Die Rousseau-Insel im Wörlitzer Park. Wie stehen Denkmal und Natur im deutschen Landschaftsgarten zueinander?


Hausarbeit, 2016
33 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Wörlitzer Park
2.1 Ein kurzer Abriss
2.2 Die Welt als Vorbild
2.3 Das Reformprogramm von Fürst Leopold

3. Die Rousseau-Insel

4. Die Einbettung eines Denkmals in die Umgebung
4.1 Landschaftsmalerei und Gartenkunst
4.2 Literatur und Gartenkunst
4.3 Was soll der Garten mithilfe des Denkmals bezwecken und wie wird dies erreicht?
4.4 Das Erzeugen von Gefühlen
4.5 Wie erfährt der Wanderer das Denkmal?

5. Betrachtung des Denkmaltyps des Grabmals am Beispiel der Rousseau-Insel

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Abbildungsverzeichnis

9. Abbildungsnachweis

1. Einleitung

„Kunst bedeutet hier, das, was die Natur Angenehmes und Interessantes hat, auf eben die Art, durch eben die Mittel, derer sie sich bedient, vereinigen, und die Schönheit, die sie in ihren Landschaften verstreuet, auf einen Platz sammeln zu wissen; ein neues Ganzes, dem weder Harmonie noch Einheit fehlen, hervorzubringen; durch Verbindung und Anordnung zu schaffen, und doch nicht von der Natur abzuweichen; durch Bepflanzung, durch Ausbildung, durch Stellung, durch Kontrast die Charaktere natürlicher Gegenden zu verstärken und die Wirkungen zu vervielfältigen; durch harmonische Vereinigung mit Gegenständen, die der Kunst gehören, die Eindrücke der Natur zu erhöhen“

-Hirschfeld: Theorie der Gartenkunst Bd. I, Leipzig 1779, S. 145

Mit diesem Zitat beschreibt Hirschfeld in seiner Theorie die Aufgaben der Gartenkunst, die sich im 17. Und 18. Jahrhundert drastisch geändert hatte. Auf den architektonischen Garten des Barock folgte der Landschaftsgarten, der sich an der Natur orientiert. Wie das obige Zitat zeigt, bedeutet dies jedoch keineswegs, dass die Natur selbst einen solchen Garten hervorbringt. Es bedarf eines kundigen Landschaftskünstlers, der diesen erschafft. Das tut er mit dem, was die Natur ihm bietet, aber auch mit „Gegenständen, die der Kunst gehören“, also hauptsächlich Gebäuden und Denkmälern aller Art. Warum diese Gegenstände trotz ihrer Künstlichkeit Einzug in den Landschaftsgarten erhielten, welche Aufgabe ihnen zuteilwird und nach welchen Gesichtspunkten sie im Garten angeordnet und in Szene gesetzt werden, betrachte ich in dieser Arbeit. Dies kann man jedoch nicht isoliert von den Grundlagen der Gartenkunst und von den der Natur entnommenen Gestaltungsmitteln tun, weshalb ich auch darauf eingehen werde.

Diese Fragen versuche ich am Beispiel des Wörlitzer Parks und insbesondere der Rousseau-Insel zu beantworten. Der Park eignet sich dazu aus mehreren Gründen sehr gut. Er hat eine große Ausdehnung und dadurch ausreichend Platz, um viele unterschiedliche Gartenszenen aufzunehmen. Zudem ist er Teil eines Reformprogramms des Fürsten Leopold III. Friedrich Franz Fürst von Anhalt-Dessau. Inwieweit dies eine Rolle spielt, werde ich im Laufe der Arbeit erläutern. Als einer der ersten Parks in Deutschland spielte die Wörlitzer Anlage zudem bei der Bekanntmachung und der Adaption des englischen Landschaftsgartens in Deutschland eine zentrale Rolle. Anhand der Rousseau-Insel wird nicht nur ein ästhetischer, sondern auch ein wesentlicher inhaltlicher Anspruch der Gartengestaltung deutlich.

2. Der Wörlitzer Park

2.1 Ein kurzer Abriss

Der Wörlitzer Park ist der erste Landschaftsgarten in Deutschland von überregionaler Geltung.1 Die Erbauer des Gartens waren Leopold III. Friedrich Franz Fürst (später Herzog) von Anhalt-Dessau und sein Architekt Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff, die eine tiefe Freundschaft verband und die bei der Gestaltung des Gartens zusammen arbeiteten.2 Der Park wurde 1764 begonnen, aber erst nach 1800 vollendet.3 In dieser Zeit wurde er mehrfach durch Natureinwirkungen und Umbaumaßnahmen verändert.4 Ihm liegt demnach nicht ein Gesamtplan zugrunde, sondern er wurde nach und nach erweitert.5 Der Park ist Teil des Dessau-Wörlitzer Gartenreichs, das eine Ausdehnung von 145 km[2] hat und mehrere größere und kleinere Gärten beinhaltet, darunter das Luisium, den Steglitzer Park, den Kühnauer Park und das Georgium.6 Alle unterscheiden sich in ihrer Art, so ist beispielsweise der Steglitzer Park stark bewaldet, während der Kühnauer Park von einer großen Seefläche dominiert wird.7 Mit eingebunden in das Gartenprogramm sind auch die Elblandschaft und die Verbindungswege, die durch diese hindurch führen. Carl August Boettger berichtet 1799 in seiner Schrift „Reise nach Wörlitz“ von dem Eindruck, sich die ganze Fahrt nach Dessau über in einem einzigen Park zu befinden.8

Der Wörlitzer Park ist von einer großen Diversität in der Gestaltung geprägt, sowohl was die Natur als auch was die Architektur angeht. So steht dem Wörlitzer Schloss9, das als das erste klassizistische Bauwerk in Deutschland betrachtet wird,10 das Gotische Haus11, ein neugotischer Bau, gegenüber. Auf große Freiflächen folgen Ackerflächen, Seen und Flüsse, Inseln und Gebiete mit dichterer Vegetation. Auch weitere gestalterische Elemente, wie zum Beispiel ein Labyrinth, diverse Tempel, ein Vulkan, mehrere Brücken, eine Grotte und zahlreiche Skulpturen und Denkmäler sind vielgestaltig und abundant. Auch wenn der Fokus meiner Arbeit auf den Denkmälern liegt, werde ich diese Elemente mit einbeziehen, da ihnen oft eine ähnliche Rolle wie den Denkmälern zukommt. Sie spielen alle bei dem übergeordneten Konzept des Gartens eine wichtige Rolle und können daher nicht außer Acht gelassen werden.

2.2 Die Welt als Vorbild

Fürst Leopold III. und Erdmannsdorff unternahmen zahlreiche Reisen ins Ausland. Ihre erste Reise führte sie 1763 für anderthalb Jahre nach England.12 Dort zeigte sich der Fürst beeindruckt von den englischen Landschaftsgärten, wie zum Beispiel Stourhead13 in Wiltshire, der Vorlage für den „englischen Sitz“14 im Wörlitzer Park werden sollte.15 Für den aufklärerischen Fürsten spiegelte der englische Landschaftsgarten mit allem, was er verkörpert, genau seine Philosophie wider. Im Gegensatz zum Barockgarten, der mit seiner in strenge Formen gezwängten Natur den Absolutismus verkörpert,16 ist der Landschaftsgarten Ausdruck des neuen, aufklärerischen Denkens, das mit der Abschaffung des Absolutismus der Stuarts durch die konstitutionelle Monarchie mit der Bill of Rights aufkam.17 Gemeinsam mit der Veränderung der politischen und moralischen Verhältnisse, fand auch eine ästhetische Umorientierung statt.18

Kurz nach der Reise und inspiriert von dieser wurde 1764 der Bau des Wörlitzer Parks begonnen. Weitere Reisen führten Fürst Leopold III. und Erdmannsdorf nach Italien, Frankreich, in die Schweiz, nach Holland, ein weiteres Mal nach England, Schottland und Irland.19,20 1796, nach der zweiten Reise, begann Erdmannsdorff den Bau des Wörlitzer Schlosses,21 was ihn zum Begründer des kontinentalen Klassizismus machte.22 Noch während des Schlossbaus 1769-1773 begab sich Erdmannsdorff ein weiteres Mal zu Studienzwecken nach Italien.23 Fürst Leopold III. schickte einige seiner Gärtner nach England und Frankreich, die sich mit den dortigen Gärten auseinandersetzten sollten.24

Von diesen Reisen ist nicht nur der Gartenbau beeinflusst, die unterschiedlichen Kulturen wirken auf viele Lebensbereiche ein. So lernte Fürst Leopold III. die verschiedenen Bau- und Kunststile kennen, aber auch Unterschiede im Schulwesen, den Handwerksberufen, dem Ingenieurswesen und dem Agrarwesen.25 Dies ermöglichte es, in vielen, wenn nicht gar allen diesen Bereichen, Neuerungen einzuführen. Vor allem die Reisen nach England und das Kennenlernen der dortigen ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnisse schlugen sich in einem umfassenden Reformprogramm nieder.26

2.3 Das Reformprogramm von Fürst Leopold III.

Dieses Reformprogramm ging Hand in Hand mit dem Anlegen des Gartens. Aufgrund zahlreicher Kriege herrschte vor allem in den Städten große Armut.27 Diese und das geringe Bildungsniveau galt es zu beheben.28 1766-1770 errichtete Erdmannsdorf ein Armenhaus in Dessau, in dem die Armen der Stadt versorgt wurden. Darauf folgten eine Neuordnung des Gesundheitswesens und der Bau eines neuen Friedhofs, aus Hygienegründen außerhalb der Stadt.29 Auch die Straßen – insbesondere die Fernverkehrsstraßen, die Dessau und die verschiedenen Gartenanlagen miteinander verbanden30 – wurden ausgebaut, vielfach mit einer Allenbepflanzung versehen31 und ständig auf Schadstellen überprüft, wie Zeitgenossen berichten.32 Zusammen mit diesen Verbesserungen führte Fürst Leopold auch ein neues Schulsystem ein, das Philanthropin.33 Statt auf körperlicher Züchtigung beruht es auf Liebe, Zuneigung, Anschaulichkeit des Unterrichts und beinhaltet auch körperliche Ertüchtigung.34 All diese Neuerungen spiegeln sich im Bau des Gartens wider. So, wie der barocke Garten der Inszenierung des Staatsoberhauptes als uneingeschränkter Herrscher dient, stellt sich Fürst Leopold III. durch seinen Landschaftsgarten als aufgeklärter, gerechter und milder Herrscher dar.35 Die Natur ist nicht strengen architektonischen Formen untergeordnet, sondern kann sich vermeintlich frei entfalten, ähnlich wie der Mensch, der sich in einem aufgeklärten Fürstentum frei entfalten kann. Und nicht nur das, jeder durfte den Garten kostenlos betreten und durchwandern.36 Damit hatte Fürst Leopold III. den Engländern etwas voraus, denn, wie er mit Bedauern feststellte, verlangten diese für das Betreten eines Gartens – wenn es denn überhaupt erlaubt war – ein Entgelt.37 Sogar das Schloss konnte besichtigt werden und einem jeden stand die Bibliothek des Fürsten offen.38,39

3. Die Rousseau-Insel

Die Rousseau-Insel40 wurde 1782, vier Jahre nach Rousseaus Tod erbaut.41 Mittig auf der Insel befindet sich eine Urne. Sie steht auf einem Postament, zu dem zwei Stufen hinaufführen und das nach oben hin mit einem an einen Sarkophag-Deckel erinnernden Aufsatz abschließt. Reliefs auf den Seiten des Postaments zeigen einen Eichenkranz, eine Leier, eine Darstellung Rousseaus und eine Inschrift.42 Umgeben ist die Urne von einem Rund aus Pyramidenpappeln.43 Die Inschrift wurde von Fürst Leopold III., selbst gestaltet und lautet:

dem Andenken J.J. Rousseaus

Bürgers zu Genf

der

die Witzlinge zum gesunden Verstand

die Wollüstigen zum wahren Genuss

die irrende Kunst zur Einfalt der Natur

die Zweifler zum Trost der Offenbarung

mit männlicher Beredsamkeit zurückwies

er starb d. II. Jul. MDCCLXXVIII

Diese Rousseau-Insel versinnbildlicht durch ihre Gestaltung und Lage die Geisteshaltung des Fürsten und den philosophischen Gedanken, der den Wörlitzer Anlagen zugrunde liegt44. Schon die Inschrift macht dies deutlich. Die Zeile „die irrende Kunst zur Einfalt der Natur“, die als Synonym für die zwei vorhergegangenen Zeilen „die Witzlinge zum gesunden Verstand“ und „die Wollüstigen zum wahren Genuss“ gesehen werden kann, weist den englischen Landschaftsgarten, der den überbordenden Barockgarten ablöst, als Sinnbild für die Aufklärung aus. Die Insel befindet sich am Eingang des Wörlitzer Parks und bildet so den Beginn des aufklärerischen Konzeptes der Anlage.45 Gleichzeitig ist die Insel ein Bekenntnis des Fürsten zur Philosophie Rousseaus und seinen Betrachtungen über Natürlichkeit, Ästhetik, Bildung und somit einer Verbesserung des Lebens.46 Aspekte, die sich sowohl im Garten, als auch im umfassenden Reform-Programm von Fürst Franz wiederfinden.

Allerdings wird nur der bereits eingeweihte Besucher der vielschichtigen Bedeutung der Insel gewahr. Denn anders als die anderen Inseln im Wörlitzer Park, ist die Rousseau-Insel nicht über eine Brücke oder Fähre zu erreichen und kann nur aus der Ferne betrachtet werden. Es ist für den Unwissenden weder möglich, die Inschrift zu lesen, noch wird auf irgendeine andere Weise klar, dass es sich hierbei um ein Denkmal für Rousseau handelt. Was jedoch für jeden erfahrbar ist, ist die geheimnisvolle Wirkung, die von der Insel ausgeht. Die Urne selbst und die Pappeln, die oft zur Bepflanzung von Begräbnisstätten dienen, weisen die Insel als eine Grabstätte aus. Unklar bleibt für den Betrachter47, ob es sich hier um eine tatsächliche oder eine Scheingrabstätte handelt. So wird der Betrachter gleich zu Beginn seines Besuchs im Park in eine sanft melancholische Stimmung versetzt, die beim Weitergehen sogleich von der Aufheiterung durch die angenehme Natur abgelöst wird. Solche Art von Gefühlswandel beim Durchwandern von Gärten oder auch der freien Natur war äußerst beliebt, um keine Langeweile aufkommen zu lassen.48 Wie genau diese Empfindungen erzeugt werden ist Gegenstand des Kapitels 4.4.

Diese Ambivalenz zwischen der inhaltlichen Bedeutung und deren Erfahrbarkeit macht den elitären Charakter des Reformprogramms von Fürst Leopold III. deutlich. Zwar war es jedem erlaubt, den Garten zu betreten und der Fürst stellte sogar seine Bibliothek der Allgemeinheit zur literarischen Untermalung des Spaziergangs zur Verfügung, doch um die Raffinesse der Anlage zu erkennen und wahrhaft zu erleben, bedurfte es eines besonderen Sinns für Kunst und Gestaltung, der durch Bildung und Vorwissen geschult wird, sowie Zeit und Muße der Betrachtung.

Die Rousseau-Insel hat ein Vorbild im Park von Ermenonville, einem der ersten bedeutenden Landschaftsgärten in Frankreich49. Rousseau, der die letzten Wochen seines Lebens auf Einladung des Marquis de Girardin, des Erbauers des Gartens, in Ermenonville verbrachte, wurde dort 1778 auf der Schwaneninsel, die danach als Pappelinsel50 bezeichnet wurde, beigesetzt.51 52 Die Wörlitzer Rousseau-Insel ist dieser eindeutig nachempfunden: beiden sind das Pappelrund, die Unerreichbarkeit und das Monument in der Mitte gemein. Lediglich der Sarkophag, in welchem Rousseau bestattet wurde, wurde in Wörlitz durch eine Urne ersetzt. Allerdings weist das Postament, auf dem die Urne steht, mit seinen leicht nach oben weisenden Ecken eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Sarkophag auf.

4. Die Einbettung eines Denkmals in die Umgebung

4.1 Landschaftsmalerei und Gartenkunst

Marquis de Girardin verfasste selbst eine Schrift über den Landschaftsgarten, in der er insbesondere auf den Zusammenhang von Landschaftsmalerei und Gartenkunst und Literatur und Gartenkunst eingeht. Denn so, wie die Landschaftsmalerei und Literatur es zur Aufgabe haben, die Schönheit der Natur darzustellen, soll auch der Landschaftsgarten die ideale Natur widerspiegeln, möglichst ohne, dass man ihm die Eingriffe des Gartenarchitekten zu deutlich ansieht.53 Girardin kann zwar dem strengen Barockgarten nichts abgewinnen, doch auch eine gänzlich ungestaltete Natur sei unansehnlich.54 Es bedürfe „Geschicklichkeit und Geschmack“ (Girardin S. 46), um die Natur so anzuordnen, dass eine interessante Landschaft entsteht. Schon, dass er den Begriff der Landschaft verwendet, zeigt die Nähe der Gartenkunst zur Landschaftsmalerei, denn über dieses Genre ist der Begriff überhaupt erst entstanden. Auch wenn wir heute mit Landschaft eher die uns umgebende Natur verbinden, bedeutet Landschaft im ursprünglichen Sinne immer etwas Gemachtes, etwas Konstruiertes.55 (Vielleicht sind wir von diesem Sinn auch heute gar nicht so weit entfernt, da wohl jede Natur und jeder Ausblick heute „gemacht“ und vom Menschen beeinflusst und nicht ursprünglich ist.) Die Landschaftsmalerei unternimmt den Versuch, eine ideale Natur darzustellen, die möglichst viele Reize der Natur auf engem Raum zusammenstellt. Es geht nicht darum, eine reale Ansicht wiederzugeben. Im Gegenteil, die echte Natur kann diesem Anspruch gar nicht gerecht werden. Landschaftsmaler wie Nicolas Poussin oder Claude Lorrain haben mit ihren Ideallandschaften zu einem neuen Verhältnis der Schönheit der Natur gegenüber geführt. Der Landschaftsgarten soll diese erfahrbar machen. Allerdings tut sich hier ein Konflikt auf. Die ideale Landschaft, eine Utopie, soll nun in die Realität umgesetzt werden, was ein Widerspruch an sich ist. Das macht den Garten zu einer Heterotopie.56 Dieser Anspruch des Landschaftsgartens ist nicht objektiv messbar. Erst durch den Blick des Betrachters wird die Natur zum Bild und damit zur Landschaft.57

Vor allem William Kent orientiert sich in seinen Gärten stark an der Landschaftsmalerei. In Rouseham und Stowe setzt er die Gebäude und Kunstwerke so in die Landschaft, wie es den Regeln der Landschaftsmalerei entspricht, bezieht auch das Panorama mit ein, das mit dem Vorder- und Mittelgrund eine harmonische Einheit bildet.58 Auf diese Einheit legt auch Girardin höchsten Wert. Er rät deshalb dazu, den Garten nicht mit den Details zu beginnen, sondern vom Haus aus die Natur zu betrachten und den Garten nach dem gegebenen Umland, das entsprechend einem Gemälde den Hintergrund bildet, zu konzipieren.59 Hieraus soll die Hauptansicht entstehen, die, indem alle Gegenstände ihr untergeordnet sind, ein harmonisches Ganzes bilden.60 Ihr soll die ungeteilte Aufmerksamkeit zuteilwerden. Anders als bei einem Gemälde, erfährt man einen Garten auch durch Bewegung, welche, wie wir später noch sehen werden, eine wichtige Rolle spielt. So ergeben sich neben der Hauptansicht, bzw. dem Hauptgemälde, wie Girardin schreibt, auch Nebenansichten. Diese bilden die einzelnen Partien, sie sollen für sich alleine wirken, sind aber trotzdem dem Hauptgemälde untergeordnet.61 Wie auch bei einem Gemälde oft eine Repoussior-Figur62 das Geschehen rahmt, sollen nach Girardin die einzelnen Szenen63 ebenfalls mittels Bepflanzung umrahmt werden.64

Was an Girardins Schrift auffällig ist, ist die zunehmende Verschmelzung der Malerei und der Gartenkunst. Stellt er zu Beginn gewisse Regeln für die Malerei auf, die er dann auf die Natur überträgt65, springt er später zwischen den beiden Gattungen hin und her, ohne zwischen ihnen zu unterscheiden.66 Gegen Ende setzt er sie absolut gleich, indem er den Bauherren, den „Herren Künstler[n]“(Girardin S. 49), seine Vorgaben als „die Regel eures Gemäldes“(Girardin S. 49) darstellt. Hier bezeichnet er den Garten unumwunden als Gemälde.

Hirschfeld plädiert im ersten Band seiner Theorie der Gartenkunst dafür, auch Landschaftsmaler bei der Gestaltung von Gärten mitwirken zu lassen. Außerdem bittet er um Beschreibungen und Zeichnungen echter Gärten und betont hierbei, dass ihm eine Detailzeichnung lieber sei, als ein Grundriss des Gartens.67 Diese scheint für ihn also mehr über den Garten auszusagen. Das verdeutlicht noch einmal die Nähe der Gartenkunst zur Landschaftsmalerei, zeigt aber auch, dass beim Gestalten des Gartens der Fokus darauf liegt, wie der Garten vom Betrachter wahrgenommen und empfunden wird und die Komposition des Gartens darauf hin angelegt wird. Außerdem entsteht hier eine deutliche Abgrenzung zum Barockgarten, des sich an der Architektur orientierte.68

4.2 Literatur und Gartenkunst

Die Grundlage für den Landschaftsgarten und die große Beliebtheit, derer er sich erfreute und noch heute erfreut, ist die Romantik.69 Auch in der Literatur wird die Natur zum wichtigen Thema. Die wohl bekanntesten Beispiele sind Goethes „Werther“ und „Wahlverwandtschaften“. Werther sucht in seinem Kummer immer wieder in der Natur Zuflucht.70 In Wahlverwandtschaften finden sich viele Landschaftsbeschreibungen und der Leser kann die Gestaltung eines Gartens hautnah miterleben. Hier gibt Goethe eine Anleitung, wie seiner Auffassung nach ein Garten zu planen sei, nämlich nicht nach einem Gesamtplan am Reißbrett, sondern bei Spaziergängen und der Betrachtung der Natur solle entschieden werden, was zu verändern sei.

[...]


1 Alex, Reinhard, Wörlitz. Berlin 1993, S.5

2 Hirsch, Erhard, Dessau-Wörlitz. Aufklärung und Frühklassik. Kulturreisen in Sachsen-Anhalt Bd. 5, Halle 2006, SS.33, 37

3 Alex 1993 S.5

4 Hirsch 2006, S. 242 und 247

5 Hirsch 2006, S.247

6 Hirsch 2006, S. 7

7 Hirsch 2006, S.178-200

8 Schumacher, Horst, Das ganze Land ein Garten. The whole land a garden, Potsdam 1998, S. 97

9 Abbildung 1

10 Norbert Eisold, Das Dessau-Wörlitzer Gartenreich. Ein Traum von der Vernunft, Rostock 2000, S. 126

11 Abbildung 2

12 Hirsch 2006, S. 37

13 Abbildung 3

14 Abbildung 4

15 Hirsch 2006, S. 38

16 Niedermeier, Michael Freimaurer und Geheimbünde in den frühen Landschaftsgärten der Aufklärung. In: MArkadische Kulturlandschaft und Gartenkunst. Würzburg 2010, S. 139

17 Niedermeier 2010, S. 139, 140

18 Niedermeier 2010, S. 139

19 Hirsch 2006, S.38

20 Hirsch, Erhard, Wörlitzer Anlagen, Leipzig 1989, S. 3

21 Hirsch 2006, S.39

22 Hirsch 2006, S.43

23 Hirsch 2006, S.39

24 Hirsch 2006, S.56

25 Schumacher 1998, S. 90, 95

26 Schumacher 1998, S. 95

27 Hirsch 2006, S.68

28 Hirsch 2006, S.69

29 Hirsch 2006, S. 71-72

30 Hirsch 2006, S. 164

31 Hirsch 2006, S.164

32 Hirsch 2006, S.74

33 Hirsch 2006, S. 5

34 Niedermeier 2010, S. 149

35 Niedermeier 2010, S. 152

36 Alex 1993, S.6

37 Niedermeier 2010, S. 148

38 Hirsch 2006, S.8

39 Alex 1993, S.6

40 Abbildung 5 und 6

41 Alex 1993, S. 3

42 Kleinschmidt, Harald/Buffe, Thomas, Denkmalverzeichnis Sachsen-Anhalt. Dessau-Wörlitzer Gartenreich, MHalle 1997, S. 215

43 Ebd.

44 Ebd.

45 Kleinschmidt/Buffe 1997, S. 215

46 Eisold 2000, S. 130

47 Gemeint ist hier der Besucher des Gartens, der Spaziergänger. Aufgrund der Nähe der Gartenkunst zur MLandschaftsmalerei halte ich den Begriff „Betrachter“ für passend, auch wenn der Parkbesucher durch Mkörperliche und geistige Teilnahme das Gartenkunstwerk anders erfährt als ein Gemälde und sogar aktiv an Mdiesem mitwirkt.

48 Hennebo, Dieter/Hoffmann, Alfred, Geschichte der deutschen Gartenkunst. der Landschaftsgarten, Bd. 3, MHamburg 1963, S.121

49 Foramitti, Hans, in: irschfeld, Christian Cay Lorenz, Theorie der Gartenkunst I. 5 Bände in zwei Bänden. MHildesheim/New York 1973, Erstveröffentlichung: Leipzig 1779-1780, S.10

50 Abbildung 7

51 Niedermeier 2010, S.146

52 Schon 1794, also nur 6 Jahre später, wurde Rousseau ins Pantheon überführt. (Michael Seiler, S.34)

53 Girardin, de la composition des payages, ou des moyens d’embillir la Nature autour des habitations, enjoignant Ml’agréable à l’utilite. Paris 1777, in: Die Gärten von Ermenonville. Berlin 2007, S.46

54 Girardin 1777, S. 46

55 Siegmund, Andrea, Die romantische Ruine im Landschaftsgarten. Ein Beitrag zum Verhältnis der Romantik zu MBarock und Klassik, Würzburg 2002, S. 63

56 Jürgen Wiener, Villani: Überlegungen zur Wiedergeburt und Performanz einer skulpturalen Aufgabe. in: MSchweizer, Stefan (Hg.), Gärten und Parks als Lebens- und Erlebnisraum. Funktions- und Mnutzungsgeschichtliche Aspekte der Gartenkunst in Früher Neuzeit und Moderne, Worms 2008, S. 35

57 Siegmund 2002, S. 62

58 Buttlar, Adrian von, Der Landschaftsgarten. Gartenkunst des Klassizismus und der Romantik. Köln, 1989. S.43, M44

59 Girardin 1777, S. 49, 50

60 Girardin 1777, S. 49

61 Girardin 1777, S. 61

62 Abbildung 8

63 Abbildung 9

64 Girardin 1777, S. 57

65 Girardin 1777, S.48

66 Girardin 1777, S.49

67 Foramitti 1973, S.13

68 Piatti, Barbara, Rousseaus Garten. Eine kleine Kulturgeschichte der St. Petersinsel von Jean-Jacques Rousseau Müber die Schweizer Kleinmeister bis heute, Basel 2001, S. 103

69 Foramitti 1973, S. 5

70 Piatti 2001, S. 89

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Die Rousseau-Insel im Wörlitzer Park. Wie stehen Denkmal und Natur im deutschen Landschaftsgarten zueinander?
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
33
Katalognummer
V508710
ISBN (eBook)
9783346069474
ISBN (Buch)
9783346069481
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rousseau-insel, wörlitzer, park, denkmal, natur, landschaftsgarten
Arbeit zitieren
Sophie Schmidt (Autor), 2016, Die Rousseau-Insel im Wörlitzer Park. Wie stehen Denkmal und Natur im deutschen Landschaftsgarten zueinander?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508710

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