Bausteine eines Konzeptes zur Stärkung des Gesundheitswissens im Bereich chronisch degenerativer Gelenkerkrankungen bei Patienten einer Physiotherapeuten-Praxis


Bachelorarbeit, 2017

82 Seiten, Note: 1,7

Rubi Mauer (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anlagenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung
1.3 Aufbau der Arbeit

2 Grundlagen zum Krankheitsbild Arthrose und zum Gesundheitswissen
2.1 Das Krankheitsbild Arthrose
2.1.1 Bedeutung der Erkrankung für das Gesundheitssystem
2.1.2 Bedeutung der Erkrankung für Betroffene
2.1.3 Prävention
2.2 Die Bedeutung des Gesundheitswissens
2.2.1 Gesundheitswissen als Teil der Gesundheitskompetenz
2.2.2 Forderungen der DGbV
2.3 Zwischenfazit
2.4 Formulieren der Forschungsfrage

3 Methodik
3.1 Porträt der ausgewählten Physiotherapeuten-Praxis
3.2 Sichtung und Auswahl spezifischer Studien zum Informationsverhalten
3.3 Dimensionale Analyse und Strukturbaum
3.4 Vorbereitung und Durchführung einer Umfrage mittels HELP-Fragebogens
3.5 Bibliothek Dresden-Langebrück

4 Ergebnisse
4.1 Ergebnisse der Betroffenen-Befragung
4.2 Auswertung spezifischer Studien zum Informationsverhalten
4.3 Ergebnisse des Projekts „Generation Plus“
4.4 Zusammenfassung

5 Diskussion
5.1 Kritische Reflexion des eigenen Vorgehens
5.2 Kritische Reflexion der Gesamtergebnisse
5.3 Bausteine eines zielgruppenorientierten Gesundheitswissen-Konzeptes
5.4 Fazit und Ausblick

6 Anlagen

7 Literaturverzeichnis

8 Internetquellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Gegenüberstellung eines gesunden und eines kranken Kniegelenks

Abb. 2: Modell der Gesundheitskompetenz von Schulz und Nakomoto

Abb. 3: Modell der Gesundheitskompetenz nach Kriegesmann et al

Abb. 4: 14 Partner für Gesundheitskompetenz, eigene Darstellung

Abb. 5: Portrait der ausgewählten Praxis (eigene Darstellung)

Abb. 6: Standorte der Städtischen Bibliotheken Dresden

Abb. 7: Indikatoren mit dem Wert 2

Abb. 8: Pareto-Regel, Informationsverhalten Gesundheit und Krankheit

Abb. 9: Grund- und Zusatzbausteine zur Stärkung des Gesundheitswissens

Anlagenverzeichnis

Anlage 1: WOMAC-Arthroseindex

Anlage 2: Strukturbaum zum HELP-Fragebogen

Anlage 3: HELP-Fragebogen

Anlage 4: Einzelangaben und Medianwerte individueller Gesundheitskompetenz

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Wann immer es um Gesundheitsförderung geht, ist Empowerment in der Vorstellung der WHO von zentraler Bedeutung. Menschen sollen aktiv werden, ihr Leben in die Hand nehmen und sich zu kompetenten Nutzern des Gesundheitssystems entwickeln. Die Frage, welche Aspekte die Autonomie und Selbstbestimmung von Patienten1 fördern, ist vielschichtiger, als zunächst vermutet. Die vorliegende Arbeit muss sich, ohne dabei das Gesamtziel aus den Augen zu verlieren, im Rahmen der Forschungsfrage auf eine spezielle Perspektive beschränken. Die Basis jeglicher Selbstermächtigung ist Wissen, ohne spezifisches Wissen erfolgt kein konstruktives Handeln. Diesbezüglich besteht das Kernstück dieser Bachelor-Thesis aus den Bausteinen für ein Konzept zur Stärkung des Gesundheitswissens im Bereich chronisch degenerativer Gelenkerkrankungen bei Patienten einer Physiotherapeuten-Praxis. Im Bereich Gesundheitswissen existieren noch zu wenig empirische Forschungsergebnisse. Mittlerweile ist trotz weniger Studien bekannt, welch immensen Einfluss das Gesundheitswissen der Patienten auf deren Umgang mit und den Verlauf von Krankheiten besitzt. Umgang und den Verlauf von Krankheiten besitzt. Die Beantwortung der Frage über den Stand das Wissen und der Möglichkeiten dieses voran zu bringen, ist eine zukünftige Aufgabe. Hier sind neben der Forschungsarbeit neue Konzepte gefragt, welche die schon vorhandenen Studien mit der Praxisarbeit verknüpfen und somit neue Erkenntnisse liefern können und zu weiterführenden Forschungsfragen führen. So ist nun, seit diesem Jahr, mit Aussage von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, der Startschuss für die Stärkung des Gesundheitswissens mit dem GKV Versorgungsgesetz gefallen. Doch stellt sich die Frage, ob sich auch alle Akteure des Gesundheitssystems in dieselbe Richtung bewegen oder vermutet jeder das Ziel an einer anderen Stelle? Die Verwirrung herrscht schon oft bei den Begrifflichkeiten, mit denen sich auch die Autorin dieser Arbeit auseinandersetzen wird. Was bedeutet Gesundheitskompetenz, was unterscheidet sie vom Gesundheitswissen? Bevor man letzteres stärken kann, ist eine evaluierbare Definition erforderlich. Ob eine solche Begriffsbestimmung gelingt, erfährt der Leser gleich nach den Grundlagen zum Krankheitsbild Arthrose. Für die Untersuchung im Rahmen dieser Arbeit ist das vorhandene (bzw. nicht oder mangelhaft vorhandene) Gesundheitswissen über diese spezifische chronische Erkrankung von höchstem Interesse. Die Verfasserin beschränkt sich auf die Untersuchung des Gesundheitswissens von Arthrose-Patienten einer Praxis für Physiotherapie und Krankengymnastik, wobei kein Anspruch auf Generalisierung erhoben werden kann. Hierfür müssten quantitativ weitreichendere Befragungen stattfinden. Neben der Ermittlung des Gesundheitswissens sind die Fragen nach dem daraus basierenden Informationsbedarf und die Inhalte möglicher Bausteine für ein Konzept zur Steigerung des Gesundheitswissens Bestandteile dieser Arbeit.

1.2 Zielsetzung

Anhand der Darstellung der Häufigkeit von Arthrose-Erkrankungen, ihrer Kosten im Gesundheitssystem und warum die Stärkung des Gesundheitswissens nicht nur individuelle Vorteile für den jeweiligen Patienten bringt, soll Empowerment als wertvolles Ziel der Gesundheitsförderung herausgestellt werden. Weiterhin wird aufgezeigt, dass chronisch degenerative Erkrankungen in der Zukunft noch mehr Ressourcen einfordern werden, weil einerseits Menschen ein höheres Alter erreichen und andererseits bei Arthrose keine präventiven Interventionen zur Krankheitsverhinderung möglich sind. Das Empowerment der Patienten ist deshalb essenziell, um persönliche Leiden durch Schmerzen und Bewegungseinschränkungen zu lindern und steigende Kosten für die Solidargemeinschaft abzufangen. Das Hauptziel der Bachelor Thesis ist die Erstellung eines Konzeptes zu Steigerung des Gesundheitswissens von Arthrose-Patienten, das mit Hilfe einer Auswahl von Bausteinen, die wissenschaftlich begründet ausgewählt sein müssen, entworfen wird. Dafür werden Patienten der ausgewählten Physiotherapie-Praxis mit Hilfe eines Fragebogens um Auskunft zur eigenen Gesundheitskompetenz gebeten, mit Focus auf dem Kommunikationsverhalten zwischen Patient und Therapeut. Die Auswahl der Fragen mit zugehöriger Begründung wird ebenso wie die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung in dieser Studie veranschaulicht.

Die Bibliothek, als Ort des Lernens, Basis für Wissensaneignung und Durchführung eigener Recherchen der Patienten bekommt ausreichend Aufmerksamkeit. Sie findet als wichtiger Bestandteil Aufnahme in die Bausteine des erarbeiteten Konzeptes als weiteres Ziel der Einbeziehung kommunaler Einrichtungen.

Des Weiteren erfolgt eine Bestandsaufnahme mit Analysen vorhandener Forschungsarbeiten mit Themenbezug im Gesundheitssektor. Eine der ausgewählten Studien untersucht vier Typen unterschiedlichen Informationsverhaltens, speziell den Weg für die Erreichbarkeit von Gesundheitsinformationen. Ziel ist die Beantwortung der Frage, für welche dieser Typen sich Interventionen unter Berücksichtigung der entstehenden Kosten lohnen. Eine weitere Studie untersucht die Beziehungsgestaltung zwischen Arzt und Patient hinsichtlich der Zugehörigkeit zur sozialen Schicht mit dem Ziel der Optimierung des Kommunikationsverhaltens. Die dritte Studie erweitert das Konzept „Patienteninformation“ um die Dimension „Transparenz von Basisstrukturen“ mit dem Ziel der Darstellung wichtiger Nebenaspekte. Gesundheitswissen beinhaltet mehr als das reine Wissen über die Krankheit mitsamt Therapie, auch Wissen über Rechte und Pflichten sowie medizinische Versorgung und Finanzierung ist unerlässlich.

1.3 Aufbau der Arbeit

Im ersten Teil der Arbeit wird der Leser sein Gesundheitswissen zum Thema Arthrose durch die Präsentation von Grundlagen zum Krankheitsbild erweitern können. Es wird vermittelt, wie die Erkrankung entsteht, wie sie diagnostiziert, therapiert und von anderen Gelenkerkrankungen zu unterscheiden ist. Danach wird das Krankheitsbild mit der Relevanz für das Gesundheitssystem und den individuell Betroffenen hinsichtlich ihrer Auswirkungen eingeordnet. Damit ist der Einsatz gesellschaftlicher und privater Ressourcen gemeint, vor allem aber Zeit und Geld. Ein weiterer Punkt ist die Differenzierung von Gesundheitskompetenz und Gesundheitswissen. Hierzu gibt es verschiedene Auffassungen und Herleitungen, die Begrifflichkeiten sind nicht einheitlich definiert. Die Forderung der DGbV, bürgerorientiert zu planen und zu handeln, ein Zwischenfazit und die eigentliche Forschungsfrage schließen den ersten Teil der Arbeit ab. Darauf aufbauend befinden sich im methodischen Teil das Porträt der ausgewählten Physiotherapeuten-Praxis, die genaue Beschreibung des Inhaltes der spezifischen Studien zu den Themen Gesundheitskommunikation, -kompetenz und -wissen sowie detaillierte Informationen zum Fragebogen und zur Bibliothek am Standort Dresden-Langebrück, wo auch die Physiotherapie-Praxis angesiedelt ist. Daran schließt im vierten Teil die Auswertung sowohl der Betroffenenbefragung als auch der ausgewählten Studien. Letztere sind der Übersichtlichkeit halber noch einmal nummeriert dargestellt, da die Studienbezeichnungen recht lang sind und es im direkten Vergleich zu Verwechslungen der Begriffe kommen könnte. In Kapitel fünf erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit der Verfahrensweise sowie der Darstellung der Gesamtergebnisse. Außerdem beinhaltet dieser Teil auch das Herzstück der Arbeit, die eigentlichen Konzeptbausteine. Unterpunkt 5.3 ist aus diesem Grund ausführlicher gestaltet. Fazit und Ausblick schließen die Bachelorarbeit ab.

2 Grundlagen zum Krankheitsbild Arthrose und zum Gesundheitswissen

2.1 Das Krankheitsbild Arthrose

Synonyme: Arthrose, Osteoarthrose, Osteoarthritis (engl.), Arthrosis deformans2

Epidemiologie: Als weltweit am häufigsten auftretende Gelenkerkrankung bei adulten Menschen sind bei Arthrose hauptsächlich Knie-, Hüft-, Schulter-, Finger- sowie Wirbelgelenke betroffen. Die tatsächliche Verbreitung kann nicht genau angegeben werden, da das Beschwerdebild hinsichtlich seiner Ausprägung nicht mit der Darstellung im Röntgenbild übereinstimmen muss. Es können einerseits Schmerzen ohne große sichtbare Veränderungen durch bildgebende Verfahren vorhanden sein, andererseits sind einige Patienten fast schmerzfrei trotz eines ausgeprägten Röntgen-Befundes. Durch die Vielfalt der Gelenke, die betroffen sein können, und die große Varianz der epidemiologischen Arthrose-Studien sind Prävalenzen und Inzidenzen nicht exakt bestimmbar.3 Bevor der Leser im übernächsten Abschnitt etwas über die Entstehung der Arthrose erfährt, soll zunächst erklärt werden, was ein Gelenk genau ist.

Allgemeiner Aufbau eines Gelenks: Das Gelenk ist ein bewegliches Verbindungsglied, das Knochen zusammenfügt. Ausschließlich echte Gelenke, auch als Diarthrosen bezeichnet, finden in dieser Arbeit Betrachtung, da im Gegensatz zu unechten Gelenken, wie Fugen und Haften, tatsächlich eine Bewegung stattfindet. Diarthrosen besitzen einen mit Gelenkflüssigkeit (Synovia) gefüllten Raum, der von einer Gelenkkapsel umschlossen, einen Schutz im Sinne einer Abgrenzung des umliegenden Gewebes bildet. An den Stellen, an denen sich die Knochenenden berühren und aneinander vorbeigleiten müssen, befindet sich eine dünne, hyaline Knorpelschicht. Der Gelenkknorpel selbst unterscheidet sich durch seinen Aufbau vom Knochen. Durch die besondere Anordnung von Kollagenfasern, einer mukoproteinreichen Grundsubstanz und einer unteren, mehr durch Kalk versetzten Knorpelschicht wirken sich Zug und Druck gleichmäßig auf alle Knorpelzellen aus. Jeder unilaterale Druck wird so zu hydrostatischem Druck, woraus die Druckelastizität des Knorpels resultiert. Die Gelenkkörper können aneinander vorbeigleiten, der Knochen ist geschützt. Typischerweise besitzt Knorpel weder Kalk, noch Gefäße oder Nerven. Er wird von der Gelenkflüssigkeit ernährt, gilt aber insgesamt als schlecht versorgtes Gewebe und neigt aus diesem Grund zur Degeneration. Besonders bei älteren Menschen führt diese Tatsache zu Elastizitätseinbußen und dabei u.a. zum Krankheitsbild Arthrose. Auch die Menge an Synovialflüssigkeit nimmt im Verlauf des Lebens ab, weshalb die Funktion als Stoßdämpfer, wegen seiner hohen Viskosität, nicht mehr ausreichend erfüllt wird. Weitere Bestandteile eines Gelenks sind die Gelenkkapsel, deren innere Schicht die Synovialflüssigkeit produziert, Seiten- und Kreuzbänder zur Stabilisierung, Menisken (Scheiben aus Faserknorpel, ähneln in Aufbau und Funktion den Bandscheiben), Gelenklippen (vergrößern die Gelenkfläche) und bei einigen Gelenken die Schleimbeutel als Polster für besonders beanspruchte Stellen.4 Die Abbildung auf der nächsten Seite zeigt sowohl die Bestandteile eines gesunden Gelenks, in diesem Fall ein Kniegelenk, als auch arthrotische Veränderungen eines kranken Gelenks.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Gegenüberstellung eines gesunden und eines kranken Kniegelenks5

Ätiologie und Pathogenese: Die Arthrose unterliegt einem komplexen Erkrankungsprozess, dem keine eindeutige Krankheitsursache zuzuordnen ist. Bestimmte externe Einwirkungen können zu Schäden am Knorpel führen. Der Körper führt jedoch ständig Reparaturmaßnahmen durch, weshalb das Überwiegen der einen oder der anderen Seite über eine Kompensation oder aber ein Auftreten von Krankheitssymptomen entscheidet. Risikofaktoren bestehen vor allem hinsichtlich Konstitution (Alter, Geschlecht, Menopause, genetische Disposition bei generalisierter Arthrose), Mechanik (Missverhältnis zwischen mechanischer Belastung und physiologischer Belastbarkeit durch akute/angeborene Gelenkverletzungen, -erkrankungen, Achsenabweichungen und Hypermobilität) und Stoffwechsel- oder Hormonstörungen wie Diabetes mellitus und Hypercholesterinämie. Sonstige Risikofaktoren bestehen in entzündlichen Prozessen wie Erkrankungen aus dem rheumatischen Formenkreis. Letztlich führen bekannte und unbekannte Ursachen zu einem ersten Schaden am Knorpel, wobei der weitere Verlauf der Arthrose von Konstitution, Gelenkmechanik und anlage- sowie stoffwechselbedingten Faktoren beeinflusst wird.6 Einmalig größere Belastungen scheinen bei der Krankheitsentstehung weniger eine Rolle zu spielen als permanente Mikrotraumata. In manchen Familien lässt sich über Generationen eine erhöhte Neigung zur Arthrose beobachten.7

Verlauf und Symptomatik: Durch letztlich noch nicht erforschte Ursachen kippt das Gleichgewicht zwischen Knorpelabbau und -aufbau. Knorpel wird vermehrt abgebaut, er lagert als Kompensationsversuch mehr Wasser ein, wodurch er aber noch schneller abgerieben wird. Die Knorpelzellen verändern sich und produzieren mehr Kollagen. Folgen sind Gelenkspaltverschmälerung, erhöhte Kalkeinlagerungen und geringere Gelenkdämpfung, Osteophytenbildung (Randzacken) und Geröllzysten (Mikrofrakturen).8 Patienten berichten über Anlauf-, Bewegungs-, Dauer- und Nachtschmerzen, die mit Bewegungseinschränkungen, Schwellungen, Entzündungen und Gelenksteifigkeit einhergehen und einen erhöhten Bedarf an Heilmitteln und Analgetika veranlassen. Krepitation sowie erhöhte Nässe- und Kälteempfindlichkeit sind weitere Symptome, deren Verlauf sich schubweise progredient darstellt.9 Die Zustände: Latent, Aktiviert und Dekompensiert können als grobe dreiteilige Gliederung des Verlaufs benannt werden, wobei sich die Symptome auf einem Kontinuum zwischen Beschwerdefreiheit im Anfangsstadium und Gelenksteifigkeit oder -instabilität im Endstadium befinden.10

Diagnostik: Um eine Arthrose diagnostizieren oder ausschließen zu können, werden Anamnese (u. a. Schmerzsymptomatik), klinische Untersuchung (je nach Stadium, Sicht- und Tastbefund, Bewegungsüberprüfung, spezielle Funktionsprüfung), bildgebende Verfahren (Röntgen, MRT) und ggf. Laboruntersuchungen durchgeführt.11 Der klinische Schweregrad lässt sich mittels WOMAC-Arthroseindex12 darstellen, Schmerzen und Funktionsverlust können damit valide und reproduzierbar bewertet werden. Der Vollständigkeit halber ist der Arthroseindex als Anhang 1 beigefügt.

Therapie: Die Therapie soll das Fortschreiten der Erkrankung aufhalten, den Schmerz verringern, Entzündungen beseitigen und eine Funktionsverbesserung bewirken. Zunächst werden allgemeine Maßnahmen wie Gewichtsreduktion, Gebrauch von Gehhilfen und Schuhpolstern, Warmhalten der Gelenke, Schwimmen und Gymnastik empfohlen. Für die Behandlung der Arthrose ist die physikalische Therapie der medikamentösen Therapie gleichgesetzt und kann bei leichter Schmerzsymptomatik Medikamenten vorgeschaltet werden. Von der krankengymnastischen Bewegungs- und Trainingstherapie erhofft man sich längerfristige Erfolge im Sinne der Sekundärprävention. Spezifische Maßnahmen richten sich nach dem Krankheitsstadium sowie den entsprechenden Richtlinien des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen über die Verordnung von Heilmitteln.13 Sollte mit der konservativen Therapie keine Besserung erreicht werden, erfolgt die Indikation zur operativen Therapie. Dabei gibt es Möglichkeiten zu gelenkerhaltenden Verfahren, Resektionen oder auch einer Endoprothese und als letzte Konsequenz die Arthrodese, also Versteifung des betroffenen Gelenks.14 Zur Ergänzung und zum Erhalt der Therapieergebnisse konservativer und operativer Therapiemaßnahmen tragen die ambulante, stationäre oder teilstationäre Rehabilitation bei. Durch Physio- und Ergotherapie sollen Schmerzen und Funktionseinschränkungen vermindert, die Lebensqualität erhöht und den Patienten ein selbstständiges Leben ermöglicht werden, in das sie sozial eingebunden sind. Kernelemente bestehen dabei aus der Stabilisierung und Kräftigung gelenkumgebender Muskulatur, Gelenkschutztraining, Hilfsmittelversorgung und der Schulung des Umgangs damit, dem Einüben von Ersatzfunktionen zur Bewältigung der alltäglichen Verrichtungen bei Behinderungen sowie Ernährungsberatung durch entsprechend geschulte Berufsgruppen.15

Abgrenzung der Arthrose von Rheuma und Gicht: Im Volksmund werden die drei Krankheitsbezeichnungen Arthrose, Rheuma und Gicht oft synonym aufgefasst. Es handelt sich dabei aber um verschiedene Erkrankungen, deren Symptome sich überschneiden. Arthrose und Gicht werden unter dem Begriff Rheuma eingeordnet, unterscheiden sich aber hinsichtlich ihrer Ursache voneinander. Zur Hauptgruppe Rheuma zählt eine große Menge weiterer Erkrankungen, auf die an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden soll. Gicht entsteht durch einen zu hohen Harnsäurespiegel im Blut, wobei Harnsäurekristalle entstehen, die in Gelenken und Geweben abgelagert werden und dort Entzündungen auslösen. Früh behandelt, hat ein einmaliger Gichtanfall keine weiteren Folgen. Tritt dies aber öfter auf, wird das betroffene Gelenk, in den meisten Fällen das Großzehengrundgelenk, irreparabel geschädigt.16 Rheuma ist ein Oberbegriff für viele entzündliche und nichtentzündliche Gelenk- und Weichteilerkrankungen, die mit Bewegungseinschränkungen und Schmerzen einhergehen. Zum sogenannten „rheumatischen Formenkreis“ gehören vier Kerngruppen: entzündlich-rheumatische Erkrankungen, degenerative Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen wie die Arthrose, Weichteilrheumatismus und Stoffwechselerkrankungen mit rheumatischen Beschwerden wie die Gicht.17

2.1.1 Bedeutung der Erkrankung für das Gesundheitssystem

Der ungleiche Bewertungsmaßstab zur Kostenerfassung ist in den unterschiedlichen Kriterien der Beteiligten begründet. Der Kostenträger betrachtet Kosten als Ausgaben, also Leistungsvergütungen, die krankheitsbezogen ausgewertet werden. Gesellschaftlich betrachtet entstehen Kosten aus dem Verbrauch der Ressourcen, übersetzt in Geldeinheiten. Hier differenziert man zwischen direkten und indirekten Kosten. Die gesellschaftliche Perspektive ist neutral, hat keine persönlichen Interessen oder Vorteile und wird in wissenschaftlichen Diskussionen am häufigsten herangezogen. Direkte Kosten entstehen im unmittelbaren Zusammenhang mit der Versorgungsleistung. Diese Art der Kosten wird durch die Arten des Ressourcenverbrauchs, Berechnung der Mengen der vorher identifizierten Ressourcenarten und der Übersetzung in Geldeinheiten bestimmt. Indirekte Kosten beziehen sich hingegen auf den volkswirtschaftlichen Schaden durch Arbeitsausfälle durch Krankheit, dauerhafte Verminderung der Erwerbsfähigkeit oder vorzeitiger Tod und Produktivitätsverluste wegen verringerter Leistungsfähigkeit der Betroffenen. Zur Berechnung dienen der Humankapitalansatz und der Friktionskostenansatz.18 In der Regel wird nach dem Humankapitalansatz vorgegangen, nach dem Gesundheitsausgaben als Investitionen in die Berufsausübungsfähigkeit der Patienten zu betrachten sind. Das Einkommen wird hierbei als Ersatzvariable für den durch die Krankheit entstandenen Produktionsverlust betrachtet. Da bei diesem Ansatz die Zahl der nicht arbeitenden Bevölkerung vernachlässigt wird, kommt oft auch der methodisch ähnlich vorgehende Friktionsansatz zum Einsatz. Die in die Berechnung einbezogene Fehlzeit wird auf die Zeitdauer bis zur Neubesetzung mit einer bis dato arbeitslosen Person begrenzt. Dieser Ansatz gilt als Weiterentwicklung des Humankapitalansatzes, weist aber seinerseits Schwächen, wie unzureichende statistische Datengrundlagen, auf.19 Die indirekten Kosten sind also um einiges ungenauer zu berechnen als die direkten.

Direkte Kosten durch Arthrose: Durch die Nutzung ambulanter und stationärer Versorgungseinrichtungen betrugen die Krankheitskosten für Arthrose (ICD-10: M15–M19) in Deutschland im Jahr 2008 insgesamt 7,62 Mio. Euro. 5,16 Mio. Euro und somit 68% arthrosebedingter Krankheitskosten entfielen aufgrund einer höheren Prävalenz und höherer Lebenserwartung auf Frauen. Der höchste anteilige Betrag aus der Perspektive einer Altersstaffelung entfiel auf die Gruppe der zwischen 65 und 84 Jahre alten Betroffenen beiderlei Geschlechts.20 Die höchsten Kosten hinsichtlich des finanziellen Verbrauchs medizinischer Organisationen, verzeichneten mit 4,248 Mio. Euro stationäre und teilstationäre Einrichtungen.21

Indirekte Kosten durch Arthrose: Arbeitsunfähigkeit, Frühverrentung und Invalidität sind verantwortlich für die Entstehung indirekter Kosten im Umfeld der Patienten. So gab es im Jahr 2011 insgesamt 252.573 Fälle von Arbeitsunfähigkeit aufgrund von Arthrose (ICD-10: M15–M19) als Hauptdiagnose.22 Indirekten Kosten steht der indirekte Nutzen, also die Einsparungen durch nicht notwendige Leistungen und Zahlungen gegenüber.23

2.1.2 Bedeutung der Erkrankung für Betroffene

Nicht alle Menschen mit einer chronisch degenerativen Gelenkerkrankung zeigen Beschwerden oder Bewegungseinschränkungen. Bei einem Drittel der mittels Röntgendiagnose bestätigten Arthrose-Betroffenen treten jedoch Symptome wie der typische Anlaufschmerz auf, welcher nach einiger Zeit in Bewegung wieder nachlässt. Spannungsgefühle und Steifigkeit verhindern flüssige Bewegungen und können somit Verspannungen oder auch Koordinationsprobleme begünstigen, wodurch sich die Sturzneigung erhöht. Das ist besonders bei älteren Menschen ein Problem, zumal die Gefahr von Knochenbrüchen besteht, vor allem bei einer gleichzeitig vorliegenden Osteoporose. Beispielsweise ist Radfahren für die meisten Patienten nicht mit Schmerz verbunden, wohl aber stoßartige Belastungen mit der Folge, eine Freizeitbetätigung oder ein geliebtes Hobby nicht mehr ausüben zu können. Auch fast alle Ballsportarten verlangen abrupte Bewegungen. Schnelles Reagieren und präzises Stoppen sind dann aufgrund der Schmerzen und Instabilität nicht mehr möglich. Nach langem Stehen oder Gehen kann ein sogenannter Ermüdungsschmerz, nach Sport oder körperlicher Belastung ein Belastungsschmerz und im weiteren Krankheitsverlauf auch ein Ruheschmerz auftreten, so dass die Betroffenen unter Umständen gar nicht mehr schmerzfrei sind, sondern nur noch unterschiedliche Schmerzqualitäten angeben. Um dem Schmerzgeschehen ausweichen zu können, kommt es häufig zur Schonhaltung, welche die Körperhaltung ungünstig beeinflusst und muskuläre Dysbalancen fördert, da die Fehlhaltung später auch in schmerzfreien Intervallen beibehalten und zur Gewohnheit wird. Die nicht betroffene Körperseite wird überlastet, sie verspannt sich, wird schwächer und schmerzt zusätzlich. Die Schonhaltung wird verstärkt eingenommen und ein circulus vitiosus beginnt. Bewegungseinschränkungen wirken sich hinderlich auf den Alltag aus, ein völliger Funktionsverlust tritt dagegen eher selten auf. Meist nimmt auch bei steifen Gelenken die Beweglichkeit nach zehn bis dreißig Minuten Bewegung wieder zu. Für einige chronische Erkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 1, Diabetes mellitus Typ 2, Koronare Herzkrankheit, Brustkrebs, Asthma bronchiale und COPD gibt es strukturierte Behandlungsprogramme, sogenannte DMP (Disease-Management-Programme). Sie sichern und/oder verbessern die Qualität der medizinischen Versorgung chronisch Kranker und den sektorenübergreifenden Verlauf der Behandlungen. Krankenkassen und Leistungserbringer schließen dafür regional Verträge ab, die vom Bundesversicherungsamt geprüft und zugelassen werden. Der G-BA legt Erkrankungen fest, die für solche Programme geeignet sind, und entwirft auch inhaltliche Eckpunkte der Programme. Ein neues DMP für Arthrose und rheumatoide Arthritis befindet sich derzeit, parallel zu den Erkrankungen Chronische Herzinsuffizienz, Osteoporose, Rückenschmerz und Depressionen, in der Entwicklung. Es existiert also noch kein vollständiges Leitlinienprogramm.24

2.1.3 Prävention

Eine sichere Vermeidung der Entstehung einer Arthrose gibt es nicht, da zum gegenwärtigen Zeitpunkt weder die Ursachen noch das Auftreten der Erkrankung vollständig bekannt sind. Es lassen sich allerdings mechanische Risiken durch Beruf oder Sport begrenzen und erkrankungsfördernde Faktoren, wie beispielsweise eine Beinachsenfehlstellung, beheben. Körperliche Aktivität darf auf keinen Fall ganz eingestellt werden. Knorpel und Knochen werden durch adäquate Belastung gestärkt und nur durch Fehl-, Über- oder Nichtbelastung geschädigt. Bewegung fördert Knorpelernährung, Gelenkschmierung sowie Muskelwachstum und gilt dadurch als eine primäre Präventionsmaßnahme für viele Erkrankungen, speziell für chronisch degenerative Gelenkerkrankungen. Auch als sekundärpräventive Maßnahme verhindert sie ein schnelles Fortschreiten der schon symptomhaften Arthrose. Sportliche Aktivitäten sollten rhythmisch und frei von Stauchungen und Stößen sein, wobei unbedingt auf eine unfallverhütende Durchführung geachtet werden muss. Die Verringerung des Körpergewichts ist eine weitere wichtige primär- und sekundarpräventive Maßnahme, da eine Entlastung der betroffenen Gelenke die lästigen und einschränkenden Beschwerden reduziert.25

2.2 Die Bedeutung des Gesundheitswissens

Leider ist die Zahl empirischer Forschungsergebnisse im Bereich Gesundheitskompetenz sehr überschaubar und inhaltlich größtenteils unscharf. Die Begrifflichkeiten verschwimmen und werden inhaltlich von den verschiedenen Autoren diskutiert und kritisiert. Um die Verständlichkeit für den Leser zu erhöhen und den Sinngehalt für diese Bachelor Thesis zu klären, folgen hier Einordnung und Definition der Begriffe „Gesundheitskompetenz“ und „Gesundheitswissen“.

2.2.1 Gesundheitswissen als Teil der Gesundheitskompetenz

Gesundheitskompetenz (health literacy, engl.) beinhaltet als Oberbegriff alle Fähigkeiten eines Menschen, die dazu beitragen, gute Entscheidungen für die Gesundheit zu treffen. Ob zu Hause, am Arbeitsplatz, im Gesundheitssystem, in den politischen Handlungsfeldern und der Gesellschaft allgemein: immer wird dabei vorausgesetzt, dass Informationen im Gesundheitssystem gut aufzufinden sind und dem Informationssuchenden adäquate Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Forschung zur Gesundheitskompetenz wird in Deutschland erst seit kurzem betrieben. Ansätze zur Erforschung von Gestaltungsfreiheit, Autonomie und eine damit einhergehende Stärkung der Gesundheitskompetenz sowie die Fähigkeit, Informationen im Gesundheitssystem zu finden, zu verstehen und umzusetzen, gibt es. Drei Dimensionen sind zentral: die funktionale (einfache Informationen verstehen/umsetzen), die interaktive (aktive Rolle im Gesundheitssystem einnehmen) und die kritische (Hinterfragen, Abwägen, Risikoeinschätzung).26 Hier bestehen ebenso große Defizite im gesundheitlichen Basiswissen wie auch in der strukturierten Vermittlung der Gesundheitskompetenz an die Bürger. Gesundheitsentscheidungen im Alltag zu treffen, fällt schwer. Bei chronisch Kranken wirkt hohes Gesundheitswissen negativen Emotionen, ausgelöst durch die Verbreitung von unqualifizierten nichtwissenschaftlichen Publikationen der Medien, entgegen. Zudem sind verfügbare Informationsquellen für Erkrankte nicht gut verständlich und auch nicht patientengerecht aufbereitet. Die Eigenverantwortung der Individuen wird im Gesundheitssystem eingefordert, Schulungsangebote für Bürger existieren jedoch nicht. Vielmehr sind Betroffene von der Informationsvielfalt manchmal regelrecht paralysiert. Besonders Menschen, die von chronischen Krankheiten betroffen sind, brauchen kurze, leicht verständliche, selbständig erschließbare Kanäle zur Aneignung krankheitsspezifischen Gesundheitswissens. Eine systematische Erfassung der Gesundheitskompetenz in Deutschland steht bisher noch aus, weshalb weder Informationen über den Stand und die Qualität des Gesundheitswissens, noch Maßnahmen zur krankheitsspezifischen Vermittlung von Gesundheitswissen existieren.27 Bisher ist lediglich gesichert, dass das Niveau des Gesundheitswissens systematisch mit der sozialen Lage, der Bildung, dem Geschlecht und dem Alter variiert. Junge und sehr alte Menschen verfügen über geringere Gesundheitskompetenzen als Erwachsene in der Mitte ihres Lebens.28

Wie lässt sich der Begriff Gesundheitswissen definieren? Zum Konstrukt Gesundheitskompetenz existieren diverse Modelle wie das Stufenmodell der von Nutbeam, das Modell von Schulz und Nakamoto, von Kriegesmann et al., von Zarcodoolas et al. oder auch das Modell von Kickbusch, die sich dem Begriff aus unterschiedlichen Perspektiven nähern. Einige zentrale Elemente lassen sich jedoch erkennen: Basiskompetenzen wie Lesen, Textverständnis, Rechnen, fundiertes Wissen, Wissensorganisation sowie die Fähigkeit zur Bewertung und Findung von individuellen Entscheidungen.29 Bevor der Begriff „Health Literacy“ im heute verwendeten Sinne entstand, die WHO 1998 eine praktische Umsetzung von Gesundheitsinformationen in das alltägliche Leben in die Definition aufnahm, wurde „Health Literacy“ mit „Gesundheits-Alphabetisierung“ übersetzt. Damit sind vor allem kognitive Grundfertigkeiten gemeint, deren Vorhandensein das Verstehen und Kommunizieren von Gesundheitsinformationen erst möglich macht.30 Um den Begriff Gesundheitswissen abzugrenzen, wird er in vorliegender Arbeit mit der ursprünglichen Definition von „Health Literacy“ gleichgesetzt, welche auch heute noch im anglo-amerikanische Raum so verwendet wird (auch „functional health literacy“, Gesundheitsinformationen betreffend). Alle Modelle mit einem weiter gefassten Spektrum, welches über kontextspezifische Lese- und Schreibkompetenzen hinausgeht, werden der Gesundheitskompetenz zugeordnet.31 Zur besseren Veranschaulichung der Einordnung des Gesundheitswissens wird in folgender Abbildung das Modell von Schulz und Nakamoto vorgestellt, welches als ausschließlich wissensbasiertes Modell bezeichnet werden kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Modell der Gesundheitskompetenz von Schulz und Nakomoto32

Der Begriff Gesundheitswissen, welcher Gegenstand der Forschungsfrage vorliegender Arbeit ist, lässt sich als Teil der Gesundheitskompetenz anhand dieses Modells erklären, wobei beachtet werden muss, dass Schulz und Nakomoto mit diesem Modell das Konstrukt Gesundheitskompetenz darstellen wollen, wozu nach neuerer Auffassung allerdings auch Handlungskompetenz und Handlungsbereitschaft gehören. Von diesem Modell würde aus heutiger Sicht eher Gesundheitswissen statt Gesundheitskompetenz erfasst werden. Lese- und Schreibkompetenzen bilden nach Schulz und Nakomoto die Grundvoraussetzungen für Health Literacy. Faktenwissen muss vorhanden sein, um ideale Entscheidungen zu treffen. Schulz und Nakomoto haben erkannt, dass sich eine Person mit Gesundheitswissen, nach heutiger Definition, nicht unbedingt auch gesundheitsbewusst verhält. Sie betonen, dass Gesundheitsverhalten nicht mit Gesundheitskompetenz (Gesundheitswissen nach neuer Definition) gleichzusetzen ist. Welchen Sinn hat die theoretische Kompetenz (das Wissen), wenn es nicht in Handlung umgesetzt wird? Diese Lücke schließen Kriegesmann et al. mit einem Gesundheitskompetenzmodell, in nachfolgender Abbildung dargestellt, das die Handlungskompetenz mit einbezieht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Modell der Gesundheitskompetenz nach Kriegesmann et al.33

Diese bildliche Darstellung veranschaulicht den Zweck der Frage nach der Sinnhaftigkeit des Erwerbs von Gesundheitswissen. Es bildet mit den Basisfertigkeiten „explizites Wissen“ und „implizites Wissen“ die Voraussetzung für die Handlungsfähigkeit gesundheitskompetenten Handelns. Das Modell von Schulz und Nakomoto ist nicht weniger wichtig als neuere Modelle; es hat nur noch nicht alle Aspekte beachtet, die für das Konstrukt Gesundheitskompetenz eine Rolle spielen. Konstruktname und Konstruktinhalt passen nach heutigem Forschungsstand nicht optimal zusammen. Die Notwendigkeit der genauen Begriffsklärung wird auch in der zukünftigen Forschung zur Gesundheitskompetenz immer wieder gegeben sein.

2.2.2 Das GKV-Versorgungsstärkungsgesetz

„Wir brauchen dringend mehr verständliche Gesundheitsinformationen. Denn nur wer gut informiert ist, kann Gesundheitsrisiken vermeiden und im Krankheitsfall durch eigenes Verhalten zu einer erfolgreichen Behandlung beitragen. Doch es ist nicht immer einfach, im Dickicht der oft unverständlichen Gesundheitsinformationen den Durchblick zu bewahren. Nötig ist ein gemeinsamer Kraftakt von Ärztinnen und Ärzten, Pflegekräften, Krankenhäusern, Krankenkassen, Apotheken, der Selbsthilfe- und Verbraucherorganisationen und der Behörden von Bund und Ländern. Mit der gemeinsamen Erklärung geben wir heute den Startschuss für die Stärkung des Gesundheitswissens in Deutschland.“34

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe

Gemeinsam mit Vertretern von Krankenkassen, Ärzte- und Pflegeverbänden, Apothekern, Patientenorganisationen und der Kassenärztlichen Vereinigungen der Bundesländer unterzeichnete Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe am 19. Juni 2017 eine Erklärung zur Gründung der „Allianz für Gesundheitskompetenz“.35 Kommunikative Fähigkeiten der Beteiligten sollen mit geeigneten Maßnahmen verbessert werden. Laut Dr. Stefan Hofmeister von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung muss die Sprache derjenigen gesprochen werden, die erreicht werden sollen. Besser ausgebildete Gesundheitskompetenzen nutzen dem Einzelnen ebenso wie der sozialen Gemeinschaft, denn mangelnde Gesundheitskompetenz verursacht hohe Kosten. Der Vollständigkeit seien die 14 Partner für mehr Gesundheitskompetenz einzeln aufgezählt:

[...]


1 Soweit im Folgenden Berufs-, Gruppen- und/oder Personenbezeichnungen Verwendung finden, so ist auch stets die jeweils weibliche Form gemeint. Die Verfasserin sieht daher bewusst von einer genderneutralen Ausdrucksweise ab.

2 Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch: 2014, S.176.

3 Vgl. Rabenberg, M.: 2013, S. 14.

4 Vgl. Rohen, J./Lütjen-Drecoll, E.: 2006, S. 22-24.

5 Vgl. Robert-Koch-Institut (Hrsg.) (2013) Arthrose. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Heft 54. RKI, Berlin.

6 Vgl. Wirth, C./Mutschler, W./Kohn, D./Pohlemann, T.: 2009, S. 352-353.

7 Vgl. Bob, A./Bob, K.: 2001,S.1675.

8 Vgl. Wirth, C./Mutschler, W./Kohn, D./Pohlemann, T.: 2009, S. 354.

9 Vgl. Dt. Ärzteblatt: Dtsch Arztebl Int 2010; 107(9): 152-62; DOI: 10.3238/arztebl.2010.0152.

10 Vgl. Robert Koch-Institut (Hrsg.) (2013) Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Heft 54. RKI, Berlin.

11 Vgl. Dt. Ärzteblatt: Dtsch Arztebl Int 2010; 107(9): 152-62; DOI: 10.3238/arztebl.2010.0152.

12 Therapiezentrum Snoek, URL: http://www.therapiezentrum-snoek.de (Stand 21.11.2017).

13 Vgl. Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft: 2004, S. 147.

14 Vgl. Wirth, C./Mutschler, W./Kohn, D./Pohlemann, T.: 2009, S. 358.

15 Vgl. Robert-Koch-Institut (Hrsg.) (2013) Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Heft 54. RKI, Berlin.

16 Deutsche Gichtliga e. V., URL: http://www.gichtliga.de (Stand 21.11.2017).

17 Deutsche Rheumaliga e. V., URL: www.rheuma-liga.de (Stand 21.11.2017).

18 Roeder, N./Hensen, P.: 2009, S. 129-130.

19 Greiner, W.: 2016, S.: 388 – 389.

20 Robert-Koch-Institut, Krankheitskosten für Arthrose in Deutschland nach Altersgruppe und Geschlecht im Jahr 2008, URL: www.statista.de (Stand 21.11.2017).

21 Robert-Koch-Institut, Krankheitskosten für Arthrose in Deutschland nach Geschlecht und Einrichtung im Jahr 2008, URL: www.statista.de (Stand 21.11.2017).

22 Robert-Koch-Institut, Arbeitsunfähigkeitsfälle aufgrund von Arthrose in Deutschland nach Geschlecht und Hauptdiagnose* im Jahr 2011, URL: www.statista.de (Stand 21.11.2017).

23 Vgl. Fischer-Börold, C./Krumme, F.: 2007, S. 24 - 26.

24 G - BA, URL: www.gba.de (Stand 21.11.2017).

25 Vgl. Robert-Koch-Institut (Hrsg.) (2013) Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Heft 54. RKI, Berlin.

26 Gesundheitsmonitor, URL: www.gesundheitsmonitor.de (Stand 21.11.2017).

27 Gesundheitsmonitor, URL: www.gesundheitsmonitor.de (Stand 21.11.2017).

28 Vogt, I./Hoff, T.: 2016, S.: 177.

29 Soellner, R./Huber, S./Lenartz, N./Rudinger, G.: Gesundheitskompetenz - ein vielschichtiger Begriff. In: Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 17 (3), S. 109.

30 Vgl. Kirch, W./Hoffmann, T./Pfaff, H.: 2012, S.: 330.

31 Vgl. Soellner, R./Huber, S./Lenartz, N./Rudinger, G.: Gesundheitskompetenz-ein vielschichtiger Begriff. In: Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 17 (3), S. 107.

32 Soellner, R./Huber, S./Lenartz, N./Rudinger,G.: Gesundheitskompetenz-ein vielschichtiger Begriff. In: Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 17 (3), S. 108.

33 Soellner, R./Huber, S./Lenartz, N./Rudinger, G.: Gesundheitskompetenz-ein vielschichtiger Begriff. In: Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 17 (3), S. 108.

34 BMG,URL: https://www.bundesgesundheitsministerium.de (Stand 31.10.2017).

35 BMG,URL: https://www.bundesgesundheitsministerium.de (Stand 31.10.2017).

Ende der Leseprobe aus 82 Seiten

Details

Titel
Bausteine eines Konzeptes zur Stärkung des Gesundheitswissens im Bereich chronisch degenerativer Gelenkerkrankungen bei Patienten einer Physiotherapeuten-Praxis
Hochschule
SRH Fernhochschule
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
82
Katalognummer
V507170
ISBN (eBook)
9783346071187
ISBN (Buch)
9783346071194
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Physiotherapie Konzept Arthrose Gesundheitswissen
Arbeit zitieren
Rubi Mauer (Autor), 2017, Bausteine eines Konzeptes zur Stärkung des Gesundheitswissens im Bereich chronisch degenerativer Gelenkerkrankungen bei Patienten einer Physiotherapeuten-Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/507170

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