Integration in der Reformschule Kassel


Hausarbeit, 2003

22 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Portrait der Schule

3. Zielsetzung – Was möchte die Reformschule Kassel ermöglichen?
3.1 Förderung der persönlichen Entwicklung
3.2 Zeit für soziale Lernprozesse
3.3 Ein Raum zum Leben und Lernen
3.4 Lernen in Vielfalt und Differenz

4. Projektlernen als Methodischer Kern der Schule

5. Gemeinsamer Unterricht – Umsetzung in den einzelnen Stufen

6. Integration heißt…(in der Reformschule Kassel)
6.1 Grenzen der Integration

7. Umsetzung der Integration in der Reformschule - Erfahrungsbericht
7.1 Natalie (Fallbeispiel)
7.2 Martin (Fallbeispiel)

8. Fazit

Anhang: Literaturangabe

1. Einleitung

Im Rahmen meines Freiwilligen Sozialen Jahres in der Alexander-Schmorell-Schule habe ich zum ersten Mal mit Kindern mit den verschiedensten Behinderungen gearbeitet. Die Alexander-Schmorell-Schule ist ursprünglich eine Schule für Körperbehinderte, unterrichtet jedoch auch geistig behinderte, lernbehinderte und verhaltensauffällige Schüler/Innen.

Ich arbeitete dort als Integrationshilfe in Form der Einzelbetreuung. Meine Aufgabe bestand darin, einen siebenjährigen, stark geistig und körperlich behinderten Jungen, Hilfestellung zu geben bei allen lebensnotwendigen Verrichtungen des Alltags. Außerdem versuchte ich ihm Sicherheit zu vermitteln sich seiner Umwelt zu öffnen, um sich auf neue Situationen und Menschen in seiner Umgebung einlassen zu können. Um mit diesem Jungen in Kontakt zu treten, durfte ich eine neue Sprache und eine neue Welt kennen lernen, die aus Fühlen und Beobachten bestand.

Außerdem versuchte ich ihm selbst diese Welt begreiflicher zu machen und ihm Angebote zu bieten, in denen er sich selbst und seinen Körper, spüren konnte. Ich begleitete ihn also in den Snoezel- und Schaukelraum, führte Wiesenfühlungen durch, oder ließ ihn einfach in der Klangwiege entspannen. Fest im Stundenplan integriert waren außerdem das Schwimmen, Matschen, Psychomotorik und Airtramp. Krankengymnastik wurde epochal mit Logopädie angeboten.

Für mich selbst war diese Arbeit die bisher größte Erfahrung meines Lebens. Mittlerweile bin ich ein Teil der Familie dieses Jungen geworden, ich betreue ihn nun seit vier Jahren auch außerhalb der Schule. Seit der Zeit in der Alexander-Schmorell-Schule bin ich immer wieder neugierig auf weitere Erfahrungen geworden, weshalb ich ein Angebot gerne annahm in der Reformschule Kassel eine Vertretung zu übernehmen und über mehrere Wochen zwei Integrationskinder zu betreuen. Mein Einsatz fand in der Stufe II bei den Kranichen statt und ich betreute ein Mädchen im Rollstuhl mit einer Cerebralparese und einen autistischen Jungen. Während dieser Wochen habe ich mir sehr viele Gedanken darüber gemacht, ob die Integration auf diesem Weg wirklich zu einem – für die Integrationskinder – befriedigenden Ziel führt, oder ob sie nicht vielleicht doch an einer Sonderschule besser gefördert und aufgehoben wären.

Aus diesen Gründen habe ich mich für diese Hausarbeit entschieden, um meine Kritik äußern zu dürfen und einen Vergleich zu meinen Erfahrungen an einer Schule für Körperbehinderte ziehen zu können.

Zunächst werde ich die Reformschule in einem kurzen Portrait vorstellen, im Anschluss daran auf das Konzept der Schule und ihrer Besonderheiten, und auf das Konzept der Integration eingehen. Im Anschluss daran erfolgt ein Erfahrungsbericht über meine Arbeit an der Reformschule und eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Integration, sowie ein kleiner Ansatz, wie eine optimale Zusammenführung von Behinderten und Nichtbehinderten aussehen könnte.

2. Portrait der Schule

Die Reformschule Kassel wurde im Jahr 1988 als Versuchsschule des Landes Hessen gegründet. Insgesamt umfasst sie zehn Jahrgänge, beginnend mit dem Jahrgang 0 (5-jährige), bis zum Abschlussjahrgang 10. Das Zusammenleben der Kinder und Jugendlichen im Alter von 5-16 Jahren gehört mit zur Konzeption der Schule. Somit werden Brüche innerhalb der Lernbiographie durch Schulwechsel verhindert. Das Aufnehmen der Schüler bereits im Alter von 5 Jahren in die Jahrgangsstufe 0, ermöglicht einen fließenden Übergang in die Schule. Während dieser Zeit besteht Raum für freies, selbst bestimmtes Spiel. Durch ihre älteren Mitschüler, mit denen die „Nullt-klässler“ gemeinsam unterrichtet werden, wachsen sie langsam in die Gruppe hinein. Die Reformschule hat sich zur Aufgabe gemacht eine Schule für alle zu sein, daher werden in gemeinsamen Klassen behinderte und Nichtbehinderte Kinder und Jugendliche zusammen unterrichtet

Das Lehrerkollegium besteht aus Sonder-, Grund-, Real- und Gymnasiallehrern.

Die altersgemischten Stammgruppen teilen sich in vier Stufen auf:

Stufe I (Jahrgang 0-2)

Stufe II (Jahrgang 3-5)

Stufe III (Jahrgang 6-8)

Stufe IV (Jahrgang 9 u.10)

Die altersgemischte Gruppe stellt vor allem für Kinder ohne Geschwister eine wichtige Bezugsquelle dar, um sich an jüngeren oder älteren Kindern zu orientieren. Außerdem ist eine besondere Form des sozialen Lernens und des voneinander Lernens möglich. Von den Älteren bereits erworbenes Wissen und soziales Verhalten wird an die Jüngeren weitergegeben, bzw. imitieren die Jüngeren das -hoffentlich- vorbildliche Verhalten der Größeren. Somit ist in der Lerngruppe gewährleistet, dass Stärkere und Schwächere Schüler immer die Möglichkeit haben sich nach oben oder unten zu orientieren, um schneller zu lernen, oder um Themen noch einmal nachzuarbeiten. Jeder Schüler wechselt jährlich seine Rolle innerhalb der Gruppe, indem er einmal zu den Kleinsten, dann zu den Mittleren, letztlich zu den Ältesten und im Anschluss wieder zu den Jüngeren gehört usw.

Als Ganztagsschule finden in der Zeit von 7.45h-16h Unterricht, Betreuung und AG´s statt.

Der Unterricht an sich weicht vom typischen 45-Minuten Takt ab. Stattdessen gibt es Kernphasen in denen themengebunden gearbeitet wird, außerdem Freiräume für freie Projekte, Möglichkeiten der Intensivierung eigener Interessen etc. (siehe „Stundenplan der Stufe II / Kraniche“ Abb.1/ Anhang)

In allen Bereichen, im fachlichen, genauso wie im sozialen Bereich werden die Kinder zum selbständigen Lernen ermutigt. Jeder Schüler hat die Möglichkeit seinen eigenen Lernweg zu konzipieren und in seinem eigenen Lerntempo zu arbeiten.

Bis zu Beginn der Stufe IV ( Jahrgang 9) gibt es keine Noten- und Ziffernzeugnisse. Stattdessen werden, auch in Rücksprache mit den Eltern, Lernentwicklungsberichte formuliert. Zusätzlich bekommen die Schüler während eines jeden Schuljahres Rückmeldung über ihren Leistungsstand durch Lehrer und Mitschüler.

Während der Entwicklung des Konzepts der Schule wurde vor allem darauf geachtet, die Fehlentwicklungen staatlicher Schulen aufzugreifen und ihnen mit neuen pädagogischen Antworten auf die Bedürfnisse der Heranwachsenden entgegenzuwirken. Das Aufwachsen, Leben und Lernen von Kindern sind Bereiche, die insbesondere durch gesellschaftliche Veränderungen einem stetigen Wandel unterworfen sind. Man beachte die in den letzten Jahren stark veränderten Familienstrukturen. Wenn eine Schule nicht nur ein Ort des Lernens sein möchte, sondern ein Lebens- und Erfahrungsraum, ist sie verpflichtet sich dieser Probleme anzunehmen. Schule und Familie müssen eine Einheit ergeben und dürfen nicht parallel, schon gar nicht gegeneinander wirken. Daher legt die Reformschule sehr großen Wert darauf, die Eltern in die Planung der Entwicklungsschritte der Kinder mit einzubeziehen.

Ich möchte im Folgenden berichten, was die Reformschule sich im Kern ihrer Konzeption als Ziel gesetzt hat.

3. Zielsetzung - Was möchte die Reformschule Kassel ermöglichen?

3.1 Förderung der persönlichen Entwicklung

Die Persönlichkeitsentwicklung ist für Kinder, die in der heutigen Gesellschaft aufwachsen , starken Belastungen ausgesetzt. Das sich-Behaupten in einer derartigen Gesellschaft setzt eine extreme psychische Stabilität voraus. Diese möchte die Reformschule ihren Schülern vermitteln, vor allem in dem sie schon bei den Kleinsten auf ein hohes Maß von Selbständigkeit achten.

Die Entwicklung der Lern- und Sozialfähigkeit braucht gerade aufgrund der schwierigen Ausgangssituation, die Kinder heutzutage vorfinden, wesentlich mehr Zeit. Diese wird, und zwar jedem Kind individuell, eingeräumt. Das Zutrauen in die eigene Person wird durch die Gruppe vermittelt. Jeder soll das Gefühl der Zugehörigkeit empfinden lernen.

Auch Phasen des Rückschrittes oder der Stagnation werden eingeräumt. Kinder, die sich in familiären Krisensituationen befinden, bekommen das nötige Verständnis sowohl von der Gruppe, als auch den Lehrern entgegengebracht. Es ist selbstverständlich, dass die Schulanforderungen in derartigen Situationen schwieriger zu bewältigen sind.

3.2 Zeit für soziale Lernprozesse

„ Kinder brauchen Kinder, um emotional und sozial zu wachsen.“[1]

Die Erfahrungen, die die Kinder innerhalb ihrer altersgemischten Gruppen erleben, stellen den Raum zur Entfaltung und zur Entwicklung der Sozialität dar. Sie werden von Anfang an mit den verschiedensten Konflikten konfrontiert. Nur um ein Beispiel zu nennen: Im Morgenkreis oder auch während Klassenkonferenzen kann jedes Kind über seine eigenen privaten Probleme, oder auch seinen Problemen mit einem oder mehreren anderen Kindern innerhalb oder außerhalb der Gruppe berichten und es wird versucht eine Lösung zu finden. Aus diesem Konfliktlösungsprozess versuchen sich die jeweiligen Gruppenleiter möglichst herauszuhalten. Sie stehen als Berater zur Verfügung, insofern die Kinder es wünschen.

[...]


[1] Rhöner/Skischus/Thies (Hrsg) (1998): Was versuchen Versuchsschulen? Einblicke in die Reformschule Kassel. Baltmannsweiler

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Integration in der Reformschule Kassel
Hochschule
Universität Kassel  (Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Versuchsschulen, Reformschulen, Schulen mit besonderem Profil-Impulsgeber für die Regelschule?
Note
1,2
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V50724
ISBN (eBook)
9783638468886
ISBN (Buch)
9783656561712
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Integration, Reformschule, Kassel, Versuchsschulen, Reformschulen, Schulen, Profil-Impulsgeber, Regelschule
Arbeit zitieren
Julia Gütgemann (Autor), 2003, Integration in der Reformschule Kassel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50724

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