Simuliertes Medium? Die papierlose Zeitung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

29 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Genese und Problematik des Begriffs der „Zeitung“

3. Kriterien für den intermedialen Vergleich

4. Zeitung im Internet
4.1 HTML-basierte Online-Zeitung
4.2 Das ePaper: Online-Zeitung als digitales Faksimile

5. Die Zeitung auf elektronischem Papier

6. Der Computer als Simulationsmaschine

7. Zusammenfassung und Fazit

8. Abbildungsverzeichnis

9. Bibliographie

1. Einleitung

Wer schreibt, der bleibt, Papier ist geduldig: Schrifttum auf Papier steht für Dauerhaftigkeit, Informationen können für Jahrhunderte überliefert werden. Die Flüchtigkeit der dargestellten Informationen ist dagegen das wichtigste Merkmal der Zeitung auf elektronischem Papier (ZeP)[1]. Im Jahr 2005 feiert die Zeitung ihren 400. Geburtstag, gleichzeitig steht das Medium vor revolutionären Veränderungen.

Die Zeitungsverlage haben das Internet als kostengünstigen Vertriebsweg entdeckt und versuchen ihren Schwerpunkt auf die elektronische Publikation zu verlagern. Dabei hilft der Fortschritt in der Technik, Einschränkungen des Mediums abzubauen und dem Vorbild der auf herkömmlichen Papier gedruckten Zeitung immer näher zu kommen. Im Internet-Browser abrufbare HTML-Dokumente standen am Anfang der Entwicklung. Gegenwärtig geht der Weg zur elektronischen Ausgabe im gewohnten Zeitungs-Layout – ein digitales Faksimile als Alternative oder Ergänzung zum herkömmlichen Abonnement. Die Entwicklung der elektronischen Zeitung geht dahin, ihrem papierenem Vorbild immer ähnlicher zu werden, gleichzeitig werden ihre Anwendungsmöglichkeiten gegenüber der Papier-Zeitung erweitert. Das will die vorliegende Arbeit an zwei Fallbeispielen aufzeigen.

Doch vor allem die geringe Größe des Monitors behindert derzeit noch die Möglichkeit, die gewohnten Lese- und Rezeptionsstrategien von der auf Papier gedruckten Zeitung zu übernehmen und schränkt somit die Akzeptanz beim Leser ein. Seit einigen Jahren entwickeln verschiedene Unternehmen ein so genanntes „E-Paper“ (nicht zu verwechseln mit den gleichnamigen Internet-Angeboten der Verlagshäuser), das wesentliche Eigenschaften des Papiers übernehmen soll: Es ist dünn, lässt sich umblättern und ist groß wie eine Zeitungsseite. Der entscheidende Unterschied: Die dargestellten Informationen sind flüchtig, lassen sich jederzeit aktualisieren - und sogar individualisieren.

Die Zeitung gewinnt dadurch an Aktualität und kann ein individuell auf den Leser zugeschnittenes Informationsangebot bieten. Auf der anderen Seite verlieren ihre Informationen an Stofflichkeit, die Verbindung von Medium und Information ist flüchtig, beide bilden nur eine Einheit auf Zeit. Das hat unter anderem Folgen für die Archivierung: Die Zeitung büßt ihre Zuverlässigkeit als Speichermedium ein zugunsten einer elektronischen Datenspeicherung mit all ihren Problemen. Aber es stellen sich auch Fragen nach dem generellen Charakter des Mediums: Ist die papierlose Zeitung überhaupt noch eine Zeitung? Oder ist das E-Paper nur eine Weiterentwicklung von Browser und Monitor?

Für den Wirtschaftswissenschaftler Stephan Mallik, der die ZeP aus Verlagssicht beleuchtet hat, steht die Antwort schon fest: „Elektronisches Papier ist kein neues Medium, sondern lediglich ein neues Trägermaterial, welches den auf der Verwendung von Papier als Trägermaterial basierenden Medien neue Chancen, ihren Anbietern zugleich auch neue Risiken eröffnet. Auch die Zeitung auf elektronischem Papier ist letzten Endes kein neues Medium, sondern immer noch eine Zeitung, wenngleich mit potentiell besseren Produkteigenschaften.“[2] Diese Position soll Diskussionsgrundlage für die vorliegende Arbeit sein.

Zunächst soll die historische Entwicklung des Begriffs der Zeitung dargelegt und auf die Problematik der Abgrenzung zu zeitungsähnlichen Internetangeboten hingewiesen werden. Als Problematisch dürfte sich vor diesem Hintergrund Malliks Begriff des Mediums Zeitung erweisen. Er greift lediglich auf die gängige Definition Dovifats[3] zurück. Ob diese für einen intermedialen Vergleich ausreicht, wird in einem weiteren Kapitel untersucht.

Anschließend werden die Internet-Angebote der Zeitungsverlage gegenüber der Print-Zeitung abgegrenzt. Im darauf folgenden Kapitel wird die ZeP als ein Medium vorgestellt, dass größtmögliche Ähnlichkeit zur Print-Zeitung erreicht.

Zusätzliche Hinweise darauf, ob die ZeP noch dem Medium Zeitung entspricht, soll eine Diskussion der These Gene Youngbloods[4] geben, der den Computer als Metamedium definiert, das alle Medien in sich enthält und identisch mit ihnen ist. Kritisch zu dieser Position äußert sich der Medienwissenschaftler Hartmut Winkler[5]. Alle in den vorherigen Kapiteln gewonnenen Ergebnisse werden schließlich zu einem Fazit zusammengeführt.

2. Genese und Problematik des Begriffs der „Zeitung“

Laut Etymologischem Wörterbuch geht der heutige Begriff „Zeitung“ auf eine Form von zīdung zurück, die um 1300 im Kölner Raum üblich wurde, mit der Bedeutung von „Botschaft, Nachricht, Meldung“. Gemeint waren zunächst mündliche, dann schriftliche Nachrichten und schließlich auch Drucke, die seit dem 15. Jahrhundert auftauchen, seit 1502 in Augsburg auch unter dem Titel „Newe zeytung“. Seit dem 17. Jahrhundert wird der Begriff für die ersten Zeitungen im heutigen Sinn verwandt.[6]

Das früheste Beispiel einer Druckschrift, die diese Merkmale erfüllt, lässt sich auf das Jahr 1605 datieren. Der Straßburger Buchdrucker Johann Carolus gab eine Zeitung unter dem Titel „Relation“ heraus (siehe Abbildung 1).[7]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die erste nachweisbare Zeitung. Quelle:

Die traditionelle Publizistik formuliert vier Merkmale, die die Zeitung kennzeichnen:

„- Aktualität, d.h. Neuwertigkeit, Gegenwartsbezogenheit
- Publizität, d.h. grundsätzliche Zugänglichkeit
- Universalität, d.h. die grundsätzliche Offenheit nach allen Lebensbereichen hin
- Periodizität, d.h. regelmäßiges Erscheinen“[8]

Der Publizistikwissenschaftler Emil Dovifat bringt die Kennzeichen auf einen Nenner: „Die Zeitung vermittelt jüngstes Gegenwartsgeschehen in kürzester regelmäßiger Folge der breitesten Öffentlichkeit.“[9]

In Abgrenzung zur Zeitschrift mit ihrer thematischen Begrenzung und gesonderten Stoffdarbietung positioniert sich die Zeitung durch die Universalität, teilweise durch eine kürzere Periodizität und durch die Vermittlung ihrer Inhalte in gedruckter Schriftform.[10] Bei letzterem Punkt muss Schulze einschränken: „[...] die rasante Entwicklung der Nachrichtentechnik in den beiden letzten Jahrzehnten hat es möglich gemacht, zeitungsähnliche Informationen in Schriftform materielos auf den Bildschirm des Fernsehgerätes zu übertragen.“[11]

Den damit verbundenen Verlust an Trennschärfe in der Abgrenzung der Zeitung zu den elektronischen Medien problematisiert Michael Schaffrath, der eine Erweiterung der oben genannten vier Merkmale um zwei Punkte vorschlägt[12]:

– Disponibilität, d.h. freie Verfügbarkeit nach Ort und Zeit;

– Fixierung in Schrift und Druck.

Während elektronische Medien durch ihre zunehmende Mobilität auch das Kriterium der Disponibilität erfüllen – und das trifft im Besonderen auf das Konzept der ZeP zu – bleibt die Definition der Zeitung als Printmedium wohl das entscheidende Merkmal in der Abgrenzung.

Allerdings hob schon Dovifat die Funktion der Zeitung über die Form hinaus: „Welche Formen sie auch immer im Ansturm technischer Umwälzung einmal annehmen wird, in ihrer Aufgabe ist sie unentbehrlich. Sie gibt, wie ihr Name sagt, die 'Nachricht'.“[13] Doch war auch für ihn die Zeitung immer noch eine „Druckschrift“[14].

Während man die Online-Ausgaben der Print-Zeitungen noch als Ergänzung zum herkömmlichen Angebot verstehen konnte, stellt sich spätestens seit dem Erscheinen reiner Online-Zeitungen die Frage, ob diese Zeitungen im eigentlichen Sinn sind.

[...]


[1] Die Zeitung auf elektronischem Papier wird im Folgenden ZeP abgekürzt, in Anlehnung an die Dissertation von Stephan Mallik, der maßgeblich zur ZeP gearbeitet hat: Mallik, Stephan: Ist die Zeitung noch zu retten? Das Vielfaltsversprechen der Zeitung auf elektronischem Papier für Zeitungsmarkt und Zeitungsleser. Diss. Berlin 2004.

[2] Mallik 2004, S. 204.

[3] Vgl. Dovifat, Emil; Wilke, Jürgen: Zeitungslehre I, Berlin 1976, S. 16.

[4] Vgl. Youngblood, Gene: Metadesign. In: Rötzer, F. (Hrsg.): Digitaler Schein: Ästhetik der elektronischen Medien. Frankfurt am Main 1991, S. 305-322.

[5] Vgl. Winkler, Hartmut: Docuverse. Zur Medientheorie des Computers. München 1997; vgl. Winkler, Hartmut: Medium Computer. Zehn populäre Thesen zum Thema und warum sie möglicherweise falsch sind. In: Engell, Lorenz; Neitzel, Britta (Hrsg.): Das Gesicht der Welt. Medien in der digitalen Kultur. München 2004, S. 203-213.

[6] Vgl. Artikel „Zeitung“. In: Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 23. erweiterte Ausgabe 1999, S. 906.

[7] Vgl. Brand, Peter; Schulze, Volker (Hrsg.): Die Zeitung. Aachen 1995, S. 11.

[8] Brand, Schulze (Hrsg.) 1995, S. 7.

[9] Vgl. Dovifat, Emil; Wilke, Jürgen: Zeitungslehre I, Berlin 1976, S. 16.

[10] Vgl. Brand, Schulze (Hrsg.) 1995, S. 7.

[11] Brand, Schulze (Hrsg.) 1995, S. 7.

[12] Schaffrath, Michael: Zeitung. In: Faulstich, Werner: Grundwissen Medien (5. Auflage). Paderborn 2004, S. 484.

[13] Dovifat, Emil: Handbuch der Publizistik. Praktische Publizistik 1. Teil. Berlin 1969, S. 281.

[14] Dovifat 1969, S. 288.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Simuliertes Medium? Die papierlose Zeitung
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Neuere deutsche Literatur und Medien)
Veranstaltung
Hauptseminar 'Medienspeicher'
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
29
Katalognummer
V50907
ISBN (eBook)
9783638470223
ISBN (Buch)
9783638661355
Dateigröße
1149 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Simuliertes, Medium, Zeitung, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Lutz Benseler (Autor:in), 2005, Simuliertes Medium? Die papierlose Zeitung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50907

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