Vereinheitlichung der deutschen Sprache durch Jakob und Wilhelm Grimm


Examensarbeit, 2019

55 Seiten, Note: 1

Monika Krotoszynska (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Stand der deutschen Sprache im 19. Jahrhundert
1.1 Entwicklung des Wortschatzes
1.2. Situation mit der Rechtschreibung

2.Die Brüder Grimm 8
2.1. Biographie von Jacob und Wilhelm Grimm
2.2 Wichtigste Werke der Brüder Grimm
2.3 Das Märchen
2.3.1.Geschichte des Märchens
2.3.2. Eigenschaften und Stil des Märchens
2.3.3. Die Bedeutung des Märchenerzählens
2.4.Ausgewählte Grimm’sche Märchen und deren Analys
2.4.1.Rotkäppchen
2.4.2. Hänsel und Grete
2.4.3. Dornröschen
2.4.4. Aschenputtel
2.4.5. Schneewittchen

3. Die deutsche Sprache im Zusammenhang mit dem Schaffen der Brüder Grimm
3.1 Lexikographisches Schaffen von Brüder Grimm
3.1.1. Gegenstand der Lexikographie
3.1.2 Das Wörterbuch von Grimm
3.2 Die Bedeutung der Grimm’schen Werke für die deutsche Sprache
3.2.1.Einheit in der Vielfalt
3.2.2.Fremdwörter in der deutschen Sprache
3.2.3.Sprachfreiheit als Ausdruck für ein emanzipatorisches Menschenbild

4.Zusammenfassung

Abstract

5.Bibliographie

Einleitung

„Keine andere Sprache befindet sich in einem so erbarmungswürdigen Zustand wie die deutsche.“

Jacob Grimm

Die Brüder Wilhelm und Jakob Grimm gehören zu einer jungen Generation von Gelehrten, die neue Methoden und Theorien entwickeln, um Literatur und sprachliche Überlieferungen zu sammeln, aufzubereiten, zu systematisieren und kritisch zu betrachten. Ihre Interessen beschränkten sich nicht nur auf die Sammlung, Edition und Interpretation von Märchen, Sagen und mittelalterlicher Dichtung. Neben der Dichtung spielte für sie auch die historische Erschließung der Sprache eine entscheidende Rolle. Dasselbe betraf auch die Rekonstruktion alter Rechtsgepflogenheiten oder der Mythologie oder des religiösen Glaubens. Der Ausdruck von Sitten und Denkmustern spielte für sie relevante Rolle, weil er davon zeugte, wie die Welt von früheren Kulturen die Welt verstanden und interpretiert wurde.

Die Grimms suchten nach Zeugnissen aus der Zeit, in der das Volk noch nicht in verschiedene Schichten bzw. Klassen geteilt war, was bedeutete, dass jeder vollen Anteil an der eigenen völkischen Identität hatte. Die neuzeitliche Gesellschaft fanden sie dagegen als problematisch. Jakob und Wilhelm Grimm befassten sich mit einer Kultivierung der Sprache, die ihrer Meinung nach, von fremden und niederen Einflüssen gereinigt werden sollte.

Die vorliegende Arbeit hat das Ziel, die Verdienste von Jakob und Wilhelm für die Vereinheitlichung der deutschen Sprache zu schildern und zu beschreiben. Sie besteht aus 4 Kapiteln. Das erste Kapitel beinhaltet Einleitung in die Thematik der Arbeit. Im zweiten Kapitel wird der Stand der deutschen Sprache im 19. Jahrhundert geschildert.

Das dritte Kapitel enthält Informationen über Brüder Grimm. Es wird da ihre Biographie sowie die wichtigsten Werke beschrieben. In diesem Kapitel gibt es auch Analyse der ausgewählten Grimm’schen Märchen zu finden. Das Kapitel beinhaltet auch Informationen, die Märchen als literarische Gattung betreffen und die sich auf ihre Geschichte, Merkmale und Bedeutung des Märchenerzählens beziehen.

Das nächste Kapitel wird der deutsche Sprache im Zusammenhang mit dem Schaffen der Brüder Grimm gewidmet. Den Hauptkern des Kapitels bildet die Bedeutung der Grimm’schen Werke für die deutsche Sprache, die ausführlich beschrieben wird.

Danach folgt Zusammenfassung und Literaturverzeichnis.

1. Der Stand der deutschen Sprache im 19. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert war die Zeit, in der in deutschen Ländern industrielle Revolution gab. Der Fortschritt der Wissenschaft und Technik beeinflusste die Entwicklung der deutschen Sprache, indem neue Wörter gebildet und Bedeutungen der Wörter entstanden sind. In der Sprache kamen auch zum Ausdruck neue gesellschaftliche Prozesse, die in diesen Zeiten stattfanden. Es lässt sich sagen, dass der wissenschaftliche Fortschritt, den es Anfang des 19. Jahrhunderts gab, auch die Sprachwissenschaft erfasste. Seit dieser Zeit wird die Linguistik in dem heutigen Sinne des Wortes datiert. Ihre Vertreter konzentrierten sich dabei nicht nur auf Erarbeitung bestimmter Normen, Sprachpflege oder Bekämpfung von Fremdwörtern, wie dass der Fall im 17. und 18. Jahrhundert war. Im Mittelpunkt stand auch die Untersuchung der Geschichte und Gegenwart des bestehenden Sprachsystems.[1]

1.1 Entwicklung des Wortschatzes

Der wissenschaftliche und technische Fortschritt führte im 19. Jahrhundert zur schnellen Entwicklung des Fachwortschatzes. Um neue Erfindungen und Entdeckungen zu benennen, entstanden viele neue Wörter darunter Komposita wie zum Beispiel Waschmaschine, Nähmaschine, Gasanstalt, Eisenbahn. Auch neue Erscheinungen aus dem politischen und gesellschaftlichen Bereich bedurften neuer Wörter. Viele von ihnen waren

meist englischer oder französischer Herkunft (Lokomotive, Telegramm, Perron, Coupé, Conducteur, Billet).[2] 1871 kam es zu der schnellen Entwicklung der Industrie, was natürlich Entstehung der neuen Wortschöpfungen verursachte.[3]

Sozioökonomische Prozesse wie Urbanisierung und Industrialisierung veränderten die Sozialkultur in Deutschland. Der Anpassung an der sich wandelnde Gesellschaft folgte eine sprachliche Anpassung. Es kam zur Entwicklung von Fach- und Gruppensprachens sowie zur Entstehung von Umgangs- und Regionalsprachen. Es ließ sich dabei Zurückdrängung der Mundarten zugunsten der gemeinsprachlichen Formen und Herausbildung der Öffentlichkeitssprache beobachten.

Träger dieser Entwicklung[en] war zu einem erheblichen Teil die Zeitung, die im 19. Jahrhundert von einem Medium, das schon zu Jahrhundertbeginn erstaunlich weit verbreitet war, zum Massenmedium avancierte.[4]

Es unterliegt keinem Zweifel, dass sie einerseits zur Stabilisierung und Verbreitung der geschriebenen Sprache beitrug, andererseits aber führten diese Massenmedien zum Rück­gang der Dialekte auch aus der gesprochenen Spra­che. Wichtig zu erwähnen ist dabei auch der Bevölkerungswachstum, dank dem das „Volk“ in immer größeren Massen Anteil am öffentlichen Leben nahm. Auf diese Art und Weise durchdrang mit umgangssprachlichen Gewohnheiten die allgemeine, traditionelle Sprache. Das trug dazu bei, dass es sich eine Annäherung der Schriftsprache an die Strukturen der gesprochenen Umgangssprache bemerken ließ.

Es soll an dieser Stelle erwähnt werden, dass das 19. Jahrhundert für die Entwicklung der Rechtschreibung der deutschen Sprache entscheidend war. Aufschwung der Technik wurde mit der Hochschätzung und alltäglicher Verwendung der schriftlichen Kommunikation verbunden. Es wurden zwar orthographische Regeln von J. Ch. Adelung verfasst, aber es fehlte noch allgemeine Anerkennung.[5]

1.2. Situation mit der Rechtschreibung

Ansonsten gab es immer noch orthographische Schwankungen, die Phonem- Graphem-Beziehungen also Schreibung nach der Aussprache betrafen. Es gab Probleme mit Kennzeichnung der langen Vokalphoneme, sowie Schreibung von <i> <ü> <y> und die s-Schreibung. Auch im Falle der Worttrennung wurde noch nicht alles diskutiert. Dazu zählte syllabische und morphematische Trennung und vor allem die Trennung von ck, dt, pf, st, tz sowie und die Trennung der Fremdwörter. Es wurde auch noch nicht klar, wo man eigentlich Großbuchstaben schreiben soll. Es gab Schwankungen in der Übergangszone zwischen dem Substantiv und Nichtsubstantiv, in Ableitungen der Eigennamen und im Falle der Substantivgroßschreibung oder Substantivkleinschreibung im Zusammenhang mit Getrennt- und Zusammenschreibung. Es gab auch Probleme im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung. Es wurde dabei auch immer noch nicht klar, welches Satzschlusszeichen verwendet werden sollte.[6]

1876 fand in Berlin I. Orthographische Konferenz (Konferenz zur Herstellung größerer Einigung auf dem Gebiet der deutschen Orthographie) statt. Als Vorlage für diese Konferenz galten Die deutsche Rechtschreibung von Konrad Duden sowie Abhandlungen, Regeln und Wörterverzeichnis von Raumer.[7]

Er bereitete auch einen Entwurf der orthographischen Regeln vor. An der Konferenz nahmen Vertreter der Bundesstaaten, der Schulbehörde, die Experten und Vertreter des Druckereigewerbes sowie Sprachwissenschaftler teil. Alle waren dergleichen Meinung, dass man eine einheitliche Rechtschreibung und ihre Kodifizierung schaffen sollte. In Rahmen der Konferenz wurden folgende Änderungen vorgeschlagen:[8]

- Abschaffung von <th> in deutschen Wörtern,
- Beseitigung der schwankenden Schreibung und Schreibvarianten –iren / -ieren -> -ieren, todt / tot -> tot, giebt / gibt -> gibt.
- Ersetzung von <c> durch <k> oder teilweise durch <z> u.
- Fremdwörter einzudeutschen.
- Regelung der s-Schreibung nach Heyse (Festlegung der unterschiedlichen Schreibung von <ss> und <ß>) <ss> nach Kurzvokal und nach Langvokal, bzw. Diphthong.
- Trennbarkeit von <pf>, <st>, <tz> am Zeilenende.

Die Mehrheit der Beteiligten war mit den vorgeschlagenen Regeln mehr oder weniger zufrieden. Die Minderheit stellte fest, dass keine Veränderungen im Bezug auf Schreibweise nötig sind. Es wurde von ihnen die Lösung der orthographischen „Streitereien“ nach dem phonetischen Prinzip nicht unterstützt. Vorschläge von Raumer und Duden wurden nicht abgestimmt. So war das Ergebnis der I. Orthographischen Konferenz eine große Enttäuschung, was bedeutete, dass der Zustand der orthographischen Erscheinungen weiterhin unkodifiziert blieb.[9]

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war die deutsche Rechtschreibung nicht normiert. Es gab keine amtlichen, für alle verbindlichen orthographischen Regeln. Es gab keine übergeordnete Behörde die über die Fragen der orthographischen Richtigkeit entschied, und es waren verschiedene Schreibweisen eines Wortes zulässig. So kamen zum Beispiel außer Formen Hilfe, Silbe auch Hülfe, Sylbe vor, beim Suffix -ieren waren auch die Formen ohne e (studierenstudiren) zulässig. Auch im Falle der Fremdwörter ließen sich verschiedenen Schreibweisen bemerken (MedizinMedicin, KanalCanal).[10]

Erst 1880 versuchte Konrad Duden die Fragen der deutschen Rechtschreibung zu regeln, indem sein Vollständiges orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache herausgegeben wurde. Die Vorschläge Dudens wurden auf der orthographischen Konferenz im Jahre 1901 angenommen. Auf dieser Konferenz wurde erstmals in der Geschichte der deutschen Sprache die deutsche Rechtschreibung amtlich festgelegt. Die damals angenommenen Regeln, galten bis zur Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996.[11]

Die Normierung der deutschen Aussprache erfolgte Ende des 19. Jahrhunderts und zum Standardwerk wurde hier Die Deutsche Bühnenaussprache von Theodor Siebs.

Was die innere Form der deutschen Standardsprache anbetrifft, war sie im 19. Jahrhundert erreicht worden. Die äußere Form fand mit der Orthographiekonferenz eine für das ganze Rechtschreibregelung, die für das deutsche Sprachgebiet gültig war und mit Siebs eine Regelung zur Aussprache. Damit wurde die deutsche Einheitssprache gefestigt.[12]

Wichtig zu erwähnen sind an dieser Stelle auch die Junggrammatiker, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem mit der historischen Entwicklung der

deutschen Sprache und beschäftigten. Zu den Vertretern dieser Richtung gehörten auch Wilhelm Scherer, Autor des Werks Zur Geschichte der deutschen Sprache und Hermann Paul, Verfasser der Prinzipien der Sprachgeschichte.

Für sie war die individuelle, unmittelbar beobachtbare Sprache, also Idiolekt Untersuchungsgegenstand von großer Bedeutung. Die wichtigste Sprachebene war für die die Junggrammatiker die Lautebene, die gegenüber der Syntax und Semantik als autonom bezeichnet wurde. Im Mittelpunkt ihrer Untersuchungen stand auch die Entwicklung der Dialektologie und der Sprache der Kinder. Sie versuchten nach allgemeinen Gesetzten zu suchen, die Laute betreffen. Sie sprachen sogar von der Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze, die zu ihrem Lehrsatz wurde. Bei der Suche nach allgemeinen Gesetzen fanden sie aber immer wieder Ausnahmen und Sonderfälle, die sie versuchten, durch Analogie zu erklären.

Ihre Forschungen und Vergleichsversuche indogermanischer Sprachen trugen zu der Formulierung der These von der Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze bei, mit der sich noch heute Sprachwissenschaftler befassen.[13]

Zu den führenden Sprachwissenschaftlern dieser Zeit zählten auch die Brüder Grimm, Autoren vieler Werke auf dem Gebiet der Germanistik, zu denen zum Beispiel die historisch-vergleichende Deutsche Grammatik von Jacob Grimm aus dem Jahr 1819 sowie das Deutsche Wörterbuch von Jakob und Wilhelm Grimm zählen. Ausfürliche Informationen über das Schaffen der Brüder Grimm für die deutsche Literatur- und Sprachwissenschaft beinhalten die nächsten Kapitel der Arbeit.

2.Die Brüder Grimm

2.1. Biographie von Jacob und Wilhelm Grimm

Jacob Grimm wurde am 4. Januar 1785 in Hanau geboren. Sein Vater Philipp Wilhelm Grimm war Hofgerichtsadvokat und Stadtschreiber. 1791 zog die Familie Steinau, wo der Vater Amtmann war. 1798 besuchte er Lyzeum in Kassel. Seine Jugend war recht kompliziert, denn sein Vater starb 1796. Diese Zeit brachte im Geldsorgen mit. 1802 begann er Jura zu studieren. 1805 wurde er Mitarbeiter Savignys in Paris. Nach einem Jahr kam er jedoch nach Kassel zurück und nahm eine Stelle als Verwaltungsbeamter im Sekretariat des Kriegskollegiums an. Nach der Besetzung Kassels von Napoleon wird Jakob dank seinen Französischkenntnissen in der Verpflegungskommission für Soldaten eingesetzt. Diese Tätigkeit war jedoch für ihn lästig und nicht erfüllend und er beschloss seine Anstellung zu kündigen. In den Jahren 1808 – 1813 war Jakob Grimm als der Vorsteher der Privatbibliothek des Königs Jérôme von Westfalen tätig. Er und sein Bruder Wilhelm konnten bei dieser Gelegenheit den Bibliotheksbestand für ihre eigenen Studien nutzen. In diesen Jahren ist er auch beim Staatsrat des Königsreiches Westfalen in Kassel tätig.[14]

Im Jahre 1811 veröffentlichte Jacob Grimm seine erste selbständige Schrift "Über den altdeutschen Meistergesang". 1819 bekam er von der Universität Marburg die Ehrendoktorwürde verliehen. In den Jahren 1830- 1837 war er als Professor der deutschen Sprache und Literatur und zweiter Bibliothekar der Universitätsbibliothek in Göttingen tätig. Ende 1837 wurde er dort wegen Teilnahme am Protest der „Göttinger Sieben” gegen den Verfassungsbruch des Königs in Hannover amtsentsetzt und des Landes verwiesen. In den Jahren 1841-1843 arbeitete er in Berlin als Privatgelehrter und ordentlicher Professor. Er war auch seit 1848 Abgeordneter im Frankfurter Parlament. Jacob Grimm gilt als Begründer der modernen Germanistik, was seinen Forschungen und Standardwerkeb über Rechtsaltertümer, Grammatik, Literatur- und Sprachgeschichte, Altertumskunde, Mythologie, Märchen und Sagen zu verdanken ist. Er ist auch Schöpfer des Deutschen Wörterbuches. Er setzte die historische Methode in Literatur und Sprache ein, erkannte die Gesetzmäßigkeit des Lautwechsels und definierte sehr viele sprachwissenschaftliche Begriffe. Er arbeitete gemeinsam mit seinem Bruder Wilhelm. Jacob Grimm starb am 20. September 1863 in Berlin.[15]

Was deutsche Grammatik von Jacob Grimm anbetrifft, hatte sie ohne Zweifel einen großen Einfluss auf die Entwicklung einer Wissenschaft der deutschen Sprache und der Literatur. 1816 entstand das Projekt einer Grammatik des Deutschen. Sie sollte die Genese der sprachlichen Formen und ihrer Zusammenhänge darstellen. Der erste Band bezog sich auf die Flexion, die Bände 2 und 3 auf die Wortbildung und Band 4 auf den Syntax. Wissenschaftskonzeption von Jacob Grimm beschränkte sich nicht nur auf Sprachgeschichte, fand ihren Einsatz auch in Sprach- , Religions- und Rechtsgeschichte.[16]

Wilhelm Grimm wurde am 24. Februar 1786 in Hanau geboren. Seine Jugend verbrachte er mit seinem Bruder Jacob Steinau. 1798 besuchte er Lyzeum in Kassel. In den Jahren 1803 – 1806 studierte er Jura in Marburg. Seit 1814 bis 1829 arbeitete er als Bibliothekssekretär in Kassel. 1819 bekam er von der Universität Marburg die Ehrendoktorwürde verliehen. Am 15. Mai 1825 heiratete Wilhelm Dorothea Wild. Im Jahre 1929 publizierte er sein Hauptwerk "Die deutsche Heldensage". 1830 war er als Unterbibliothekar in Göttingen tätig. 1837 wurde er Professor in Göttingen. In diesem Jahr wurde er, wie sein Bruder, amtsentsetzt. 1841 wurde er Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Berlin, wo er bis 1852 tätig war. Seit dieser Zeit konzentrierte er sich auf seine Forschungen. Wilhelm Grimm arbeitete zusammen mit seinem Bruder. Er war Hauptsammler und eigentlicher Redakteur der Märchen. Er war auch als Sagenforscher und Herausgeber von Dichtungen tätig. Wilhelm Grimm übersetzte dänische Heldenlieder, Balladen und Märchen und publizierte sie. Wilhelm Grimm starb am 16. Dezember 1859 in Berlin.[17]

2.2 Wichtigste Werke der Brüder Grimm

Jacob und Wilhelm Grimm sind durch die gemeinschaftliche Herausgabe der Erzählsammlung Kinder- und Hausmärchen sowie durch das Projekt eines Deutschen Wörterbuches, als „Brüder Grimm” im Bewusstsein vieler lebendig geblieben.[18]

Die Märchen von Jakob und Wilhelm Grimm kennt bestimmt jeder. Sie sind in der Weltliteratur mit ihrer Sammlung von Volksmärchen und Volksliedern, Mythen und Legenden bekannt geworden. Von Bedeutung sind auch ihre Kinder- und Hausmärchen. Wilhelm hat die Märchen gesammelt und bearbeitet, denn er war Literaturwissenschaftler und sein Bruder Wilhelm als Linguist und Philologe befasste sich mit ihrer wissenschaftlichen Forschung. So waren Jakob und Wilhelm wirklich ein gutes Team.[19]

Im Jahre 1806 fingen sie an kurze epische Erzählungen zu sammeln, die sie dann als Volksmärchen bezeichneten. Es ging da um klare Geschichten, in denen Lebenserfahrungen, menschliche Wünsche und Träume präsentiert wurden. Sehr wichtig waren für sie Volksweisheiten, die sie versuchten in ihren Märchen den Rezipienten zu vermitteln. Die von ihnen veröffentlichten Märchen waren auch durch manche Elemente aus den alten germanischen Mythen und Sagen gekennzeichnet. Die erste Ausgabe der "Kinder- und Hausmärchen" erschien kurz vor Weihmachten 1812. 1815 lag der zweite Band vor und im Jahre 1819 wurde der erste Band überarbeitet und neu aufgelegt. Die Anmerkungen zu den Märchen beider Bände wurden als dritter Band 1822 veröffentlicht. Drei Jahre später also 1825 erfolgte die Herausgabe einer "Kleinen Ausgabe" der Kinder- und Hausmärchen, deren Illustrator, der Bruder von Wilhelm und Jakob, Ludwig Emil Grimm war. So traten die Märchen in dieser Form ihren Siegeszug um den Globus an.[20]

Die letzte Ausgabe wurde im Jahre 1857 veröffentlicht. Sie enthielt 211 Geschichten, weitere 28 waren in den früheren Ausgaben zu finden. So hatte eine Sammlung insgesamt 239 Märchen. Da sie nach der mündlichen Überlieferung geschrieben wurden, lassen sich in ihrer ersten Ausgabe 10 deutsche Dialekte bemerken. Die Märchen wie Hänsel und Gretel, Rotkäppchen, Schneewittchen und viele andere sind in der ganzen Welt bekannt. Der Kampf des Guten mit dem Bösen, indem das Gute gewinnt, Magie, Kommunikation zwischen Menschen und Tieren sowie die Moral machen sie einfach einzigartig.[21]

Grimm haben sich wirklich bemüht zu beweisen, dass die Märchen auch in gedruckter Form ihre ursprüngliche Fassung behalten können. Sie wollten sie eben in solcher

ursprünglichen Form weiter verbreiten, was sich aber nicht so einfach zeigte, wie man es sich vorstellen könnte. Geändert wurde zum Beispiel das Ende der Geschichte von Schneewittchen. Dasselbe bezieht sich auch auf den Inhalt von Hänsel und Gretel und genau auf diesen Abschnitt, wo die böse Hexe in einem Ofen gebraten wurde. Die erste Fassung dieses Märchens stammt aus dem Jahre 1812 und bestand aus 900 Exemplaren. Die zweite wurde sieben Jahre später veröffentlicht, also 1819 und ist die erweitre Version der ersten Fassung. Wie es aus dem Text der zweiten Fassung zu entnehmen ist, gerieten die Kinder nach auf dem Weg nach Hause an ein Gewässer, das sie nicht überqueren konnten. Inzwischen schwamm da aber eine Ente herbei, die Hänsel und Gretel über das Wasser trug. Plötzlich kam den Kindern die Gegend bekannt vor, und sie kehrten nach Hause zurück. Was die Version dieses Märchens von Ludwig Bechstein betrifft, folgte er in seinem „Deutschen Märchenbuch“ dieser zweiten Fassung, indem er aber die Handlung um einen dankbaren weißen Vogel erweiterte, der die Krümel aufpickte, und der den Kindern nach dem Tod der Hexe den Weg nach Hause zeigte.[22]

Da sich die Themen der Märchen aber auch in anderen Volksliteraturen finden lassen, werden sie überall verstanden. So werden sie immer wieder neu erzählt als Comic , Bilderbuch, Kino- oder Zeichentrickfilm , als Videoclip , Hörbücher oder auf der Theaterstück. Mit der Zeit kommen einfach viele neue Ideen hinzu. Ansonsten wurden sie in rund 160 Sprachen übersetzt, darunter auch ins Polnische.

2.3 Das Märchen

M. Lüthi definiert das Wort „Märchen“ als eine Verkleinerungsform zu „Mär“ (ahd. mari, mhd. maere), was so viel wie Kunde, Bericht, Erzählung oder Gerücht bedeutet.[23]. Unter dem Begriff „maere“ wurden gesprochene, mündlich vorgetragene Erzähltexte verstanden. Er weist drauf hin, dass dieser Begriff im Laufe der Zeit vielen Bedeutungsveränderungen unterlag. Das Problem lag einfach daran, dass im Falle von Märchen unwahre Geschichten übertragen wurden, was einen negativen Einfluss auf die Entwicklung der Märchen hatte. Ihre Blütezeit verdanken die Märchen aber der Entstehung der sogenannten französischen Feenmärchen, zu denen Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“ gehören. Auch dank der Märchenversammlung von Bechstein und Grimm wurden Märchen revolutionisiert und so gewannen sie wieder an großer Bedeutung und Popularität. Eigentlich ist es aber nicht einfach den Begriff „Märchen“ eindeutig zu definieren. Natürlich sind sie sehr oft mit solchen Ausdrücken wie „Zauber, Wunder und Übernatürliches“[24] assoziiert, was aber nur ein Teil dieses Hauptbegriffes ist.

Ziemlich umfangreich scheint die Märchendefinition von L. Röhlich zu sein:[25]

Unter einem Märchen verstehen wir seit Herder und den Brüdern Grimm eine mit dichterischer Phantasie entworfene Erzählung besonders aus der Zauberwelt, eine nicht an die Bedingungen des wirklichen Lebens geknüpfte wunderbare Geschichte, die hoch und niedrig mit Vergnügen anhören, auch wenn sie diese unglaublich finden.

Lexikon Duden definiert das Märchen folgendermaßen: „Im Volk überlieferte Erzählung, in der übernatürliche Kräfte und Gestalten in das Leben der Menschen eingreifen und meist am Ende die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden.“[26] Nicht ohne Bedeutung ist auch die Erläuterung, die im Märchen-Lexikon zu finden ist:[27]

eine kurze, mündlich oder schriftlich verbreitete Prosaerzählung, die von fantastischen Zuständen und Vorgängen berichtet. In einer zeitlich und räumlich nicht festgelegten Sphäre greifen übernatürliche Mächte in die Alltagswelt ein: Tiere oder Pflanzen nehmen menschenähnliche Gestalt an und können sprechen; Menschen werden zu Tieren oder Pflanzen verwandelt; Zauberer, Hexen, Riesen, Zwerge, Drachen und Feen beschützen oder gefährden den Menschen. Die einem Märchen zugrunde liegende Weltordnung ist immer einfach: Der Gute wird letztlich belohnt, der Böse bestraft. Die Gestalten des Märchens sind meist typisiert: ein König, ein Fischer, ein armes Mädchen u. Ä..

2.3.1.Geschichte des Märchens

Es ist problematisch, das Alter der Märchen eindeutig zu bestimmen. Natürlich gibt es verschiedene Möglichkeiten, um zu erforschen, wie alt die Volksmärchen sind: L. Röhrich weist zum Beispiel zu einem auf „ datierbare Texten, sowie historische und literarischen Quellen“ und zum anderen „aus der Altartigkeit seiner Motive“[28] hin. Er betont dabei, dass es schon aus der Antike Motive überliefert wurden, die auch heute noch in Märchen bekannt sind.

In den Zeiten der Kreuzzüge sind die Märchenstoffe aus Indien und Irland ins Europa gekommen. Als Beispiel dafür kann das hinduistische „Panchatantra“ fungieren. Das Werk wurde im sechsten Jahrhundert aus dem Sanskrit ins Persische, im achten Jahrhundert aus dem Persischen ins Arabische und um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts aus dem Arabischen ins Hebräische übertragen.[29] Um 1270 übersetzte Johannes von Capua den hebräischen Text ins Lateinische, und nach dieser lateinischen Version kam das Buch in der deutschen und italienischen Sprache. Einzelne Geschichten wurden in Europa populär und rasch eingebürgert. Im dreizehnten Jahrhundert fand die Blütezeit der volkstümlichen Scherzmärchen, unglücklichen Abenteuern, Heldensagen, Heiligen- und Teufelslegenden, Tierfabeln, Eulenspiegeleien, Hanswurstgeschichten, Rätseln, frommen Alegorien und Volksballaden statt. Ein großer Teil von diesem Stoff ging in die literarischen Werke des Spätmittelalters, der Reformation und der Renaissance (Boccaccio, Chaucer, Hans Sachs, Les Cents Nouvelles Nouvelles usw.) ein und „gelangte darauf wieder, neu gestaltet zurück zum Volk.“[30]

M. Lüthi bestätigt, dass es auch in manchen griechischen Sagen und Erzählungen es Elemente gibt, die als Märchenmotive gelten wie zum Beispiel die dankbaren Schlange, der Lebenskraut, der Todesbriefs. Besonders viel gibt es sie in den Geschichten von Herakles (starker Hans, Drachentöter), Perseus (wunderbare Empfängnis, Aussetzung auf dem Fluss, Unterweltsfahrt mit Gewinn eines magischen Gegenstandes, Sieg über das Meerungeheuer und Befreiung der Jungfrau) und der Argonauten. Das sind Geschichten, „die auch in ihrem Aufbau auf das Märchenschema hinzudeuten scheinen.”[31]

Auch in den Texten Mittelalters sind märchenhafte Züge bzw. märchenartige

Elemente und Motive gekennzeichnet. In der Literatur wird es zwar der Begriff des Volksmärchens erwähnt, es ist aber schwer, das zu beweisen. Eine damalige Existenz des Volksmärchens kann vermutet, jedoch nicht bewiesen werden.[32] Aus dieser Zeit stammen Geschichtensammlungen wie die französische „Lais” und „Fablels”, der spanische „Libro de los enxiemplas” oder der italienische „Cento novelle antiche”, die jedoch sich in Deutschland nicht finden lassen.[33]

Mit der Erfindung des Buchdrucks wurde zwar ein großer Schritt in die Richtung der Entwicklung der Märchen gemacht, aber bekannte Heldenepen wie die Geschichten von Siegfried und die Geschichten von König Artus und seiner Tafelrunde gerieten in Vergessenheit. Die Blüte der Entwicklung der Märchen wird auf das 16. Jahrhundert datiert. Besonders sichtbar war das in Frankreich. In Deutschland entstand 1782 eine erste Sammlung „Volksmährchen der Deutschen” von Johann Karl August Musäus, der die mündliche Überlieferungen veränderte. Nicht zu vergessen ist auch das Schaffen von den Brüdern Grimm, deren „Kinder- und Hausmärchen” (1812-1814) zum Volksbuch und damit Prototyp wurden. Es lässt sich sagen, dass sie „das entscheidende Wort in der Geschichte des Volksmärchens in Deutschland”[34] sprachen. Auch Clemens Brentano legte 1805 eine Märchensammlung vor. Zu dieser Zeit gewann auch das Volksmärchen an Bedeutung, das lange verachtet wurde. Do wurde es zum Hausbuch. Auch in anderen

Ländern fing man an, es zu veröffentlichen. Es lässt sich seit dieser Zeit auch bemerken, dass das von Generation zu Generation, von Erzähler zu Erzähler mündlich überliefertes Märchen von der geschriebenen und gedruckten Form ersetzt wurde.[35]

[...]


[1] Ebd., S. 142.

[2] Ebd., S. 102.

[3] Eggers, H., Deutsche Sprachgeschichte, Reinbek bei Hamburg 1986, S. 356.

[4] Püschel 1998, S. 360.

[5] Nerius, D., Deutsche Orthographie, Leipzig, 1987, S. 239.

[6] Ebd., S. 240.

[7] Ebd., S. 249.

[8] Ebd., S. 253.

[9] Glück, H., Sauer, W., Gegenwartsdeutsch, Stuttgart 1990, S. 183.

[10] Besch, W., Betten, A., Reichmann, O., Sonderegger, S., Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. 2. Teilband, Berlin, New York 2000, S. 189.

[11] Ebd. S. 204.

[12] Eggers, H., Deutsche Sprachgeschichte, Reinbek bei Hamburg 1986, S. 369.

[13] Polenz, P., Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart, Berlin 2000, S.88.

[14] Martus, S., Die Brüder Grimm, Reinbeck 2009, S. 279.

[15] Ebd., S. 280.

[16] Schede, H. Die Gebrüder Grimm, Hanau 2009, S. 154.

[17] Ebd. S. 156.

[18] Martus, S., Die Brüder Grimm, Reinbeck 2009, S. 304.

[19] Nissen, W., Die Brüder Grimm und ihre Märchen, Göttingen 1984, S. 76.

[20] Ebd. S.77.

[21] Ebd. S.78.

[22] Bechstein, L. , Sämtliche Märchen, Köln 2013, S. 62.

[23] Lüthi, M. Märchen, Stuttgart 1990, S. 1.

[24] Ebd., S. 3.

[25] Röhrich,L. Märchen und Wirklichkeit, Wiesbaden 1956, S. 34.

[26] Duden, Deutsches Universal Wörterbuch, Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 2003, S, 1051.

[27] Scherf, W., Das Märchen-Lexikon, München 1995, S. 347.

[28] Röhrich, L.,Märchen und Wirklichkeit, Wiesbaden 1956, S.377.

[29] Campbel, J., Der Heros in tausend Gestalten, Frankfurt am Main, S.29.

[30] Ebd., S. 31.

[31] Lüthi, M. Märchen, Stuttgart 1990, S. 41.

[32] Leyen, F., Die Welt der Märchen. Düsseldorf 1953, S.175.

[33] Karlinger, F., Geschichte des Märchens im deutschen Sprachraum, Darmstadt 1988, S. 56.

[34] Lüthi, M. Märchen, Stuttgart 1990, S. 50.

[35] Ebd., S.51.

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Vereinheitlichung der deutschen Sprache durch Jakob und Wilhelm Grimm
Hochschule
Uniwersitet Gdański
Note
1
Autor
Jahr
2019
Seiten
55
Katalognummer
V508169
ISBN (eBook)
9783346072269
ISBN (Buch)
9783346072276
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vereinheitlichung, sprache, jakob, wilhelm, grimm
Arbeit zitieren
Monika Krotoszynska (Autor), 2019, Vereinheitlichung der deutschen Sprache durch Jakob und Wilhelm Grimm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508169

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