Slum-Tourismus. Favela-Touren durch Rocinhas


Hausarbeit, 2018

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung:

1. Slum-Tourismus vor dem Hintergrund global steigender Touristenzahlen

2. Slum-Tourismus als Forschungsansatz

3. Fallbeispiel - Die Favela Rocinha
3.1 Rocinha als größte Favela Brasiliens
3.2 Tourismus in der Favela Rocinha
3.3 Beispiele für zwei unterschiedliche Tourismusmodelle in der Favela
3.3.1 Favela Walking Tour als Beispiel für eine Bildungstour
3.3.2 Favela Jeep Tour als Beispiel für eine Abenteuertour
3.3.3 Vergleich beider Touren

4. Die Wirkung von Slum-Tourismus auf die betroffenen Viertel

5. Möglichkeiten zur fairen Gestaltung des Slum-Tourismus

6. Literaturverzeichnis

1. Slum-Tourismus vor dem Hintergrund global steigender Touristenzahlen

Wie Daten der World Bank (2016) zeigen, hat sich der weltweite Tourismus, gemessen an der Zahl der touristischen Ankünfte, in den letzten zwei Jahrzehnten Jahren mehr als verdoppelt. Daraus kann gefolgert werden, dass die Nachfrage nach touristischen Angeboten immer weiter steigt und diese Angebote immer diversifizierter werden. Auch der Tourismus in Entwicklungsländern hat sich in der selben Zeit... mehr als verdoppelt - das Wachstum an diesen Orten war dabei sogar noch etwas stärker, als in den Industrienationen, wie die Welttourismus-Organisation UNWTO (2010) zeigt. Entwicklungsländer sind dabei die Regionen in denen sich die weltweit größten Slums befinden. Durch das starke Wachstum des Tourismus in Entwicklungsländern, kann auch von einem Wachstum des Slum-Tourismus ausgegangen werden, vor allem vor dem Hintergrund, dass Slum-Tourismus einer der bedeutendsten Nischen-Tourismus- Sektoren ist. Da es sich aber auch um eine der kontroversesten Tourismusformen handelt und Slum-Tourismus den besuchten Vierteln häufig noch nicht zugutekommt (vgl. Ma 2010: 3), erscheint eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema wichtig und sinnvoll. Dies auch vor allem deshalb, weil sich die Forschung auf diesem Gebiet noch in den Kinderschuhen befindet (vgl. Frenzel & Koens 2012: 197). Vor diesem Hintergrund soll in der vorliegenden Seminararbeit das Phänomen des Slum-Tourismus untersucht werden. Dies soll am Beispiel des Tourismus in der Favela Rocinha in Rio de Janeiro geschehen. Nachdem einleitend auf die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema eingegangen wird, werden unterschiedliche Ausprägungen des Slum­Tourismus anhand des gewählten Beispiels verdeutlicht. Ziel der Arbeit ist es, herauszufinden, welche Wirkung Slum-Tourismus auf die Bewohner der jeweiligen Viertel hat und auf welche Weise er gestaltet werden muss, damit der Nutzen für die besuchten Marginalsiedlungen möglichst groß ist.

2. Slum-Tourismus als Forschungsansatz

Als Slum-Tourismus werden die Organisation und das Angebot von Touren in Gebieten bezeichnet, die der Definition eines Slums, gemäß der Einordnung von UN-HABITAT entsprechen (vgl. Ma 2010: 3). UN-HABITAT definiert einen Slum als einen heruntergekommenen Stadtteil, der durch minderwertige Behausungen, Elend, Dreck und unklare Besitzrechte gekennzeichnet ist (vgl. UN 2010). Diese Tourismus-Form gewinnt seit ihrem erneuten Auftreten Ende des letzten Jahrhunderts in der Wissenschaft immer mehr an Bedeutung (vgl. Frenzel & Koens 2012: 195), was dadurch zu begründen ist, dass es sich um einen der am schnellsten wachsenden Nischen-Tourismussektoren handelt (vgl. Ma 2010: 3). Die touristische Erkundung solcher Marginalviertel ist allerdings kein neues Phänomen. Erste Berichte über Touristen in innerstädtischen Slums gab es bereits aus dem London des 19. Jahrhunderts. So war das sogenannte „Slumming“ ein Trend im viktorianischen London der 1880er und 1890er Jahre, bei dem gut situierte Londoner die ärmlichen Viertel der Stadt besuchten (vgl. Koven 2004: 1).

Die moderne Form des Slum-Tourismus entstand in den 1980er Jahren in den Townships Südafrikas. Politisch interessierte Touristen sollten über die prekären Lebensverhältnisse in diesen Siedlungen und über die Apartheid im Allgemeinen aufgeklärt werden. Zu einem Massenphänomen wurden diese Township-Besuche allerdings erst nach dem Ende der Apartheid. So besuchten im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends bis zu 300.000 Besucher allein die Townships im Großraum Kapstadt (vgl. Frenzel & Koens 2012: 196). Von Südafrika und Rio de Janeiro - wo ähnliche Tourismusformen nahezu zeitgleich entstanden - schwappte dieser Trend auf weitere Metropolen über. Auch die zunehmende Präsenz der jeweiligen Marginalviertel in den Massenmedien hat zu einem Wachstum des Tourismus an diesen Orten beigetragen (vgl. Ma 2010: 3).

Die Verbreitung dieser Tourismusform zieht natürlich mehr und mehr die Aufmerksamkeit der Wissenschaft auf sich. Es handelt sich bei der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema zwar um ein relativ junges Forschungsfeld, aber besonders die Konferenz „Destination Slum - Reflections on the production and consumption of poverty in tourism“, die vom 9. bis zum 11. Dezember 2010 in Bristol abgehalten wurde, führte zu einem erhöhten Forschungsinteresse (vgl. Frenzel & Koens 2012: 195). Forschung findet dabei häufig durch Fallstudien über bestimmte Destinationen statt. Besonders wichtig ist hierbei das Viertel Rocinha, das auch Gegenstand dieser Seminararbeit sein soll. Tourismus gibt es hier seit der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung, die 1992 in Rio stattfand. Damals waren so viele Delegierte an einem Favela-Besuch interessiert, dass lokale Tourismusunternehmen begannen, Touren durch die Favelas anzubieten (vgl. ebd.: 197). Genauer soll darauf im folgenden Kapitel eingegangen werden.

3. Fallbeispiel - Die Favela Rocinha

Im Folgenden soll anhand des Fallbeispiels Rocinha untersucht werden, welche unterschiedlichen Arten von Slum-Tourismus es gibt. Dazu soll zunächst etwas zur Entstehung und geschichtlichen Entwicklung der Favela gesagt werden, um die Entwicklung des dortigen Tourismus besser nachvollziehen zu können. Auf diesen soll daraufhin, gestützt durch zwei Beispiele, eingegangen werden. Bei den Fallbeispielen handelt es sich um zwei unterschiedliche Arten des Tourismus, die zum Abschluss des Kapitels miteinander verglichen werden sollen.

3.1 Rocinha als größte Favela Brasiliens

Die Favela Rocinha ist Anfang des 20. Jahrhunderts durch Binnenwanderung in die damalige Hauptstadt Brasiliens, Rio de Janeiro, entstanden. Migranten aus dem Nordosten Brasiliens gründeten zunächst eine Tierzucht am Fuße des Hügels, auf dem die Favela heute liegt. Dies erklärt auch den Namen. So bedeutet Rocinha in etwa kleine Farm. Durch eine immer stärkere Zuwanderung wuchs die Favela und dehnte sich den Hügel hinauf aus (vgl. Glenny 2015: 54ff). Rocinha entwickelte sich auf diese Weise zur größten Favela Rio de Janeiros mit einer Bevölkerung von bis zu 200.000 Einwohnern, abhängig von der zugrundeliegenden Schätzung (vgl. Kotzen 2014: 2). Rocinha liegt zwischen zwei der teuersten Wohngegenden Brasiliens im Süden der Stadt auf einer Fläche von ungefähr einem Quadratkilometer und ist damit sehr dicht besiedelt (vgl. Burgos 2016: 5). Seit 2006 hat die Favela den Status eines offiziellen touristischen Ortes der Stadt Rio de Janeiro. In Folge der Verleihung dieses Status wurden Infrastrukturmaßnahmen mit einem Gesamtvolumen von circa 72 Millionen Real implementiert. Diese führten zu Verbesserungen des Zustandes des öffentlichen aber auch des privaten Raumes (vgl. Menezes 2007: 11). Im Jahr 2007 startete daraufhin das PAC-Programm[1] der Bundesregierung Brasiliens, welches die lokale Wirtschaft stimulieren soll. Im Jahr 2011 wurden außerdem UPP-Einheiten[2] in der Favela Rocinha stationiert, was die Sicherheitslage vor der Fußballweltmeisterschaft und den Olympischen Spielen verbessern sollte. Beides hatte deutliche Auswirkungen auf die

Favela und das Leben in ihr, was natürlich auch zu einer Zunahme des Tourismus geführt hat, der im nächsten Punkt näher betrachtet werden soll (vgl. Burgos 2016: 5).

3.2 Tourismus in der Favela Rocinha

Tourismus in den Favelas Rio de Janeiros ist allerdings kein neues Phänomen. So gibt es bereits aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Berichte über Favelabesuche. Beispielsweise begab sich der damalige spanische Botschafter bis zum Jahr 1940 mehrmals in die Favelas Rio de Janeiros (vgl. Menezes 2007: 12). Die Besucherzahlen waren allerdings sehr gering, was sich wie oben beschrieben nach der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung 1992 ändern sollte. Durch das Interesse der Delegierten ausgelöst, wurde begonnen Touren durch die Favelas anzubieten, welche schnell auch Touristen für sich entdeckten. Die Favela Rocinha mit mindestens 8 Agenturen, die Touren anbieten, hat dabei die größte Anziehungskraft (vgl. Borghi 2015: 9).

Favelas im Allgemeinen und besonders Rocinha, bedingt durch ihre Bekanntheit, werden dabei verschiedene Attribute zugeordnet, die touristisches Interesse wecken. Dies sind zum einen positive Attribute, wie die Einordnung der Favela als Herkunftsort des Sambas, aber auch negative Attribute wie Narco-Kultur und Gewalt (vgl. Freire-Medeiros 2008: 3). Touristisches Interesse, besonders auch für die Armut und Gewalt der Viertel ist durch eine rezent zunehmende Bereitschaft von Touristen zu begründen, ihre Komfortzone zu verlassen. Dies geschieht, da Touristen weltweit immer stärker an Destinationen interessiert sind, die abseits der typischen Attraktionen liegen, authentisch sind und oft auch durch Kriminalität und Gefahr gekennzeichnet sind (vgl. ebd.: 8). Dies erkannten die Tourismusplaner Rio de Janeiros, sodass Rocinha durch das Gesetz 779/2006 offizieller touristischer Attraktionspunkt der Stadt wurde. Dies geschah vor allem deshalb, weil es bereits eine große Nachfrage nach Touren durch die Favela gab und diese bereits durchgeführt wurden. Der Status des offiziellen touristischen Attraktionspunktes ermöglichte zumindest eine teilweise Formalisierung dieser Touren (vgl. Borghi 2005: 9).

Nach dieser Entscheidung und den darauf folgenden Infrastrukturmaßnahmen nahm der Tourismus so stark zu, dass seitdem verschiedenste Arten von Touren angeboten werden, welche an verschiedene Typen von Touristen anpasst wurden. So ist es möglich, Rocinha

[...]


[1] Programa de Aceleracao de Crescimento - portugiesisch für Programm für beschleunigte Entwicklung

[2] Unidade de Policia Pacificadora - portugiesisch für Friedenspolizeieinheit

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Slum-Tourismus. Favela-Touren durch Rocinhas
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
15
Katalognummer
V509398
ISBN (eBook)
9783346073013
ISBN (Buch)
9783346073020
Sprache
Deutsch
Schlagworte
slum-tourismus, favela-touren, rocinhas
Arbeit zitieren
Felix Loos (Autor:in), 2018, Slum-Tourismus. Favela-Touren durch Rocinhas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509398

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Slum-Tourismus. Favela-Touren durch Rocinhas



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden