig erachtete, als deutscher Staatsbürger für seine Rechte zu kämpfen. Die Juden stellten bei Löwenfeld keine Sondergruppe in der deutschen Bevölkerung dar, sondern waren Teil des gesamten Deutschen Kaiserreichs.23 Die Schrift von Löwenfeld wird als unmittelbarer Anstoß für die Gründung des C.V. gesehen und in der Forschung oftmals als Gründungsmanifest bezeichnet.24 So fanden sich am 26. März 1893 die Professoren Julius Wolff und Hermann Senator, der Privatdozent der Medizin Martin Mendelsohn, die Rechtsanwälte Eugen Fuchs und Hermann Stern und der Berliner Stadtverordnete Ludwig Kalisch zusammen25

um den C.V. zu gründen. Es handelt sich bei diesem Abwehrverein um eine spezifisch jüdische Organisation, die das Ziel verfolgte alle deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens ohne Unterschied der religiösen und politischen Richtungen zu sammeln, um sie in der tatkräftigen Wahrung ihrer staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Gesinnung zu bestärken26.

Der Zusammenhang von Selbstabwehr und Verbindung zum Deutschtum macht deutlich, dass man die Gegenwehr als ideologisches Grundelement im C.V. festgelegt hatte. Trotz vieler Widerstände und die anfänglich schwierige Situation diesen Verein zu legitimieren, führte er zu einem Wandel vom Randjudentum zum Trotzjudentum.

3.2 Ziele und Aufgaben des C.V.‘s

Die Parole des Centralvereins wurde wie folgt beschrieben:

Wer angegriffen wird, muß sich wehren! Abwehr ist die Devise unseres Vereins; nicht Sonderrecht und Sonderstellung wollen wir erringen und erkämpfen, sondern vertheidigen das, was uns das Gesetz und die Verfassung verbrieft27.

Der C.V. sah es als seine und die der jüdischen Gemeinde vaterländische Pflicht, gegen den Antisemitismus zu kämpfen, um so der Anarchie vorzubeugen. Das diese Juden ein so großes Vertrauen in den Rechtsstaat steckten, war ein Ergebnis der bürgerlichen Emanzipation. Zusammen mit der Verteidigung ihrer bürgerlichen Rechte bildete dies den Ausgangspunkt ihres Abwehrkampfes. Zu dieser Ausgangsposition zählten auch ihre Leitsätze, die bei Paul Rieger genannt werden:

1. Wir deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens stehen fest auf dem Boden der deutschen Nationalität. Unsere Gemeinschaft mit den Juden anderer Länder ist keine andere als die Gemeinschaft der Katholiken und Protestanten Deutschlands mit den Katholiken und Protestanten anderer Länder. Wir erfüllen als Staatsbürger freudig unsere Pflicht und halten fest an unseren verfassungsmächtigen Rechten.
2. Wir gehören als Juden zu keiner politischen Partei. Die politische Meinung ist wie die religiöse Sache des einzelnen.
3. Wir haben keine andere Moral als unsere andersgläubigen Mitbürger. Wir verdammen die unsittliche Handlung des einzelnen, wes Glaubens er sei.
4. Wir verwahren uns gegen die leichtfertige oder böswillige Verallgemeinerung, mit der Vergehen einzelner Juden der jüdischen Gesamtheit zur Last gelegt werden.28

In diesen Leitsätzen werden die wichtigsten Ziele des C.V.‘s formuliert, die unter anderem die Abwehr des Antisemitismus und die Pflege ,deutscher Gesinnung‘ beinhaltet. Auffällig hierbei sind die großen Übereinstimmungen mit den von Löwenfeld formulierten Forderungen in seiner Schrift ,,Schutzjuden oder Staatsbürger‘‘:

1. Wir sind nicht deutsche Juden, sondern deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens.
2. Wir brauchen und fordern als Staatsbürger keinen anderen Schutz, als den der verfassungsmässigen Rechte.
3. Unsere Moral beruht nicht auf den Lehren vergangener Jahrhunderte, sondern auf den Anschauungen, die wir unserer modernen nationalen Erziehung verdanken.

[...]


1 M.M.: Ein Wort zur Einführung. In: Im deutschen Reich Jg. 1, Nr. 1 (Juli 1895), S. 1. Zitiert nach: Goethe Universität Frankfurt am Main, http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2317254.

2 Vgl. Reiner Bernstein: Zwischen Emanzipation und Antisemitismus – Die Publizistik der deutschen Juden am Beispiel der "C.V.-Zeitung", Organ des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, 1924-1933. Dissertation. Berlin: 1969, S. 29.

3 Freytag, Nils: Das Wilhelminische Kaiserreich 1890-1914. Stuttgart: Verlag Ferdinand Schöningh 2018, S. 7.

4 Vgl. Ebd., S. 110-111.

5 Raphael Löwenfeld: Schutzjuden oder Staatsbürger. Berlin: Verlag von Schweitzer und Mohr 1893, S. 14.

6 Vgl. Bernstein: Zwischen Emanzipation und Antisemitismus, S. 53.

7 Freytag: Das wilhelminische Kaiserreich, S.155.

8 Vgl. Ebd., S. 155.

9 Ebd., S. 15.

10 Vgl. Ebd., S. 22-29.

11 Ebd., . 73.

12 Vgl. Ebd., S. 73-81.

13 Werner Bergmann: Geschichte des Antisemitismus. 2. Überarbeitete Auflage. München: C.H. Beck 2002, S. 41.

14 Vgl. Armin Pfahl-Traughber: Antisemitismus in der deutschen Geschichte. Opladen: Leske+Budrich 2002, S. 56-57.

15 Ebd., S. 58.

16 Vgl. Thomas Nipperdey / Reinhard Rürup: Antisemitismus. In: Otto Brunner/ Werner Conze / Reinhart Koselleck (Hgg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Stuttgart: Klett-Cotta 1972, S. 129-153, hier S. 146-147.

17 Vgl. Freytag, Das Wilhelminische Kaiserreich, S. 11-112.

18 Vgl. Barbara Von der Lühe: >>…erfüllen als Staatsbürger freudig unsere Pflicht…<<. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und die Entwicklung jüdischen Selbstbewusstsein in Deutschland. In: Elisabeth Reisch (Hrsg.): Tribüne. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums, Jg. 21, Heft 83. Frankfurt: Tribüne-Verlag 1982, S. 122-138, hier S. 122.

19 Arnold Paucker: Zur Problematik einer jüdischen Abwehrstrategie in der deutschen Gesellschaft. In: Werner E. Mosse (Hrsg.): Juden im wilhelminischen Deutschland 1890-1914. Tübingen: J.C.B. Mohr 1976, S. 479-548, hier S. 485.

20 Vgl. Ebd. S. 485.

21 Vgl. Ebd., S. 485-486.

22 Barbara Suchy, Der Verin zur Abwehr des Antisemitismus. (I) Form the Beginning to the First World War, YLBI, XXVIII. 1983, S. 230f. Zitiert nach: Avrahim Barkai: <<WEHR DICH!>>. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C.V.) 1893-1938. München: C.H. Beck 2002, S. 21.

23 Vgl. Von der Lühe: >>…erfüllen als Staatsbürger freudig unsere Pflicht…<<, S. 122-123.

24 Vgl. Avrahim Barkai: <<WEHR DICH!>>. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C.V.) 1893-1938. München: C.H. Beck 2002, S. 19.

25 Bernstein: Zwischen Emanzipation und Antisemitismus, S. 53.

26 Satzung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens §1. Zitiert nach: Bernstein: Zwischen Emanzipation und Antisemitismus, S. 54.

27 Eugen Fuchs: Die Bestrebungen und Ziele des Central-Vereins. In: IdR Jg. 1, Nr. 4 (Oktober 1895), S. 145-161, hier S. 146.

28 Paul Rieger: Ein Vierteljahrhundert im Kampf um das Recht und die Zukunft der deutschen Juden. Ein Rückblick auf die Geschichte des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in den Jahren 1893-1918 von Landesrabbiner Dr. Rieger-Braunschweig. Berlin: Verlag des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens 1918, S. 21-22.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Identitätsbildende Prozesse im Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zur Zeit des Wilhelminischen Deutschlands
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Geschichtswissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
26
Katalognummer
V507123
ISBN (eBook)
9783346063915
ISBN (Buch)
9783346063922
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Juden, Wilhelminisches Deutschland, Centralverein, Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, C.V., Antisemititmus, Deutschtum, Judentum, Deutschtum und Judentum, Leben der Juden, Im deutschen Reich, IdR
Arbeit zitieren
Sophie Schönherr (Autor), 2019, Identitätsbildende Prozesse im Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zur Zeit des Wilhelminischen Deutschlands, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/507123

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