Gottes "Einwohnung" im Islam. Eine kurze Begriffsgeschichte der Sakȋna


Ausarbeitung, 2018
9 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Sakîna im Koran
1.2 Schekhina - Die Braut Gottes

2. Der Begriff nimmt sich in sich auf
2.1 Sakîna als subjektiver Gemütszustand
2.2 Sakîna in den Hadithen

3. Abschließende Betrachtung

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

In unterschiedlichen Kontexten, kann Sakîna unterschiedliche Bedeutungen annehmen, bedeutet aber unter anderem Seelenruhe, Heiligkeit, Anwesenheit Gottes oder göttliche Kraft. Welche Bedeutung Sakîna inne liegt und wie sich ihre Bedeutung wandelt wird hier kurz dargestellt werden. Der Begriff macht einen Transferprozess deutlich, welcher die Geschichte und die Kultur des Judentums und des Islams in ein enges Verhältnis zueinander bringt. An der Entwicklung des Wortes Sakîna wird eine Befruchtung der Religionen untereinander deutlich und ihre kulturelle Nähe tritt stärker zu Tage. Die Vieldeutigkeit des Wortes bietet aber womöglich, durch die Art wie es mit Bedeutung angereichert wird, einen neuen Blick auf den Islam. Edas Wort wird eine Projektionsfläche und von Gläubigen und Würdenträgern gleichermaßen mit Bedeutung angereichert. Diese Arbeit wird Ignaz Goldzihers Ausführungen über den Begriff Sakîna im ersten Teil seiner Abhandlungen zur arabischen Philologie[1] folgen. Darüber hinaus, wird anhand von Clemens Thomas Arbeit am Begriff Schekhina [2] versucht die Bedeutung des ersteren Wortes genauer einzugrenzen. Die Eingrenzung wird erschwert durch die nicht klar definierte Natur des Begriffs, welche die Beschäftigung mit ihm aber umso reizvoller macht.

1.1 Sakîna im Koran

Sakîna ist als Lehnwort aus dem Hebräischen in die arabische Sprache übergegangen und entzieht sich deshalb zunächst klarer Sinnzuschreibungen. Goldziher zu Folge sind bereits im Altertum, „sowohl in der Anwendung als auch in der Erklärung des Wortes, verschiedene Auffassungen“ vertreten worden.[3] Eine „völlig einheitliche Bestimmung dessen [zu bieten], was die Muhammedaner darunter verstehen“ ist nicht möglich.[4] Je nach Sure können sich verschiedene Bedeutungen unter ihm vereinen. Ein Aspekt des Begriffs finde sich in dem der ‚Seelenruhe‘ wieder. Diese wird hier als eine göttliche Sicherheit gedacht. Doch auch beide zusammen werden dem Begriff nicht gerecht und es zeigt sich in der Verwendung im Koran, dass diese Bedeutungen nicht ausreichen können, um sich seinem Inhalt zu nähern.[5] Muhammed selbst habe das Wort „flüchtig aufgerafft und […] nicht übereinstimmende Vorstellungen damit verbunden“, die sich gänzlich von der jüdischen šekīnah unterscheiden.[6]

„Und ihr Prophet sagte zu ihnen: ‚Das Zeichen seiner Königsherrschaft sei, daß (unter ihm) die Lade (wieder) zu euch kommt, getragen von den Engeln, (ausgestattet) mit Sakîna und Baqȋja von eurem Herrn, Hinterlassenschaft der Sippe Moses und Derjenigen Aarons. Darin liegt für euch ein Zeichen, wenn (anders) ihr gläubig seid.‘ [Hervorhebung im Original]“[7]

Sakîna steht hier Synonym für Gottes Präsenz unter den Gläubigen, indem sie in enge Verbindung zur Bundeslade gebracht wird, welche gemeinhin „als Thronsitz des unsichtbaren Gottes gedeutet werden kann“.[8] Die verschiedenen heiligen Phänomene geben sich durch ihre narrative Nähe zueinander, gegenseitig Gewicht. Der obige Vers treibt somit die Einbettung von Sakîna in den Glauben voran, indem sie an Gottes Thron und seine unsichtbare Anwesenheit gebunden wird. Die Lade ist angereichert mit Sakîna und wo die Lade ist, ist Gott unter den Menschen. So wird Gottes unsichtbare Anwesenheit unter den Gläubigen sprachlich repräsentiert durch Sakîna. Diese Darstellung sei aber ausdrücklich eine Ausnahme vom regelhaften Gebrauch des Wortes im übrigen Koran. Goldziher zitiert hierzu Ibn cAbbâ, dem zu Folge jedes Sakîna im Koran ‚Ruhe‘ bedeute, außer das hier erwähnte.[9]

„[Eure große Menge] half euch aber nichts, und euch wurde angst und bange. Dann sandte Gott seine Sakîna auf seinen Gesandten und auf die Gläubigen herab, und er sandte (zu eurer Unterstützung) Truppen, die ihr nicht sahet, (vom Himmel) herab und bestrafte die Ungläubigen.“[10]

Die hier hervortretende Vorstellung des Begriffs, ähnelt der zuvor beschriebenen. Allerdings unterscheidet sie sich auch in zentralen Punkten: Sakîna ist hier nicht mehr Gottes Anwesenheit. Vielmehr stellt sie einen Teilaspekt seines Wesens dar, der auf seine Anhänger wirken und seine Feinde besiegen kann. Es bleibt also zu klären, ob an dieser Stelle Sakîna und die unsichtbaren Truppen zweierlei Phänomene oder aber ein und dasselbe sein sollen. Die Form der Aufzählung legt erstere Vermutung nah, allerdings stärkt die spätere Verwendung in der gleichen Sure letztere Annahme: „Da sandte Gott seine Sakîna auf ihn herab und stärkte ihn mit Truppen (vom Himmel), die ihr nicht sahet.“[11] Ebenfalls als Aufzählung formuliert, entsteht hier aber der Eindruck, dass die Stärke vielmehr der Effekt der empfundenen Sakîna ist. Die unsichtbaren Truppen sind also womöglich nicht wörtlich zu nehmen, sondern erfüllen die Aufgabe, die Macht Gottes und den Effekt „seiner Sakîna “ für den Gläubigen fassbar zu machen. Goldziher zu Folge sei es aber „sehr unwahrscheinlich, dass damit ein subjectiver Seelenzustand des Menschen gemeint ist. [Hervorh. im Original]“[12] Was die Essenz von Sakîna ist, bleibt vorerst fraglich. Im folgenden Kapitel soll ihr jüdischer Ursprung untersucht werden, um die Wurzel des Begriffs und seine Verwendung zu klären.

1.2 Schekhina - Die Braut Gottes

„Die Schekhina gilt als die ausfließende, herauskommende Kraft Gottes, die alles Irdische hervorbringt, korrigiert und schließlich wieder mit sich in Gott hinein begleitet. [Hervorh. im Original]“[13] Clemens Thoma bringt den jüdischen Begriff der Schekhina hier stark verdichtet auf den Punkt. Nun ist aber zu klären, wie sich ihre Eigenschaften zeigen und worin sie ihren Ursprung haben. Anhand der aussagekräftigsten Stellen in Thomas Arbeit werden wir versuchen uns diese vor Augen zu bringen und ihre Verbindung zur Sakîna herausarbeiten.

Wörtlich bedeutet Schekhina etwa „<Einwohnung>, <Domizil> […] [oder] <Gegenwärtigkeit Gottes>.“[14] Seinen Ursprung hat das Wort im Verb „sch-k-n“, welches etwa ‚gegenwärtig sein‘ bedeutet.[15] Im Hebräischen liest sich der Vers 45 in Exodus 25 „Ich habe inmitten der Israeliten gewohnt“[16] als „ schakhanti betokh bne Israel “.[17] Gott proklamiert in diesem Vers sein Nähe zum leidenden Volk Isreal, welches sich selbst als das von Gott erwählte betrachtet. Die Schekhina, als Aspekt der Göttlichkeit, schafft hier die Möglichkeit seine gleichzeitige Anwesenheit unter all seinen Gläubigen zu erklären, ohne seine Allmacht zu gefährden und ohne Gott vollständig in die Welt holen zu müssen.[18] Thoma postuliert, dass die Schekhina aus dem ähnlich klingenden „ schokhen ad“ heraus entwickelt worden ist und die Bedeutung Teil des Begriffs Schekhina wurde.[19] Schokhen ad bedeute ewig thronend. Gottes Erhabenheit über Alles Weltliche ist hier mit der Anwesenheit in der Gemeinde mitgedacht. Diese spezielle Bedeutung von Schekhina ist derjenigen von Sakîna in Sure 2, 248 nahezu identisch. Diese Sure, welche (wie oben beschrieben) gemeinhin als Ausnahme in der Verwendung von Sakîna gilt, kommt also der Bedeutung ihrer Urquelle fast gleich.

Bei Jesaja 57, 15 entsteht eine Spannung, wenn nicht gar ein Widerspruch im jüdischen Gottesbild, der nach einer Auflösung verlangt: „Er, der hohe und erhabene Gott, der Heilige, dessen Thron ewig steht, sagt: ‚Ich wohne in der Höhe, in unnahbarer Heiligkeit. Aber ich wohne auch bei den Gedemütigten und Verzagten, ich gebe ihnen Hoffnung und neuen Mut!‘“ Die Lösung dieser eschatologischen Gespanntheit, welche sich aus Unantastbarkeit und gleichzeitiger Nähe ergibt, findet sich in der Schekhina realisiert: Sie sei „die mitleidende und rettende Herrlichkeit Gottes […]. Sie gilt als Braut Gottes, die sich auch als rettende Braut mit dem von Gott erwählten Volk Israel verbindet“ und mit ihm nach der Flucht aus Ägypten gelitten habe.[20] Schekhina, deren grammatikalisches Genus im Hebräischen ebenfalls weiblich ist, wird die Vermittlerin zwischen Gott und seinem Volk. Die Darstellung als Femininum geht auf die Versprachlichung in Exodus 3, 16 zurück. Hier seien die von Gott beobachteten Ereignisse „in femininer Form ausgedrückt worden.“[21] Ähnlich wie bei Jesus von Nazareth im Christentum, wird hier von einem Teil Gottes berichtet, welcher sich mit den Menschen verschwistert habe. Gott teilte auf diese Weise das Leid seines Volkes und erleichtert durch seine mittelbare Anwesenheit ihre Last. Es werde „[m]ehrmals […] im rabbinischen Schrifttum betont, dass Gott mit seinem Bundesvolk a l s Schekhina überall im Exil verweilt“ habe.[22] [Hervorh. des Verfassers] So sichert sie -wie auch der gottmenschliche Jesus im Christentum- die Unifikation am Ende der Weltgeschichte; das „kommunale Hineinkommen in das ewige Reich Gottes.“[23]

2. Der Begriff nimmt sich in sich auf

Gott begleitete die Israeliten in ihrem Exil als Schekhina in Form einer sprechenden Wolke, die zunächst nur den Berg Sinai einhüllte und schließlich seine Wohnung in der, von Moses errichteten, Stiftshütte unter dem Volk Israel nahm.[24] Sie strukturierte die Reise der Israeliten, indem sie gebot, wann man zu rasten hatte und wann die Wanderung wieder aufzunehmen sei. Diese Anschaulichkeit bezieht sich für lange Zeit aber nur auf die jüdische Schekhina. Wie an einigen Stellen in dieser Arbeit bereits ausgeführt, veränderte sich die Verwendung des Begriffs Sakîna derart, dass sie mit derjenigen von Schekhina zeitweise nichts mehr gemein hatte. Dennoch kommt der Begriff über gewisse Umwege schließlich zu seinen Wurzeln zurück.

[...]


[1] Goldziher, Ignaz: Abhandlungen zur arabischen Philologie. Erster Theil. Leiden: Buchhandlung und Druckerei vormals E. J. Brill 1896.

[2] Thoma, Clemens: Die "Schekhina" als zentraler jüdischer Glaubensinhalt. In: Konradt, M. und Schwinges, R. C. (Hrsg.): Juden in ihrer Umwelt. Akkulturation des Judentums in Antike und Mittelalter. Basel: Schwabe Verlag 2009. S. 49–55.

[3] Goldziher. S. 179.

[4] Ebd.

[5] Ebd. S. 180.

[6] Ebd. S. 178.

Goldziher geht gar soweit Muhammed Ungebildetheit vorzuwerfen:

„Das Naheliegendste ist wohl, vorauszusetzen, dass Muhammed, der keinen bestimmten Begriff mit dem unverstandenen Fremdworte verband, dasselbe hier, in der unangemessenen Weise, wie ungebildete Menschen aller Zeiten mit nicht gehörig erfassten Fremdwörtern an unpassender Stelle zu prunken pflegen.“ S. 181.

[7] Q 2, 248

[8] Die Lexikon-Bibel. S. 403.

[9] Vgl. Goldziher. S. 181.

[10] Der Koran. 9, 25f.

[11] Ebd. 9, 40.

[12] Goldziher. S. 180.

[13] Thoma. S. 50f.

[14] Ebd. S. 49.

[15] Vgl. Ebd.

[16] Ex. 29, 45f.

[17] Thoma. S. 49.

[18] Der christlich-jüdische Gott kann nicht Raum und Zeit unterworfen sein, da in diesem Glaubenssystem beide durch die Schöpfung aus ihm hervorgegangen seien. Er muss somit außerhalb dieser Dimensionen existieren, da er sonst seine Allmacht und Außerweltlichkeit notwendig einbüßen würde.

[19] Vgl. Thoma. S. 51.

[20] Ebd. S. 52.

[21] Ebd.

[22] Ebd. S. 53.

[23] Ebd. S. 54.

[24] Exodus 40, 34.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Gottes "Einwohnung" im Islam. Eine kurze Begriffsgeschichte der Sakȋna
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Judentum und Islamwissenschaften
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
9
Katalognummer
V509010
ISBN (eBook)
9783346079534
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sakina, Schekhina, Koran, Judentum, Islam, Begriffsgeschichte, Goldziher, Hadith
Arbeit zitieren
Felix Jeschonnek (Autor), 2018, Gottes "Einwohnung" im Islam. Eine kurze Begriffsgeschichte der Sakȋna, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509010

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