Didaktisches Erzählen in "Die unwürdige Greisin" von Bertold Brecht


Ausarbeitung, 2017
11 Seiten, Note: 1,7
Emma Hinz (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das didaktische Erzählen

3 Der Erzähler in der Kalendergeschichte Die unwürdige Greisin

4 Ergebnis

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Frage, wieso in der Kalendergeschichte „Die unwürdige Greisin“ von Bertold Brecht ein didaktischer Erzähler gewählt wird, ist insofern interessant, da es zunächst nicht eindeutig ist, von wem der Leser die Informationen über das Leben der Großmutter erlangt. Des Weiteren wird untersucht, inwiefern diese Kurzgeschichte die Kriterien einer Kalendergeschichte erfüllt. Außerdem ist es interessant, zu hinterfragen, wie der Enkel zu seinem Urteil kommt und dies ist nur möglich, wenn der Leser heraus findet, wer etwas über die Greisin weiß und wie dies übermittelt wird.

2 Das didaktische Erzählen

Das Erzählen von Geschichten soll nicht nur zur Unterhaltung beitragen, sondern kann auch einen „lehrend-unterrichtenden Effekt“ (Fischer 2009: 262) haben. Die Intention des didaktischen Erzählens ist die Beeinflussung auf ein bestimmtes Verhalten oder auf die Meinungsbildung (vgl. ebd.). Besonders effektiv ist diese Erzählweise, wenn die Meinung des Lesers von der Meinung des Erzählers abweicht oder eben genau übereinstimmt. Es entsteht demnach eine Konfrontation zwischen Leser und Erzähler. Somit hat der Erzähler die Möglichkeit, die Meinung des Lesers zu bestätigen oder den Leser umzustimmen (vgl. ebd.). Ein mögliches Mittel, die Ansicht des Lesers zu verändern oder zu verfestigen, ist die Verwendung von Witz. Der Leser kann auch durch ironische oder sarkastische Bemerkungen beeinflusst werden und somit die eigene Position überdenken (vgl. ebd.). Im Folgenden wird mit Hilfe der Kalendergeschichte „Die unwürdige Greisin“ von Bertold Brecht beobachtet, inwiefern der Erzähler Einfluss auf die Meinungsbildung der Leser hat. Ebenso wird ein Fokus auf die Inszenierung des Erzählers gesetzt.

3 Der Erzähler in der Kalendergeschichte Die unwürdige Greisin

Die vielen verschiedenen Möglichkeiten, einen Erzähler zu inszenieren, sollen nun aufgezeigt werden. Zum einen kann der Erzähler in unterschiedlichen Typenbildung geordnet werden. Die zwei Extreme werden als „showing“ und „telling“ bezeichnet (vgl. Zeller 2000: 502). „Showing“ bedeutet, dass sich der Erzähler nicht in das Geschehen einmischt. Von „Telling“ ist wiederum die Rede, wenn sich der Erzähler in die Handlung bewusst einmischt, meistens geschieht das durch Bewertungen (vgl. ebd.). Dies ist in „[d]ie unwürdige Greisin“ allerdings nicht so einfach festzustellen, da der Leser nicht sofort weiß, wer nun eigentlich bewertet. Ein Beispiel für so einen Fall ist im folgenden Zitat zu finden:

„Der Eintritt war gewiß [sic!] billig, […] bedeutete es ‚hinausgeworfenes Geld‘. Und Geld hinauszuwerfen [sic!], war nicht respektabel“ (Brecht 1993: 261).

Hier spricht nicht der Enkel, wie auf den ersten Blick erwartet werden kann, sondern der Erzähler wurde so inszeniert, dass auf eine gewisse ironische Art und Weise die Perspektive des Buchdruckers wiedergegeben wird. Schon durch die Anführungszeichen wird deutlich, dass der Erzähler in erster Linie nur die Meinung des Onkels wieder spiegelt. Die zweite wichtige Komponente, einen Erzähler zu bestimmen, ist die Klassifikation der Personalpronomen. Es wird zwischen einer Ich-Erzählung, wobei der Erzähler Teil der erzählten Welt ist und einer Er-Erzählung unterschieden (vgl. Zeller 2000: 503). Gleich im ersten Satz „Meine Großmutter war [...]“ (Brecht 1993: 260) erfährt der Leser, dass es sich um eine Ich-Erzählsituation handelt. Mit der Ich-Erzählsituation wird normalerweise die Innenperspektive deutlich gemacht (vgl. Stanzel 2001: 80 f.). Allerdings stellt sich heraus, dass die Innenperspektive des Enkels zunächst nicht deutlich gekennzeichnet ist. Im ersten Abschnitt nimmt der Erzähler eher die Rolle eines neutralen Beobachters ein, da eine sachliche Beschreibung vom Leben der Großmutter folgt. Darauf folgen viele Informationen über das aktuelle Leben der Großmutter, doch diese Informationen werden vom Erzähler mehr oder weniger zitiert. Die darin enthaltenden Wertungen und Deutungen stammen, so die These, nicht vom Enkel, sondern gelangen vom Buchdrucker, vom Vater oder von anderen Beteiligten durch den Erzähler an den Leser. Das bedeutet, dass der Erzähler seine eigene Innenperspektive nicht preis gibt und nur als „Sprachrohr“ dient. Dies erweckt den Eindruck, dass der Leser sich zusammen mit dem Erzähler eine Meinung über das Verhalten der Großmutter bilden kann oder sogar soll. „[Das] Ziel [von Bertold Brechts] Geschichten ist es, den Leser zu aktivieren und vom Objekt zum gestaltenden Subjekt der Geschichte zu machen“ (Scheffel 2002: 120). Das dritte Kriterium beinhaltet die Unterscheidung zwischen der Innen- und der Außenperspektive. Es macht „das Verhältnis des Erzählers zur erzählten Welt“ (Zeller 2000: 503) deutlich. Erst im mittleren Teil der Geschichte deutet der Enkel seine innere Sichtweise an. Nachdem der Vater zum Buchdrucker sagt, dass er die „alte Frau machen lassen [soll], was sie wolle“ (Brecht 1993: 262) kommt die Phrase „Aber was wollte sie?“ (ebd.). Diese Frage stellt sich weder der Vater, noch der Buchdrucker. Es hat den Anschein, als ob dies nicht nur eine Frage ist, die sich der Enkel stellt, sondern es soll vermutlich auch eine offene Frage an den Leser sein, der mit den nachfolgenden Informationen weiter beeinflusst wird.

Franz K. Stanzel hat typische Erzählsituationen in ein Modell zusammengefasst und dabei heraus gearbeitet, dass es auch bei einer auktorialen Erzählsituation

„durch Zurücktreten des Erzählers zugunsten einer Reflektorfigur in die personale Erzählsituation übergehen [kann]“ (Zeller 2000: 509) und dass sich durch „Distanzierung des Ichs von der dargestellten Welt […] die Ich-Erzählsituation der auktorialen Erzählsituation annähern [kann]“ (ebd.).

Das impliziert, dass sich die Erzählerperspektive durchaus verändern kann. Der Enkel tritt hier zwar als Ich-Erzähler auf, jedoch hat dieser keine eigenen Erfahrungen, die er berichten kann, da er die Großmutter nicht kennt. Außerdem hat der Enkel auch keine Anschauung von ihrem Aussehen. Die Beschreibung „magere Frau mit lebhaften Eidechsenaugen, aber langsamer Sprechweise“ (Brecht 1993: 260) kann der Erzähler nur anhand von der äußeren Sichtweise wiedergeben. Dies ist vermutlich die Beschreibung seines Vaters. Obwohl der Erzähler nicht weiß, was die anderen Figuren fühlen oder denken, werden dem Leser viele Wertungen des Verhaltens der Großmutter durch Briefe des Buchdruckers und Erzählungen des Vaters vermittelt (vgl. Knopf 1984: 310). Die Großmutter beklagt sich (laut dem Brief des Buchdruckers), dass es ihr in der Wohnung des Sohnes zu eng war. Anschließend kommt die Bemerkung „[der Buchdrucker] konnte sich nicht enthalten, in seinem Bericht darüber ein Ausrufezeichen anzubringen“ (Brecht 1993: 261). Diese abfällige Bemerkung kommt somit nicht vom Erzähler, sondern es zeigt die Entrüstung des Buchdruckers. Auch die Beschreibungen des Flickschusters und des Mädchens sind negativ belastet. Der gesamte Abschnitt auf Seite 261 unterstreicht, dass der Erzähler hier vor allem die Berichte zitiert. Ein Höhepunkt ist im Satz „Was für eine Nachricht!“ (ebd.: 262) zu finden. Da wird die ironische, fast schon sarkastische Art und Weise des Erzählers deutlich. Indem dieser eigentlich nur die Meinung des Buchdruckers reproduziert, distanziert er sich auch gleichzeitig von diesem Standpunkt. Das wird durch die Darlegung der Meinung des Vaters nochmals verstärkt, da dieser eher eine gelassene Auffassung über das Verhalten der Großmutter hat. Folgendes Beispiel macht dies deutlich: „Mein Vater, der eine gute Portion Humor besaß, fand sie ‚ganz munter‘ und sagte meinem Onkel, er solle die alte Frau machen lassen, was sie wolle“ (ebd.).

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Wertungen sehr einseitig vom Onkel ausgehen. Natürlich wird der Enkel auch von der Berichterstattung des Vaters beeinflusst, was wiederum auch den Leser beeinflusst. Diese entstehende Collage aus einzelnen Meinungen durch Briefe, Berichte und anderen Beteiligten, stellt die historiographische Dimension dar, die für eine Kalendergeschichte charakteristisch ist (vgl. Knopf 1984: 310). „Brecht […] stellt Kurzgeschichten […] nach dem Prinzip wechselseitiger thematischer Erhellung zusammen“ (Scheffel 2002: 120). Es werden dem Leser somit immer wieder zwei unterschiedliche Perspektiven aufgezeigt. Am Ende der Geschichte bewertet auch der Enkel, wie zum Beispiel in den folgenden Abschnitten:

„Genau betrachtet lebte sie hintereinander zwei Leben. Das eine, erste, als […] Mutter, das zweite einfach als Frau B., eine alleinstehende Person, ohne Verpflichtungen [...]“ (Brecht 1993: 264); „Sie war keineswegs vereinsamt“ (ebd.); „Viel Kleines, aber nichts Kleinliches“ (ebd.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Didaktisches Erzählen in "Die unwürdige Greisin" von Bertold Brecht
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Erzählungen
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
11
Katalognummer
V508246
ISBN (eBook)
9783346073037
ISBN (Buch)
9783346073044
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kalendergeschichte, Bertold brecht, Erzählungen, Didaktisches Erzählen
Arbeit zitieren
Emma Hinz (Autor), 2017, Didaktisches Erzählen in "Die unwürdige Greisin" von Bertold Brecht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508246

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