Das Stigma Psychische Erkrankung. Entstigmatisierung und Stigmabewältigung als Herausforderung für die Soziale Arbeit


Fachbuch, 2020

73 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit psychischer Erkrankung in unserer Gesellschaft
2.1 Was versteht man unter einer psychischen Erkrankung?
2.2 Zur Bedeutung von Stigma, Stigmatisierung und Diskriminierung
2.3 Entstehungsprozess von Stigmatisierung
2.4 Erscheinungsformen von Stigmatisierung
2.5 Folgen und Auswirkungen von Stigmatisierung

3 Diskriminierungs- und Stigmatisierungsprozesse in der Gesellschaft
3.1 Historische Stigmatisierungsprozesse und gesellschaftliche Stellung von Menschen mit psychischer Erkrankung
3.2 Entwicklung im Umgang mit psychisch erkrankten Menschen seit dem 19. Jahrhundert bis heute

4 Stigmatisierung und Diskriminierung am Beispiel der Depression
4.1 Depressionen im Profifußball
4.2 Der Suizid des Fußballspielers Robert Enke

5 Entstigmatisierung und Stigmabewältigung aus dem Blickwinkel der Sozialen Arbeit
5.1 Rechtliche Grundlagen für die Soziale Arbeit mit Menschen mit psychischen Erkrankungen
5.2 Aufgaben der Sozialen Arbeit
5.3 Ansätze zur Intervention auf der gesellschaftlichen Ebene
5.4 Individuelle Stigmabewältigung durch Empowerment
5.5 Interprofessionelle Zusammenarbeit
5.6 Teilhabechancen Betroffener am Beispiel Arbeitsmarkt

6 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

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Impressum:

Copyright © Social Plus 2020

Ein Imprint derGRIN Publishing GmbH, München

Druck und Bindung: Books on Demand GmbH, Norderstedt, Germany

Coverbild: GRIN Publishing GmbH

1 Einleitung

In unserer Gesellschaft sind psychische Erkrankungen immer noch mit negativen Vorurteilen behaftet und stellen ein Tabuthema dar, über das größtenteils nur mit vorgehaltener Hand gesprochen wird (vgl. Finzen 2013, S. 9). Leidet ein Mensch an einer psychischen Erkrankung, hat er daher neben dieser Erkrankung häufig mit negativen Vorurteilen, Schuldzuweisungen, Diskriminierung und Stigmatisierung zu kämpfen.

Wie nationale und internationale Studien belegen, kann das Etikett „psychische Krankheit“ zu sozialer Isolation und in Armut und institutionenabhängige Lebenslagen führen. Die Diagnose einer psychischen Krankheit wirkt immer noch als soziales Urteil, das handgreifliche und unsichtbare Barrieren auf dem Weg zur gesellschaftlichen Teilhabe am sozialen Leben und vor allem auf dem Arbeitsmarkt aufstellt (vgl. von Kardorff 2008, S. 291ff.)

Die Autorin dieser Arbeit beschäftigt somit die Frage, wieso es unserer Gesellschaft so schwer erscheint, die psychische Ausdehnung einer Erkrankung zu betrachten und die richtigen Schlussfolgerungen zu treffen. Die vorliegende Arbeit soll die These, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen nach wie vor in unserer Gesellschaft diskriminiert und stigmatisiert werden, wissenschaftlich untersuchen. Dabei wird versucht herauszufinden, welche Möglichkeiten aus sozialarbeiterischer Sicht in Frage kommen, um das Ansehen psychischer Erkrankungen in unserer Gesellschaft zu verbessern und einer Stigmatisierung entgegenzuwirken. Kann es gelingen, Menschen mit psychischen Erkrankungen wieder in die Gesellschaft zu integrieren, ohne dass sie einer Stigmatisierung zum Opfer fallen?

Fokussiert wird in dieser Arbeit die gesellschaftliche Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit psychischer Erkrankung. Daher werden zu Beginn die zentralen Begrifflichkeiten erklärt, um ein besseres Verständnis vermitteln zu können. Anschließend wird der Entstehungsprozess aufgezeigt, um daran anknüpfend auf die Erscheinungsformen und Auswirkungen von Stigmatisierung einzugehen. Danach wird ein Überblick über die Stigmatisierungsprozesse in der Gesellschaft gegeben. Hierbei werden die historische Entwicklung und die gesellschaftliche Stellung von Menschen mit psychischen Erkrankungen im Wandel der letzten Jahrhunderte bis heute beleuchtet. Bei diesem Punkt soll dargestellt werden, ob und wie sich der Umgang mit psychisch erkrankten Menschen in der Gesellschaft gewandelt beziehungsweise verändert hat.

Im Anschluss werden die Stigmatisierung und deren Folgen anhand des Beispiels der psychischen Erkrankung Depression fokussiert. Dabei wird Bezug auf Depressionen im Profifußball genommen und der Suizid des Nationaltorwarts Robert Enke in einem Unterpunkt beleuchtet.

Das vorletzte Kapitel befasst sich mit der Entstigmatisierung und Stigmabewältigung aus dem Blickwinkel der Sozialen Arbeit. Zunächst wird ein Augenmerk auf die rechtliche Dimension gelegt und die rechtlichen Grundlagen für die Soziale Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen dargestellt. Des Weiteren diskutiert die Autorin dieser Arbeit die Aufgaben der Sozialen Arbeit, die zu einer Entstigmatisierung und Stigmabewältigung von Menschen mit psychischer Erkrankung beitragen können. Mögliche Handlungsansätze auf gesellschaftlicher Ebene sowie individuelle Ansätze durch Empowerment werden vorgestellt. Am Ende dieses Kapitels wird eruiert, inwieweit eine interprofessionelle Zusammenarbeit im Hinblick auf das Thema von Bedeutung ist und die Teilhabechancen von Betroffenen am Beispiel Arbeitsmarkt behandelt. Im letzten Kapitel wird das Fazit dieser Arbeit dargestellt und ein Ausblick auf einen besseren Umgang mit Menschen, die an einer psychischen Erkrankung leiden,gegeben.

2 Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit psychischer Erkrankung in unserer Gesellschaft

Psychische Krankheiten unterliegen immer noch einem gesellschaftlichen Tabu. Menschen mit psychischen Störungen leiden unter Vorurteilen sowie unter Diskriminierung und Stigmatisierung. Das Leiden an einem Stigma kann so stark ausgeprägt sein, dass es wie eine zweite Krankheit wirkt, die das Selbstwertgefühl beschädigt und hoffnungslos beziehungsweise resigniert macht (vgl. Finzen 2013, S. 9).

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Stigma, der Stigmatisierung und der Diskriminierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Daher werden in diesem Abschnitt in einem ersten Schritt die wesentlichen Begriffe geklärt, um den Gegenstand der Arbeit genauer benennen und fassen zu können.

Psychische Erkrankungen stoßen in unserer Gesellschaft bei vielen Menschen auf Unverständnis, häufig auch aufgrund einer Unwissenheit darüber. Daher soll zunächst der Versuch unternommen werden, den Begriff der psychischen Erkrankung zu erklären. Danach wird ein kurzer Blick auf die Prävalenzdaten von psychischen Erkrankungen gegeben, bevor die Begriffe Stigma, Stigmatisierung und Diskriminierung ausführlich beleuchtet werden. Daran anschließend werden der Entstehungsprozess sowie die unterschiedlichen Erscheinungsformen und die Folgen von Stigmatisierung vorgestellt.

2.1 Was versteht man unter einer psychischen Erkrankung?

Eine einheitliche Definition für den Begriff der psychischen Erkrankung zu finden, ist nicht leicht und ebenso schwer zu beantworten wie die Frage, was denn ein Mensch ist (vgl. Dörner et al. 2017, S. 10).1 Je nach wissenschaftlichem Standpunkt kann eine psychische Erkrankung beziehungsweise Störung als Krankheit, Normabweichung, Störung oder individuelle Bewältigungsmöglichkeit angesehen werden. Hier existieren defizitorientierte Erklärungsansätze neben ressourcen­orientierten Sichtweisen, die verändertes psychisches Erleben und Verhalten als Bewältigungsmöglichkeit für schwierige Lebenslagen ansehen (vgl. ebd. S. 10). Eine treffende Definition, die insbesondere auf die Thematik dieser Arbeit zutrifft, beschreiben Dörner et al. Sie betrachten einen psychisch Kranken als Menschen, „[…] der bei der Lösung einer altersgemäßen Lebensaufgabe in eine Krise und Sackgasse geraten ist, weil seine Verletzbarkeit und damit sein Schutzbedürfnis und sein Bedürfnis Nichterklärbares zu erklären für ihn zu groß und zu schmerzhaft geworden sind.“ (ebd. S. 19). Das Resultat daraus wird Krankheit, Kränkung, Störung, Leiden, Abweichung genannt (vgl. ebd. S. 19).2

Deutlich wird in Dörners Versuch, die psychische Erkrankung zu definieren, dass nicht die Krankheit im Fokus steht, sondern das Individuum Mensch. Dörner et al. gehen zudem davon aus, dass eine erhöhte Kränkbarkeit eine von mehreren Voraussetzungen für die Entstehung psychischer Störungen darstellt (vgl. Dörner et al. 2017, S. 22)3. Als weitere Gründe werden angeborene oder neu erworbene biologische Einflüsse und psychosoziale Bedingungen wie ein schwaches soziales Netzwerk oder defizitäre individuelle Bewältigungsmöglichkeiten herangezogen. Die Entstehung einer psychischen Störung ist demzufolge immer multikausal und muss daher auch multiprofessionell behandelt werden (vgl. ebd. S. 23ff.).

Eine weitere Definition von Schädle-Deininger et al. beschreibt, dass eine psychische Erkrankung als krisenhafte Zuspitzung einer besonderen biographischen Entwicklung zu sehen ist. Sie sind der Meinung, dass die Entwicklung psychischer Symptome ein Versuch der Betroffenen ist, sich vor einer unerträglich gewordenen Situation zu schützen, wodurch es sich die Person ermöglicht, sich zurückzuziehen, Verantwortung abzugeben und Tabus auszusprechen (vgl. Schädle-Deininger et al. 1996, S.34).

Gerrig et al. definieren den Begriff der psychischen Störung - etwas allgemeiner - als abweichendes Verhalten einer Person, das nicht der Norm entspricht. Es beinhalte Beeinträchtigungen in Emotionen, Verhalten oder Denkprozessen, die zu persönlichem Leidensdruck führen oder die Fähigkeit einer Person blockieren, wichtige Ziele zu erreichen (vgl. Gerrig et al. 2011, S. 548f.).4 Seit einigen Jahren wird in der Psychiatrie nicht mehr von psychischen Krankheiten beziehungsweise von psychischer Erkrankung gesprochen, sondern von psychischen Störungen, weil dieser Begriff als wertneutraler angesehen wird und stärker berücksichtigt, dass noch kein ausreichendes Wissen über die Ursachen und ihre Beseitigung besteht (vgl. Oehler 2013, S. 18). Jedoch brachte dieser Begriffswechsel durchaus Kritik mit sich. Oehler gibt zu bedenken, dass das Wort ‚Störung‘ eng verwandt ist mit der umgangssprachlich negativ behafteten Zuschreibung ‚gestört sein‘ und dieser Begriff deutlich abwertender klingt als ‚krank sein‘ (vgl. ebd. S. 18).

An dieser Stelle ist anzumerken, dass in der vorliegenden Arbeit der Terminus der psychischen Erkrankung verwendet wird. Die Begründung dafür bezieht sich auf die Definition von Dörner et al., da sie der Autorin dieser Arbeit in Hinblick auf den Hintergrund der Arbeit als sehr passend erscheint. Nüesch hingegen spricht von ‚psychischer Behinderung‘, hauptsächlich wegen der sozialen Dimension dieses Begriffs. Sie ist der Ansicht, dass Behinderung im Gegensatz zur Krankheit als eine dauerhafte und sichtbare Abweichung angesehen wird (vgl. Nüesch 2002, S. 24ff). Auch hier ist der Begriff ‚Abweichung‘ kritisch zu hinterfragen, weil er eine Norm voraussetzt und so die Möglichkeit besteht, dass eine Behinderung als Zuschreibungsprozess von außen entsteht, obwohl kein objektiver Grund vorliegt (vgl. ebd. S. 24ff). Hier ist kurz anzusprechen, dass ein Mensch dann als behindert gilt, wenn er von der Norm abweicht und diese Abweichung von der sozialen Umwelt als negativ gewertet wird. Auch wenn eine Behinderung zeitlich begrenzt sein kann, beispielsweise eine psychische Behinderung in Form einer Depression, bleibt das Stigma an dieser Person haften, so dass sie immer noch als behindert betrachtet wird, obwohl sie schon genesen ist (vgl. ebd. S. 24ff.).

Es ist erkennbar schwierig, den Begriff der psychischen Erkrankung beziehungsweise psychischen Störung zu definieren, weil er genauso viele Fragen aufwirft, wie er beantwortet (vgl. Comer 2008, S. 2f.). Laut Comer besteht die größte Schwierigkeit beim Versuch dieser Definition darin, dass der Begriff Störung selbst relativ ist, da er immer von den Werten und Normen einer bestimmten Gesellschaft abhängt (vgl. ebd. S.3). Psychische Abweichungen und ‚normales‘ menschliches Verhalten gehen fließend ineinander über und sind von großen transkulturellen Schwankungen abhängig. Dies bedeutet, dass ein Verhalten, das in einer Kultur der Norm entspricht, in einer anderen Kultur als unnormal gelten kann (vgl. ebd. S.4).

Auch wenn keine einheitliche Definition psychischer Erkrankung existiert, lassen sich jedoch bei den meisten Definitionen gleiche Merkmale wie abweichendes Verhalten, Leidensdruck, Beeinträchtigung und Gefährdung feststellen (vgl. ebd. S. 3). Demnach sind gestörte Erlebens- und Verhaltensmuster solche, die in einem bestimmten Kontext von der Norm abweichen, oder solche, welche die betroffene Person belasten und sie unter Leidensdruck setzen (vgl. ebd. S. 3). Ebenso gelten bestimmte Verhaltensmuster als gestört, welche die Person im Alltag beeinträchtigen oder diese so dysfunktional werden lassen, dass sie gewöhnliche und alltägliche Handlungen nicht mehr wirksam ausführen kann oder unter Umständen sogar andere Menschen oder sich selbst gefährdet (vgl. ebd. S. 3). Bei dem Begriff Störung, der sich nach den jeweiligen gültigen gesellschaftlichen Normen richtet, plädiert Comer für das Bewusstsein über die Uneindeutigkeit und die Subjektivität der Kriterien, was als abweichend gilt und was nicht (vgl. ebd. S. 4).

Abschließend kann konstatiert werden, dass psychische Erkrankungen grundlagenwissenschaftlich nicht eindeutig definiert werden können (vgl. Wittchen und Hoyer 2011, S. 8). Vielmehr stellen sie letztlich nur Konstrukte dar, die sowohl nach dem aktuellen Forschungsstand als auch für die Praxis sinnvoll sind und auf die sich Forscher und Praktiker als bestmögliche Lösung für eine begrenzte Zeit geeinigt haben (vgl. ebd. S. 8). Dies bedeutet, dass sich die Definition der psychischen Erkrankung oder ganzer Teile eines Klassifikationssystems (ICD-10) ändern können, beispielsweise wenn neue wissenschaftliche Erkenntnisse zum Vorschein kommen, die eine bessere Klassifikation und Nomenklatur ermöglichen (vgl. ebd. S. 9). Da der Versuch, psychische Erkrankungen zu erklären, hiermit abgeschlossen ist, werden im folgenden Unterpunkt einige Daten und Fakten zur Häufigkeit von psychischen Erkrankungen in der Bevölkerung dargelegt.

2.1.1 Prävalenz psychischer Erkrankungen

Eikelmann et al. stellen fest, dass Defizite der psychiatrischen Versorgung beiläufig erhebliche Defizite hinsichtlich der sozialen Teilhabe psychisch kranker Menschen zum Vorschein brachten (vgl. Eikelmann et al. 2005, S. 665). Demnach hat die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage durch psychische Erkrankungen bereits zwischen 1997 und 2001 um über 50 Prozent zugenommen. Frühverrentungen durch psychische Erkrankungen stiegen seit 1983 um 50 Prozent bei Männern und 300 Prozent bei Frauen an (vgl. ebd. S. 665). Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) illustrieren die augenblickliche Situation und zeigen, dass beispielsweise Depressionen zu denjenigen weltweit führenden Ursachen gehören, die - bezogen auf die gesamte Lebensspanne - das Leben am meisten beeinträchtigen (vgl. WHO 2012).

Epidemiologischen Studien zufolge, die auf der Grundlage von 12-Monats- Prävalenzen aufgebaut sind, kommen zu dem Ergebnis, dass etwa ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung in der EU im Jahre 2010 von psychischen Störungen betroffen war (vgl. Wittchen und Hoyer 2011, S. 70).5 Die häufigsten Diagnosen sind verschiedene Formen von affektiven Störungen (Depression, Dysthymie, bipolare Erkrankungen), somatoforme Störungen (insbesondere Schmerzstörungen), Substanzstörungen (insbesondere Alkoholabhängigkeit sowie auf deutlich niedrigerem Niveau Drogen-/Medikamentenmissbrauch und -abhängigkeit) und verschiedene Formen von Angststörungen (vgl. Jacobi und Kessler-Scheil 2013, S. 195). Psychotische Störungen (z. B. Schizophrenie) und Essstörungen sind zwar niedrig prävalente Störungsbilder, die aber mit sehr schwerwiegenden Konsequenzen und Chronizität einhergehen (vgl. ebd. S. 195). Die quantitative Bedeutung psychischer Störungen ist in Deutschland mit über 15 Millionen Betroffenen doppelt so hoch, wie noch in den 1980er Jahren angenommen wurde (vgl. ebd. S. 194). Epidemiologische Daten belegen allerdings keine Zunahme psychischer Störungen in Deutschland in den letzten zehn Jahren, jedoch eine Zunahme von Diagnosen ebendieser, vor allem im Kontext Arbeitsfähigkeit und Berentung, was einen Anstieg der Fehlzeiten und Frühberentung hervorbrachte (vgl. Robert Koch-Institut 2015, S.112ff.). Zudem ist eine stärkere Wahrnehmung psychischer Störungen in der Öffentlichkeit zu belegen (vgl. ebd. S. 112ff.). Wie bereits erwähnt, sind Depressionen die am häufigsten auftretende psychische Erkrankung. Sie tritt oft infolge oder zusammen mit anderen psychischen oder körperlichen Erkrankungen auf, aber auch lebensverändernde Ereignisse können zu Depressionen führen (vgl. ebd. S. 113). Hierzu belegt eine Studie des Robert Koch-Instituts, dass in Deutschland jeder zehnte Erwachsene depressive Symptome aufweist (vgl. Steppuhn et al. 2017, S. 82f.). Bei der Untersuchung wurde zudem festgestellt, dass die Prävalenz depressiver Symptome bei Menschen im höherem Bildungsstatus geringer ist als bei Menschen mit geringerer Bildung und das Frauen (11,6 Prozent) signifikant häufiger an Depressionen erkranken als Männer (8,6 Prozent) (vgl. ebd. S. 84ff.).

Nachdem nun die Prävalenzdaten psychischer Erkrankung näher betrachtet wurden, befasst sich der nächste Punkt dieses Kapitels mit dem Stigma, der Stigmatisierung und der Diskriminierung von Menschen, die von einer psychischen Erkrankung betroffen sind. Neben den Begriffsdefinitionen soll beleuchtet werden, inwieweit Vorurteile und Diskriminierung in engem Zusammenhang mit Stigmatisierungen stehen.

2.2 Zur Bedeutung von Stigma, Stigmatisierung und Diskriminierung

Zunächst soll eine Definition des Begriffes Stigma erfolgen, Erving Goffman6 hat diesen Begriff sehr gut im Jahr 1967 dargestellt und ihn erstmals in die soziologische Diskussion eingeführt. Es wird zudem auf den Begriff der Stigmatisierung eingegangen und seine Vorstufen, die durch die Vorurteile und die Diskriminierung dargestellt werden, näher beleuchtet.

2.2.1 Stigma und Stigmatisierung

Wörtlich übersetzt bedeutet das Wort ‚Stigma‘ Brand-, Schandmal, Kennzeichen und stammt aus dem Griechischen. Stigmata können körperliche, soziale oder psychische Merkmale sein, die einen Menschen von einer anderen Gruppe abgrenzen und damit Exklusion mit sich bringen (vgl. Finzen 2013, S. 37). Laut Goffman schufen die Griechen den Begriff als Verweis auf körperliche Zeichen, die dazu bestimmt waren, etwas Ungewöhnliches oder Schlechtes über den moralischen Zustand des Zeichenträgers zu offenbaren. Die Zeichen wurden in den Körper geschnitten oder gebrannt, so dass aufgrund der Normabweichung erkennbar war, dass der Träger möglicherweise ein Sklave, Verbrecher oder Verräter war und dadurch eine rituell für unrein erklärte Person, die man meiden sollte (vgl. Goffman 1977, S. 9).7

Goffman ist zu der Feststellung gelangt, dass der Terminus des Stigmas mittlerweile wieder eher in seinem ursprünglichen Sinne verwendet wird, womit er eher auf die Unehre selbst als auf körperliche Erscheinungsweisen hinweist (vgl. ebd. S. 9). Bereits bei dieser Ur-Bedeutung des Begriffs Stigma wird deutlich, dass es Macht bedarf, um ein Stigma zu setzen, sei es die Macht eines Herrschers, die einer Mehrheit oder die einer Gruppe (vgl. ebd. S. 9).

Menschen sind im sozialen Miteinander auf Routinen angewiesen, die eine schnelle Orientierung ermöglichen. Wichtig hierbei ist es, die soziale Identität des Gegenübers antizipieren zu können (vgl. Goffman 1977, S. 10). Diese Identität kann einerseits aus Erwartungen, Forderungen oder Vorstellungen dem Individuum gegenüber bestehen, was Goffman als eine ‚virtuale soziale Identität‘ bezeichnet, oder andererseits aus Kategorien und Attributen, deren Besitz dem Individuum bewiesen werden konnte, was Goffman als die ‚aktuale soziale Identität‘ bezeichnet (vgl. ebd. S. 10). Erfahrungsgemäß zeigt sich aber, dass sich die virtuale soziale Identität vielfach von der Wirklichkeit unterscheidet und diese Diskrepanz dazu führen kann, dass in unserer Vorstellung eine gewöhnliche Person zu einer befleckten, beeinträchtigten herabgemindert wird (vgl. ebd. S. 10). Goffman weist ausdrücklich darauf hin, dass nicht alle unerwünschten Eigenschaften zu einer unerträglichen Diskrepanz führen, „[…], sondern nur diejenigen, die mit unserem Stereotyp von dem, was ein gegebener Typus von Individuum sein sollte, unvereinbar sind“. (ebd. S. 11). Aus heutiger sozialwissenschaftlicher Sicht, die auf Goffman zurückzuführen ist, wird der Begriff Stigma mit einem Merkmal in Verbindung gebracht, das in einer Gesellschaft konsensual als ‚normabweichend‘ kategorisiert wird, z.B. eine Krankheit, die Hautfarbe oder die sexuelle Orientierung. Infolgedessen wird das Stigma mit negativen Einstellungen gegenüber dem Merkmalsträger in Verbindung gebracht, so dass diese Person nicht mehr als Individuum mit einer eigenen Persönlichkeit wahrgenommen wird, sondern lediglich als Träger eines Stigmas (vgl. Aydin und Fritsch 2015, S. 247). Warum dies so ist, wird von Aydin und Fritsch wie folgt erklärt:

„Ursache für die Kategorisierung in „normal“ bzw. „nichtnormal“ ist ein kollektives Normverständnis darüber, wie eine Person zu sein hat, um in der Gemeinschaft als vollwertiges Mitglied akzeptiert zu werden. Entsprechen Personen normativen Erwartungen nicht (z. B. aufgrund einer physischen oder psychischen Krankheit), werden diese abgewertet sowie sozial und strukturell ausgegrenzt. Ein Stigma verhindert somit die vollständige soziale Inklusion (bzw. Akzeptanz) von stigmatisierten Personen in die Gesellschaft.“

(Aydin und Fritsch 2015, S. 247).

Aydin und Fritsch halten hierzu fest, dass ein Stigma immer sozial konstruiert ist, denn der soziale Kontext bestimmt, ob ein Merkmal als Stigma definiert wird oder nicht (vgl. ebd. S. 247). Studien belegen, dass auch heute noch in einigen Bevölkerungsgruppen der USA die schwarze Hautfarbe mit negativen Eigenschaften assoziiert wird, z. B., dass Schwarze gefährlich und kriminell seien (vgl. ebd. S. 247). Nicht umsonst haben Afroamerikaner aufgrund ihres Stigmas ‚Hautfarbe‘ immer noch mit Vorurteilen und Diskriminierung zu kämpfen (vgl. ebd. S. 247).

Der gleiche negative Zuschreibungsprozess liegt im Fall psychischer Krankheiten vor. So deuten international angelegte Untersuchungen darauf hin, dass negative Einstellungen in Bezug auf psychische Erkrankungen überwiegen. Beispielsweise wird Menschen, die an Depressionen leiden, gern unterstellt, sie seien willensschwach und faul (vgl. Aydin und Fritsch 2015, S. 247). An Schizophrenie erkrankte Menschen gelten dagegen als besonders unkontrollierbar und gefährlich (vgl. ebd. S. 247). Diese kognitiven vereinfachten Vorstellungen beziehungsweise Wissensstrukturen bezeichnet man auch als Stereotyp.8 Diese negativen Zuschreibungen allein führen aber noch nicht unweigerlich zu einer tatsächlichen Benachteiligung von stigmatisierten Personengruppen. Ein Stereotyp wird erst dann zu einem Vorurteil, wenn Zustimmung zu dem bestehenden Stereotyp besteht und negative Emotionen in die Einstellungskomponente einfließen (vgl. ebd. S. 247), d. h. die Person wird typisiert und nicht charakterisiert, sie wird in eine bestimmte Schublade eingegliedert und individuelle Aspekte ausgeblendet (vgl. ebd. S. 247).9

Manifestieren sich solche vorurteilsbehafteten Einstellungen, z. B. dass Menschen mit einer psychischen Erkrankung tatsächlich ungleich behandelt werden, spricht man von Diskriminierung (vgl. ebd. S. 247). Hierauf wird auf der folgenden Seite näher eingegangen.

Olk deutet im Wörterbuch Soziale Arbeit darauf hin, dass der Begriff Stigma heute weniger die Eigenschaften an sich bezeichnet, sondern vielmehr die negativen Zuschreibungen, die in Reaktion auf dieses Merkmal von Dritten durchgesetzt werden (vgl. Olk 2013, S. 930). Er beschreibt den Begriff als physisches oder soziales Merkmal, durch das eine Person sich von allen übrigen Mitgliedern einer Gruppe beziehungsweise einer Gesellschaft negativ unterscheidet und aufgrund dessen ihr soziale Diskriminierung, Isolation oder sogar allgemeine Verachtung droht (vgl. ebd. S. 930f.). Auch Hillmann beschreibt, dass vor allem Blinde, Vorbestrafte, psychisch erkrankte Menschen sowie unter anderem Angehörige radikaler oder als radikal eingestufter Glaubensgemeinschaften oder Subkulturen zumindest eine eingeschränkte soziale Kommunikation und Akzeptierung erleiden (vgl. Hillmann 2007, S. 864).

Man kann also sagen, dass ein Stigma ein oder mehrere bestimmte Merkmale einer Person beschreibt, die diese von einem Bezugsrahmen unterscheiden und dadurch zu einem Objekt von Anfeindungen werden lässt. Zudem findet man in der Beschreibung von Hillmann und Olk - neben der inhaltlichen Bestimmung des Begriffes Stigma - auch die folgende Aussage über die Folgen eines Stigmas: Sie führt zu Deklassierung, Isolation und Verachtung (vgl. ebd. S. 864).

Die Stigmatisierung wird in diesem Kontext als Prozess beschrieben, in dessen Verlauf bestimmte Merkmale von Menschen oder Gruppen mit negativen Vorurteilen belegt und die derart klassifizierten Individuen in Randgruppen- beziehungsweise Außenseiterpositionen gedrängt werden (vgl. Olk 2013, S. 930). Zwar können Stigma und Stigmatisierung eng zusammenhängen, aber dies ist nicht zwingend notwendig (vgl. Cloerkes 2007, S. 170).10

Die Auswirkung und der Schweregrad einer Stigmatisierung zeigen sich insbesondere in der Auffälligkeit eines Stigmas (vgl. Tröster 2008, S. 143). Hier unterscheidet Goffman zwischen den Diskreditierten und den Diskreditierbaren. Beide Begriffe finden sich häufig im Zusammenhang mit Stigmatisierung von Menschen mit psychischer Erkrankung. Die Diskreditierten sind für Goffman diejenigen, die offensichtliche Stigmata besitzen, beispielsweise eine körperliche Behinderung. Diskreditierte wissen somit, dass ihre Umwelt über ihre Abweichung von der Norm Bescheid weiß (vgl. Goffman 1977, S. 12). Die Diskreditierbaren hingegen nehmen an, dass ihr Stigmata nicht sofort sichtbar sei und damit auch der Umwelt nicht bekannt.11

Menschen mit psychischen Erkrankungen kennen beide Situationen. Allein das Wissen über das Diskreditierbarsein beeinflusst das Leben der Betroffenen nachhaltig (vgl. ebd. S. 12).

2.2.2 Vorstufen von Stigmatisierung

Als ein weiterer Begleiter des Begriffes Stigmatisierung findet sich häufig der bereits erwähnte Begriff der Diskriminierung, der im sozialwissenschaftlichen Bereich mit folgender Bedeutung verbunden ist:

„Diskriminierung (von lat. Discriminare = unterscheiden), Ungleichbehandlung, im soziologischen Sinne ungleiche, herabsetzende Behandlung anderer Menschen nach Maßgabe bestimmter Wertvorstellungen oder aufgrund unreflektierter, zum Teil auch unbewusster Einstellungen, Vorurteile und Gefühlslagen. Der Begriff Diskriminierung erhält seine soziale Relevanz erst unter Bezug auf die in einer Gesellschaft postulierten spezifischen Gleichheits- bzw. Gleichbehandlungsgrundsätze.“

(Hillmann 2007, S. 155).

Somit ist Diskriminierung als eine Ungleichbehandlung zu verstehen, die das Gegenüber abwertet oder herabsetzt (vgl. Hillmann 2007, S. 155). Diese Ungleichbehandlung geschieht nach Maßgabe von Werte- und Normvorstellungen und wird durch unreflektierte oder unbewusste Einstellungen und Vorurteile gegenüber der diskriminierten Person beziehungsweise Personengruppe hervorgerufen (vgl. ebd. S. 155).

Auch wenn man die Begriffe Stigmatisierung und Diskriminierung fast synonym verwenden kann, liegt der Fokus dieser Arbeit auf dem Begriff der Stigmatisierung, da er in Bezug auf psychische Erkrankungen in unserer Gesellschaft gebräuchlicher ist. Spricht man von einer Diskriminierung, denkt man eher an Beispiele wie die Hautfarbe einer Person, die ethnische Herkunft oder das Geschlecht und die Sexualität. Diese Komponenten werden als Soziale Diskriminierung beschrieben und von Gordon W. Allport12 wie folgt definiert:

„Diskriminierung liegt vor, wenn einzelnen oder Gruppen von Menschen die Gleichheit der Behandlung vorenthalten wird, die sie wünschen.[…] Diskriminierung umfaßt alles Verhalten, das auf Unterschieden sozialer oder natürlicher Art beruht, die keine Beziehung zu individuellen Fähigkeiten oder Verdiensten haben noch zu dem wirklichen Verhalten der individuellen Person.“

(Allport 1971, S. 64).

Nach Allports Definition baut Diskriminierung neben den Vorurteilen, die emotionale Bestandteile aufweisen, auf sozialen Kategorien auf. Auf der Verhaltensebene betrachtet, führt Diskriminierung zu negativen Handlungen anderen Personen gegenüber. Z. B. wenn eine Person eine ‚Farbige‘ Person meidet oder sie beschimpft oder einer Homosexuellen Person gegenüber Vorwürfe macht, sie hätte sie sexuell belästigt (vgl. Petersen und Six 2008, S. 161). Neuere Ansätze berücksichtigen auch die Bevorzugung der eigenen Gruppe und die Ablehnung von fremden Gruppen, während ältere Ansätze Diskriminierung nur als nicht angepasstes Verhalten gegenüber Normen und Werte deuten (vgl. ebd. 2008, S. 161). Zwar widerspricht soziale Diskriminierung unserem Wertesystem, und trotzdem hat die Gesellschaft im Alltag kaum ein Bewusstsein darüber, dass Diskriminierung ein faktisches Problem darstellt (vgl. Hormel und Scherr 2010, S. 7f.). Zu den Ursachen von sozialer Diskriminierung haben wissenschaftliche Untersuchungen mehrere theoretische Ansätze hervorgebracht. Die einfachste und logischste Unterscheidung für eine Diskriminierung, ist meistens die bloße Verschiedenheit der Menschen (vgl. Weisser 2010, S. 308).

Unterschiedliche Formen der sozialen Diskriminierung sind bedauerlicherweise wenig erforscht. Es gibt nur wenige Studien zu den Unterformen der sozialen Diskriminierung. Hierzu haben die amerikanischen Soziologen Feagin und Eckberg, im Jahr 1980 begonnen, diese zu erforschen und drei Ebenen von Diskriminierung zu unterscheiden: ‚Isolierte Diskriminierung‘, ‚Diskriminierung durch Gruppen‘ und ‚institutionelle Diskriminierung‘ (vgl. Petersen und Six 2008, S.161).13

Der nächste Punkt beschäftigt sich mit den Fragen, wie die Bildung eines Stigmas zustande kommt und was zur Stigmatisierung von Personen führt.

2.3 Entstehungsprozess von Stigmatisierung

Wie man Kapitel 2.2 entnehmen kann, gibt es ohne Vorurteile, Diskriminierung und Schuldzuweisungen keine Stigmatisierung (vgl. Finzen 2013, S.). Finzen gibt außerdem zu bedenken, dass diese Vorstufen der Stigmatisierung häufig außer Acht gelassen werden, da Stigmatisierung vor allem in Form von Verletzungen und Beschädigungen sichtbar werden, die dem Stigmatisierten durch andere zugefügt werden, nämlich durch Vorurteile und diskriminierendes Verhalten (vgl. ebd. S. 28).

Um zu verstehen, wie und warum ein Stigma entsteht, ist es hilfreich, zunächst einen kurzen Blick auf die Stigmatisierungstheorie von Goffman zu werfen, da die grundlegende Arbeit zum Thema Stigmatisierung zum größten Teil von Goffman stammt. Sein Ansatz soll im Folgenden ausführlicher erläutert werden.14

Wie schon angeführt, betrachtet Goffman das Stigma als Zeichen, das dazu dient, ein Individuum zu kennzeichnen, wodurch für alle in einer Gruppe ersichtlich sein soll, dass dieses Individuum, welches das Stigma trägt, über gewisse Eigenschaften verfügt, die als nicht erwünscht angesehen werden (vgl. Goffman 1977, S. 9). Sein Ansatz besagt, dass Stigmatisierung die Benachteiligung von Personen mit einem bestimmten Stigma meint, das für die Stigmatisierten zu einer ‚beschädigten Identität‘ führen kann. Dabei unterscheidet er nach sozialer, persönlicher und Ich-Identität.15 Goffman beschreibt einen Prozess, in welchem die Person zwei Phasen durchläuft:

„Eine Phase dieses Sozialisationsprozesses ist die, in welcher die stigmatisierte Person den Standpunkt der Normalen kennenlernt und in sich aufnimmt und hierbei den Identitätsglauben der weiteren Gesellschaft und eine allgemeine Vorstellung davon erwirbt, wie es sein würde, ein bestimmtes Stigma zu besitzen. Eine andere Phase ist die, in welcher sie lernt, daß sie ein bestimmtes Stigma besitzt, und diesmal im Detail die Konsequenz davon, es zu besitzen.“

(Goffman 1977, S. 45).

Dem Stigmatisierten ist in der Regel bewusst, welche Erwartungen eine Gesellschaft hat, und welche Eigenschaften als Fehler angesehen werden. Mit der Wahrnehmung dieser Unterschiede zwischen der eigenen Person und der ‚normalen‘ Person16 geht eine Spaltung zwischen Ich (wie es ist) und Ich-Ideal (wie es sein sollte) einher. Diese Wahrnehmung führt häufig zu einem Schamgefühl, das sich zu Selbsthass und Selbsterniedrigung entwickeln kann (vgl. ebd. S. 16).

Für Goffman ist der richtige Umgang mit Stigmatisierung wichtig. Dazu benutzt er den Begriff Stigma-Management17. Eine seiner Theorien zum Umgang mit Stigmatisierung lautet:

„Da das Gebrechen des Individuums nichts an sich ist, sollte es sich seiner oder anderer, die es haben, nicht schämen; noch sollte es sich durch den Versuch, es zu verstecken, kompromittieren. Durch harte Arbeit und beharrliches Selbsttraining sollte es andererseits gewöhnliche Standards so vollkommen wie möglich erfüllen (...). Und weil auch Normale ihre Sorgen haben, sollte das stigmatisierte Individuum weder Bitterkeit, Groll noch Selbstmitleid fühlen. Eine heitere, ergebene Art sollte kultiviert werden.“

(Goffman 1977, S. 144).18

Damit ist gemeint, dass stigmatisierte Personen versuchen, gesellschaftliche Normen zu erreichen. Gelingt ihnen dies nicht, ist es erstrebenswert, ihre Abweichung nicht zu leugnen, sondern sich selbst mit ihrer Abweichung zu akzeptieren (vgl. ebd. S. 144).

Zusammenfassend ist festzustellen, dass es sich bei der Stigmatisierung von Menschen mit psychischer Erkrankung um einen relationalen Prozess handelt und dass es bei dabei zunächst zu einer Wahrnehmung bestimmter Merkmale19 eines Individuums kommt, die negativ definiert sind und denen darüber hinaus eine Reihe weiterer negativer Eigenschaften zugeschrieben werden (vgl. Schulze 2005, S. 123), worauf die Umwelt mit Aus- beziehungsweise Abgrenzung und Rückzug von den Stigmatisierten reagiert.

Dies führt schließlich zur Diskriminierung und somit zu den negativen Konsequenzen für die Stigmatisierten (vgl. ebd. S. 123). Eine negative Folge ist das verminderte Selbstwertgefühl. Hierauf sowie auf die Erscheinungsformen der Stigmatisierung wird im nächsten Punkt eingegangen.

2.4 Erscheinungsformen von Stigmatisierung

Finzen zählt einige Erscheinungsformen der Stigmatisierung auf, die durch Vorurteile und Diskriminierung auftreten können. Demnach verlieren Menschen mit psychischen Erkrankungen oft ihre Arbeitsstelle, sie dürfen bestimmte Berufe erst gar nicht ausüben (z. B. Ärzte), sie verlieren häufig ihre sozialen Kontakte, gelten als gefährlich und unberechenbar, werden von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen und erleben nicht selten verbale und körperliche Gewalt (vgl. Finzen 2013, S. 30). Die Gruppe um Rüsch et al. teilt die Erscheinungsformen von Stigmatisierung in drei typische Gruppen auf: Die öffentliche Stigmatisierung, die Selbststigmatisierung und die strukturelle Diskriminierung (vgl. Rüsch et al. 2004, S. 3).

2.4.1 Öffentliche Stigmatisierung

Der Bereich, in dem Menschen mit psychischen Erkrankungen Stigmatisierung erleben, die mit der Vorstellung der Öffentlichkeit über psychisch Erkrankte einhergeht, wird als öffentliche Stigmatisierung bezeichnet (vgl. ebd. S. 3). Auch wenn der Prozess und das Erleben der Stigmatisierung, je nach Art des Stigmas20, unterschiedlich verlaufen, haben Stigmatisierte eines gemeinsam, nämlich dass sie erkennen müssen, dass sie anders sind als andere Menschen, und sie müssen lernen - vor allem in der Öffentlichkeit - damit umzugehen (vgl. Finzen 2013, S. 43). Dies stellt häufig ein großes Problem dar, wodurch das Stigma für die Stigmatisierten als zweite Krankheit erlebt wird (vgl. Finzen 2013, S. 9). Das Vorherrschen negativer Vorstellungen und Stereotypen über Menschen mit psychischer Erkrankung in der öffentlichen Meinung wird nicht allein als Ursache der Stigmatisierung wahrgenommen. Betroffene empfinden es als direkt diskriminierend und verletzend (vgl. Schulze 2005, S. 129). Hinzu kommt, dass Fehleinschätzungen der Gesellschaft über Menschen mit psychischen Erkrankungen deren Bild in der Öffentlichkeit größtenteils negativ darstellen (vgl. Rüsch et al. 2004, S. 3). Dies haben Analysen der Print- und Filmmedien ergeben. Sie identifizieren drei verschiedene Fehleinschätzungen: Zum einen seien sie gefährliche Irre, zu denen man auf Distanz gehen sollte, zum anderen seien sie rebellische Freigeister, für die man Entscheidungen autoritär treffen müsse, und drittens haben sie rührend kindliche Wahrnehmungen der Welt, so dass man sie wohltätig umsorgen müsse wie Kinder (vgl. ebd. S. 3f.). Diese Analysen verdeutlichen nochmals, dass in der Gesellschaft psychische Erkrankungen stark mit einem Stigma behaftet sind (vgl. ebd. S. 3). Stigmatisierende Einstellungen sind nicht nur auf psychische Erkrankungen begrenzt, aber die allgemeine Bevölkerung missbilligt diese Minderheit mehr als Menschen mit körperlichen Erkrankungen (vgl. ebd. S. 4).

Kurz anzumerken ist an dieser Stelle, dass öffentliche Stigmatisierung aus den schon erwähnten drei Elementen Stereotypen, Vorurteilen und Diskriminierung besteht (vgl. ebd. S. 5). Aus sozialpsychologischer Sicht wird dabei zwischen kognitiven, emotionalen und Verhaltensaspekten von Stigma unterschieden. Stereotypen sind in der Allgemeinbevölkerung bekannt und stellen einen durchgreifenden Weg dar, Informationen und gemeinsame Meinungen über soziale Gruppen zu kategorisieren, indem sie eine negative Meinung über eine Gruppe äußern, z. B., dass diese gefährlich ist (vgl. ebd. S. 4). Entsprechend entstehen Vorurteile über diese negativen Stereotypen, wie z. B. ‚Richtig! Alle Menschen mit psychischer Erkrankung sind gefährlich‘ (vgl. ebd. S. 4). Dies führt zu einer emotionalen Reaktion, z. B. ‚Diese psychisch Kranken machen mir alle Angst‘, woraus eine Verhaltenskonsequenz gezogen wird und diese schließlich zur Diskriminierung führt, was häufig mit feindseligem Verhalten verbunden ist (vgl. ebd. S. 4).

[...]


1 Interessant in Dörners Lehrbuch ‚Irren ist menschlich‘ ist, dass schon in der Gliederung des Buches nie psychische Erkrankung oder Krankheit abgehandelt wird, sondern immer von dem Menschen gesprochen wird, der sich mit bestimmten Erfahrungen ausdrückt und den es gilt zu begleiten. Der Titel des Buches soll nicht nur eine Anspielung auf das Irren des psychisch Kranken anspielen, sondern auch auf das der Professionell Tätigen (vgl. Dörner et al. 2017, S. 10).

2 In Dörners et al. ‚Irren ist Menschlich‘ werden Krankheiten als Störungen beschrieben, die im Ablauf der Lebensvorgänge mit einer Herabsetzung der Leistungsfähigkeit einhergehen und meist mit wahrnehmbaren Veränderungen des Körpers verbunden sind (vgl. Dörner et al. 2017, S. 43).

3 Eine Kränkung kann sowohl körperlich als auch seelisch interpretiert werden, nämlich als Kränkung des Körpers, der Beziehungen und des Selbst (vgl. ebd. S. 22ff.). Ebenso vielseitig ist der Begriff Störung. Man kann sagen, dass jemand eine Störung hat, dass jemand gestört wird, dass jemand sich selbst stört oder Andere (vgl. ebd. S. 22).

4 Die Beurteilung, dass jemand sich abweichend verhält und somit an einer psychischen Erkrankung beziehungsweise Störung leidet, basiert in der Regel auf der Bewertung des individuellen Verhaltens durch Personen mit bestimmter Autorität und Macht. Sie hängt von der speziellen Perspektive, der Ausbildung und dem kulturellen Hintergrund der bewertenden Person sowie der Situation und dem Status der beurteilten Person ab (vgl. Gerrig et al. 2011, S. 549). Forscher sind bestrebt, Urteile objektiv zu treffen. Bei einigen psychischen Erkrankungen wie beispielsweise Depressionen und Schizophrenie gelingt es leicht, die Diagnose zu gestalten. Hilfreich zur Diagnostik sind Klassifizierungssysteme wie ICD-10 (Bezeichnung für die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und Gesundheitsprobleme. Es ist das wichtigste und weltweit anerkannte Klassifizierungssystem für medizinische Diagnosen) und DSM-V (Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen) (vgl. ebd. S.550f.).

5 D. h., dass die Kriterien für mindestens eine psychische Störung in den letzten zwölf Monaten zumindest teilweise erfüllt waren (vgl. Jacobi und Kessler-Scheil 2013, S. 194f.).

6 Erving Goffman, geb. 1922, war ein kanadischer Soziologe, der sich mit anthropologischen, sozialpsychologischen und psychiatrischen Problemen der Grundmechanismen sozialen, insbesondere sozialabweichenden Verhaltens beschäftigte.

7 Hier sei erwähnt, dass ein Stigma im psychologischen Kontext nicht ein Zeichen der Schande ist, sondern eine Ansammlung von negativen Eigenschaften, die eine Person als inakzeptabel ausgrenzen lassen (vgl. Gerrig et al. 2008, S. 589).

8 Der Begriff Stereotyp wurde 1922 von Lippmann geprägt. Er bezeichnet ein kognitives Schema zur effektiven Informationsverarbeitung. Man ging damals davon aus, dass Stereotype auf mangelnde Urteilsbildung zurückzuführen seien. Sie wurden als Fehlbeurteilungen definiert, als schematisierte Raster in den Köpfen besonders einfach strukturierter und denkfauler Menschen (vgl. Möller-Leimkühler 2004, S. 40). Heute basieren Stereotype auf gesellschaftlich geteilten Theorien, die kulturell vorgefertigt sind. Sie sind ein komplexes Gebilde von Wertungen und Interpretationen über Personen in Eigen- und Fremdgruppen. Entscheidend ist, dass Stereotype Generalisierungen sind, die sich auf die Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Kategorien oder Gruppen beziehen (vgl. ebd. S. 40).

9 Grausgruber schreibt hierzu: „Wann und wo immer Menschen zusammenleben, entwickeln sie bestimmte Vorstellungen darüber, wie sich die Menschen verhalten sollten, wie sie auftreten sollten, wie sie leben sollten. Diese Vorstellungen prägen unser Verhalten und haben auch wesentlich entlastende Funktionen.“ (Grausgruber 2005, S. 20).

10 Die Betrachtungen von Goffman fließen stark in diese Bedeutungen mit ein, da fast alles, was in der heutigen Soziologie und Psychiatrie über Stigmata und Stigmatisierung gesprochen und geschrieben wird, selbst wenn Goffman nicht als Quelle genannt wird, auf ihn zurückgeht (vgl. Finzen 2013, S. 38).

11 Finzen ist der Ansicht, dass Menschen mit psychischer Erkrankung sowohl diskreditiert als auch diskreditierbar sind. „Ein innerer Kreis von Menschen, mehr oder weniger groß, weiß, dass sie krank sind. Andere sehen es ihnen an, z. B. aufgrund von extrapyramidal-motorischen Nebenwirkungen ihrer Medikamente. Die meisten wissen es aber nicht.“ (Finzen 2013, S. 46).

12 Gordon W. Allport war ein US-Amerikanischer Psychologe. Er beschäftigte sich u. a. mit der Vorurteilsforschung und war Begründer der Allport-Skala, welche zur Erfassung von Vorurteilen in einer Gesellschaft dient und die Diskriminierung nach Stufen unterscheidet. 1. Verleumdung, 2. Vermeidung, 3. Diskriminierung, 4. Körperliche Gewaltanwendung, 5. Vernichtung (vgl. Finzen 2013, S. 35).

13 Isolierte Diskriminierung beschreibt herablassende und negative Verhaltensweisen Einzelner gegenüber anderen Einzelnen, dabei darf keine institutionelle Seite daran beteiligt sein. Ähnlich verhält es sich bei einer Diskriminierung in Gruppen, wobei sich hier nur die Anzahl der Beteiligten unterscheidet. Bei Verhalten von Institutionen oder Organisationen, z. B. im Bildungs-, Ausbildungs- oder Beschäftigungssektor (z. B. wenn eine Person aufgrund ihrer ethnischen Herkunft keine Ausbildungsstelle erhält), das Benachteiligung verstärkt und aufrechterhält, spricht man von institutioneller Diskriminierung (vgl. Petersen und Six 2008, S. 161).

14 Zeitgleich zu Goffman hat Hohmeier bedeutende Auslegungen zum Thema Stigmatisierung herausgearbeitet. Er beschreibt Stigmatisierung als soziale Prozesse, die durch Zuschreibungen bestimmter, meist negativ bewerteter Eigenschaften (Stigmata) bedingt sind oder in denen stigmatisierende, d. h. diskreditierende und bloßstellende Etikettierungen eine wichtige Rolle spielen und in der Regel zur sozialen Ausgliederung und Isolierung der stigmatisierten Personengruppen führen (vgl. Hohmeier 1975, S. 5ff.). Hohmeier ist der Ansicht, dass Stigmatisierung ein weltweit auftretendes Phänomen darstellt, das sich aufgrund von Normverstößen durchsetzt. Somit reguliere ein Stigma soziale Interaktionen und könne als Hilfsmittel betrachtet werden (vgl. ebd. S. 5ff.).

15 Die soziale Identität zeigt sich im Denken und in den Erwartungen der anderen an das Individuum und kann nur in Interaktion geschehen (vgl. Goffman 1977, S. 9). Die persönliche Identität beschreibt die Biografie des Individuums oder positive Merkmale (vgl. ebd. S. 73f.). Die Ich-Identität meint die subjektive Wahrnehmung der eigenen Situation (vgl. ebd. S. 132).

16 Die Normalen sind für Goffman diejenigen, die von den jeweiligen Erwartungen nicht abweichen. Sie geben die Normalitäts-Maßstäbe vor, von denen der Stigmatisierte abweicht und demnach als nicht normal betrachtet wird (vgl. Goffman 1977, S. 13f.).

17 Stigma-Management heißt, dass die Diskreditierbaren die Informationen über das Stigma kontrollieren und sich entscheiden müssen, ob sie sich eröffnen oder nicht, ob sie sagen oder nicht sagen, ob sie rauslassen oder nicht rauslassen und ob sie lügen oder nicht lügen, aber in jedem Fall, wem, wie, wann und wo (vgl. Goffman 1977, S 94). Dabei kann auf Techniken wie Täuschen oder Kuvrieren zurückgegriffen werden (vgl. ebd. S. 128). Die Diskreditierten hingegen müssen sich vor allem mit den Auswirkungen ihres Stigmas beschäftigen und mit Spannungen in Interaktionen auseinandersetzen (vgl. ebd. S. 144).

18 Goffman nimmt an, dass die ‚Normalen‘ nicht absichtlich etwas ‚Böses im Schilde führen‘. Sie handeln so weil sie es nicht besser wissen. Darum ist sein Anliegen an die Stigmatisierten, dass sie verständnisvoll mit den ‚Normalen‘ umgehen und auf Ablehnung beziehungsweise Abweisung und Taktlosigkeit ‚nett‘ reagieren sollen. Zudem plädiert er, dass die Stigmatisierten ihr Stigma offen ansprechen und sogar mit Humor und Leichtigkeit in Bezug auf das Stigma reagieren sollen (vgl. Goffman 1977, S. 145f.).

19 Bei einer psychischen Erkrankung können dies z. B. Verhaltensveränderungen sein, die mit einer psychiatrischen Diagnose festgestellt und bezeichnet werden (vgl. Schulze 2005, S. 123).

20 Zum einen kann ein Stigma angeboren sein (Hasenscharte, Wolfsrachen), aber auch Blindheit oder Taubheit sowie geistige Behinderung zählen dazu. Diese Menschen müssen und können von Kindheit auf mit dem Merkmal und der Reaktion ihrer Umwelt leben (vgl. Finzen 2013, S. 44). Zum anderen kann eine spätere Krankheit den ‚Normalen‘ zum Stigmatisierten machen, hierzu zählen auch die psychischen Erkrankungen und schließlich das Stigma der Minderheitenzugehörigkeit (Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, viele andere Unterdrückte im Dritten Reich oder Emigranten) (vgl. ebd. S. 44 f.).

Ende der Leseprobe aus 73 Seiten

Details

Titel
Das Stigma Psychische Erkrankung. Entstigmatisierung und Stigmabewältigung als Herausforderung für die Soziale Arbeit
Autor
Jahr
2020
Seiten
73
Katalognummer
V508242
ISBN (eBook)
9783963550188
ISBN (Buch)
9783963550195
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Depression, psychische Erkrankung, Depressionen, Fussball, Sport, Mental Dissorder, psychische Störung, Soziale Arbeit, Stigma, Stigmata, Entstigmatisierung
Arbeit zitieren
Tina Maus (Autor), 2020, Das Stigma Psychische Erkrankung. Entstigmatisierung und Stigmabewältigung als Herausforderung für die Soziale Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508242

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