Visualität im Geschichtsunterricht. Relevanz und Methodik der Arbeit mit Bildern in der Sekundarstufe I


Hausarbeit, 2019
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Forschungsstand

3. Definition und Gattungen historischer Bilder

4. Der Einsatz von Bildern in der Sekundarstufe I
4.1 Probleme der Bildinterpretationsverfahren
4.2 Bilder im Geschichtsunterricht mit Blick auf den Lehrplan

5. Ausblick

6. Anhang

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bilder sind im Geschichtsunterricht nach wie vor ein gern genutztes Medium, um den Einstieg in ein neues Thema zu erleichtern. Die Vorteile liegen auf der Hand und erschei- nen zunächst völlig plausibel. Eine erste Bildbeschreibung gibt auch leistungsschwäche- ren SchülerInnen1 die Möglichkeit der Partizipation. Geschichte wird außerdem durch den Einsatz von Bildern veranschaulicht und bestenfalls können sich die SchülerInnen in das Geschehen hineinversetzen. Dennoch ist eine kritische Reflexion dieses Ansatzes vonnöten, da die Anwendung von Bildern in Verbindung mit einem konkreten Unter- richtsziel wesentlich komplizierter ist, als sie auf den ersten Blick scheint. Abgesehen von der Nutzung des Bildes als Einstieg hat die Bildarbeit für den Geschichtsunterricht einen großen Wert. Das Medium besitzt eine hohe Komplexität, welche aber angesichts der Fülle an Bildern, der gerade Jugendliche im Alltag ausgesetzt sind, ohne gezielte Übungen kaum wahrgenommen werden kann. Mit der quantitativen Steigerung von Bil- dern im Alltag wachsen auch Schnelligkeit und Flüchtigkeit der Wahrnehmung: Wäh- rend die Jugendlichen von heute ganz selbstverständlich mit jener Äs- thetik der schnellen Schritte heranwachsen, […] fühlt sich leicht über- fordert, wer eine ältere Sozialisation langsamerer Bildwahrnehmung erlebt hat.2

Der Aktualitätsbezug dieser Aussage Michael Sauers besteht bis heute. Die Menge an bewegten und unbewegten Bildern scheint im Alltag von SchülerInnen nach wie vor noch nicht ihren Höhepunkt erreicht zu haben, was die Beliebtheit von Social Media- Plattformen wie bspw. Instagram, Snapchat und TikTok zu untermauern scheint.3 Mög- licherweise eröffnen sich durch die Bilderflut jedoch neue Bezugsmöglichkeiten sowohl für die Geschichtsdidaktik als auch für das Schulfach Geschichte.

In dieser Arbeit wird deshalb der Frage nachgegangen, welche Relevanz Bilder im Ge- schichtsunterricht haben und welche Methodik in Bezug auf die Bildinterpretation der jüngsten Entwicklung zeitgemäß ist.

Die Fokussierung auf die Sekundarstufe I ergibt sich einerseits aus einer Beobachtung, welche Hans-Jürgen Pandel wie folgt beschreibt: „Die seit der Mitte der 1960er Jahre in die Universitäten eingezogene Geschichtsdidaktik ist weitgehend eine Gymnasialdidak- tik geworden, obwohl sie den Anspruch erhebt, für alle Schulformen zu sprechen.“4 An- dererseits sind die Voraussetzungen in den Stufen 5 bis 10 jeweils sehr unterschiedlich und die Kompetenzentwicklung ist in vielen Bereichen noch in ihren Anfängen, weshalb die Arbeit mit Bildern in der Sekundarstufe I besondere Aufmerksamkeit erfordert. Auch die thematische Gebundenheit an den Lehrplan, nach welchem chronologisch von den frühen Hochkulturen in Klasse 5 bis zur Neuordnung der Welt und der Situation Deutsch- lands nach dem Zweiten Weltkrieg in Klasse 10 vorgegangen werden soll, ist wegen der enormen Zeitspanne und der damit einhergehenden Fülle an unterschiedlichen Bildern ein spannendes Themenfeld.5

Zur Klärung der Frage nach der Relevanz von Bildern im Geschichtsunterricht in der Se- kundarstufe I scheint zunächst ein Blick auf den Forschungsstand sinnvoll. Nachdem die Interpretation von Bildern erst in jüngerer Vergangenheit ihr Nischendasein in der Ge- schichtsdidaktik verlassen konnte, ist die Untersuchung visueller Zeugnisse aus der Ver- gangenheit „zu einem integralen Bestandteil aller geschichtswissenschaftlichen Arbei- ten geworden, die sich nicht nur mit der (vermeintlich) objektiven Wirklichkeit, sondern auch mit deren subjektiver Aneignung beschäftigen wollen.“6 In diesem Zusammenhang wird auf den sog. Visual Turn eingegangen, durch welchen die steigende Relevanz von Bildern im Bereich der Forschung herausgestellt wird. Anschließend wird eine Definition des historischen Bildes gesucht, da es „längst nicht mit jener Selbstverständlichkeit als historische Quelle[n] betrachtet und behandelt [wird], wie das Historiker bei Texten ge- wohnt sind,“ was damit zu tun hat, „dass Bilder erst ‚auf den Begriff‘ gebracht werden müssen.“7 Darauf aufbauend werden die verschiedenen Gattungen von Bildern syste- matisiert. Schließlich werden die Problematiken der Bildinterpretationsverfahren im Ge- schichtsunterricht in der Sekundarstufe I erörtert, bevor die Möglichkeiten des Einsatzes von Bildern mit Blick auf den Kernlehrplan der Realschule in NRW geprüft werden. Zu- letzt wird in Kapitel 5 sowohl eine Synthese der Ergebnisse als auch ein Ausblick hin- sichtlich der Relevanz von Bildern im Geschichtsunterricht gewagt.

2. Forschungsstand

Sowohl in der Geschichtsdidaktik als auch in der Geschichtswissenschaft befand sich das Bild als Quelle lange Zeit in Stillstand. In den letzten Jahrzehnten lässt sich jedoch ein Paradigmenwechsel beobachten: „Die Geschichtswissenschaft ist nicht mehr Zuschauer der Diskussion in anderen Disziplinen, sondern Teil der Diskussion selbst. Wir befinden uns mitten im jahrelang postulierten […] ‚Visual Turn‘.“8 Der Visual Turn bezieht sich hierbei selbstredend nicht nur auf Bilder, sondern bspw. auch auf Filme. Die Möglichkei- ten der Bildersuche im Internet haben die Entwicklung eines Paradigmenwechsel mit Sicherheit entscheidend verstärkt. So waren Bildrecherchen zuvor wesentlich kosten- und zeitaufwändigere Unternehmungen. Als weiterer wesentlicher Aspekt für den Vi- sual Turn gilt die Medienlandschaft, welche es vermehrt mit visuellen Zeugnissen zu tun hat.9 Schriftquellen haben zwar nicht an Bedeutung verloren, Bildquellen aber durchaus an Relevanz hinzugewonnen. Aus diesem Grund kommt Hubert Burda zu dem Schluss, dass es nicht Texte sind, „sondern Bilder, die die Wende zum 21. Jahrhundert markieren und sich in unsere Köpfe eingebrannt haben.“10

Voneinander zu unterscheiden sind zwei Drehmomente hinsichtlich einer neuen Fokus- sierung auf Bilder. Nach dem Iconic Turn, welcher aus einer ersten kunsthistorischen Perspektive hervorging, sollte die Konzentration auf das Verstehen von Kunstwerken von Hochkulturen gerichtet werden. Die Ästhetik stand hier im Vordergrund. Die These von einem Pictorial Turn besagt, dass eine rein fachspezifische Untersuchung von Bil- dern nicht mehr ausreicht, sondern eine interdisziplinäre Kritik von Bildern notwendig ist.11 Christoph Hamann schlägt derweil vor, die beiden Ansätze miteinander in Einklang zu bringen: „Denn es geht einerseits um das Massenprodukt Fotografie und dessen ge- sellschaftlicher Rolle bei der Repräsentation von Vergangenheit und andererseits um die Generierung von Sinn auf der Basis formaler Spezifika von fotografischen Bildern.“12 Eingedenk der Tatsache, dass die Veranschaulichung von Geschichte im schulischen Be- reich nicht nur auf Grundlage von Quellenbildern, sondern auch mithilfe von Darstellun- gen stattfindet, muss die Verbindung der beiden vorgestellten Ansätze hinsichtlich einer kompetenzorientierten Bildarbeit um ebendiese Komponente der Darstellungen erwei- tert werden.

Praxisorientierte Werke über die Bildinterpretation im schulischen Kontext sind in recht hoher Zahl vorhanden. Ein fester Methodenkanon hat sich jedoch nicht etabliert, „eher [wird] ein Methodenpluralismus praktiziert.“13 Grundlage dieser Arbeit bilden v.a. Mi- chael Sauers Bilder im Geschichtsunterricht und Hans-Jürgen Pandels Bildinterpretation. In beiden Werken wird in sehr kleingliedriger Art und Weise die Arbeit mit Bildern erläu- tert. Während Sauer verstärkt auf verschiedene Bildtypen eingeht, liegt der Fokus Pan- dels auf einer historischen Einteilung von Bildern, welche er explizit nicht als Kunstwerke betrachtet, sondern ausschließlich aus einer historischen Perspektive betrachtet. Gerhard Paul kritisiert diese Fixierung auf Bilder als rein historische Dokumente:

Kaum einmal gerieten so Bilder und Bildmedien mit ihrer spezifischen Ästhetik als eigenständige Wirkungsfelder des Politischen oder Kultu- rellen, als Deutungsmedien der Geschichte oder gar als publizistische Waffen in politischen und militärischen Auseinandersetzungen in den Blick.14

In Gerhard Schneiders Sammelband Die visuelle Dimension des Historischen ist ebendie- ser ästhetische Bezug vorhanden.

Das erwähnte Fehlen eines Methodenkanons ist zwar hinsichtlich unterschiedlicher Her- angehensweisen an die Bildarbeit insgesamt positiv zu sehen, doch nötigt es letztendlich auch zu dem Fazit, das die daraus folgende quantitative Dichte verschiedener Methoden durchaus für Konfusion sorgen kann.

3. Definition und Gattungen historischer Bilder

Die hohe Dichte der verschiedenen Methoden entsteht auch durch eine problematische Definitionssituation, die dem hohen Aufkommen unterschiedlicher Gattungen geschul- det ist. Ein Konsens bezüglich einer eindeutigen Definition von historischen Bildern be- steht noch nicht. Dies ist aufgrund der Vielfalt der Gattungen schwierig, ebenso wegen der fehlenden Trennschärfe zu anderen Medien, der permanenten Begegnung mit Bil- dern außerhalb der Geschichte und nicht zuletzt wegen der vielen verschiedenen Per- spektiven der Wissenschaften, in denen sich mit Bildern beschäftigt wird.15 Hinsichtlich des schulischen Kontextes sollte die Bandbreite in Form von Darstellungen, wie sie in Geschichtsbüchern und Arbeitsheften zur Illustration herangezogen werden, dennoch erweitert werden. Dieser Schritt ist notwendig, um eine Trennschärfe zwischen histori- schen Bildern und Darstellungen herstellen zu können. Demnach ist der in dieser Arbeit genutzte Bildbegriff ein sehr weit gefasster. Außerdem kann eine Kompetenzentwick- lung an dieser Stelle positive Auswirkungen auf den Alltag von SchülerInnen haben. Pan- del definiert die Bildquelle mithilfe von drei Kriterien:

(1) Ein Bild ist eine bemalte Fläche […]. (2) Zum zweiten meint der hier gebrauchte Begriff Bildquellen, also Bilder, die in der Vergangenheit entstanden sind und uns heute vorliegen […]. (3) […] Bildquellen sind ungeachtet ihres Bildinhalts nur für den Zeitpunkt ihrer Herstellung eine Quelle.16

Erweitert wird der Bildbegriff durch die Fotografie. Wie Ulrich Baumgärtner in diesem Zusammenhang treffend feststellt, „sind Bildquellen nur ein kleiner Ausschnitt der im Unterricht auftretenden Visualität.“17

Darstellungen in Schulbüchern dienen hingegen der Illustration und sind von Quellen strikt abzugrenzen. Gerade in den unteren Stufen ist die Gefahr gegeben, diese beiden Typen von Bildern zu vermischen, was eine Kompetenzentwicklung in diesem Bereich auch unter der Perspektive der Interdisziplinarität umso notwendiger macht.

[...]


1 In dieser Arbeit wird das Binnen-I für eine geschlechtergerechte Schreibweise genutzt.

2 Michael Sauer: Bilder im Geschichtsunterricht. Seelze4 2012, S. 7.

3 Heike vom Orde/Alexandra Durner: Grunddaten Jugend und Medien 2019. München 2019, S. 35. On- line unter: https://www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/Grundddaten_Jugend_Medien.pdf (Stand: 20.09.2019).

4 Hans-Jürgen Pandel: Geschichtsunterricht in den unterschiedlichen Schulformen (insbesondere Sekun- darstufe I). In: Michele Barricelli/Martin Lücke (Hrsg.): Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts, Band 1 (Forum Historisches Lernen), S. 172.

5 Vgl. hierzu Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Kernlehr- plan für die Realschule in Nordrhein-Westfalen. Geschichte. Heft 3316, Düsseldorf 2011, S. 13-16.

6 Frank Becker: Historische Bildkunde – transdisziplinär. In: Historische Mittelungen 21 (2008), S. 95.

7 Michael Sauer: Bilder im Geschichtsunterricht, S. 7.

8 Gerhard Paul: Die aktuelle Historische Bildforschung in Deutschland. Themen – Methoden – Probleme – Perspektiven. In: Jens Jäger/Martin Knauer (Hrsg.): Bilder als historische Quellen? Dimension der Debatte um historische Bildforschung. München 2009, S. 125.

9 Vgl. Gerhard Paul: Visual History. In: Docupedia-Zeitgeschichte. Potsdam 2012, S. 3. Online unter: http://docupedia.de/zg/Visual_History_Version_2.0_Gerhard_Paul (Stand: 20.09.2019).

10 Hubert Burda: ‚Iconic Turn weitergedreht‘ – Die neue Macht der Bilder. In: Christa Maar/Hubert Burda (Hrsg.): Iconic Turn. Die neue Macht der Bilder. Köln² 2004, S. 19

11 Vgl. zu diesem Abschnitt: Christoph Hamann: Visual History und Geschichtsdidaktik. Bildkompetenz in der historisch-politischen Bildung. In: Reihe Geschichtswissenschaft (Band 53). Herbolzheim 2007, S. 14 f.

12 Ebd., S. 16.

13 Gerhard Paul: Die aktuelle historische Bildforschung in Deutschland, S. 128.

14 Ebd., S. 131.

15 Vgl. Ulrich Baumgärtner: Wegweiser Geschichtsdidaktik. Historisches Lernen in der Schule. Paderborn 2015, S. 163 f.

16 Hans-Jürgen Pandel: Bildinterpretation. In: Hans-Jürgen Pandel (Hrsg.): Handbuch Methoden im Ge- schichtsunterricht, S. 172.

17 Ulrich Baumgärtner: Wegweiser Geschichtsdidaktik, S. 165.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Visualität im Geschichtsunterricht. Relevanz und Methodik der Arbeit mit Bildern in der Sekundarstufe I
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Didaktik der Geschichte)
Veranstaltung
Einführung in die Didaktik der Geschichte
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
18
Katalognummer
V507982
ISBN (eBook)
9783346071033
Sprache
Deutsch
Schlagworte
visualität, geschichtsunterricht, relevanz, methodik, arbeit, bildern, sekundarstufe
Arbeit zitieren
Leonard Conradi (Autor), 2019, Visualität im Geschichtsunterricht. Relevanz und Methodik der Arbeit mit Bildern in der Sekundarstufe I, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/507982

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