Die Frage, wieso in der Kalendergeschichte „Die unwürdige Greisin“ von Bertold Brecht ein didaktischer Erzähler gewählt wird, ist insofern interessant, da es zunächst nicht eindeutig ist, von wem der Leser die Informationen über das Leben der Großmutter erlangt. Bei genauerem Lesen fällt auf, dass der Erzähler ausdrücklich so gewählt und inszeniert wurde. Außerdem ist es interessant, zu hinterfragen, wie der Enkel zu seinem Urteil kommt und dies ist nur möglich, wenn der Leser herausfindet, wer was über die Greisin weiß und wie dies übermittelt wird.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das didaktische Erzählen
3 Der Erzähler in der Kalendergeschichte Die unwürdige Greisin
4 Ergebnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die narrative Gestaltung und Funktion des Erzählers in Bertolt Brechts Kalendergeschichte „Die unwürdige Greisin“, um aufzuzeigen, wie durch eine gezielte Inszenierung der Erzählperspektive eine didaktische Wirkung auf den Leser erzielt wird.
- Analyse des didaktischen Erzählens als Instrument der Meinungsbeeinflussung
- Untersuchung der Erzählsituation und der Rollenverteilung zwischen Erzähler und Figuren
- Reflektion über die Gattungsmerkmale der Kalendergeschichte
- Deutung der Collage aus verschiedenen Perspektiven und deren Wirkung auf den Leser
Auszug aus dem Buch
3 Der Erzähler in der Kalendergeschichte Die unwürdige Greisin
Die vielen verschiedenen Möglichkeiten, einen Erzähler zu inszenieren, sollen nun aufgezeigt werden. Zum einen kann der Erzähler in unterschiedlichen Typenbildung geordnet werden. Die zwei Extreme werden als „showing“ und „telling“ bezeichnet (vgl. Zeller 2000: 502). „Showing“ bedeutet, dass sich der Erzähler nicht in das Geschehen einmischt. Von „Telling“ ist wiederum die Rede, wenn sich der Erzähler in die Handlung bewusst einmischt, meistens geschieht das durch Bewertungen (vgl. ebd.). Dies ist in „[d]ie unwürdige Greisin“ allerdings nicht so einfach festzustellen, da der Leser nicht sofort weiß, wer nun eigentlich bewertet. Ein Beispiel für so einen Fall ist im folgenden Zitat zu finden:
„Der Eintritt war gewiß [sic!] billig, […] bedeutete es ‚hinausgeworfenes Geld‘. Und Geld hinauszuwerfen [sic!], war nicht respektabel“ (Brecht 1993: 261).
Hier spricht nicht der Enkel, wie auf den ersten Blick erwartet werden kann, sondern der Erzähler wurde so inszeniert, dass auf eine gewisse ironische Art und Weise die Perspektive des Buchdruckers wiedergegeben wird. Schon durch die Anführungszeichen wird deutlich, dass der Erzähler in erster Linie nur die Meinung des Onkels wieder spiegelt. Die zweite wichtige Komponente, einen Erzähler zu bestimmen, ist die Klassifikation der Personalpronomen. Es wird zwischen einer Ich-Erzählung, wobei der Erzähler Teil der erzählten Welt ist und einer Er-Erzählung unterschieden (vgl. Zeller 2000: 503). Gleich im ersten Satz „Meine Großmutter war [...]“ (Brecht 1993: 260) erfährt der Leser, dass es sich um eine Ich-Erzählsituation handelt. Mit der Ich-Erzählsituation wird normalerweise die Innenperspektive deutlich gemacht (vgl. Stanzel 2001: 80 f.). Allerdings stellt sich heraus, dass die Innenperspektive des Enkels zunächst nicht deutlich gekennzeichnet ist. Im ersten Abschnitt nimmt der Erzähler eher die Rolle eines neutralen Beobachters ein, da eine sachliche Beschreibung vom Leben der Großmutter folgt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, ob und warum in Brechts Geschichte ein didaktischer Erzähler gewählt wurde und welche Kriterien einer Kalendergeschichte dabei erfüllt werden.
2 Das didaktische Erzählen: Dieses Kapitel erläutert den lehrhaft-unterrichtenden Effekt von Geschichten und wie durch Ironie oder Sarkasmus die Meinungsbildung des Lesers beeinflusst werden kann.
3 Der Erzähler in der Kalendergeschichte Die unwürdige Greisin: Hier wird die Inszenierung des Erzählers mittels Kategorien wie „Showing“ und „Telling“ sowie der Ich-Perspektive analysiert, um aufzuzeigen, wie verschiedene Perspektiven zu einem Urteil führen.
4 Ergebnis: Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass Brecht durch die ironische Darstellung und die collageartige Montage verschiedener Meinungen den Leser zur kritischen Reflexion über gesellschaftliche Rollenbilder anregt.
Schlüsselwörter
Bertolt Brecht, Die unwürdige Greisin, didaktisches Erzählen, Kalendergeschichte, Erzählperspektive, Ich-Erzähler, Meinungsbildung, Literaturanalyse, Erzähltechnik, Gesellschaftskritik, Rollenvorstellungen, Stanzel, narrative Strategien
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Funktion und Technik des Erzählens in Bertolt Brechts Kalendergeschichte „Die unwürdige Greisin“ unter besonderer Berücksichtigung ihrer didaktischen Absicht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernbereichen gehören das didaktische Erzählen, die Analyse der Erzählsituation (Ich-Erzähler vs. auktoriale Elemente) sowie die Wirkung der Geschichte auf die Meinungsbildung des Lesers.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, nachzuweisen, wie der Erzähler durch gezielte Distanzierung und die Einbindung fremder Perspektiven (wie die des Buchdruckers oder Vaters) den Leser zur kritischen Reflexion bewegt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf erzähltheoretische Modelle, wie sie etwa von Franz K. Stanzel oder Rosmarie Zeller entwickelt wurden, um die Erzählweise des Textes systematisch einzuordnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der methodischen Einordnung des Erzählers, dem Wechselspiel zwischen den zitierten Meinungen anderer Figuren und der eigenen Schlussfolgerung des Enkels.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben dem Autor und dem Werktitel vor allem „didaktisches Erzählen“, „Erzählperspektive“, „Meinungsbildung“ und „Kalendergeschichte“.
Wie spielt die Ironie eine Rolle für das Verständnis der Geschichte?
Die Ironie dient als Werkzeug, um sich vom zitierten Gedankengut der Figuren zu distanzieren und dem Leser aufzuzeigen, dass die übernommenen Meinungen (etwa des Buchdruckers) kritisch hinterfragt werden sollten.
Warum wird der Erzähler in der Geschichte als „Sprachrohr“ bezeichnet?
Der Erzähler gibt oft nicht seine eigene Meinung preis, sondern fungiert als Vermittler verschiedener Stimmen aus dem Umfeld der Greisin, wodurch der Leser die Informationen eher reflektieren muss, anstatt sie als objektive Wahrheit zu akzeptieren.
Welche Bedeutung hat das Ende der Geschichte für die Interpretation?
Das Ende verdeutlicht, dass die kritische Auseinandersetzung mit starren Familienrollen ein Resultat des beobachtenden Prozesses ist, den der Erzähler und in der Folge auch der Leser durchlaufen hat.
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- Emma Hinz (Author), 2017, Didaktisches Erzählen in "Die unwürdige Greisin" von Bertold Brecht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508246