Mirabilienliteratur der römischen Kaiserzeit. Charakteristika wundersamer Berichte


Bachelorarbeit, 2015
41 Seiten, Note: 1,3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Was ist ein mirabile ?

3 Konkrete Geschichten
3.1 Naturschauspiele
3.1.1 Das intermittierende Gewässer (Plin. epist. 4,30)
3.1.2 Schwimmende Inseln (Plin. epist. 8,20; Sen. nat. 3,15,8)
3.1.3 Zusammenfassung
3.2 Wundersame Beziehungen zwischen Menschen und Tieren
3.2.1 Die Freundschaft eines Delphins (Plin. epist. 9,33)
3.2.2 Freundschaft in einer aussichtslosen Situation (Gell. 5,14)
3.2.3 Zusammenfassung
3.3 Geschichten über merkwürdige Menschen
3.3.1 Der Aufbau von Gell. 9,4
3.3.2 Die Κυνοκὲφαλοι und der weibliche Mann (Gell. 9,4,9.14-15)
3.3.3 Zusammenfassung

4 Gemeinsame Merkmale der Erzählungen

5 Ergebnisse

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit einer in der Forschung eher spärlich behandel- ten Form der Geschichtenerzählung: der Mirabilienliteratur. Speziell soll dabei mit Texten von Plinius dem Jüngeren und Aulus Gellius die Mirabilienliteratur der römischen Kaise r- zeit im Vordergrund stehen. Aufgrund der Tatsache, dass dieses Thema eher selten be- handelt wurde, gibt es auch keinen umfassenden Überblick über die Mirabilienliteratur. Vereinzelt finden sich kleine Anspielungen auf Mirakulöses in der lateinischen Literatur. Dass diese mirabilia aber gesammelt und ihr Grundcharakter bzgl. Komposition und Inhalt herausgearbeitet werden, wurde bislang in der Forschung noch nicht behandelt. Diese Arbeit soll diese Aufgabe erfüllen.

Dazu soll einerseits untersucht werden, ob es bestimmte Themen gibt, auf die sich diese Art der Literatur beschränkt oder ob ihr Spektrum der Themen so weit gefasst ist wie bei anderen Gattungen. Diese Untersuchung beinhaltet auch eine Analyse der Art des Erzäh- lens und der Beschreibung des Geschehens. Dabei wird ein Blick auf ein mögliches ge- sellschaftliches Bedürfnis nach einer solchen Art von Literatur geworfen. Darauf aufbau- end soll andererseits eine gemeinsame Grundlage gefunden werden, auf der sich Texte dieser Gattung beschreiben und erklären lassen. Am Ende wird sich schließlich ein Über- blick ergeben, welche Form, welcher Aufbau und welche Thematik charakteristisch für die mirabilia sind und welche Intention der Verfasser mit der Darstellung dieser Geschichte je- weils verfolgt.

Dazu werden zu Beginn Charakteristika entwickelt, die näher beschreiben, was ein mi- rabile ist. Dabei soll geklärt werden, inwieweit das mirabile eine hauptsächlich in der Kai- serzeit verbreitete Gattung ist. Eine etymologische Herleitung des Begriffs mirabile knüpft hieran an, die zum Ziel hat, Verbindungen aber auch Abgrenzungen zu anderen Begriffen auf zu zeigen. Dazu wird auch eine kurze Definition anderer ähnlicher Gattungen gegeben und mit den analysierten Charakteristika der Mirabilienliteratur verglichen. Um genauer bestimmen zu können, was ein mirabile ist, werden Parallelen und Unterschiede zu ande- ren ähnlichen, heute bekannten Gattungen aufgezeigt.

Im Anschluss daran werden konkrete mirabilia vorgestellt, erklärt und eingehend sprach- lich und stilistisch analysiert. Damit einhergehend soll auch das Naturverständnis in der römischen Kaiserzeit nicht unbeachtet bleiben. Inwiefern die Autoren ihr Naturverständnis zum Ausdruck bringen, wird vor allem in den ersten beiden Texten deutlich und soll daher in den folgenden Berichten nur vergleichend herangezogen werden. Ebenfalls eine Rolle spielen wird – hauptsächlich bei den Mensch-Tier-Beziehungen – die Sensationsgier des Publikums.

Aus diesen Texten, die immer in Bezug zum historischen und gesellschaftlichen Kontext betrachtet werden, sollen dann allgemeine Merkmale extrahiert werden, die in einem letz- ten Schritt mit der zu Beginn aufgezeigten Definition eines mirabile verglichen werden. Hier werden Übereinstimmungen wie auch Abweichungen von einer allgemeinen Definiti- on und in den m irabilia gefundenen Aspekten aufgezeigt. Zum Ende soll sich eine allge- meine Definition von mirabilia und Mirabilienliteratur ergeben, anhand derer sich auch ihr Aufbau und Funktion erschließen lassen.

2 Was ist ein mirabile?

1 Wie oben bereits gesagt, beschäftigt sich diese Arbeit mit einer eher weniger betrachteten Gattung der Literatur: der Mirabilienliteratur. Da diese Art von Geschichtenerzählung bis- her eher gar nicht betrachtet wurde, gibt es auch keinen umfassenden Forschungsstand zu diesem Thema. Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit eine Konklusion verschiedener mirabilia stattfinden. Dazu soll hier kurz definiert werden, was ein mirabile ist und was Charakteristika der sogenannten Mirabilienliteratur sind.

Schwierigkeiten bereitet zu Beginn gleich der Begriff mirabile. Zuerst assoziiert man damit die im deutschen Sprachgebrauch geläufigen Begriffe Mirakel oder Wunder. Da sich diese Begriffe aber eher in christlichem Kontext entwickelten und damit meist auf neutestament- liche Erzählungen von Handlungen und Taten zurückgehen, bedarf es einer anderen Her- angehensweise an die Begriffsbestimmung.

Abgeleitet ist das Wort mirabile von den Adjektiven mirabilis und mirus, die „wunderbar, erstaunlich, sonderbar“2 bedeutet. Davon leitet sich auch das in den hier betrachteten Texten häufig vorkommende miraculum ab, was mit Wunder oder Wunderding übersetzt werden kann. Dabei besteht aber trotzdem ein Wahrheitsanspruch3 der Erzählung, denn sie beschreibt lediglich das, was außerhalb der Erwartung geschieht.4 Wenn man nun aufgrund dieser Abhängigkeit das mirabile als etwas definiert, was wunderbar ist oder was etwas Wunderbares beschreibt, muss man sich die Frage stellen, in welchen Punkten es sich von der Fabel, der Buntschriftstellerei, der Mythographie oder der Paradoxographie5 unterscheidet und worin Überschneidungspunkte liegen.

Der Begriff Fabel, der sich vom lateinischen fabula ableitet, beschreibt kurze Erzählungen, die allgemeingültige Wahrheiten oder Lebensregeln6 vermitteln. Meist kommen in diesen Fabeln Tiere vor, die sich menschenähnlich verhalten. Die Bedeutung, die mit dem latei- nischen fabula assoziiert wird, ist wundersame Erzählung.7 Aufgrund der Anforderung an die Fabel, allgemeingültige Aussagen zu vermitteln, kann die Mirabilienliteratur deutlich von dieser abgegrenzt werden, denn diese beschränkt sich darauf, wundersame Ge- schichten zu erzählen und hat keinen direkten Anspruch, lehrreich zu sein.

Als paradoxographische8 Schriften werden jene Texte bezeichnet, die über Tatsachen berichten, die erstaunlich und wundersam sind. Der Begriff Paradoxographie ist aber ei- ner, der nicht aus der Antike stammt. Texte mit den beschriebenen Inhalten wurden eher mit θαυμάσιος oder de mirandis bezeichnet. Es geht hier um „erstaunliche, wunderbare“ Dinge, die der erfahr- und wahrnehmbaren Welt angehören.9 Dabei wird häufig auf Tier- oder Wassergeschichten zurückgegriffen, wobei auch von außergewöhnlichen Völkern und Menschen die Rede sein kann.10 Es fällt auf, dass diese kurze Definition in einigen Punkten mit der oben geschilderten Bedeutung von mirabile und Mirabilienliteratur kon- gruiert.

Unter Mythographie wird die Art von Texten zusammengefasst, die Mythen darstellen. 11 Da aber nicht geklärt ist, was genau ein Mythos ist,12 ist es schwierig, die Mythographie näher zu charakterisieren. Deutlich ist aber, dass Mythen Texte sind, die zwar eine festge- legte Kernhandlung oder -aussage haben, deren literarische Gestaltung aber in der Hand des Autors liegt. Damit zeigt sich aber auch hier, dass sich Mythographie und Mirabilienli- teratur nur in einigen Punkten überschneiden, sich aber größtenteils voneinander unter- scheiden. So stellen beide ein Geschehen dar, was seltsam oder wunderlich ist. Ebenfalls beanspruchen beide für sich, eine wahre Begebenheit zu schildern. Ein Unterschied be- steht aber hinsichtlich der Aussageabsicht des Mythos. So hat ein Mythos, der eine tradi- tionelle und tradierte Erzählung darstellt, den Anspruch, über das, was unmittelbar mit der menschlichen Existenz zu tun hat, etwas zu sagen. Dies trifft, wie weiter unten beschrie- ben, auf die Mirabilienliteratur nicht zu, denn sie beschäftigt sich auch mit Begebenheiten, die nicht unmittelbar etwas mit dem Menschen zu tun haben.

Die Buntschriftstellerei bezeichnet Textsammlungen, deren Texte scheinbar wahllos auf- einander folgen.13 Dazu zählen auch die noctes Atticae des Aulus Gellius, deren Inhalte angeblich ebenfalls so angeordnet sind, wie sie Gellius gerade zufielen. Dabei folgen sie, wie weiter unten am Beispiel der Briefe Plinius’ des Jüngeren gezeigt wird, dem Prinzip der variatio.14 Die Inhalte dieser Texte ähneln denen der Paradoxographie: Seltsamkeiten der empirisch erfahrbaren Welt, die nicht erklärt werden können.

Will man nach dieser kurzen Darstellung eine Definition eines mirabile in Abgrenzung zu anderen Textarten bestimmen, so kann man sagen, dass Texte als Mirabilienliteratur be- zeichnet werden, die wundersame und seltsame Dinge beschreiben. Dabei lässt sich die- se Gattung von den Fabeln und der Mythographie weitestgehend abgrenzen. Große Überschneidungen gibt es zwischen der Mirabilienliteratur, Paradoxographie und Bunt- schriftstellerei. Sie alle bezeichnen Schriften, die sich darauf verstehen, Seltsamkeiten aus der Welt zu beschreiben, die empirisch betrachtet werden können. Das Themenspek- trum ist jedoch relativ beschränkt. Dabei haben sie immer die Ambition, die Begebenheit möglichst authentisch darzustellen und versuchen deshalb mit allen Mitteln, diesem An- spruch gerecht zu werden. Inwiefern das bei den in dieser Arbeit betrachteten Texten ge- lingt – oder auch nicht – wird ebenfalls thematisiert.

3 Konkrete Geschichten und ihre Bedeutung

15 Während sich das vorige Kapitel noch sehr allgemein mit dem Thema der mirabilia be- schäftigt hat, so soll nun ein Blick auf unterschiedliche Beispiele für diese wundersamen, geheimnisvollen Erzählungen geworfen werden. Begonnen wird hierbei mit zwei Merk- würdigkeiten direkt aus der Natur, die Plinius mit eigenen Augen vernommen haben will. Daran anschließend werden zwei Geschichten einer ungewöhnlichen Beziehung zwi- schen Mensch und Tier dargestellt, die die beiden hier betrachteten Autoren aus anderen Werken entnommen haben. Den Abschluss der Beschäftigung mit konkreten Inhalten der Texte bildet eine Untersuchung eines Gelliustextes, der viele unterschiedliche mirabilia enthält. Diese Einteilung wurde dabei aus zwei Gründen vorgenommen. Zum einen soll untersucht werden, ob und inwiefern sich die Geschichten je nach behandeltem Themen- gebiet unterscheiden, zum anderen soll auch der direkte Vergleich der aufgeführten Auto- ren angestrebt werden.

So beziehen sich die Erzählungen in 3.1 auf Texte von Plinius dem Jüngeren, in 3.3 nur auf Texte von Gellius und in 3.2 auf Berichte beider. Hierbei sollen auch immer der histo- rische und gesellschaftliche Kontext und das vorherrschende Naturverständnis eine Rolle spielen. Dabei wird auch untersucht, inwiefern es Unterschiede zwischen den rein be- schreibenden Briefen zu den Naturerscheinungen und den eine Geschichte erzählenden Briefen und Texten gibt. Den Abschluss dieses Kapitels bildet eine Untersuchung auf Gemeinsamkeiten zwischen diesen Erzählungen. In Zusammenhang damit werden all- gemeine Merkmale einer Wundererzählung bestimmt. Mit diesen Ergebnissen soll dann im folgenden Kapitel eine Übersicht zu Charakteristika einer Wundererzählung, ihrer the- matischen Gestaltung und der Bedeutung dieser Geschichte für die Autoren erstellt wer- den.

3.1 Naturschauspiele

Im Folgenden geht es um zwei Erzählungen, die sich zum einen besonders auf Briefe von Plinius, zum anderen aber auch auf einen kurzen Bericht in den naturales quaestiones des Seneca stützen. Speziell vor dem Hintergrund der wandelnden Gesellschaft in der römischen Kaiserzeit und der Herauskristallisierung neuer Themenfelder, die Einzug in die Literatur gefunden haben, scheint eine Beschäftigung mit Naturbeschreibungen sinn- voll. Durch die mangelnde politische Beteiligungsmöglichkeit aufgrund des Prinzipats 16 wurden die Schriftsteller dazu gezwungen, neue Themen in ihren Werken zu beschreiben. Die politische Rede, vormals ein Meisterstück des Schriftstellers, verlor zunehmend an Bedeutung17 und wich anderen Gattungen. So entstanden die Fabeln des Phaedrus, Brie- fe des Seneca, Geschichtsschreibung des Tacitus und auch Martial’s Epigramme. In die- sem Zusammenhang entstanden auch die Briefe des Plinius, ein „literarisch kunstvoll ge- formt(er)“18 Briefkorpus, das damit in einer Zeit entstanden ist, in der man sich löste von griechischen Vorbildern19 und ein Bewusstsein einer selbstständigen literarischen Leis- tung ohne Rückblick auf Vorbilder entwickelte.20

In der ersten Geschichte geht es um einen Brunnen in Plinius’ Heimat, dessen Wasserlauf manchmal versiegt, manchmal aber auch über die Maßen stark anschwillt. Die zweite Geschichte beschäftigt sich mit Inseln, die auf einem See in Italien zu schwimmen schei- nen und mal aneinanderstoßen und mal voneinander wegtreiben. Dabei gibt Plinius an, beide Begebenheiten mit eigenen Augen gesehen zu haben und beschreibt damit seinem Adressaten lediglich das, was er sah.

3.1.1 Das intermittierende Gewässer (Plin. epist. 4,30)

21 Plinius beginnt seinen Brief damit, dass er die herausragende Bildung seines Freundes Sura, dem der Brief gewidmet ist, hervorhebt (altissima[…e] ruditione , Plin. epist. 4,30,1). Er stelle ihm als Geschenk ein Rätsel (quaestionem, Plin. epist. 4,30,1) vor, das seinem Talent gerecht werde. In seiner Heimat gäbe es eine Quelle, deren Wasserlauf nicht kon- tinuierlich ist. Aus einem Berg, in welchem sich eine Höhle befindet, in der sich Wasser sammelt, tritt in regelmäßigen Abständen Wasser aus und ergießt sich in den lacus Lari- us.22

Dreimal am Tag steigt und versiegt die Quelle. In der Schilderung des Plinius ist der Ort, an dem die Quelle entspringt ein beliebter Platz, um dort seine Freizeit zu verbringen. In geradezu idyllischer Atmosphäre können sich Menschen dort niederlegen, die Umgebung genießen und sogar das kühle Wasser trinken, das dort entspringt (iuxta recumbis et vesceris, […] ex ipso fonte […] po tas, Plin. ep ist. 4,30,3). Als Beleg für die Nutzung durch den Menschen führt Plinius an, man könne seinen Ring an den Rand der Quelle legen und beobachten, wie er abwechselnd vom Wasser umspült und wieder freigelegt wird. Obwohl Plinius zu Beginn des Briefes sagt, er wolle seinem Freund ein Rätsel stellen, weil dieser außergewöhnlich gut gebildet ist,23 liefert er im Folgenden selbst fünf Vorschläge, die eine Lösung des Rätsels darstellen könnten.

So sei eine Möglichkeit, dass ein verborgener Luftzug (spiritus […] occultior, Plin. epist. 4,30,5) dafür verantwortlich ist, dass die Quelle geschlossen und geöffnet wird. Plinius zieht zum Vergleich eine mit Wasser gefüllte Flasche heran, die auch auf dem Kopf ste- hend keine Wassertropfen herausquellen lässt. Als weitere Möglichkeit der Erklärung führt Plinius Ebbe und Flut beim Meer an und fragt, ob sich dieses Prinzip von an- und abstei- gendem Wasser auch auf diese Quelle übertragen und sich somit das Phänomen erklären lässt. Auch könnte eine Art Wand oder ein Wind dafür verantwortlich sein, dass das aus- geströmte Wasser zurückprallt, zurückfließt und deshalb ein stetes Auf und Ab des Was- serstandes verursacht. Auffällig ist, dass Plinius die ersten drei Lösungsansätze mit Bei- spielen verdeutlicht, er die letzten beiden aber nur kurz abarbeitet. Die vierte Lösungs- möglichkeit könnte die begrenzte Kapazität der Wasseradern sein. Es könne nur eine bestimmte Menge an Wasser aufgenommen und abgegeben werden. Wurde Wasser ab- gegeben, braucht es erst wieder Zeit, bis sich die Höhle wieder füllt und wieder Wasser abgegeben werden kann. Der letzte Lösungsansatz erinnert ein wenig an heutzutage verwendete Wasserpumpen, die regulieren, wie viel Wasser zu- und abfließt. Der Brief endet mit einer Aufforderung an Sura, über dieses Wunder (miraculum, Plin. epist. 4,30,11) nachzudenken und mit der „bescheidenen“ Anmerkung, ihm selbst würde es ge- nügen, nur davon zu berichten, was sich ereignet hat.

Kann solch eine Geschichte wirklich wahr sein? Ist es möglich, dass Wasserstände in Quellen niedriger und höher werden und damit der Wasserfluss mal stark ist und mal fast gänzlich versiegt? Plinius zumindest versucht, den Eindruck der Authentizität des Erzähl- ten beim Leser zu wecken. Er beginnt den Brief damit, dass er sagt, er habe diese Ge- schichte in seiner Heimat vernommen (ex patria mea,24 Plin. epist. 4,30,1) und versucht dadurch, ihre Glaubwürdigkeit hervorzuheben. Auch durch die Verwendung vieler Verben des Sehens und Wahrnehmens25 soll der Eindruck vermittelt werden, Plinius habe das Phänomen mit eigenen Augen gesehen.26

Ebenfalls suggeriert Plinius durch die konkrete örtliche Verankerung der Quelle am Comer See und die zeitliche Bestimmung ter in die (Plin. epist. 4,30,2), vor Ort gewesen zu sein; denn wie könnte er sonst den exakten Zeitpunkt bestimmen, an dem die Quelle an- und wieder abschwillt? Er belebt das mirabile, indem er dessen Umgebung und die Nutzung durch die Menschen beschreibt. Seine Beschreibung dient der Erzeugung einer Idylle, 27 einer Landschaft, die zum Verweilen einlädt und den Leser seinem alltäglichen Leben entreißen kann.

Mit dem Beobachten des Ringes, der am Rand abgelegt gänzlich von Wasser umspült wird, zeigt Plinius, dass sich der Römer lange dort aufgehalten haben muss. Erwähnt er zu Anfang, das Wasser der Quelle würde drei Mal am Tag steigen und fallen, muss sich ein Römer mindestens sechs Stunden dort aufgehalten haben, wenn er einen Ring be- obachten kann, der komplett von Wasser bedeckt wird und dann wieder auftaucht. Dieses retardierende Moment, das die Zeit für einen Augenblick stehen zu lassen scheint, muss beim Leser ein wohliges Gefühl ausgelöst haben.

Hieran sieht man, dass den Betrachtern dieses Naturschauspiels kein Zeitaufwand zu groß ist, um ästhetische Naturphänomene zu genießen.28 Dieses Vergnügen an der Be- obachtung solcher mirabilia wird auch in der Wortwahl und Satzstruktur deutlich. So neh- men die Betrachter das Steigen und Sinken des Wasserspiegels mit größtem Vergnügen (c u m summa voluptate, Plin. epist. 4,30,3) wahr.29

Mit der daran anschließenden Schilderung der fünf Ansätze zur Aufklärung dieses Phä- nomens verfolgt Plinius mehrere Dinge. Einerseits zeigt er sein naturwissenschaftliches Verständnis, denn ohne besondere Bildung in diesem Bereich wäre keiner auf diese An- sätze gekommen. Zum anderen hebt er gerade dadurch, dass er diese Thesen als Fragen formuliert, die Unerklärlichkeit des Wunders hervor, da er deutlich macht, dass er – trotz seiner naturwissenschaftlichen Bildung – dieses Rätsel nicht lösen kann.30 Die Aneinan- derreihung der Fragen als Anapher hebt diesen Fragencharakter noch deutlicher hervor und soll den Eindruck von Plinius’ Ahnungslosigkeit verstärken. Da ihm also eine wirkliche Erklärung fehlt, beauftragt er Sura, eine Lösung zu finden. Er traut es diesem zu, die Gründe für dieses Wunder zu finden und begnügt sich selber damit, nur zu beschreiben, was vor sich geht (sa tis expressi quod efficitur, Plin. epist. 4,30,11).31 Die Tatsache, dass er, der in den Naturwissenschaften gebildet zu sein scheint, keine Lösung für dieses Phä- nomen hat, verleiht den mirabilia Gewicht und Glaubwürdigkeit.

Durch den Rahmen, den er mit mira (Plin. epist. 4,30,2) und miraculum (Plin. epist. 4,30,11) um seinen Brief bildet, wird der Status als Mirabilienliteratur noch deutlicher her- vorgehoben. Plinius ist nicht darauf aus, Erklärungen für bestimmte Ereignisse zu liefern, sondern will nur beschreiben, wie sie wirklich geschehen, damit der Naturzauber nicht verblasst.32

Um aber einen besseren Überblick über Plinius’ Verständnis von Natur und Naturwundern zu bekommen, ist es sinnvoll, eine weitere seiner Erzählungen zu betrachten.

3.1.2 Die schwimmenden Inseln (Plin. epist. 8,20; Sen. nat. 3,25,8)

Den Brief an seinen Freund Gallus beginnt Plinius mit einer langen Hinführung zum ei- gentlichen Thema seines Briefes. Fast 25% des Briefes beschäftigen sich mit der Kritik des Plinius an der Einstellung seiner Zeitgenossen zum Umgang mit den Naturwundern in ihrer Umgebung. Man vernachlässige, was vor einem liegt (sub oculis posita, Plin. epist. 8,20,1) und konzentriere sich eher auf Dinge, die aus anderen Gegenden schriftlich oder mündlich berichtet werden. Dafür führt Plinius drei Gründe an.

Entweder, weil der Mensch von der Natur her dazu bestimmt ist, in die Ferne zu schwe i- fen (l onginqua sectemur, Plin. epist. 8,20,1), oder weil er sich nicht für Dinge begeistern kann, die in seiner Umgebung liegen (cupido languescit, Plin. epist. 8,20,1), oder weil er den Besuch von Orten und Plätzen aufschiebt, da er sie ständig besuchen könne, entle- genere Orte aber nicht (differimus tamquam saepe visuri, quod datur videre, quotiens ve- lis cernere, Plin. epist. 8,20,1). Weiter schreibt er, dass Dinge, die in anderen Ländern geschehen, eher vernommen werden als welche, die in der Heimat passieren. Hierin lässt sich die von Plinius geäußerte Kritik zusammenfassen. Alles, was den Menschen nicht direkt zugänglich ist, wirkt wunderbarer und seltsamer als das, was in ihrer direkten Um- gebung vor sich geht.

Darauf folgt das eigentliche mirabile. Plinius sei von seinem Schwiegervater auf dessen Landgut eingeladen worden und hätte dort seltsame und unglaubliche Dinge über den lacus Vadimonis (Plin. epist. 8,20,3) gehört.33 Als Plinius sich diesem See näherte, er- kannte er, dass dieser rund war wie ein Kreis. Er beschreibt ihn als von Künstlerhand ge- macht (artificis manu, Plin. epist. 8,20,4), dessen Wasser weißlicher, grünlicher und ge- drückter als himmelblau (caerulo albidior, viridior et pressior, Plin. epist. 8,20,4) schim- mert.34

Dann fällt Plinius auf, warum der See in aller Munde ist. Inseln, auf denen Schilf wächst, schwimmen auf ihm und scheinen gleichzeitig umherzugleiten und zu versinken (suspen- sa pariter et mersa, Plin. epist. 8,20,6).35 Sie treiben oft, vom Wind dazu veranlasst, ziel- los umher, setzen sich am Ufer fest und sind so kompakt, dass sie sogar Weidevieh tra- gen können. Von diesem See zweigt ein Fluss ab, der in eine Höhle abtaucht und in der Tiefe weiterfließt (specu mergitur alteque conditum meat, Plin. epist. 8,20,9). Plinius schließt den Brief, indem er seine Freude an diesem Naturschauspiel zum Ausdruck bringt und dabei voraussetzt, dass es seinem Freund ebenso ergeht.

Kann eine solche Erzählung aber der Wirklichkeit entsprechen? Im Folgenden soll nun analysiert werden, wie Plinius seine Geschichte glaubhaft darzustellen versucht. Die erste Aussage, die sich aus dem Brief ergibt, ist, dass die Menschen, wenn sie nur ihre Augen für die Schönheiten ihrer Umgebung öffneten, auch Wunder im eigenen Land sehen wür- den.36 Plinius führt zwar auch mögliche Erklärungen dafür auf und verknüpft sie in ana- phorischer Weise, kommt aber zu keinem Ergebnis, welcher seiner Erklärungsversuche zutrifft. Vielmehr kümmert er sich im Folgenden eher darum, die Geschichte authentisch werden zu lassen. Dies tut er zum einen durch die häufige Verwendung von Verben der Wahrnehmung,37 zum anderen durch den Auftritt seines Schwiegervaters, der ihn auf sein Landgut einlädt (Amerina praedia sua inspicerem, Plin. epist. 8,20,3). Durch diese geo- graphische Präzisierung und durch das Pronomen ipse (Plin. epist. 8,20,3) suggeriert Pli- nius dem Leser, dass er selbst vor Ort gewesen ist und den See, den er als incredibilia 38 (Plin. ep ist. 8,20,3) bezeichnet, mit eigenen Augen gesehen hat.

Er verdeutlicht diese Ortsangaben noch, indem er den See als rund, ohne Ausbuchtun- gen, ohne Abschrägungen (nullus sinus, obliquitas nulla,39 Plin. epist. 8,20,4) beschreibt. Weiter dient auch der Parallelismus nec audieram ante nec videram, audivi pariter et vidi (Plin. e pist. 8,20,3) einerseits dazu, die angesprochene Authentizität des Gesagten zu erhöhen, und bezieht sich andererseits aber auch auf die Aussage, die Menschen hörten und sähen nicht das, was direkt um sie herum passiert. Dabei steht das erste Glied für die direkte Umgebung der Menschen, in der sie keine Wunder wahrnehmen, das zweite für die anderen Länder, aus denen sie sehr wohl allerhand Wundersames vernehmen.

Mit der Darstellung des Wassers, der Beschreibung seiner heilenden Kräfte und der nicht übermäßigen Größe des Sees erzeugt Plinius beim Leser ein wohliges Gefühl. Der Leser fühlt sich in der geschilderten Umgebung geborgen, kann sich eine idyllische Landschaft vorstellen, in der, wie Plinius schreibt, die Inseln, von sanften Windstößen angestoßen, sich mal hierhin und mal dorthin bewegen40 (I n t e r du m […] continenti similes sunt, inter- dum […] singulae fluitant, Plin. epist. 8,20,6) und das Vieh weidet.41 Dass dieser Ort et- was ist, was dem Römer zur damaligen Zeit fremd ist, deutet auch der verwendete Neolo- gismus cumbulae 42 (Plin. epist. 8,20,7) an, der die Neuartigkeit dieser Beschreibung und die Unbekanntheit des Naturwunders deutlich hervorhebt.

Mit dem Parallelismus43 im letzten Kapitel projiziert Plinius seine Freude an diesem Natur- schauspiel auf seinen Freund Gallus und hebt durch die Erwähnung der Naturwerke die- se hervor. Er betont, dass die Natur allein dafür verantwortlich ist, dass es diese schwim- menden Inseln gibt und dass der Mensch nichts dazu beigetragen hat.44

3.1.3 Zusammenfassung der Naturschauspiele

Hier folgt nun ein kurzes Zwischenfazit, das die Rolle der Natur in den vorgestellten mira- bilia hervorheben soll. Dabei wird mit einbezogen, wie Plinius die Natur darstellt, welches Verständnis er von Natur hat und inwiefern die Beschreibung von mirabilia ein adäquates Mittel ist, um die gesellschaftlichen Umstände seiner Zeit reflektiert und kritisch darzustel- len.

An den oben dargestellten Erzählungen kann man exemplarisch erkennen, welche Be- deutung die Naturschauspiele für Plinius besitzen. Warum sonst entschließt er sich dazu, wundersame Begebenheiten zu beschreiben, die augenscheinlich nichts mit der röm i- schen Alltagswelt zu tun haben? Beiden Briefen ist gemeinsam, dass sie Wunder be- schreiben, die zum einen in einer idyllisch anmutenden Landschaft ohne Mitwirken des Menschen geschehen und zum anderen immer das Element Wasser zum Thema ha- ben.45 In der Geschichte der versiegenden Quelle wird nach der Einleitung und der übli- chen Lobpreisung der Bildung des Freundes die Quelle exakt verortet.46 So wird schon durch die Darstellung der Quelle deutlich, dass Plinius versucht, Tatsachen eher in Mirabi- lien darzustellen, um hervorzuheben, dass er gerade nicht nach einer naturwissenschaftli- chen Erklärung dafür sucht.47

Ebenso die Beschreibung der schwimmenden Inseln, in der der Hang zur naturästheti- schen Darstellungsweise48 des Plinius noch deutlicher hervortritt.49 Beide Geschichten versucht Plinius so authentisch wie möglich zu schildern. In beiden Texten tauchen viele Verben der Wahrnehmung auf, die suggerieren sollen, Plinius habe diese Wunder mit seinen eigenen Sinnen wahrgenommen und könne für deren Echtheit bürgen. Auffällig ist jedoch, dass die Verben der Wahrnehmung im Brief über die Quelle eher im Passiv, im Brief über die Inseln aber im Aktiv stehen. Dies könnte ein Indiz dafür sein, dass Plinius die schwimmenden Inseln tatsächlich gesehen hat und bei der Quelle nur den Eindruck erwecken wollte, dass es so wäre.

[...]


1 Einen ausführlicheren Überblick über die unten aufgeführten Gattungen bietet z.B. Reinhardt, Udo: Mythen – Sagen – Märchen. Eine Einführung mit exemplarischen Motivreihen, Freiburg i.Br. (u.a.) 2012, S. 210-232.

2 Walde, A.; Hofmann, J. B.: Lateinisches etymologisches Wörterbuch, s.v. mirus, Bd. 2, Heidelberg 51972.

3 Eng mit dem Wahrheitsanspruch zusammen hängt auch die Tatsache, dass sich Mirabilienliteratur zum Teil auch immer mit der wirklichen Welt befasst. Siehe dazu z.B. Dueck, Daniela: Geographie in der antiken Welt. Mit einem Kapitel von Kai Brodersen, Darmstadt 2013, S. 77.

4 ThLL, s.v. mirabilis, vol. 8, p. 1050, l. 48 sqq. Bulhart, Leipzig (u.a.) 1966. Am besten ersichtlich in Gell. 9,4, wo ein riesiger Löwe einen jungen Mann verschont. Siehe dazu 3.2.2.

5 Alle diese Textarten haben merkwürdige oder sonderbare Inhalte.

6 Spoerri, Walter, LAW, Bd. 1, Zürich/Tübingen 1991, s.v. fabula.

7 Zur Bedeutung fabula siehe auch haec significat fabula / dominum videre plurimum in rebus suis (Phaedr. 2,8,27).

8 Zur Definition von Paradoxographie siehe auch Kraft, Heinrich: Die Paradoxie in der Bibel und bei den Grie- chen als Voraussetzung für die Entfaltung der Glaubenslehren, in: Hagenbüchle, Roland (Hg.); Geyer, Paul: Das Paradox – Eine Herausforderung des abendländischen Denkens, Würzburg ²2002, S. 248. Ausführlicher auch Hardie, Philip: Paradox and the Marvellous in Augustan Literature and Culture, Oxford 2009, S. 13 f.

9 Ziegler, Konrad, RE, Bd. 18,3, Stuttgart 1965, s.v. Paradoxographoi.

10 Wenskus, Otta, DNP, Bd. 9, Stuttgart/Weimar 2000, s.v. Paradoxographoi.

11 Heinze, Theodor, DNP, Bd. 8, Stuttgart/Weimar 2000, s.v. Mythographie.

12 Siehe dazu Graf, Fritz: Griechische Mythologie. Eine Einführung, Düsseldorf 1999, S. 7-10.

13 Bowie, Ewen, DNP, Bd. 2, Stuttgart/Weimar 1997, s.v. Buntschriftstellerei.

14 Pflips, Heribert: Ciceronachahmung und Ciceroferne des jüngeren Plinius – Ein Kommentar zu den Briefen des Plinius über Repetundenprozesse (epist. 2,11; 2,12; 3,9; 4,9; 5,20; 6,13; 7,6), Diss. Münster 1973, S. 12.

15 Trotz der Tatsache, dass mirabilia immer auf anderen Werken und Texten beruhen und die Autoren dieser Geschichten für alles Belege suchen, um ihrem Wahrheitsanspruch gerecht zu werden, wie Dueck, Daniela, Darmstadt 2013, S. 78 sagt, kann in dieser Arbeit auf die jeweiligen literarischen Vorbilder nicht oder nur be- grenzt eingegangen werden.

16 Pausch, Dennis: Biographie und Bildungskultur – Personendarstellungen bei Plinius dem Jüngeren, Gellius und Sueton, Berlin 2004, S. 61.

17 Dazu Albrecht, Michael von: Geschichte der römischen Literatur – Von Andronicus bis Boethius und ihr Fortwirken, Bd. 2, Berlin/Boston 32012, S. 759.

18 Zelzer, Klaus: Zur Frage des Charakters der Briefsammlung des jüngeren Plinius, WS 77 (1964), S. 161.

19 Bieler, Ludwig: Geschichte der römischen Literatur II – Literatur der Kaiserzeit, Berlin ³1972, S. 74.

20 Albrecht, Michael von, Berlin/Boston ³2012, S. 758.

21 Lefèvre, Eckard: Plinius-Studien IV – Die Naturauffassung in den Beschreibungen der Quelle am Lacus Larius (4,30), des Clitumnus (8,28) und des Lacus Vadimo (8,20), Gymnasium 95 (1988), S. 239.

22 Auch in den Georgica Vergils taucht der lacus Larius bereits auf. Hier wird dagegen einfach davon ausge- gangen, dass die Quelle durch die Wellen und das Getöse des Meeres anschwillt (Te, Lari maxime, teque / f luctibus et fremitu adsurgens Benace marino?, Verg. georg. 2,159-160).

23 Anzuführen ist auch die Formulierung eruditionem tuam (Plin. epist. 7,27,15), mit welcher Plinius seinem Freund Sura ebenfalls einen hohen Bildungsgrad bescheinigt.

24 Plinius selbst besitzt nach Plin. epist. 9,7 ein Haus am Comer See. Dazu Niem, Annrose: Seneca und Plini- us – Zwei Vorträge zu antiken Themen im Stadtmuseum Quakenbrück, Quakenbrück 2010, S. 23.

25 Hindermann, Judith: Verliebte Delphine, schwimmende Inseln und versiegende Quellen beim älteren und jüngeren Plinius – mirabilia und ihre Erzählpotenz (epp. 4,30; 8,20; 9,33), Gymnasium 118 (2011), S. 353.

26 Auffällig dabei ist jedoch, dass keines dieser Verben in aktiver Form vorkommt (cernitur […] deprenditur, Plin. epist. 4,30,3) bzw. persönlich konstruiert wird (observes […] videas, Plin. epist. 4,30,4).

27 Hier geht es um die im deutschen Sprachraum verbreitete Bedeutung von Idylle. Dabei bleibt das Problem der etymologischen Herkunft ungeklärt. Siehe hierzu Fechner, Renate: Natur als Landschaft – Zur Entstehung der ästhetischen Landschaft, Frankfurt am Main 1986, S. 100.

28 Lefèvre, Eckard: Vom Römertum zum Ästhetizismus – Studien zu den Briefen des jüngeren Plinius, Berlin 2009, S. 256.

29 Ebenfalls syntaktisch eindrucksvoll wirkt das Hendiadyoin von cernitur und deprenditur, welches die Formu- lierung umrahmt. Der Fokus des Betrachters wird auf summa voluptate gelenkt und verdeutlicht deren Wich- tigkeit, die Plinius ihr zuspricht. Man betrachtet diese Quelle mit größtem Vergnügen und erfreut sich an deren Anblick, der so ungewöhnlich und so unähnlich zum bisher Bekannten ist.

30 Ob aber die als Fragen formulierten Thesen den Begriff mira (Plin. epist. 4,30,2) explizit hervorheben und verstärken, wie in einigen Forschungen beschrieben wird, bleibt zu überprüfen. Siehe hierzu Lefèvre, Eckard, Gymnasium 95 (1988), S. 243 f.

31 Das in den letzten beiden Zeilen eingesetzte Polyptoton von efficiunt und efficitur (Plin. epist. 4,30,11) ver- deutlicht das Unvermögen des Plinius, dieses Geschehen zu erklären. Plinius wirkt wie ein passiver Zuschau- er, der nicht imstande ist, die Lösung für dieses Phänomen zu präsentieren, ebenso wie das Verb efficitur im Passiv steht und keine aktive Handlung ausdrückt.

32 Dagegen Radice, Betty: A Fresh Approach to Pliny’s Letters, G&R 9 (1962), S. 163: „Pliny is not interested in descriptions of marvels as such, nor in mythological interpretations and the antiquarian anecdotes which divert his uncle.”

33 Zu erwähnen ist hierbei, dass Plinius die unpersönliche Konstruktion mihi ostenditur (Plin. epist. 8,20,3) verwendet. Dies deutet auf eine dritte, isolierte Instanz hin und verleiht der Erzählung eine mythische Seite.

34 Die vorliegende Textausgabe belegt viridior und stützt sich dabei auf die Handschriften M und θ. Hand- schrift α hat viridior gänzlich weggelassen, was aber keinen Einfluss auf die Gesamtaussage des Briefes hat.

35 Dagegen I pse ad Cutilias natantem insulam vidi, et alia in Vadimonis lacu uehitur (Sen. nat. 3,25,8). Seneca geht also im Gegensatz zu Plinius, der von mehreren Inseln spricht, nur von einer Insel aus, die auf dem See Vadimon schwimmt. Dazu Gross, Nikolaus: Senecas Naturales Quaestiones – Komposition, naturphilosophi- sche Aussagen und ihre Quellen, Stuttgart 1989, S. 138-140.

36 Saylor, Charles: Overlooking Lake Vadimon: Pliny on Tourism (Epist. 8,20), CPh 77 (1982), S. 139.

37 An dieser Stelle seien exemplarisch nur visuri und cernere (Plin. epist. 8,20,1) und audivi und vidi (Plin. epist. 8,20,3) genannt. Auffällig ist dabei, dass alle diese Verben aktiv formuliert sind, also die tatsächliche Teilnahme Plinius’ an dem Geschehen dokumentieren sollen.

38 Dazu Croon, J. H.: The Palici: An Autochthonous Cult in Ancient Sicily, Mnemosyne 5 (1952), S. 125: „The early people saw an invisible, unknown power manifest itself in the lake.”

39 Der hier verwendete Chiasmus stellt die Aussage, der See sei gänzlich rund, deutlicher heraus. Dem dien- lich ist auch das erneute Wiederaufgreifen von nullus bzw. nulla.

40 Das Oxymoron minores maioribus und maiores minoresque (Plin. epist. 8,20,7) verdeutlicht das Vorhan- densein von vielen Inseln verschiedener Größe. Zusammen mit dem Polyptoton terunt terunturque (Plin. epist. 8,20,5) wird ein Bild von umhertreibenden Inseln erzeugt, die, vom Wind in Bewegung gesetzt, aneinander- stoßen. Dazu passt auch der inhaltliche Gegensatz von contrahunt und constat (Plin. epist. 8,20,7), der das abwechselnde Bewegen und Stehenbleiben darstellt.

41 Inwiefern durch die chiastische und polyptische Gegenüberstellung discendisse sentire […] sentirent ascendisse (Plin. epist. 8,20,8) das Weidevieh näher charakterisiert wird, kann hier nicht behandelt werden.

42 ThLL, s.v. cymbula, vol. 4, p. 1589, l. 72, Mertel, Leipzig (u.a.) 1909.

43 N ec minus ignota quam mihi nec minus grata (Plin. epist. 8,20,10).

44 Q uasi artificis manu (Plin. epist. 8,20,4) drückt die Nichtteilhabe des Menschen an diesem mirabile aus.

45 Dazu Töller-Kastenbein, Renate: Antike Wasserkultur, München 1990, S. 15: „Wasser als Gabe der Natur und als Lebenselement des Menschen […].“

46 F ons oritur in monte, per saxa decurrit, excipitur cenatiuncula manu facta; ibi paulum retentus in Larium lacum decedit (Plin. epist. 4,30,2).

47 Das bloße Aufzeigen von verschiedenen naturwissenschaftlichen Lösungsansätzen kann dabei als ein Akt angesehen werden, sein fachliches Können darzustellen und zielt nicht darauf ab, wirklich nach einer Lösung zu suchen. Dazu auch Gigon, Olof: Studien zur antiken Philosophie, Berlin 1972, S. 371.

48 Dazu Römer, Jutta: Naturästhetik in der frühen römischen Kaiserzeit, Frankfurt am Main 1981, S. 124: „Die ästhetische Natursicht ist ein Mittel, eine vorübergehende Erfüllung des Wunsches nach Abwechslung zu erreichen.“ Die mangelnde Möglichkeit der politischen Profilierung in der Zeit des Prinzipats scheint hier be- sondere Tragweite zu haben. Die Möglichkeit, sein otium auszuleben, bringt Plinius dazu, sich mit ungewöhn- lichen Erscheinungen auseinandersetzen zu können.

49 C olor caerulo albidior, viridior et pressior. […] Spatium modicum, quod tamen sentiat vemtos, et flucitbus intumescat (Plin. epist. 8,20,4).

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Mirabilienliteratur der römischen Kaiserzeit. Charakteristika wundersamer Berichte
Hochschule
Universität Osnabrück  (Institut für Romanistik und Latinistik)
Note
1,3
Jahr
2015
Seiten
41
Katalognummer
V508595
ISBN (eBook)
9783346067067
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mirabilienliteratur, kaiserzeit, charakteristika, berichte
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Mirabilienliteratur der römischen Kaiserzeit. Charakteristika wundersamer Berichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508595

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