Diese ethnografische Studie befasst sich mit den Humandifferenzierungen im Feld unterrichtlicher Situationen, die im Rahmen des Regelunterrichts einer vierten Grundschulklasse beobachtbar sind. Hierbei liegt der Fokus auf der Darstellung ausgewählter Fallbeispiele und der kleinschrittigen Analyse dieser Kategorisierungsprozesse entsprechend des Humandifferenzierungsansatzes nach Hirschauer (2017). Angelehnt an den aktuellen Forschungsstand sollen Differenzierungsverfahren so greifbar und als Reflexionsgrundlage des Lehrerhandelns handhabbar gemacht werden.
"Man ist nicht bloß ein einzelner Mensch, man gehört einem Ganzen an", sagte einst Theodor Fontane (1819 – 1898), deutscher Schriftsteller, Journalist, Erzähler und Theaterkritiker und griff schon damals die Relevanz von Gemeinschaft und Zugehörigkeit auf. Auch Pierre Bourdieu spricht zu Beginn seines Werkes Meditationen - Zur Kritik der scholastischen Vernunft beiläufig von den "unterschiedlichen Mitgliedschaften, Zugehörigkeiten, Involviertheiten", durch die wir "in die Welt verwickelt" seien (Bourdieu 2001). Doch so nebenbei lässt sich dieses Bedürfnis nach Mitgliedschaft und Zugehörigkeit nicht abtun. Unser soziales Miteinander bezieht sich stets auf die Zugehörigkeiten der Individuen zu Gruppierungen und Subgruppierungen der Gesellschaft. Verschiedene Arten von Verbindungen, die "Ways of Belonging" (Souza 1990), bilden den Grundstein der Sozialität. Für den Einzelnen bleibt dieses Bedürfnis nach Zugehörigkeit nicht folgenlos: "Das bei seiner Geburt organisch und administrativ singularisierte Menschenmaterial wird erst durch seine multiplen Zugehörigkeiten sozialisiert und individualisiert" (Hirschauer 2017).
Jedoch sehnen sich die Gesellschaftsmitglieder nicht nur nach Zugehörigkeit. Sie zeichnen sich zudem durch einen hohen Ordnungsbedarf aus, um sich rückwirkend selbst im System verorten zu können. Das Konzept der Humandifferenzierung greift diese Mechanismen auf und versucht ihre Prozesse offenzulegen und aufzuzeigen, wie unterschiedliche Situationen verschiedene Differenzierungsrelevanzen zum Vorschein bringen. Im Rahmen schulischer Interaktionsgeschehen können Differenzierungen beispielsweise durch institutionell gegebene Strukturen, durch Materialien und Themen, durch Handlungen von Lehrkräften (LK) oder aber auch durch Reaktionen der Schülerinnen und Schüler (SuS) produziert, verstärkt oder minimiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Humandifferenzierung
3 Aktueller Forschungsstand
4 Ethnografieforschung
4.1 Selbstverständnis und Prinzipien
4.1.1 Gegenstandsbereich
4.1.2 Feldforschung
4.1.3 Methodenopportunismus
4.1.4 Verschriftlichungsprozess
4.2 Methodik und Forschungsprozess
4.2.1 Grounded Theory – Exkurs zur Datenanalyse
4.3 Umsetzung in der vorliegenden Studie
5 Humandifferenzierung im Unterrichtsgeschehen
5.1 Das Feld und seine Rahmenbedingungen
5.2 Differenzierungen aufgrund vermeintlicher Sprachbarrieren
5.3 Das Loben und Tadeln - Differenzierungen aufgrund von Störungen und Leistung
5.4 Der Fall Hüseyin – Wie erhält ein Kind einen Sonderstatus?
6 Abschließende Betrachtung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Masterarbeit untersucht ethnografisch, wie in einer vierten Grundschulklasse durch alltägliche unterrichtliche Interaktionen soziale Differenzierungen – sogenannte Humandifferenzierungsprozesse – produziert, verstärkt oder minimiert werden. Das primäre Ziel ist es, diese oft unreflektiert ablaufenden Kategorisierungspraktiken sichtbar zu machen und als Reflexionsgrundlage für professionelles Lehrerhandeln nutzbar zu machen.
- Anwendung des Konzepts der Humandifferenzierung nach Hirschauer
- Analyse von Differenzierung durch vermeintliche Sprachbarrieren
- Untersuchung von Lob und Tadel in Bezug auf Leistung und Störungen
- Fallstudie zur Entstehung eines Sonderstatus bei einem Schüler
- Ethnografische Methodik mit teilnehmender Beobachtung und Grounded Theory
Auszug aus dem Buch
5.2 Differenzierungen aufgrund vermeintlicher Sprachbarrieren
Zunächst soll auf Differenzierungen im Unterricht eingegangen werden, die auf vermeintliche Sprachbarrieren zurückzuführen sind. Hierfür werden nachfolgend explizite Unterrichtssituationen herangezogen und daran kleinschrittig die Differenzierungsprozesse des doing und undoing analysiert.
Differenzierungen lassen sich hierbei zum einen auf verbale Aussagen seitens der Lehrkräfte zurückführen, zum anderen finden sich wiederkehrende Handlungsmuster. Auch Aussagen der Mitschülerinnen und Mitschüler (MuM) und deren Beeinflussung des Geschehens im Verlauf der gemeinsamen Unterrichtszeit werden berücksichtigt. Jegliche vorangegangene als auch mit der Situation im Zusammenhang stehende nachfolgende Handlungen werden aufgezeigt, um die Komplexität der Differenzproduktion und ihrer Einflussfaktoren zu verdeutlichen.
Probleme im Umgang mit der deutschen Sprache werden gelegentlich im Unterrichtgeschehen thematisiert, da sie die Bearbeitung der Aufgaben negativ beeinflussen können, oder aber der Lehrkraft oder den MuM auffallen und dadurch hervorgehoben werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Einleitung verortet das Thema der Humandifferenzierung theoretisch und beschreibt das Ziel der ethnografischen Studie im Kontext des schulischen Regelunterrichts.
2 Humandifferenzierung: Dieses Kapitel erläutert den theoretischen Ansatz nach Hirschauer, der soziale Kategorisierungsprozesse als aktives „Doing“ und „Undoing“ begreift.
3 Aktueller Forschungsstand: Hier werden bestehende soziologische und erziehungswissenschaftliche Arbeiten zur Konstruktion von Differenz in pädagogischen Feldern rezipiert.
4 Ethnografieforschung: Der methodische Teil beschreibt das ethnografische Forschungsdesign sowie die Anwendung der Grounded Theory zur systematischen Datenanalyse.
5 Humandifferenzierung im Unterrichtsgeschehen: Das Kernkapitel analysiert empirische Beobachtungen zu Sprachbarrieren, Leistungsbewertungen und Fallbeispielen individueller Sonderstatusbildungen.
6 Abschließende Betrachtung: Das Fazit reflektiert die Studienergebnisse und betont die Notwendigkeit einer heterogenitätssensiblen Professionalität im Lehrberuf.
Schlüsselwörter
Humandifferenzierung, Doing Differences, Ethnografie, Grundschule, Inklusion, Leistungsbewertung, Sonderstatus, Sprachbarrieren, Lehrerhandeln, Soziale Kategorisierung, Teilnehmende Beobachtung, Grounded Theory, Schulalltag, Heterogenität, Schulpädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie im alltäglichen Unterricht einer vierten Grundschulklasse durch Handlungen von Lehrkräften und Schülern soziale Differenzen zwischen Kindern hergestellt oder negiert werden.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Studie?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse von Differenzierungen im Zusammenhang mit Sprache, Leistung, Störungen und der Zuschreibung von Sonderrollen bei Schülern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die oft unbewussten Mechanismen der „Humandifferenzierung“ (nach Hirschauer) im Schulalltag offenzulegen, um diese für eine reflexivere pädagogische Praxis nutzbar zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt einen ethnografischen Forschungsansatz mit teilnehmender Beobachtung, Protokollen und Tonaufnahmen, die mittels der Grounded Theory ausgewertet wurden.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Mittelpunkt?
Der Hauptteil gliedert sich in die methodische Begründung und die anschließende kleinschrittige Analyse von Unterrichtssituationen, in denen Differenzierungsphänomene konkret hervortreten.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Doing Differences, Ethnografie, soziale Konstruktion von Leistung und schulpädagogische Interaktionsanalyse beschreiben.
Wie wird der „Sonderstatus“ eines Kindes im Unterricht erzeugt?
Dies geschieht laut Studie durch ein Bündel an Faktoren wie externe Schulbegleitung, häufige Korrekturen durch Lehrkräfte, angepasste, leichtere Aufgabenstellungen und die ständige öffentliche Thematisierung vermeintlicher Kompetenzdefizite.
Welche Rolle spielt die Sprache bei Differenzierungsprozessen?
Sprache dient oft als Legitimationsgrundlage für andere Differenzierungen; vermeintliche Sprachbarrieren führen häufig dazu, dass Kindern die Fähigkeit zur selbstständigen Aufgabenbearbeitung abgesprochen wird.
Ist „Doing Difference“ im Unterricht vermeidbar?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Differenzierungen in der Institution Schule aufgrund von Selektionszwängen und meritokratischen Anforderungen kaum vollständig zu vermeiden sind, jedoch reflektiert gestaltet werden sollten.
Was ist das „Undoing“ von Differenzen?
Das „Undoing“ bezeichnet Momente oder Handlungen, in denen bestehende soziale Kategorisierungen (wie z.B. „Sprachdefizit“ oder „leistungsstark“) interaktiv infrage gestellt, ignoriert oder bewusst ungeschehen gemacht werden.
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- Lisa Donath (Author), 2019, (Un-)Doing Differences im Unterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508013