Die Urbanisierung und die Entstehung psychischer Erkrankungen. Warum gefährdet das Leben in der Stadt die mentale Gesundheit?


Fachbuch, 2020

68 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Methodik

3 Urbanisierung im 21. Jahrhundert
3.1 Urbanisierung - Begrifflichkeiten
3.2 Trends, Entwicklungen und Konsequenzen der Urbanisierung
3.3 Vorzüge des urbanen Lebens - "urban advantage"
3.4 Gesundheitliche Herausforderungen des Stadtlebens

4 Urbanisierung und Psychische Gesundheit
4.1 Psychische Gesundheit
4.2 Zahlen und Fakten psychischer Störungen in der europäischen Region
4.3 Urbane mentale Gesundheit im Fokus der Wissenschaft
4.4 Mit Urbanisierung assoziierte psychische Störungen

5 Einfluss urbaner Lebenswelten auf die Entwicklung psychischer Erkrankungen - Erklärungsansätze
5.1 Überblick – Urbane Expositionsfaktoren
5.2 Städtische Schutzfaktoren
5.3 Soziale und sozioökonomische Umweltrisikofaktoren
5.4 Physische Risikofaktoren
5.5 Sozialer Stress

6 Handlungsempfehlungen

7 Abschlussdiskussion

Literaturverzeichnis

Abstract

Die Welt wird zunehmend urban, derzeit lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Bis zum Jahr 2050 sollen 70 Prozent aller Menschen auf der Erde in urbanen Zentren leben. In der Europäischen Union ist der Verstädterungsprozess bereits abgeschlossen. Mehrfach wird in Studien die Urbanisierung mit einer erhöhten Zunahme von spezifischen psychischen Erkrankungen in Verbindung gebracht, insbesondere Schizophrenie. Das Aufwachsen in städtischen Umgebungen erhöht das Schizophrenierisiko um das Dreifache. Dieser Stadt-Land-Gradient hinsichtlich der Inzidenz psychischer Störungen hat nachhaltiges wissenschaftliches Interesse hervorgerufen. Die zugrunde liegenden Mechanismen sind allerdings unzureichend geklärt. Sowohl soziale und sozioökonomische Stressoren wie beispielsweise Migration, ethnische Dichte und soziale Isolation, als auch physische Umweltfaktoren darunter Lärm und ein Mangel an städtischen Grünflächen könnten nur einen Teil der Urbanitätseffekte erklären. Weiterhin sind Experten davon überzeugt, dass insbesondere der soziale Stress eine wesentliche Rolle spielt. Vor dem Hintergrund der rasch fortschreitenden Verstädterung ist es enorm wichtig, die Ursachen für die deutlich angestiegen Erkrankungsrisiken für Stadtbewohner zu verstehen. Die vorliegende Literaturarbeit untersucht, inwieweit die Urbanisierung Einfluss auf die Entstehung psychischer Erkrankungen im urbanen Europa nimmt. Das Ziel ist, sowohl einen Überblick über den Zusammenhang zwischen der Verstädterung und der psychischen Gesundheit zu geben als auch urbane Umweltrisikofaktoren zu diskutieren. Die Datenbanken Scopus und Web of Science wurden nach epidemiologischen Studien in der europäischen Bevölkerung durchsucht. Die am häufigsten untersuchten Arten von psychischen Leiden, auf die der Fokus gesetzt wurde, waren affektive Störungen darunter Depression und Schizophrenie. In europäischen Städten zu leben scheint ein Risikofaktor für Psychosen und depressive Verstimmungen zu sein. Weitere Langzeitstudien zu den Wechselwirkungen zwischen der heterogenen Verteilung sozialer Ressourcen und urbaner Stressoren sind erforderlich. Zudem ist ein interdisziplinärer Forschungsansatz notwendig, um die komplexen Wirkungszusammenhänge besser zu verstehen und Auskunft darüber zu gewinnen, welche städtischen Eigenschaften psychische Erkrankungen verursachen.

„Lärm oder Dreck in der Stadt belastet uns, was uns aber besonders zu schaffen macht, ist der Stress, den wir im sozialen Miteinander erleben.“

(Adli Mazda, 2017, S. 22)

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Städtische und ländliche Bevölkerung, 2050 – 2050

Abbildung 2: Verstädterungsrate nach geographischen Regionen, 1950 – 2050

Abbildung 3: Gesundheitsdeterminanten der Lebenswelt im urbanen Raum

Abbildung 4: Funktionsmodel psychische Gesundheit

Abbildung 5: Zunahme psychischer Diagnosen Deutschland

Abbildung 6:Übersicht - Urbane Expositionsfaktoren

Abbildung 7: Übersicht der Handlungsempfehlungen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Prävalenzen psychischer Störungen im Stadt-Land-Vergleich

1 Einleitung

Die weltweit voranschreitende Urbanisierung und die damit verbundenen Chancen und Risiken für die Gesundheit der Bevölkerung sind der Anlass für die vorliegende Forschungsarbeit. Der Faktor, der das Leben in der Moderne prägt, ist das Leben in der Stadt. Ein zunehmender Trend der Verstädterung ist zu verzeichnen. Derzeit lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, 2050 rechnen die Vereinten Nationen (UN) damit, dass rund 70 Prozent der Menschen auf der Erde Stadtbewohner sind. In Europa sowie in Nord- und Lateinamerika ist der Urbanisierungsprozess bereits weitgehend abgeschlossen. (United Nations & Department of Economic and Social Affairs & Population Division, 2019, S.5). Dieser globale Megatrend hat nicht nur Auswirkungen auf die gesellschaftliche, politische sowie ökonomische Ebene, sondern er wirkt sich auch auf das Individuum aus bezogen auf die Gesundheit und insbesondere auf die psychische Gesundheit. In der Literatur wird die Urbanisierung häufig mit erhöhten psychischen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Einige Studien verweisen darauf, dass die Urbanisierung, beziehungsweise Urbanität einen bedeutenden Risikofaktor für psychische Störungen darstellt (Dekker, J., Peen, Koelen, Smit & Schoevers, 2008, S.1-2; Haddad et al., 2015, S.115; Vassos, Pedersen, Murray, Collier & Lewis, 2012, S.1118). Ebenso ist bekannt, dass bestimmte psychische Störungen, wie Depression, Angst und Schizophrenie, bei Stadtbewohnern und in der Stadt aufgewachsenen Menschen häufiger auftreten als bei Landbewohnern. Das Erkrankungsrisiko für Depressionen ist in urbanen Räumen gegenüber ländlichen Gegenden um das 1,4-Fache erhöht und das für Schizophrenien um das Zweifache (Peen, J., Schoevers, Beekman & Dekker, 2010, S.91). Jedoch variieren die Krankheitshäufigkeiten innerhalb der europäischen Region (EU) je nach Land, dem städtischen Gefüge und der zu untersuchenden Krankheit sehr stark (Fett, Lemmers-Jansen & Krabbendam, 2019, S.232-233; Jongsma et al., 2018). Die Migration in den urbanen Raum vereint sowohl Vorteile als auch Nachteile. Zu den Vorzügen des urbanen Lebens gehören ein vielfältiges Arbeits- und Bildungsangebot, kultureller Reichtum sowie der Zugang zu Gesundheitsversorgung und sozialer Ressourcen. Der Zuwachs von Städten fördert aber ebenso gesundheitliche Herausforderungen wie Armut, Kriminalität, Lärm, Luftverschmutzung, und Einsamkeit (Okkels, Kristiansen, Munk-Jørgensen & Sartorius, 2018, S.258; Rapp, Heinz & Meyer-Lindenberg, 2015, S.9). Für die Folgen der Urbanisierung auf die psychische Gesundheit werden viele Mediatoren als mögliche Ursachen diskutiert, die sowohl positiven als auch negativen Einfluss auf die urbane Bevölkerung ausüben. Zu diesen Mediatoren gehören physische, soziale, soziökonomische sowie neurobiologische Faktoren.

Genauer betrachtet sind Stressoren wie der Lärm, die Hektik des Großstadtlebens, die soziale Dichte sowie die soziale Fragmentierung und Segregation nur wenige von vielen möglich wirkenden Mechanismen (Meyer-Lindenberg, A., 2012, S.50). Neben diesen sehen Neurowissenschaftler und Epidemiologen in sozialen Faktoren, insbesondere im sozialen Stress die ursächliche Erklärung für die vermehrten psychischen Leiden in Städten (Lederbogen, Haddad & Meyer-Lindenberg, 2013, S.2; Lederbogen & Meyer-Lindenberg, 2015, S.72). Gleichermaßen gibt es aber ebenso bedeutsame gesundheitsförderliche Potentiale, die das psychische Wohlbefinden der Stadtbewohner aufrecht erhalten können wie beispielsweise der Zugang zu Grünflächen oder das soziale Kapital in der Nachbarschaft (Allardyce, J. & Boydell, 2006, S.594; Engemann et al., 2019, S.5188).

So vielfältig die Auswirkungen der Urbanisierung für den Menschen sind, so vielfältig sind die möglichen Folgen der zunehmenden Verstädterung für die seelische Gesundheit. Aufgrund der vielen unterschiedlichen sowie komplexen Interaktionen urbaner Risiko- und Schutzfaktoren, stellt es für wissenschaftliche Untersuchungen eine Herausforderung dar, zu untersuchen, inwieweit das urbane Leben für die erhöhten Prävalenzen psychischer Störungen verantwortlich ist. Da die Verstädterung weltweit zunimmt, das Thema Stress immer bedeutsamer wird und die Sorge um das seelische Wohlbefinden in der Gesellschaft wächst, ist die Frage nach der urbanen psychischen Gesundheit eine dringliche Frage. Der Aufbau und die Zielsetzung der vorliegenden Literaturarbeit lauten wie folgt:

1. Übersichtliche Darstellung des Zusammenhangs zwischen der Urbanisierung und häufigen psychischen Störungen (Schizophrenie und affektive Störungen)
2. Identifikation urbaner Expositionsfaktoren und ihre Wirkung auf die Entwicklung psychischer Leiden
3. Ableitung von Handlungsansätzen für eine gesunde Stadtplanung

Der Schwerpunkt dieser Forschungsarbeit liegt insbesondere auf der Darstellung der unterschiedlichen Prävalenzraten von Schizophrenie und Depression im europäischen Stadt-Land-Vergleich und der Analyse der zugrunde liegenden Mechanismen. Außerdem wird der räumliche Fokus auf die Europäische Union (EU) beziehungsweise die EU-Mitgliedsländer gelegt. Die folgende Forschungsfrage soll beantwortet werden: Welchen Einfluss nimmt das Großstadtleben im Zuge der Urbanisierung auf die Entwicklung psychischer Erkrankungen in der EU?

2 Methodik

Im folgenden Kapitel wird die methodische Herangehensweise dieser Literaturarbeit und der Literaturauswahl erläutert und dargestellt.

Nach Festlegung des Themas wurde über Online-Katalog der Technischen Universität München und Google Scholar eine erste ungerichtete Literatursuche zum Einfluss der Urbanisierung auf die Psychische Gesundheit durchgeführt. Somit konnte die thematische Idee der Arbeit eingegrenzt und die Forschungsfrage formuliert werden. Im Anschluss wurde eine Auswahl an Schlagwörtern getroffen sowie Einschluss- und Ausschlusskriterien definiert, um eine zielführende Bearbeitung der Forschungsfrage zu gewährleisten. Die Einschlusskriterien berücksichtigten räumliche, sprachliche und thematische Faktoren. Der räumlich geographische Fokus wurde auf Länder der Europäischen Region gelegt, da selbst innerhalb Europas die Inzidenzraten und Prävalenzraten psychischer Erkrankungen stark variieren. Ausgeschlossen wurden Forschungsarbeiten aller anderen westlichen Staaten und Entwicklungsländer, da der Einbezug dieser zu umfangreich wäre und da europäische westliche Großstädte kaum mit Megastädten wie Tokio oder São Paulo vergleichbar wären. Hierzu wurden bei der Einstellung der erweiterten Suche EU-Mitgliedsländer angekreuzt oder diejenigen epidemiologischen Studien ausgewählt, welche die Effekte in europäischen Regionen untersuchten. Miteinbezogen wurde Literatur in den Sprachen Englisch und Deutsch. Von thematischer Relevanz waren diejenigen Forschungsarbeiten, die entweder den Zusammenhang zwischen Urbanisierung und dem Auftreten psychischer Erkrankungen untersuchten, Risikofaktoren für psychische Erkrankungen in urbanen Gebieten analysierten oder die Unterschiede zwischen Land und Stadt oder innerhalb von Städten im Hinblick auf psychische Störungen erfassten. Der Fokus wurde auf affektive Störungen und Schizophrenie gelegt. Ausgeschlossen wurden Publikationen, bei denen bereits im Titel oder Abstrakt zu erkennen war, dass kein Bezug zur Thematik besteht. Die Zeitspanne wurde bei der Literatursuche nicht eingegrenzt, jedoch sind beim Selektionsprozess ausschließlich Studien der letzten 20 Jahre mitaufgenommen worden, um ein gewisses Maß an Aktualität zu gewährleisten.

Es wurde eine Literaturrecherche in den Datenbanken Scopus und Web of Science durchgeführt. Die nachfolgenden Schlüsselwörter wurden bei der Literatursuche verknüpft: “urban*“ OR “urbanization“ OR “urbanisation“ OR “urbanicity“ OR “urban living“ OR “environment” OR “neighbourhood“ OR “city living“ AND “mental health“ OR “psychological disorder“ OR “psychiatric disorder“ OR “mental illness“ OR “mental disorder“ OR “depression“ OR “depressive symptoms“ OR “schizophrenia“ OR “psychosis“ OR “psychopathology“.

Zur Ausweitung der Literatur wurden über die Referenzliste des gefundenen Materials weitere Quellen mitaufgenommen. Über die herkömmliche Internetrecherche konnte zusätzlich graue Literatur gesichtet werden. Diese umfasst Kongressberichte, Studien von Stiftungen sowie Publikationen von Institutionen, welche sich mit dem Thema Urbanisierung und oder Psychische Gesundheit befassten. In Abschnitt 5 werden die eingeschlossenen Studien mit Fokus auf den Einfluss urbaner Risikofaktoren auf die Entwicklung psychischer Erkrankungen interpretiert und die Ergebnisse miteinander diskutiert.

3 Urbanisierung im 21. Jahrhundert

Abschnitt 3 veranschaulicht die Entwicklungen, Trends und Auswirkungen im Kontext der Urbanisierung und soll im Allgemeinen skizzieren, welche urbanen Herausforderungen für die Gesundheit bestehen.

3.1 Urbanisierung - Begrifflichkeiten

Der Begriff der Urbanisierung wird verschieden definiert, im allgemeinen Sprachgebrauch wird die Urbanisierung mit dem Synonym Verstädterung gleichgesetzt. Unter Verstädterung versteht man das Heranwachsen der städtischen Bevölkerung gegenüber der ländlichen Bevölkerung. Urbanisierung beschreibt einen Prozess der Zunahme, Ausdehnung und Vergrößerung der Städte und der in Städten lebenden Bevölkerung sowie deren Lebensweise. Meist gemessen nach Flächengröße oder Einwohnerzahl, sowohl absolut als auch im Verhältnis zur ländlichen Bevölkerung (Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung). Laut der UN (2019a, S.5) ergibt sich die Urbanisierung aus drei Komponenten: Natürlicher Anstieg durch Geburtenüberschuss, Wanderungsbewegung und der Neugründung von Städten. Der Prozess der Urbanisierung bezeichnet nicht nur eine demographische Entwicklung, im Sinne einer Migration vom ländlichen in den städtischen Raum, sondern er beschreibt auch Veränderungen psychosozialer Verhaltensweisen sowie ökonomischer Bedingungen (Turan Tayfun M., Besirli., A., 2008, S.238). Im Zuge der sich ausbreitenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert und der damit entstandenen Modernisierung, beschleunigte sich der Verstädterungsprozess nahezu massiv. Verantwortlich für den raschen Zuwachs der Städte sind zum einen der Wandel von einer Agrar­gesellschaft über eine Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und zum anderen das Entstehen größerer Produktionsstätten in Ballungszentren verbunden mit einer hohen Nachfrage an Arbeitskräften. Zumal das vielfältige Arbeitsangebot die Menschen vom Land in die Stadt zieht (Stefan Rösch, 2015, S.3).

3.2 Trends, Entwicklungen und Konsequenzen der Urbanisierung

Die Ausdehnung der Städte schreitet mit rasantem Tempo voran. Neben der Globalisierung, der Digitalisierung und dem Klimawandel zählt die Urbanisierung zu den größten globalen Gesundheitsfragen des 21. Jahrhunderts (Srivastava, 2009, S.75). Der Megatrend der Urbanisierung ist kaum zu stoppen. Bereits heute ist jeder zweite Mensch ein Stadtbewohner. Während 1950 weniger als 30 Prozent der Bevölkerung in Städten wohnte, werden bis 2050 Berechnungen der UN zufolge 68 Prozent der Weltbevölkerung in städtischen Gebieten leben. 2018 wies die weltweite urbane Population bereits 4,2 Billionen Menschen gegenüber 3,4 Billionen ländlichen Bewohnern auf und bis zum Jahr 2050 soll die weltweite Stadtbevölkerung vorrausichtlich 6,7 Milliarden erreichen (United Nations & Department of Economic and Social Affairs & Population Division, 2019, S.5). Abbildung 2 zeigt auf welch kontinuierlich und rasche Weise die Urbanisierung fortschreitet. Folge dieser Entwicklung ist, dass die Anzahl der Megastädte mit mehr als 10 Millionen Einwohnern sichtlich zunimmt: 1950 existierten lediglich New York und Tokio, 2014 gab es bereits 28 Megastädte (Stefan Rösch, 2015, S.4). Laut Schätzungen der UN wird es bis zum Jahr 2030 mehr als 43 solcher Mega-citys geben, die meisten davon in Entwicklungsländern (United Nations & Department of Economic and Social Affairs, 2019).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Städtische und ländliche Bevölkerung, 2050 – 2050

(United Nations, Department of Economic and Social Affairs, 2019a, S.5)

Obgleich dieser Trend weltweit zu verzeichnen ist, sollte eine Differenzierung zwischen der westlichen Welt, insbesondere der USA und Europa, sowie den Entwicklungsländern vorgenommen werden. Während in westlichen Ländern der Urbanisierungsprozess fast völlig abgeschlossen ist, schreitet er insbesondere in Entwicklungsländern, darunter Asien und Afrika voran. Abbildung 3 zeigt den Anteil der städtischen Bevölkerung der Welt nach geographischen Regionen von 1950 – 2050. Nach Angaben der UN verdreifacht sich innerhalb der nächsten 30 Jahrzehnte die urbane Bevölkerung Afrikas und die von Asian steigt um mehr als die Hälfte an. Nordamerika, Lateinamerika und Europa hingegen werden zukünftig keinen großen Städtewachstum mehr erfahren, da sie schon weitgehend verstädtert sind. Im Jahr 2018 lag der durchschnittliche Urbanisierungsgrad der EU und anderer westlicher Länder bereits bei 80 Prozent (United Nations & Department of Economic and Social Affairs & Population Division, 2019, S.5-9). Ebenfalls sollte beachtet werden, dass der europäische Urbanisierungsprozess nicht mit der Urbanisierung von heute gleichzusetzen ist. Diese charakterisiert sich vor allem durch die rasche und unstrukturierte Migration der Menschen von einkommensschwachen Ländern in die Städte (Okkels et al., 2018, S.259).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Verstädterungsrate nach geographischen Regionen, 1950 – 2050

(United Nations, Department of Economic and Social Affairs, 2019a, S.11)

Das 21. Jahrhundert wird somit vom Wachstum einer weltweiten städtischen Gesellschaft geprägt sein. Dieser Trend bringt sowohl Vorteile als auch Nachteile mit sich. Zu den positiven Konsequenzen gehören: Wirtschaftswachstum, Möglichkeit zur Verbesserung menschlicher Lebensbedingungen, Produktivität und der Zugang zu Gütern (Bundeszentrale für politische Bildung, 2007).

Jedoch wachsen mit dem Anstieg der urbanen Bevölkerung aber auch die Probleme und Herausforderungen. Großstädte haben zwar das Potential, zu nachhaltiger Entwicklung beizutragen, doch die Realität bildet meist etwas völlig anderes ab: In Metropolen wie Lima stehen mehr als einer Million Menschen kein sauberes Trinkwasser zur Verfügung, in Sao Paolo landet die Hälfte des städtischen Abwassers ungeklärt in Flüssen, Hongkong leidet unter extremem Smog, Neu-Delhi hat mit Stromausfällen zu kämpfen und Neapel versinkt im Müll (Birgit Niesing, 2012, S.9). Umwelt- und Versorgungsprobleme sind hier nur ein kleiner Teil der möglichen Folgen der Urbanisierung. Gleichzeitig verstärkt sich auch das Ausmaß an Armut und sozialer Ungleichheit. Nirgends ist der Kontrast zwischen arm und reich größer als wie in Städten. In deutschen Großstädten ist die Armutsquote höher als im Bundesdurchschnitt. (Bertelsmannstiftung, 2019) Besonders von der Armut betroffen sind Migranten und ethnische Minderheiten, die sich in benachteiligten Viertel ansiedeln (OECD, 2015, S.4-5). Weiterhin verschärfen Großstädte im Zuge des hohen Energiebrauchs durch die Industrie und den Verkehr die Umweltprobleme. Dieser immense Energieverbrauch verursacht hohe Konzentrationen von Luftschadstoffen, welche ein hohes Gesundheitsrisiko darstellen (Bundeszentrale für politische Bildung, 2007).

3.3 Vorzüge des urbanen Lebens - "urban advantage"

Trotz der vielen Risiken leben die meisten Menschen in urbanen Zentren. Gründe für den Zuwachs sind die Ermöglichung verbesserter Lebensbedingungen und Lebensstandards. Historisch gesehen hat die Verstädterung gutes gebracht: Wirtschaftswachstum, die Armutsbekämpfung und die menschliche Entwicklung. Städte sind Zentren von Kunst und Kultur, Wissenschaft und Technologien. Sie fungieren als Motoren der wirtschaftlichen sowie kulturellen Entwicklung und sie werben mit Attraktivität, indem sie die Chance eröffnen, der Bevölkerung einen besseren Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen zu bieten. Städte sind Orte, an denen Unternehmertum, technologische Innovation dank vielfältiger und gut ausgebildeter Arbeitskräfte gedeihen können. Sie sind Zentren der Produktivität und sie kennzeichnen sich aus durch eine hohe Dichte von Unternehmen. Sie bieten vielfältige Arbeitsmöglichkeiten, und außerdem ermöglichen sie den Zugang zu Gesundheitsleistungen, angemessenem Wohnraum und sozialen Diensten. Weitere Vorteile sind die Bereitstellung von Infrastrukturen, die verbesserten Möglichkeiten politischer sowie kultureller Teilhabe und die Gleichstellung der Geschlechter. (Bundeszentrale für politische Bildung, 2007; OECD, 2015, S.5-6; United Nations & Department of Economic and Social Affairs & Population Division, 2019, S.3-4) Adli und andere (2017, S.183) nennen ebenfalls den Vorzug, dass besonders die medizinische Versorgung im Vergleich zu ländlichen Gebieten im Durchschnitt besser ist, Psychotherapeuten sind leichter zu finden und die Entfernung zum nächsten Krankenhaus oder zur nächsten Apotheke ist kürzer. Kulturelle Einrichtungen und Sportanlagen bieten zusätzlich die Möglichkeit das Freizeitangebot abzurunden. Wissenschaftliche Untersuchungen haben außerdem gezeigt, dass das Vorhandensein städtischer Grünflächen positive Auswirkungen auf die psychische und soziale Gesundheit der Bevölkerung haben kann (Claßen & Bunz, 2018, 721-723; Engemann et al., S.5118-5119; Groenewegen, Berg, Agnes E van den, Vries & Verheij, 2006, S.1-8). Straßenbäume, Parks und grüne Naherholungsgebiete schaffen Anreiz für körperliche Aktivität, fördern sozialen Austausch und sind generell für die Lebensqualität von entscheidender Bedeutung (Claßen & Bunz, 2018, S.724-725). All die positiven Faktoren, die in Städten wirken, fasst man unter dem Begriff „urban advantage“ zusammen (Adli et. al, 2017, S. 183-184).

3.4 Gesundheitliche Herausforderungen des Stadtlebens

Es ist bekannt, dass die Gesundheit stark mit Merkmalen der Lebenswelt zusammenhängt. Umgebungsbedingungen beeinflussen in multipler Weise direkt oder indirekt Gesundheit und Wohlbefinden. Die Umwelt, ist im gesundheitswissenschaftlichen Sprachgebrauch sowohl an die physikalischen, chemischen und biologischen, als auch an die sozialen, kulturellen, technischen und wirtschaftlichen Lebensbedingungen gebunden (Claßen, 2016, S.71-73). In Anlehnung an das Humanökologische Modell der Gesundheitsdeterminanten im urbanen Raum, auch „Health map“ genannt, welches von Barton und Grant (2006, S.2) neu modifiziert wurde, veranschaulicht Abbildung 4 in vereinfachter Form, welche Faktoren der urbanen Lebenswelt die Gesundheit bestimmen können. Die unterschiedlichen Faktoren der Lebenswelt als sogenannte Gesundheitsdeterminanten setzen sich zusammen aus dem Lebensstil (z.B. Ernährungs- und Bewegungsverhalten), den Aktivitäten (z.B. wohnen, einkaufen, spielen), der sozialen Umwelt (z.B. Soziale Netzwerke, Soziales Kapital), der bebauten Umwelt (z.B. Straßen, Gebäude, Plätze, Wohnraum) und der lokalen Wirtschaft. Zudem determiniert auch die natürliche Umwelt (z.B. Wasser, Luft, Grünflächen) mit ihren Umweltqualitäten beziehungsweise Umweltbelastungen positiv oder negativ Gesundheit und Krankheit (Barton & Grant, 2006; Claßen & Bunz, 2018, S.720-722).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Gesundheitsdeterminanten der Lebenswelt im urbanen Raum

(eigene Darstellung; nach Barton & Grant, 2006, S.2)

Dieses Konzept der Gesundheitsdeterminanten gleicht der Auffassung von Galea Sandro, die sich intensiv mit dem Einfluss der Urbanisierung auf die Gesundheit befasst hat. Die wichtigsten städtischen Faktoren, die die Gesundheit beeinflussen werden wie folgt zusammengefasst: Soziale Umwelt, Physische Umwelt und der Zugang zu Gesundheits- und Sozialleistungen (Vlahov & Galea, 2002, S.1). Hinter den bereits erwähnten Gesundheitsdeterminanten der urbanen Lebenswelt verbergen sich sowohl Chancen als auch Risiken, welche wechselseitig Einfluss auf die Gesundheit nehmen können. Neben den schützenden Faktoren, wie etwa Grünflächen, Sport- und Fitnesseinrichtungen, Facharztpraxen, Kliniken oder soziale Unter­stützung, gibt es auch eine Reihe an negativen Einflussfaktoren. Dazu gehören Lärm- und Luftschadstoffe, Kriminalität, hohe Bevölkerungsdichte, Armut, Verkehrsunfälle, Gewalterfahrungen und nicht übertragbare Krankheiten (z.B. Krebs- und Herzkrankheiten).

Die Luftverschmutzung in Städten kostet jährlich rund 1,2 Millionen Menschen auf der Welt das Leben. Ein Mangel an öffentlichen Plätzen oder Sporteinrichtungen kann außerdem zu verminderter körperlicher Aktivität führen, diese wiederum ist ein bedeutender Risikofaktor für sämtliche Zivilisationskrankheiten (Okkels et al., 2018, S.258; World Health Organization [WHO], 2010a, S.245-246). Des Weiteren legen Studien nahe, dass die Absenz von Grünflächen in Städten die mentale Gesundheit negativ beeinflusst. (van den Berg, Agnes E, Maas, Verheij & Groenewegen, 2010, S.1203-1210). Zu weiteren gesundheitlichen Herausforderungen in Großstädten, zählt die soziale Ausgrenzung, verbunden mit der immer größer werdenden Kluft zwischen arm und reich. Urbane Gesundheitsrisiken sind ungleich innerhalb sozialer Gruppen verteilt. Besonders von den Gefahren betroffen sind z.B. Migranten, ethnische Minderheiten oder junge Erwachsene aus einkommensschwachen Familien (OECD, 2015, S.4-7).

Gleichermaßen diskutiert man, ob das Großstadtleben der seelischen Gesundheit schadet. Der Einfluss der Urbanisierung wird mit einer Zunahme psychischer Leiden assoziiert (Srivastava, 2009, S.124-125). Eine Vielzahl an Stressoren und Faktoren wie Toxine, Lärmbelästigung, Zerfall der Familien, Einsamkeit, niedriger sozioökonomischer Status und eine geringe soziale Unterstützung sollen negativen Einfluss auf die Psyche der städtischen Bevölkerung haben (Silva, Loureiro & Cardoso, 2016, S.259; Turan Tayfun M., Besirli., A., 2008, S.239).

Ferner ziehen Wissenschaftler in Betracht, dass sozialer Stress in Städten einen bedeutenden Risikofaktor für psychische Leiden darstellt (Lederbogen et al., 2013, S.2).

Im Bezug zu den zahlreichen urbanen Herausforderungen für die Gesundheit hat die WHO das Thema „urbanisation and health“ zu Deutsch „Urbanisierung und Gesundheit“ anlässlich des Weltgesundheitstages am 07.April.2010 gewählt. Mit dieser Kampagne möchte die Weltgesundheitsorganisation für die Folgen der zunehmenden Urbanisierung auf die Gesundheit weltweit und für jeden Einzelnen sensibilisieren (WHO, 2010b).

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Details

Titel
Die Urbanisierung und die Entstehung psychischer Erkrankungen. Warum gefährdet das Leben in der Stadt die mentale Gesundheit?
Autor
Jahr
2020
Seiten
68
Katalognummer
V507994
ISBN (eBook)
9783964871558
ISBN (Buch)
9783964871565
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Urbanisierung, Urbanisierung und psychische Gesundheit, Psychische Störungen in Städten, cities and mental health, urban mental health, urban health, urbanization and mental health, european mental health, Stadtleben, Landleben, urban advantage, mentale Gesundheit, psychische Störung
Arbeit zitieren
Greta Wirth (Autor), 2020, Die Urbanisierung und die Entstehung psychischer Erkrankungen. Warum gefährdet das Leben in der Stadt die mentale Gesundheit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/507994

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