In den Kapiteln 11-14 des 1. Korintherbriefs findet sich die ausführlichste Beschreibung eines frühchristlichen Gottesdienstes im Neuen Testament. Deshalb wollen wir dieses Dokument näher betrachten, und zwar unter folgenden Hinsichten: Wie haben wir uns die Gemeindeversammlung kurze Zeit nach Gemeindegründung durch Paulus in Korinth vorzustellen? (siehe 3.) Welche besondere Bedeutung kommt dem von ihm im Kap. 12 seines Briefes breit ausgeführten Motiv vom Leibe Christi zu? (siehe 4.) Welche Anweisungen gibt der Apostel der jungen Gemeinde in diesem Zusammenhang für die Ordnung ihrer Gemeindeversammlung? (siehe 5.) Zuvor ist aber zu klären, was wir über die Stadt und die Gemeinde von Korinth zur Zeit des Paulus wissen und darüber, welche Vorstellung Paulus überhaupt mit einem Begriff wieevkklhsi,averbindet. (siehe 2.) Wir wollen versuchen, diese Fragen schrittweise zu beantworten.
Da es zu den Themenkreisen aber mittlerweile eine überaus große Menge an Sekundärliteratur gibt, die den Umfang einer Diplomarbeit sprengen würde, werden wir uns auf wesentliche, einschlägige Werke beschränken, um die Zusammenhänge herauszuarbeiten. Voraussetzung ist dabei eine ebenfalls strenge Beschränkung bei den Quellen: in unserer Arbeit insbesondere auf den 1. Korintherbrief (1 Kor). Dabei gehen wir davon aus, dass 1 Kor im Wesentlichen eine literarische Einheit darstellt1und ca. ein Jahr nach Gemeindegründung um 54/55 n. Chr. in Ephesus abgefasst wurde.2Weitere Briefe von Paulus, die je in ihrer eigenen Situation gesehen werden müssen, werden wir nur dann heranziehen, wenn es von der Sache her besonders geboten scheint. Auf Bezugnahmen zu Epheser- und Kolosserbrief verzichten wir fast durchweg, da die aktuelle Forschung zumeist gegen eine paulinische Verfasserschaft argumentiert.
Die griechischen Schriftzitate der Arbeit folgen der Edition von Nestle/Aland; die deutschen, sofern nicht anders vermerkt, dem Münchener Neuen Testament, allerdings auf neue Rechtschreibung abgewandelt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Überblick über die korinthische Gemeinde
2.1 Die Stadt Korinth
2.2 Die christliche Gemeinde in Korinth
3. Frühchristlicher Gottesdienst in Korinth
3.1 Grundsätzliche Erwägungen
3.2 Versammlungsort und -zeit
3.3 Versammlungsablauf
3.3.1 Deipnon
3.3.2 Symposion
4. Das Leib-Christi-Motiv
4.1 Das Leib-Motiv in der vorpaulinischen Antike
4.1.1 In der Rede des Menenius Agrippa
4.1.2 Bei Seneca und Cicero
4.1.3 Bei Platon und Aristoteles
4.1.4 Im Judentum
4.2 Religionsgeschichtliche Herkunftsmöglichkeiten des Motivs
4.2.1 Der gnostische Anthroposmythos
4.2.2 Die Allgott-Vorstellung
4.2.3 „Corporate personality“ und rabbinische Adam-Spekulation
4.2.4 Innerchristliche Herleitungsversuche
4.3 Das Leib(-Christi)-Motiv bei Paulus
4.3.1 Textbefund in 1 Kor
4.3.2 Das Leib-Christi-Motiv in 1 Kor 12
5. Die gottesdienstliche Ordnung
5.1 Pauli Anweisungen für das Deipnon
5.2 Pauli Anweisungen für das Symposion
5.3 Die Charismen im Einzelnen
5.3.1 Apostel (avpo,stoloi)
5.3.2 Propheten (profh/tai)
5.3.3 Lehrer (dida,skaloi)
5.3.4 Wunderkräfte (evnergh,mata duna,mewn)
5.3.5 Heilungen (cari,smata ivama,twn)
5.3.6 Hilfeleistungen (avntilh,myeij)
5.3.7 Leitungen (kubernh,seij)
5.3.8 Zungenrede (glw,ssaij lalei/n) und deren Auslegung (e`rmhnei,a glwssw/n)
5.3.9 Unterscheidungen der Geister (diakri,seij pneuma,twn)
5.4 Das „Hohelied der Liebe“ 1 Kor 13
6. Theologisches Resümee
7. Ausblick
Zielsetzung & Themen der Diplomarbeit
Die Arbeit untersucht den Aufbau des frühchristlichen Gottesdienstes in der korinthischen Gemeinde nach dem 1. Korintherbrief und analysiert, wie Paulus das Leib-Christi-Motiv nutzt, um das Handeln und die gottesdienstliche Ordnung der Gemeinde zu strukturieren und soziale Missstände zu beheben.
- Struktur und Ablauf von Deipnon (Herrenmahl) und Symposion (Wortgottesdienst)
- Die soziale Zusammensetzung der frühchristlichen Gemeinde in Korinth
- Religionsgeschichtliche Einordnung des Leib-Christi-Motivs
- Paulinische Charismenlehre und ihre Bedeutung für die Gemeinde
- Zusammenhang zwischen Eucharistiefeier und sozialer Integration
Auszug aus dem Buch
3.3.1 Deipnon
Wie nun die korinthische Mahlfeier im Einzelnen aussah, wird in der Forschung noch sehr verschieden beantwortet. Weitgehend einig ist man sich darüber, dass in der Versammlung Jesu eucharistische Doppelhandlung über Brot und Wein wiederholt wurde, verbunden mit einer Sättigungsmahlzeit.
Die Sättigungsmahlzeit darf man aus der Benennung der Feier als kuriako.n dei/pnon (11,20) erschließen, denn dei/pnon bezeichnet eine „wirkliche Mahlzeit mit Speise und Trank, die satt machen soll“. Annehmen darf man immerhin laut den Einsetzungsworten 11,24f und hier speziell meta. to. deipnh/sai, dass „Brotkommunion und Weinkommunion also mindestens ursprünglich durch eine Sättigungsmahlzeit getrennt waren“. Die These, die Einsetzungsworte seien beim Herrenmahl gar nicht gesprochen worden, ist unhaltbar, da das paulinische Zitat 11,24f schon den zweimaligen Wiederholungsbefehl tou/to poiei/te Jesu an die Jünger beinhaltet, was sich nur jeweils auf Brot- und Kelchhandlung sowie -worte beziehen kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Darstellung der Ausgangslage und Zielsetzung der Untersuchung des frühchristlichen Gottesdienstes im 1. Korintherbrief.
2. Überblick über die korinthische Gemeinde: Analyse der sozioökonomischen Situation von Stadt und Gemeinde Korinth zur Zeit des Paulus.
3. Frühchristlicher Gottesdienst in Korinth: Erörterung der Versammlungspraxis, unterteilt in Sättigungsmahl (Deipnon) und Wortgottesdienst (Symposion).
4. Das Leib-Christi-Motiv: Religionsgeschichtliche und exegetische Untersuchung der Herkunft und paulinischen Verwendung des Leib-Metaphern-Gedankens.
5. Die gottesdienstliche Ordnung: Detaillierte Betrachtung der paulinischen Anweisungen für Mahl- und Wortfeier sowie der einzelnen Charismen in der Gemeinde.
6. Theologisches Resümee: Zusammenfassende Synthese der Ergebnisse zur Gottesdienstpraxis und Charismenlehre.
7. Ausblick: Überlegungen zur Relevanz der paulinischen charismatischen Ordnung für heutige, oft ämterlose Gemeinden.
Schlüsselwörter
Paulus, 1. Korintherbrief, Korinth, Leib Christi, Gottesdienst, Deipnon, Symposion, Charisma, Charismenlehre, Eucharistie, Abendmahl, Mahlgemeinschaft, Gemeindeordnung, Glossolalie, Prophetie, Ekklesia
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit primär?
Die Arbeit analysiert, wie die korinthische Gemeinde zur Zeit des Paulus Gottesdienst feierte und welchen Einfluss das Leib-Christi-Motiv sowie die charismatische Begabungsstruktur auf die gottesdienstliche Ordnung hatten.
Welche zwei Hauptbereiche des korinthischen Gottesdienstes werden unterschieden?
Der Autor unterscheidet zwischen dem Deipnon (einer gemeinsamen Sättigungsmahlzeit, die eucharistische Elemente enthält) und dem anschließenden Symposion (einem wortbetonten Teil der Versammlung).
Was ist das Ziel der Untersuchung des Leib-Christi-Motivs?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Paulus dieses Motiv einsetzte, um die Korinther zur Einheit zu ermahnen und einmütiges Handeln in einer Gemeinde zu fördern, in der soziale Spannungen herrschten.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es handelt sich um eine neutestamentliche Exegese, die den 1. Korintherbrief in den Kontext der antiken Umwelt (Vereinswesen, hellenistische Analogien) stellt.
Was behandelt der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Gottesdienstablaufs, die Herkunft und Bedeutung des Leib-Christi-Motivs sowie eine detaillierte Analyse der einzelnen Charismen wie Prophetie, Lehrer, Hilfeleistungen und Zungenrede.
Welche Rolle spielen die Charismen in dieser Arbeit?
Charismen werden als Gnadengaben definiert, die der Erbauung der gesamten Gemeinde dienen, und nicht als Mittel zur persönlichen Profilierung missbraucht werden sollten.
Wie bewertet der Autor die Situation von Frauen in der Gemeindeversammlung?
Der Autor stützt sich auf die Mehrheitsmeinung der Exegese, dass Verbote bezüglich Frauen in der Gemeindeversammlung (1 Kor 14,34f) spätere Interpolationen sind und nicht paulinischem Gedankengut entsprechen.
Existierte in der Korinthergemeinde ein festes Leitungsamt?
Nein, der Autor betont, dass Paulus keine stetige Gemeindeleitung (wie spätere Ämter) ansetzt, sondern sich in Problemlagen direkt an die gesamte Gemeinde wendet.
Warum wird die Glossolalie vom Autor kritisch betrachtet?
Nicht weil sie abgelehnt wird, sondern weil sie in Korinth überbewertet wurde, während Paulus ihre Auslegung fordert, damit sie für die Gemeinschaft verständlich und nützlich bleibt.
- Citar trabajo
- Karlheinz Lang (Autor), 2005, Sozialität und liturgischer Vollzug in der paulinischen Gemeinde nach 1 Kor. Der Zusammenhang des Leib-Christi-Motivs und der gottesdienstlichen Ordnung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50863