Das 1. Kabinett von Willy Brandt in der sozialliberalen Koalition übernahm im Jahr 1969 die politische Verantwortung in einer Zeit des gesellschaftlichen Wandels und Umdenkens. Es stellt sich die Frage, wie diese Regierung auf diesen Umbruch in der Bevölkerung reagiert hat. Versuchte Willy Brandt den Erwartungen der Menschen bei der Wahl der Minister und beim Regierungsprogramm gerecht zu werden? Konnte die sozialliberale Regierung den Erwartungen überhaupt gerecht werden? Welche gesellschaftspolitischen Reformen wurden angekündigt und welche wurden tatsächlich mit Erfolg durchgeführt? All diese Fragen werden nun versucht zu klären. Dazu wird zunächst ein kurzer Abriss der Situation vor der Wahl zum 6. Bundestag im Jahr 1969 gegeben. Hier ist zu analysieren, wie es zu diesem Umbruch in der Gesellschaft kam und was die Gründe dafür sind. Dies soll es ermöglichen, die gesellschaftspolitische Programmatik der sozialliberalen Koalition in die zeitlichen Geschehnisse einordnen und beurteilen zu können. Darauf folgend werde ich das 1. Kabinett unter Willy Brandt kurz vorstellen, um einen Einblick zu verschaffen, mit welchen Problemen Brandt innerhalb seines Kabinetts zu kämpfen hatte. Anschließend werde ich mit Hilfe der Regierungserklärung vom 28.10.1969 alle relevanten gesellschafspolitischen Programmpunkte anführen und diese vor dem Hintergrund der zeitlichen Umstände, der Durchführung und des Erfolges einordnen.
Inhaltsverzeichnis
1. Problemstellung und Gang der Untersuchung
2. Die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation vor 1969
3. Das 1. Kabinett von Willy Brandt
4. Gesellschafspolitische Programmatik der sozialliberalen Koalition und deren Einordnung
4.1. Gleichberechtigung
4.2. Bildungsreform
4.2.1. Ausgangsbedingungen
4.2.2. Durch die Regierungserklärung vom 28.10.1969 angekündigte bildungspolitische Reformen
4.2.3. Umsetzung der angekündigten Reformen
4.3. Reform des Ehe- und Scheidungsrechts
4.4. Strafrechtsreform
4.4.1. Ausgangssituation
4.4.2. Die Reform des Demonstrationsstrafrechts durch das 3. StrRG
4.4.3. Die Reform des Sexualstrafrechts durch das 4. StrRG
4.4.4. Die Reform des § 218 StGB (5. StrRG)
4.5. Mitbestimmung
4.6. Soziale Sicherung
5. Zusammenfassende Beurteilung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die gesellschaftspolitische Programmatik der ersten sozialliberalen Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt ab 1969. Dabei wird analysiert, inwiefern die Regierung auf den gesellschaftlichen Wertewandel dieser Zeit reagierte, welche spezifischen Reformvorhaben im Rahmen der Regierungserklärung angekündigt wurden und wie deren tatsächliche Umsetzung vor dem Hintergrund politischer sowie wirtschaftlicher Rahmenbedingungen gelang.
- Analyse des gesellschaftlichen Umbruchs in der Bundesrepublik vor 1969
- Untersuchung der Regierungsbildung und Kabinettsstruktur unter Willy Brandt
- Evaluierung zentraler Reformprojekte (Bildung, Strafrecht, Ehe- und Familienrecht)
- Bewertung der Leistungsfähigkeit und der gesetzgeberischen Erfolge der Koalition
- Diskussion der Auswirkungen expansiver Sozialpolitik auf den Staatshaushalt
Auszug aus dem Buch
4.2. Bildungsreform
Die Bildungsreform war neben der Ostpolitik ein wichtiges Bindeglied von FDP und SPD. Auf diesem Gebiet hatten die Parteien ähnliche Ziele und Reformgedanken. Aus diesem Grund wurde die Umstrukturierung des Bildungssektors von beiden Parteien als die wichtigste Maßnahme der inneren Reformen betrachtet. Auf die Mängel im Bildungssektor wurde bereits Anfang der 60er Jahre aufmerksam gemacht. So sprach bereits im Jahr 1964 der Pädagoge und Religionsphilosoph Georg Picht von einer „deutschen Bildungskatastrophe“. Picht und andere Kritiker des deutschen „Bildungsnotstandes“ waren der Auffassung, dass in Deutschland zum einem die Schulklassen zu groß und die Ausstattung der Schulen zu gering seien. Nach dem Zweiten Weltkrieg stiegen die Geburtenzahlen kontinuierlich an. Es wurde jedoch nichts unternommen, obwohl eigentlich klar war, dass sich dieser Trend noch verstärken würde, wenn die geburtenstarken Jahrgänge der 30er Jahre ins Elternalter kommen.
Außerdem war nach Meinung der Kritiker der Anteil der Schüler mit Mittlerer Reife oder Abitur und der Anteil der Studierenden zu gering. Die Befürchtungen lagen in einer bevorstehenden Wirtschaftskrise, verursacht durch die Missstände im Bildungswesen. Kritik kam jedoch auch von dem Soziologen und späteren Bundestagsabgeordnetem der Liberalen Ralf Dahrendorf im Jahr 1965. Er bezeichnete Bildung als „allgemeines Bürgerrecht“ und sah die Probleme vor allem in den Bildungsgefällen innerhalb Deutschlands. Diese ergaben sich besonders zwischen Reich und Arm, Stadt und Land, Jungen und Mädchen, Nord- und Süddeutschland. Dahrendorf war der Auffassung, dass Bildung ausschlaggebend für den weiteren Lebensverlauf sei. Bildung öffnet Tore in eine bessere Zukunft und jeder Mensch sollte das Recht haben durch Bildung seinen eigenen Werdegang zu gestalten. Chancengleichheit im Bildungswesen war hier der zentrale Gedanke, der wohl eher eine Gesellschaftsreform als eine Bildungsreform zum Ziel hatte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Problemstellung und Gang der Untersuchung: Einführung in die Forschungsfrage bezüglich der Reaktion der Regierung Brandt auf den gesellschaftlichen Wandel und Erläuterung des methodischen Vorgehens.
2. Die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation vor 1969: Analyse des wirtschaftlichen Aufstiegs und des folgenden Bewusstseins- und Wertewandels, der zur Forderung nach gesellschaftlichen Reformen führte.
3. Das 1. Kabinett von Willy Brandt: Vorstellung der Koalition, ihrer internen Struktur sowie der politischen Herausforderungen, mit denen Brandt bei der Zusammenstellung seines Teams kämpfte.
4. Gesellschafspolitische Programmatik der sozialliberalen Koalition und deren Einordnung: Untersuchung der zentralen Modernisierungsvorhaben, von der Gleichberechtigung bis zur Bildungs- und Strafrechtsreform, und deren Einordnung in die Regierungszeit.
5. Zusammenfassende Beurteilung: Kritische Reflexion der Reformpolitik, wobei die Grenzen der Machbarkeit und die wirtschaftlichen Folgen der expansiven Ausgabenpolitik beleuchtet werden.
Schlüsselwörter
Willy Brandt, sozialliberale Koalition, Gesellschaftspolitik, Reformpolitik, Bildungsreform, Strafrechtsreform, Mehr Demokratie wagen, Wertewandel, Soziale Marktwirtschaft, Chancengleichheit, Familienrecht, Mitbestimmung, Gesetzgebung, 1969-1972, Modernisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht die gesellschaftspolitische Programmatik der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt ab 1969 und analysiert, wie diese Regierung auf den gesellschaftlichen Umbruch der damaligen Zeit reagierte.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Bildungsreform, der Strafrechtsreform (einschließlich Sexual- und Demonstrationsstrafrecht), dem Ehe- und Scheidungsrecht sowie der betrieblichen Mitbestimmung und sozialen Sicherung.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Es wird untersucht, ob Willy Brandt und sein Kabinett den an sie gestellten gesellschaftlichen Erwartungen gerecht werden konnten, welche Reformen angekündigt wurden und welche davon erfolgreich umgesetzt wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer politik- und wirtschaftshistorischen Analyse, die sich primär auf die Regierungserklärung von 1969 sowie Sekundärliteratur und Statistiken zur damaligen Zeit stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung des Kabinetts sowie in die detaillierte Prüfung konkreter politischer Reformvorhaben, deren Ausgangsbedingungen, Umsetzungsschritte und die auftretenden Widerstände.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie "Modernisierung", "Chancengleichheit", "Reformpolitik", "gesellschaftlicher Wertewandel" und die Regierungsformel "Mehr Demokratie wagen" charakterisiert.
Warum war die Reform des § 218 StGB so besonders umstritten?
Das Thema war gesellschaftlich hochsensibel, da es fundamentale Moralvorstellungen über Familie und Schutz des ungeborenen Lebens berührte und die Interessen der Regierungsparteien stark mit den Positionen der Kirche und konservativen Opposition kollidierten.
Welchen Einfluss hatte der Regierungswechsel auf die Bildungslandschaft?
Die Regierung Brandt initiierte umfassende Strukturpläne und erhöhte die Ausgaben für Bildung massiv, um dem Bildungsnotstand zu begegnen und Chancengleichheit für alle Bevölkerungsschichten zu fördern.
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- Judith Kornprobst (Author), 2005, Das erste Kabinett unter Bundeskanzler Willy Brandt: Allgemeine gesellschaftspolitische Programmatik und deren Einordnung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50816