Systemisches Arbeiten. Welchen Nutzen hat es im Kinderschutz?


Studienarbeit, 2018

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsbestimmungen
2.1 Systemisches Arbeiten
2.2 Kinder- und Jugendhilfe
2.3 Kindeswohlgefährdung
2.3.1 Formen der Kindeswohlgefährdung
2.3.2 Folgen einer Kindeswohlgefährdung für das Kind
2.4 Kindliche Bedürfnisse nach Brazelton und Greenspan

3 Prozess der Inobhutnahme durch das Jugendamt

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In dieser Studienarbeit wird die Systemische Arbeitsweise beschrieben und über deren Nutzen im Kinderschutz diskutiert. Die zielführende Frage dazu lautet: „Welche Chancen bietet das frühzeitige systemische Arbeiten im Unterstützungssystem einer Familie, um eine Inobhutnahme des Kindes entweder abwenden oder ihren Verlauf im notwendigen Fall bestmöglich zu gestalten?"

Zu Beginn werden für das Thema relevante Begriffe und deren Kontext ausführlich erklärt. Vor diesem Hintergrund wird dann der Prozess der Inobhutnahme durch das Jugendamt, sowohl mit als auch ohne systemische Arbeitsweise, beschrieben. Anschließend folgt eine Diskussion über den Nutzen des systemischen Arbeitens im Kinderschutz, bevor es zu einem abschließenden Fazit kommt.

2 Begriffsbestimmungen

2.1 Systemisches Arbeiten

Systemisches Arbeiten kann grob dargestellt in sieben verschiedene Ansätze unterteilt werden. Es gibt den strukturellen Ansatz, den entwicklungsorientierten Ansatz, den strategischen Ansatz und das Mailänder Modell. Hinzu kommt der lösungsorientierte Ansatz, mit welchem sich die vorliegende Arbeit näher befassen wird, sowie der narrative und sozialkonstruktionistische Ansatz und der systemisch-phänomenologische Ansatz. (Pfeifer-Schaupp, 2002, S. 19f.)

Der lösungsorientierte Ansatz entwickelte sich aus dem Konstruktivismus heraus, wobei angenommen wird, dass es keine absolute Wahrheit gibt. Vielmehr geht man davon aus, dass jeder Mensch seine eigene Wahrheit habe und sich seine eigene Wirklichkeit durch Denken, Sprache und Handeln konstruiere. Aus dieser Annahme hat sich ein Menschenbild entwickelt, das in der Arbeit mit Klienten oftmals hilfreich sein kann:

Kein Mensch handelt aus Bosheit destruktiv. Jeder macht von sich aus gesehen das Bestmögliche, er handelt so, weil er im Moment nicht anders handeln kann, weil ihm nichts Besseres einfällt. Jedes Verhalten ist immer ein Lösungsversuch, manchmal mit negativen Auswirkungen. (Baeschlin & Baeschlin, 2001, S. 16)

Von Steve de Shazer wurden drei Fragen formuliert, die den Prozess der lösungsorientierten Gesprächsführung sehr knapp darstellen: Was will der Klient? Was kann der Klient tun? Was ist der nächste Schritt? Er fragt also, was das Ziel des Klienten ist, welche Ressourcen ihm zur Verfügung stehen und was er tun muss um an dieses Ziel zu gelangen. (Baeschlin & Baeschlin, 2001, S. 24)

Ein weiterer Baustein im Systemischen Arbeiten ist das Refraiming. Dabei werden im vermeintlich negativen Verhalten oder im Problem die Ressource gesucht. Damit wird dem Klienten Wertschätzung entgegengebracht und er kann „[...] sich als in Ordnung erleb[en]‘‘ (Baeschlin & Baeschlin, 2001, S. 22). Im Optimalfall bekommt der Klient durch das Refraiming auch einen neuen Blickwinkel oder er kann sein Verhalten leichter neu ausrichten.

Ein Leitfaden für ein lösungsorientiertes Beratungsgespräch in zehn Schritten wurde von Spiess (1998) entworfen. Die Zehn Schritte sind nicht als starrer Ablauf genau in dieser Reihenfolge durchzuführen, sondern vielmehr soll individuell in der jeweiligen Situation reagiert werden. Zu Beginn steht die Begrüßung des Klienten, sowie die Abklärung der Erwartungen an das bevorstehende Gespräch, also was passieren müsste, damit sich das Gespräch für den Klienten gelohnt hat. Anschließend beschreibt der Klient sein Anliegen, warum er in der Beratung ist um daraufhin einen hypothetischen Lösungszustand zu konstruieren. Hierfür wird meist die Wunderfrage angewendet: Der Klient wird gefragt, was anders wäre, wenn ein Wunder geschehen ist. Somit wird über die aktuelle Situation auf Veränderungen hinausgeblickt und auch eventuelle Konsequenzen des erwünschten Zustandes werden aufgezeigt. Der Klient kann sich im besten Falle selbstständig eine Lösung erarbeiten. Dadurch wird auch sein Selbstbewusstsein gestärkt. Der fünfte Schritt besteht aus der Suche nach Ausnahmen, also Momenten, in denen das Problem nicht auftritt. Schritt sechs dient dazu nochmals Informationen zu sammeln, die weiterhelfen können. Beispielsweise woran genau erkannt wird, dass das Problem in einem Moment vorherrscht und im anderen Moment nicht da ist. Danach wird der Klient nochmals zur individuellen Reflexion angeregt. Dabei kann auch die Skalierungstechnik angewandt werden, bei der der Klient seine Wahrnehmung der Situationen auf einer Skala von null bis zehn einordnet. Wenn ein Klient seinen aktuellen Zustand einer fünf zuordnet können anschließend die Punkte aufgegriffen werden, die für ihn bei einer sechs oder sieben ganz anders aussehen würden. Häufig zeigen sich darin dann Lösungsansätze oder Motivationen für den Klienten. Die Skalierungstechnik eignet sich, wie auch die Wunderfrage, gut für die Arbeit mit Kindern, da beide Arbeitsprozesse sich sehr leicht gestalterisch darstellen lassen. Deutlich wird in der Beschreibung des Gesprächsablaufes der Status des Klienten als Experte für sich selbst. Denn während des kompletten Verlaufes begleitet der Beratende, gibt jedoch keine Lösungsvorschläge, so dass der Klient selbst den Lösungsweg für sein Problem erkennen kann. Im achten Schritt des Gespräches wird der Klient bzw. seine Stärken gewürdigt, indem ihm ehrliche und zielorientierte Komplimente gegeben werden. Am Ende der Beratung kann nochmals kurze Zeit zum Nachdenken gegeben werden. Häufig wird dies genutzt damit jeder das Besprochene für sich einordnen kann. Danach können noch Anregungen des Beraters mit in die Lösungsvereinbarung einfließen und abschließend Gute Wünsche geäußert werden.

(Baeschlin & Baeschlin, 2001, S. 25-29; Spiess, 1998, S. 53; zitiert nach Zeyringer, 2010, S. 15f.)

Zu beachten ist, dass es sich zwar um ein methodisch professionell geführtes Gespräch handelt, dieses aber nicht mit einer Behandlung von (psychischen) Erkrankungen gleichzusetzen ist.

Ein wie oben beschriebenes Beratungsgespräch kann als systemisches Arbeiten auf der Reflexionsebene verstanden werden. Die Alternative zur Reflexionsebene ist die Alltagsebene.

Um die lösungsorientierte Arbeit etwas leichter zu gestalten gibt es einige hilfreiche Fähigkeiten: Die Fähigkeit des Nichtwissens implementiert das Zurückstellen eigener Vorstellungen und Werte, denn der Klient soll der Experte für sein Leben sein. Die Kunst des Zuhörens beschreibt in erster Linie die Neugier darüber, was dem Klienten bereits gelingt und was ihm wichtig ist. Zudem kommt die Fähigkeit des (wachsamen) Schweigens, welche dazu dient dem Klienten Zeit für die innere Reflexion der gestellten Frage zu geben und sein Schweigen zu respektieren. Zu den Fähigkeiten gehört auch die Sprache des Klienten zu verwenden, sprich bestimmte Worte des Klienten in eigenen, lösungsorientierten Sätzen verwenden. Eine weitere Fähigkeit besteht darin, „den Spieß umzudrehen“. Dahinter verbirgt sich die Aufgabe sich selbst beim Problemlösen zurückzunehmen, so dass der Klient beginnt mehr in seine Ziele zu investieren. Bereits Gesagtes zusammenzufassen und an Ziele gekoppelte Komplimente geben zu können, die nicht nur leere Phrasen sind, beschreiben die letzte Fähigkeit. (Baeschlin & Baeschlin, 2001, S. 30-34)

2.2 Kinder- und Jugendhilfe

Die Aufgaben, Zuständigkeiten und Hilfsmöglichkeiten der Kinder- und Jugendhilfe sind im SGB VIII geregelt. In § 1 sind drei „Leitsätze“ formuliert, die als Grundlage für die Arbeit gesehen werden können: „Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit.“ Der zweite Absatz besagt, dass die „Pflege und Erziehung der Kinder [...] das natürliche Recht [und die Pflicht] der Eltern [ist, über deren Ausführung der Staat wacht] [...]“. In Absatz drei sind dann die Aufgaben der Jugendhilfe genauer definiert. Sie soll jungen Menschen helfen sich individuell und sozial zu entwickeln, ohne dass Benachteiligungen entstehen bzw. bestehen bleiben. Zudem sollen den Kindern und Jugendlichen gute Lebensbedingungen geschaffen/ erhalten werden, so dass sie möglichst in ihrer Familie aufwachsen können. Sie sollen vor Gefahren bewahrt werden und „Eltern und andere Erziehungsberechtigte sollen bei der Erziehung beraten und [...] [unterstützt werden].“ (SGB VIII §1, 1990)

Einer Gefährdung kann beispielsweise durch Information und Beratung im Rahmen der erzieherischen Kinder- und Jugendhilfe bereits präventiv entgegengewirkt werden. Falls die präventive Arbeit nicht ausreicht ist es wichtig eine Kindeswohlgefährdung auszuschließen. Falls dies nicht geschehen kann ist es Aufgabe des Jugendamtes Kinder und Jugendliche in akuter Gefahr in Obhut zu nehmen und gemeinsam nach geeigneten Hilfen zu suchen. (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2014, S. 32)

Sowohl Jugendämter, als auch Träger der freien Jugendhilfe erbringen die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Dadurch entsteht ein buntes Programm an verschiedenen Vereinen und Aktionen. Zu dieser Vielfalt von Angeboten kommt das „Gebot der partnerschaftlichen Zusammenarbeit der verschiedenen Träger [...] unter Beteiligung der Kinder und Jugendlichen an allen sie betreffenden Entscheidungen [...]“ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2014, S. 13). Es wird auch darauf geachtet Entscheidungen in einem Team aus Fachkräften zu treffen, vor allem wenn es um Entscheidungen in Bezug auf eine Kindeswohlgefährdung geht. Die Unterstützung der Familie gehört selbstverständlich mit in die Arbeit der Kinder- und Jugendhilfe. So kann auch über eine eventuelle Rückkehr des Kindes in die Familie beraten werden und die getroffenen Entscheidungen können beruhend auf der aktuellen Lage neu überprüft werden. (Dreber, 2009)

Zur Unterstützung der Familie gehört auch die Förderung der Erziehung in der Familie. Da es heutzutage vielfältigste Konstellationen von Familien gibt sind viele unterschiedliche Hilfsangebote möglich, zwischen denen je nach Bedarf entschieden wird: Erziehungsberatung, Sozialpädagogische Familienhilfe, Soziale Gruppenarbeit und Erziehungsbeistände zählen zu den Familienunterstützenden Hilfen. Eine weitere Arbeitsform sind Familienergänzende Hilfen. Diese können in Form von Tagesgruppen, Sozialpädagogischer Tagespflege oder auch gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder erbracht werden. Zu den Familienersetzenden/ Familienergänzenden Hilfen gehören sowohl die Vollzeitpflege, die Heimerziehung bzw. sonstige Wohnformen, als auch die intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung. (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2014, S. 41)

2.3 Kindeswohlgefährdung

Der Begriff „Kindeswohlgefährdung“ ist ein sogenannter „unbestimmter Rechtsbegriff“. Das heißt, es gibt keine einheitliche Definition. Dadurch variiert das Verständnis einer Kindeswohlgefährdung sowohl zwischen verschiedenen Professionen, von Eltern zu Eltern und nicht zuletzt von Kultur zu Kultur.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Systemisches Arbeiten. Welchen Nutzen hat es im Kinderschutz?
Hochschule
MSB Medical School Berlin - Hochschule für Gesundheit und Medizin
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V508892
ISBN (eBook)
9783346084088
ISBN (Buch)
9783346084095
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Systemisches Arbeiten, Kindliche Bedürfnisse, Inobhutnahme, Kinder- und Jugendhilfe
Arbeit zitieren
Maike Gillwaldt (Autor), 2018, Systemisches Arbeiten. Welchen Nutzen hat es im Kinderschutz?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508892

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