Bürgertum und Freimaurer in Sachsen


Hausarbeit, 2018

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Idee und Entstehungsgeschichte der Freimaurer

2. Gegner und Feinde der Freimaurer

3. Innere Strukturen

4. Geschichte der Chemnitzer Freimaurer und ihrer Logen

Literatur:

1. Idee und Entstehungsgeschichte der Freimaurer

Im Jahre 1778 schrieb Gotthold Ephraim Lessing in seinen Freimaurergesprächen Ernst und Falk : „ Ihrem Wesen nach ist die Freimaurerei ebenso alt als die bürgerliche Gesellschaft. Beide konnten nicht anders, als miteinander entstehen, wenn nicht gar die bürgerliche Gesellschaft nur ein Sprössling der Freimaurerei ist.“

Der Gründer des Illuminatenordens, Adam Weishaupt, formulierte es 1787 so:

„…die wahre geläuterte Regierungskunst der geheimen Gesellschaften ist das Meisterstück des menschlichen Verstandes und das höchste Raffinement der bürgerlichen Gesellschaft.“

Beide Zitierten sind sich also einig, dass das Freimaurertum und andere geheime Gesellschaften eines der Wesensmerkmale des frühen Bürgertums waren.

Erste Erwähnung der Freimaurer fand 1717 in London statt. Hier fand die Vereinigung von vier Logen zu einem Dachverband , einer sog. Großloge , statt. Die Freimaurer entwickelten sich im Verlauf des 18. Und 19. Jahrhunderts zur erfolgreichsten geheimen Gesellschaft in Europa. Die Freimaurerei war nicht in dem Sinne geheim, dass niemand von ihrer Existenz wusste oder wissen sollte, aber ihre Zusammenkünfte blieben der Öffentlichkeit unzugänglich. Jeder Freimaurer war zu strengstem Stillschweigen über das Geschehen in der Loge verpflichtet.

Der Ursprung der Gesellschaft liegt noch weitgehend im Dunkeln, man geht jedoch davon aus, dass der Übergang von der Werkmaurerei, den Bruderschaften der Steinmetze, zur spekulativen Maurerei, auch andere Angehörige anderer Berufsgruppen, vor allem Gelehrte aufnahm.[1]

1.1. Freimaurer in Deutschland

Zunächst konnten deutsche Freimaurer nur in englischen Logen aufgenommen werden. Einer der ersten war Graf Albrecht Wolfgang von Schaumburg-Lippe. 1729 wurde ein gewisser Herr Thuanus durch englische Großmeister zum Provinzial Großmeister von Niedersachsen ernannt, mit dem Ziel, weitere Logen in Deutschland zu gründen. 1733 wurden elf deutsche Gentlemen in Londoner Großlogen aufgenommen und erhielten die Erlaubnis, in Hamburg eine Loge zu gründen. Mangels Interesse wurde daraus allerdings nichts. Erst im Jahr 1737 kam es dann in Hamburg zur Gründung einer Loge. Sie hatte vorerst keinen Namen und gehörte keiner Großloge an. 1743 gab sie sich dann den Namen „Absalom“. 1738 gründete Graf Rutowski in Dresden eine Loge, die so großen Zulauf hatte, dass es innerhalb von zwei Jahren zu zwei weiteren Neugründungen kam. Bis 1754 gab es in Deutschland 19 Logen, die sich in Provinzial,-Groß-und Mutterlogen etablierten. In der Weimarer Republik wurden Freimaurer zusammen mit Juden zum Ziel rechtsextremer Agitationen.

Der Baltendeutsche Alfred Rosenberg[2] verfasste Pamphlete und Hetzschriften zu einer „jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung, mit dem Ziel, andere Völker zu unterminieren“. Seiner Ansicht nach waren Juden und Freimaurer Schuld am ersten Weltkrieg und an der russischen Revolution. Für General Erich Ludendorff[3] waren Juden, Freimaurer und Bolschewisten ein Netzwerk, das die Weltmacht an sich reißen wollte. Sein Hass resultierte vermutlich aus der Ablehnung seines Gesuches von 1923 um Aufnahme in eine Loge. Mit der Machtübernahme Hitlers 1933 wurden die Freimaurer verboten und es kam im Anschluss daran zu Übergriffen gegen Logen und deren Mitgliedern. Um sich dennoch weiter treffen zu können, beschlossen die Logen sich nicht mehr Freimaurer zu nennen, sondern Deutscher Orden.

Vor dem 2. Weltkrieg waren ungefähr 80000 Männer in Logen organisiert, deren Schwerpunkt in Preußen lag. Da viele Gebiete nach dem Krieg in der sowjetisch besetzten Zone lagen, wo die Freimaurerei verboten war und viele Logenbrüder gefallen waren, sank die Mitgliederzahl drastisch. Nach eigenen Angaben sind heute in Deutschland etwa 14000 Männer in 470 Logen aktiv. Dazu kommen noch 50 liberale Logen und Logen ohne jede Anerkennung einer deutschen Großloge.[4]

1.2. Mythen und Irrtümer über die Freimaurer

Freimaurerei ist keine Religion. In den Logen treffen sich auch heute Menschen der unterschiedlichsten Glaubensrichtungen. In den „alten Pflichten“ aus dem Jahre 1723 steht sinngemäß im ersten Abschnitt, dass ein Freimaurer nur gehalten ist, die Sittenlehre zu befolgen, sei er nun Christ oder Atheist. Freimaurer haben keine konkrete Gottesvorstellung, sondern bedienen sich lediglich des Begriffs des „Allmächtigen Baumeisters der Welt“. Das ist allerdings mehr als eine Art Symbolik zu sehen. Der persönliche Glaube bleibt jedem Bruder selbst überlassen. Das machte die Freimaurerei besonders in den Augen der katholischen Kirche suspekt, denn sie betrachtete die Freimaurerei als eine Art Religionsgemeinschaft, also als Konkurrenz, die hinter verschlossenen Türen agierte und sich durch geheime Zeichen, Passwörter und Symbolik miteinander verständigte. Im späten Mittelalter hielt sich das Gerücht, bei Zusammenkünften der Freimaurer würden ketzerische Messen gefeiert und Opfer dargebracht. Die Beiwohnung des Teufels bei den Zusammenkünften wurde unterstellt sowie die Opferung von Tieren und sogar von neugeborenen Kindern. Da alle Brüder zur Verschwiegenheit verpflichtet waren und sind, gab es Freimaurer, die lieber den Tod wählten, als ihre Geheimnisse zu verraten. So wurde die Legende um die Freimaurer durch die Jahrhunderte getragen. Selbst in der Zeit der Aufklärung, die eine Blütezeit der Freimaurer war, hielten sich noch immer hartnäckige Gerüchte über die geheimnisvollen Rituale und Bräuche der Freimaurer.

Ein weiterer weit verbreiteter Irrtum ist ein Zusammenhang zwischen den Freimaurern und Rosenkreuzern. Immer wieder wurde behauptet, dass beide Gemeinschaften gefährliche Geheimbünde seien, die die Weltherrschaft an sich reißen wollten. Dabei haben die Lehren, Aufgaben und Ziele der Rosenkreuzer gar nichts mit denen der Freimaurer zu tun. Der humanistisch-freiheitliche Gedanke der Freimaurer und ihre Ansichten über Gleichberechtigung in jeder Form, ist nicht der Grundgedanke der Rosenkreuzer, die eher geistig-spirituell ausgerichtet sind und sich auf alte Naturwissenschaften gründen.

Es geht und ging den Freimaurern nicht um Vermittlung von geheimem Wissen, sondern einzig um die Selbsterkenntnis, die Brüderlichkeit und ein Wachstum im ethischen Sinne. Das Geheimnis der Logen ist nicht materieller Art, sondern einzig und allein gelebte Tugend. Tugend kann erlebt, gelebt und gesehen aber nach Ansicht der Freimaurer nicht erlernt oder übertragen werden. Ihr Inhalt ist nie fixierbar.[5]

1.3. Das „Neue Bürgertum“

Geselligkeit spielte in der neuen bürgerlichen Gesellschaft eine zunehmend große Rolle.

Die Tugend der Bürger entfaltet sich allein in ihrer Wechselwirkung, in der Geselligkeit, so die These. Tocqueville schreibt 1840: „ Nur durch die gegenseitige Wirkung der Menschen aufeinander, erneuern sich die Gefühle und Gedanken, weitet sich das Herz und entfaltet sich der Geist der Menschen“ (…) die Versittlichung der Menschen steht mithin in einem inneren Zusammenhang mit der „Zivilität“, der von ihnen gebildeten Gesellschaft.“[6]

Wie eine demokratische Gesellschaft aussieht, die sich ihrer politischen Grundlagen nicht mehr in der Geselligkeit ihrer Bürger versichert, hat Tocqueville mit einem apokalyptischen Bild beschrieben: „ Ich erblicke eine Menge einander ähnlicher und gleichgestellter Menschen, die sich rastlos im Kreise drehen, um sich kleine und gewöhnliche Vergnügungen zu schaffen, die ihr Gemüt ausfüllen. Jeder steht in seiner Vereinzelung dem Schicksal aller anderen fremd gegenüber: seine Kinder und persönlichen Freunde verkörpern für ihn das Menschengeschlecht; was die übrigen Mitbürger angeht, so steht er neben ihnen, aber er sieht sie nicht; er berührt sie, und er fühlt sie nicht: er ist nur in sich und für sich allein vorhanden. (…) Über diesen erhebt sich eine gewaltige, bevormundende Macht, die allein dafür sorgt, ihre Genüsse zu sichern und ihr Schicksal zu überwachen…“.

Die unpolitische Geselligkeit besitzt, so könnte das Argument Tocquevilles zugespitzt werden, in der Bürgergesellschaft eine politische Dimension. So fremd den deutschen Theoretikern der Zivilgesellschaft heute der Zusammenhang von Bürgermoral und Bürgergesellschaft ist, so vertraut war er ihren Praktikern im 19. Jahrhundert. Kaum eine andere Gesellschaft, außer der amerikanischen, war im 19. Jahrhundert so gesellig wie die deutsche. Die Zeitgenossen sprachen von einer regelrechten „Vereinswut“. Bürgermoral und Bürgergesellschaft, „Tugendübung“ und „bürgerlicher Verein“ gehörten zusammen.

Die Teilhabe an der geselligen Kultur einer Stadt, war an bestimmte Kriterien gebunden, so auch bei den Freimaurern. Bildung, Selbständigkeit, Männlichkeit, Ritterlichkeit seien hier genannt, ebenso wie Gleichheit und Brüderlichkeit und eine sog. „bürgerliche Religiosität“.[7]

Die begriffliche Trennung von Staat und bürgerlicher Gesellschaft ist eine Erfindung des 17+18. Jahrhunderts. Bürgerliche Gesellschaft ist nicht mehr gleichbedeutend mit der politischen Herrschaftsform. Staat und bürgerliche Gesellschaft treten auseinander. Die zivile Gesellschaft wird zu einem vom Staat unabhängigen und –scheinbar—politikfernen Raum.

Die Beschränkung der Privatpersonen von Geburt, Stand, Beruf und Geschäft sollen aufgehoben werden. Diese neue „öffentliche“ Gesellschaft, konstituiert sich in privaten Räumen, bei den Freimaurern in ihren Logen und Logenhäusern. Die erste Loge auf dem Kontinent war 1731 in Den Haag; die erste deutsche Logengründung folgte 1737 in Hamburg.[8]

1.4. Das gesellschaftliche Abbild in den Logen

In eine Loge gelangte anscheinend nur, wer männlich und sich im Berufsleben durchgesetzt hatte. In den Aufnahmegesuchen wurde oft darauf hingewiesen, dass man den Wunsch um Aufnahme so lange hingeschoben habe, bis man endlich eine bürgerliche Existenz begründet hatte. Materielle und geistige Selbständigkeit, Besitz und Bildung, gehörten zu den Zugangsbedingungen. Offensichtlich war das „Logenpatent“ auch eine Art Ausweis dafür, dass man es „geschafft“ hatte, Freimaurer war man auf Lebenszeit. Arbeiter suchte man hier vergebens. Die Logen unterschieden sich in ihrer sozialen Zusammensetzung und gesellschaftlichen Bedeutung kaum von anderen exklusiven bürgerlichen Vereinen. Den Schwerpunkt der Mitgliedschaft bildeten hier die gehobenen Kaufleute, Fabrikanten und Bankiers, Adlige, die neuen bildungsbürgerlichen Berufe, die Vertreter der staatlichen Herrschaftselite aus Militär und Bürokratie, Handwerkern und dem traditionellen Stadtbürgertum. Die Logen vereinten in ihrer Zusammensetzung das Neue und in geringerem Maße auch das Alte Bürgertum. Der gesellige Umgang im inneren der Logen kam daher der Vision einer „klassenlosen Gesellschaft“, die ausdrücklich die alten Mittelschichten einschloss, nahe. Klassenlos aber in dem Sinne, dass unterbürgerlichen Schichten, Frauen und Juden, der Zugang versperrt war. Die Verwehrung der Logenmitgliedschaft konnte einem gesellschaftlichen Scherbenhaufen gleichkommen. Geschäftlicher Vorteil war ein Motiv unter vielen. Die Logen boten eine willkommene Verknüpfung von Markt und Bildung, Geselligkeit und Politik, Amusement und geselliger Macht. Die Logen erfüllten ihr Ziel einer sozial übergreifenden Form der Geselligkeit, in dem Sinne, dass sie zum einen innerhalb des Bürgertums sehr verschiedene Kreise vereinigten—von der gehobenen städtischen Elite des Wirtschafts-und Bildungsbürgertums bis zu mittleren Beamten und Angestellten sowie selbständigen Handwerkern und Kleinhändlern. Gehörte es im 18. Jahrhundert in den vornehmeren Kreisen gewissermaßen zum guten Ton, einer Loge anzugehören, fand im Vormärz nach und nach mehr der Mittelstand , das gediegene Bürgertum in denselben Eingang. Standesunterschiede schwanden allmählich. Wer zur respektablen lokalen Bürgerschaft gehören wollte, der bemühte sich um ein Logenpatent. Bildung, Besitz und Selbständigkeit markierten die Grenzen nach unten.[9]

[...]


[1] Neugebauer-Wölk: Esoterische Bünde und Bürgerliche Gesellschaft, Wallstein –Verlag, Göttingen, 1995, Seite 5+6.

[2] Alfred Ernst Rosenberg (russisch Альфред Вольдемарович Розенберг, Alfred Woldemarowitsch Rosenberg; * 31. Dezember 1892jul./ 12. Januar 1893greg.[1] in Reval; † 16. Oktober 1946 in Nürnberg) war zur Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus Politiker und führender Ideologe der NSDAP. Als Student war er 1917 Zeuge der Revolution in Moskau. Wie die russischen Rechtsextremisten interpretierte er diese als Folge einer jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung.

[3] Erich Friedrich Wilhelm Ludendorff (* 9. April 1865 in Kruszewnia bei Schwersenz, Provinz Posen; † 20. Dezember 1937 in München) war ein deutscher General und Politiker. Im Ersten Weltkrieg hatte er als Erster Generalquartiermeister und Stellvertreter Paul von Hindenburgs, des Chefs der dritten Obersten Heeresleitung (OHL), bestimmenden Einfluss auf die deutsche Kriegführung und Politik.

[4] Internetzugriff vom 7.8.18: www.swanksigns.org

[5] Internetzugriff vom 7.8.18: www.swanksigns.org

[6] Alexis Charles-Henri-Maurice Clérel de Tocqueville (* 29. Juli 1805 in Verneuil-sur-Seine; † 16. April 1859 in Cannes) war ein französischer Publizist, Politiker und Historiker. Er gilt als Begründer der Vergleichenden Politikwissenschaft.

[7] Hoffmann,Stefan-Ludwig: Die Politik der Geselligkeit, Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen, 2000, Seite 12 +14.

[8] Ebd. Seite 29+31.

[9] Ebd. Seite 62-66.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Bürgertum und Freimaurer in Sachsen
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Europäische Geschichte)
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V508618
ISBN (eBook)
9783346080844
ISBN (Buch)
9783346080851
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freimaurer Geschichte, Freimaurer in Chemnitz
Arbeit zitieren
Ullrich Michael Rasche (Autor), 2018, Bürgertum und Freimaurer in Sachsen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508618

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