In welchem Verhältnis stehen sprachliche Parodie und Ironie zueinander?


Bachelorarbeit, 2019
48 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ironie
2.1 Echoic Mention Theory nach Sperber/Wilson (1981)
2.2 Pretense Theory nach Clark/Gerrig (1984)

3. Parodie
3.1 Echoic Mention Theory nach Sperber/Wilson (1981)
3.2 Pretense Theory nach Clark/Gerrig (1984)

4. Parodie aus linguistischer Sicht im Verhaltnis zur Ironie

5. Fazit

Literatur

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Ergebnisse des Experiments

1. Einleitung

Parodien wurden lange ausschlieBlich aus literaturwissenschaftlicher Sicht analy- siert. Sie auf die Literatur beschrankt zu betrachten, ist allerdings nicht nur histo- risch, sondern auch heutzutage noch viel zu engstirnig. In Alltagskommunikationen sowie in jeglicher Form der Medien - ob in der Zeitung, Film und Fernsehen, oder auch auf Social Media Portalen wie Facebook, Twitter und Instagram - ist die Pa- rodie ein alltagliches Phanomen.

In dieser Arbeit wird die Parodie als Sprechhandlung und linguistisches Verhaltens- muster analysiert, das aus vier wesentlichen Akten besteht. Hierfur wird die Ana­lyse von Rossen-Knill/Henry (1997) herangezogen, die sprachliche Parodie aus pragmatischer Sicht beschreiben. Es wird versucht, zwei Theorien zur sprachlichen Ironie - die Echoic Mention und Pretense Theory - durch das Modell von Rossen- Knill/Henry (1997) auf Parodien zu ubertragen und so eventuelle Uberschneidun- gen und Gegensatze ausfindig zu machen. Ziel dieser Arbeit ist es, zu zeigen, dass Parodie - genauso wie Ironie - etwas Alltagliches und nicht mehr bloB als Genre oder Kunstform Gegenstand der Literaturwissenschaft ist. Es sollen Fragen beant- wortet werden, wie ‘Was ist eine sprachliche Parodie?‘, ‘Was kann parodiert wer- den?‘, ‘Was macht ein Sprecher, wenn er etwas parodiert?‘, ‘In welchem Verhaltnis stehen sprachliche Parodie und Ironie zueinander?‘.

Hierfur werden zunachst die Grundlagen zu Ironie und Parodie erlautert. Es wird erklart, was unter uneigentlichem Sprechen allgemein zu verstehen ist und wie Iro- nie und Parodie hier jeweils einzuordnen sind. Daraufhin wird die Ironie aus lingu- istischer Sicht skizziert, wobei besonders auf die Echoic Mention Theory nach Sper- ber/Wilson (1981) und auf die Pretense Theory nach Clark/Gerrig (1984) eingegan- gen wird. Im nachsten Abschnitt wird das Parodie-Modell nach Rossen- Knill/Henry (1997) dargestellt, um zu zeigen, wie Parodie linguistisch beschrieben werden kann.Basierend auf diesem Modellwerden die Echoic Mention Theory und die Pretense Theory auf Parodien ubertragen, um zu uberprufen, inwiefern beide auch hierfur eine Beschreibung liefern konnen. AnschlieBend werden die Theorien fur Ironie und Parodie gegenubergestellt. Es wird gezeigt, dass Parodie und Ironie zwar in einem engen Verhaltnis zueinander stehen, dennoch aber voneinander ge- sondert analysiert werden mussten. Parodie ist nicht einfach eine mogliche Form der Realisierung von Ironie, vielmehr verwendet eine Parodie ironische Mittel, um ein gewisses Ziel zu erreichen (vgl. Vollers-Sauer 2010: 307).

Berg (1978) beschreibt uneigentliches Sprechen so, dass „das, was der Sprecher meint, und das, was der Satz, den er auBert, eigentlich bedeutet, nicht ubereinstim- men“ (Berg 1978: 9). Allerdings fallt nicht jede AuBerung, bei der der Sprecher nicht genau das sagt, was er auch meint, unter diesen Begriff. So kann man ohne Bewusstsein - zum Beispiel im Schlaf- reden oder sich schlichtweg versprechen (vgl. Berg 1978: 9). Im Gegensatz zu unaufrichtigem Sprechen, bei dem versucht wird, den Gesprachspartner zu tauschen, indem die Unwahrheit gesagt wird, will der uneigentliche Sprecher das verstanden wissen, was er selbst auch fur wahr halt, ohne es wortlich auszudrucken. Berg (1978) halt zudem fest, dass beim uneigentli- chen Sprechen besondere Beziehungen bestehen zwischen dem was jemand meint oder ausdrucken will und der Bedeutung des Satzes, den er dafur auBert (vgl. Berg 1978:10).Je nachdem in welcher Beziehung das Gesagte und Gemeinte dann zuei- nander stehen, wurden verschiedene Typen von uneigentlichem Sprechen definiert, die semantische Figuren oder auch Tropen genannt werden. Einer dieser Tropen ist die Ironie.

Unter Ironie versteht man laut Definition eine extreme Form des Ersatzes, bei der der eigentliche Begriff durch ein sein Gegenteil bezeichnendes Wort ausgetauscht wird (vgl.Vollers-Sauer2010: 307f).

(1) a.What lovely weather.
b. It seems to be raining.
c. I'm glad we didn't bother to bring an umbrella.

(Sperber/Wilson 1981: 300)

(1a-c) zeigen Beispiele fur ironische AuBerungen, die eine Person wahrend stro­mendem Regenzu einer anderen sagt. Mit (1a) ist offensichtlich nicht die wortliche Interpretation der Aussage gemeint, da wohl kaum jemand stromenden Regen ernst- haft als ‘lovely weather‘ bezeichnen wurde. Von (1b) lasst sich kaum behaupten, der Sprecher wolle das Gegenteil dessen ausdrucken, was er wirklich sagt. Er auBert weniger als eigentlich seiner Meinung entspricht; er untertreibt. Mit (1c) wird -wie schon bei (1a) - offensichtlich nicht die Meinung des Sprechers wiedergegeben. Geht man davon aus, die beiden Gesprachsteilnehmer haben - bevor sie das Haus verlieBen -noch daruber geredet, ob sie einen Schirm mitnehmen sollen oder nicht; und der eine Gesprachsteilnehmer hat den anderen uberzeugt, dass sie keinen brau- chen werden. Der Sprecher konnte (1c) auBern, um diese vorangegangene Unter- haltung wieder ins Gedachtnis zu rufen und zu kritisieren (vgl. Sperber/Wilson 1981: 300ff).

Dass eine Definition von semantischer Opposition als Beschreibung fur Ironie lange nicht ausreicht, wird auBerdem besonders durch die vielen verschiedenen Theorien zu Funktion, Beschreibung und Erklarung von Ironie deutlich. Eine Aus- wahl besagter Theorien wird in Abschnitt 2 thematisiert. Auch Hartung (2002) er- klart die Beschreibung von Ironie in Worterbuchern und Lexika als‘das Gegenteil des Gemeinten sagen‘ fur unzureichend.

„Daruber hinaus gehort Ironie als Teil der aktiven und passiven Sprachfer- tigkeit auch zum Kanon der hoheren Bildung, die sich in ihren Inhalten we- niger an der „niedrigen“ Alltagspraxis als an humanistischen Idealen orien- tiert und im Falle der Ironie um so lieber auf Worterbuchbeschreibungen zuruckgreift, als sich diese auf die klassischen antiken Quellen berufen. Diese Umstande fuhren dazu, daB ein beliebiger Sprecher die Frage “Was ist Ironie?“ mit „Das Gegenteil von dem sagen, was man meint“ beantwor- ten wird, um anschlieBend munter weiter alle Register ironischer Sprachver- wendung zu ziehen, [.] die weit uber das bloBe Gegenteil des Gesagten hinausgehen.“ (Hartung 2002: 12)

Vorab muss festgehalten werden, dass es in dieser Arbeit ausschlieBlich um sprach- liche Ironie geht. Literarische oder dramatische Ironie, die in der Literaturwissen- schaft fokussiert wird, oder schicksalhafte Ironie, die ein Phanomen bezeichnet, „das nicht vorhersehbare Vorgange und Situationen bezeichnet, die sich dem inten- tionalen menschlichen Handeln entziehen“ (Lapp 1992: 12), werden in dieser Ar­beit nicht berucksichtigt. Zudem wird im weiteren Verlauf der Arbeit gezeigt, dass Ironie mehr ist, als bloB ein Tropus; dass fur eine zufriedenstellende Definition nicht nur Rhetorik und Semantik in Betracht gezogen werden sollten, sondern auch die Pragmatik und Psychologie der jeweiligen Aussagen.

Um sprachliche Parodie spater in ein Verhaltnis zur Ironie setzen zu konnen, muss zunachst der Begriff ‘Ironie‘, wie er in dieser Arbeit verwendet wird, skizziert wer- den. Im nachsten Abschnitt der Arbeit wird dieses sprachliche Phanomen knapp dargestellt, um die Grundlagen zur darauffolgenden Betrachtung der beiden Theo- rien und spater auch fur die Gegenuberstellung zur Parodie zu erlautern.

2. Ironie

Der Begriff ‘Ironie‘ wird vom altgriechischen cip^vcia oder eironeia hergeleitet und bedeutet wortlich ubersetzt ‘Verstellung‘, ‘Vortauschung‘ (Duden Online). Ein Blick in die historischen Texte zeigt jedoch, dass die heutige „Begriffsbestimmung in Worterbuchern, aber auch in zeitgenossischen Rhetoriken kaum noch etwas mit dem antiken Begriff [...] zu tun hat“ (Hartung 2002:12). cipcvcia steht im antiken Griechenland noch fur ein Verhalten, bei dem durch Verleugnen und Sich-selbst- Kleinermachen ein strategischer Vorteil bei unangenehmen Pflichten erzielt wurde. Hierbei „ging es immer um eine echte, undurchschaubare Tauschung zum Schaden der anderen, und entsprechend wurde dieses Verhalten als unmoralisch und ver- werflich geachtet“ (Hartung 2002: 26). Der Begriff Ironie mit dem Bedeutungsas- pekt ‘Redeweise‘ stand ursprunglich hingegen fur „AuBerungen, in denen der Red- ner etwas sagt, was ganz offensichtlich nicht seine Meinung oder seine Absicht ausdruckt“ (Hartung 2002: 26). Im Gegensatz zum ironischen Verhalten - das als echte Tauschung definiert ist und deshalb von vielen verachtet wurde - wird die Tauschung bei der ironischen Rede demnach transparent gemacht. Man lasst den Gesprachspartner wissen, dass das Gesagte nicht der eigenen Auffassung ent- spricht. Zudem verlangt die ironische Redeweise vom Sprecher „hochste Schlag- fertigkeit und Eloquenz“ (Hartung 2002: 28), weshalb sie fur gewohnlich starke Bewunderung und Sympathie bei denen erringt, die die Ironie in den AuBerungen als solche erkennen. Eben dieser starke Gegensatz der Definitionen von ironischen AuBerungen und ironischem Handeln hat uber die Jahre hinweg zu „ebenso inten- sive[n] wie unnotige[n] Erorterungen uber die Wahrhaftigkeit von ironischen Au- Berungen“ gefuhrt (Hartung 2002: 26f). Fur den weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit spielt ironisches Handeln keine Rolle. Der Fokus soll auf der verbalen Ironie liegen, wie sie in gesprochenen sowie geschriebenen AuBerungen zu finden ist.

Um im weiteren Verlauf der Arbeit die wesentlichen Eigenschaften sprachlicher Ironie darlegen zu konnen, muss der Blick zunachst auf fruhere sprachwissenschaft- liche Ansatze gerichtet werden. Zu Beginn der Ironieforschung wurde versucht, das Phanomen anhand der Sprechakttheorie nach Searle zu erklaren. Dieser Ansatz warf allerdings schwerwiegende Probleme bei der Untersuchung authentischer In- teraktionen auf:

„Da bei ironischen AuBerungen die Illokutionsindikatoren grundsatzlich nicht mit der Illokution ubereinstimmen, ist fur das kontextfreie Vorgehen der Sprechakttheorie die sincerity rule verletzt, Ironie wird in der theoreti- schen Beschreibung mit Luge gleichgesetzt“. (Hartung 2002: 31)

Den entscheidenden Unterschied zwischen den beiden Sprechhandlungen sieht GieBmann (1977: 415) in „der Offenbarung der Tauschungsabsicht“, die anhand von sogenannten Ironiesignalen passiert. Als Ironiesignal bezeichnet Hartung (2002: 31) „alle Eigenschaften einer ironischen AuBerung, die eine wortliche Re- zeption storen und so das intendierte Verstehen sicherstellen sollen“. Allerdings wird ein GroBteil an ironischen AuBerungen allein durch den Kontext disambigu- iert. Die speziellen Eigenschaften der AuBerung selbst tragen nur marginal zur Ent- schlusselung bei (vgl. Hartung 2002: 31):

„Die Determination durch den Kontext ist so stark, daB das richtige Verste- hen von Ironie in den meisten Fallen keineswegs das Kunststuck ist, als das es durch die unzulangliche Beschreibung des Kommunikationsprozesses durch die Sprechakttheorie erscheinen muB, und selbst wenn es miBlingt, gilt es unter den Gesprachsteilnehmern als miBlungene Ironie - und nicht als Luge.“ (Hartung 2002: 31)

GieBmann (1977: 415f) geht davon aus, dass jede ironische AuBerung durch ein Ironiesignal gekennzeichnet sein muss, um als solche erkennbar zu sein. Sie unter- scheidet zwischen automatischen Ironiesignalen, worunter sie den „sprachlichen oder auBersprachlichen Kontext“ versteht; und zusatzlichen sprachlichen Ironie- signalen (GieBmann 1977: 416). Rhetorische Tropen, wie zum Beispiel Hyperbel, Metapher oder Litotes, aber auch „bestimmte Worter, Laute, prosodische Beson- derheiten, Intonation“ (Groeben/Scheele 1984: 58), sowie mimische und gestische Modulationen konnen als solche verwendet werden. GieBmann (1977) zufolge ha- ben aber alle Ironiesignale das „Verweisen auf die vorliegende Inkongruenz“ ge- meinsam und sind deshalb „unabdingbar mit der Ironie verbunden“ (GieBmann 1977: 416).

Die Probleme der Sprechakttheorie lassen sich bis zu einem gewissen Grad durch die Maximen von Grice (1975, 1978) losen. Demnach unterstellt ein Horer -sofern die AuBerung nicht seinen Erwartungen entspricht - dieser AuBerung trotzdem ei- nen kommunikativen Sinn (Maxime der Relevanz) und kann dann durch konversa- tionelle Implikaturen erschlieBen, was der Sprecher eigentlich meint. Dieses Prin- zip soll aber grundsatzlich fur jede Konversation gelten. Daher trifft es zwar auch auf Ironie zu, ist aber wegen seiner Verbindlichkeit nicht in der Lage, die Beson- derheiten sprachlicher Ironie fest zu machen (vgl. Hartung 2002: 31). Sperber/Wil- son (1981) nennen die Ansatze von Grice (1975, 1978) als hauptsachlichen Gegen- satz zu ihrer Echoic Mention Theory, wahrend Clark/Gerrig (1984) versuchen, ihre Pretense Theory auf Grices Erkenntnissen aufzubauen. Beide Theorien und An- satze werden spater in der Arbeit genauer dargestellt.

Ironische AuBerungen konnen je nach Situation und Verhaltnis der Gesprachsteil- nehmer zueinander unterschiedlich wirken. Ironie ist dabei aber immer eine Form der Bewertung. Diese Bewertung ist in den meisten Fallen negativ, da Kritik - im Gegensatz zu Lob - immer eine Belastung fur soziale Beziehungen darstellt und ironische AuBerungen durch ihre Indirektheit dazu beitragen konnen, das Konflikt- potential zu reduzieren (vgl. Hartung 2002: 164):

„Sie bieten dem „Ironiker“ den Vorteil, daB er sich nicht offen in Wider- spruch zu sozialen und kommunikativen Konventionen setzen muB, aber doch aufgrund der geteilten Wissensbestande sicher sein kann, daB die Kri- tik ankommt. [...] Aber auch der Kritisierte profitiert von der indirekten Ausdrucksweise, denn durch die nur implizierte Kritik wird sein Face deut- lich weniger stark bedroht.“ (Hartung 2002: 164f)

Zudem haben ironische AuBerungen immer ein komisches Potential. Sie forcieren eine Inkongruenz zwischen der AuBerung des Sprechers und dem Wissen des Ho- rers, die im Gesprachsverlauf wieder aufgelost werden muss. Dieser Vorgang fuhrt dann zu einer komischen Wirkung, die jedoch ganz entscheidend von den jeweili- gen Gesprachssituationen abhangt. Sprachliche Ironie kann auBerdem nicht nur ne­gative Bewertungen abschwachen, sie kann auch in Streitsituationen zu einer dras- tischen Verscharfung fuhren:

„Handelt es sich um geringfugige Beanstandungen oder um eine freund- schaftliche soziale Beziehung, dann schwacht die ironische Indirektheit die Bewertung ab. Handelt es sich aber um gravierende Divergenzen, unter Um- standen mit einer langeren Konfliktgeschichte, und um eine feindselige Be- ziehung, tragt gerade dieser Hintergrund, der in die Bedeutung der AuBe- rung einflieBt, zu einer teilweise dramatischen Verscharfung bei“ (Hartung 2002: 166)

Diese Wirkung entsteht dadurch, dass der Horer - um die ironische AuBerung ver- stehen zu konnen - gezwungen ist, vorubergehend die Position des Sprechers, also seines Gegners einzunehmen, um dann auf der Grundlage des gegnerischen Wis- sensbestandes die AuBerung zu entwerten. Da diese in den meisten Fallen im direkten Konflikt mit der eigenen Auffassung steht, verursacht die Ironie in der AuBerung eine emotionale Verschlimmerung. AuBerdem stellt die Verwendung von Ironie „die eigentlich umstrittenen Wissensbestande als fraglos geteilt [dar], [macht] die eigene Meinung also zur selbstverstandlichen, nicht zur Diskussion ste- henden Norm“ (Hartung 2002: 166).

Dass Ironie deutlich ofter zu negativer als zu positiver Bewertung eingesetzt wird, liegt daran, dass eine ironische Ausdrucksweise „fur negative Bewertungen enorme, auf keine andere Weise erreichbare kommunikative und soziale Vorteile“ (Hartung 2002: 166)bietet, wohingegen ironische Indirektheit die positive Wirkung eines Lobes abschwacht und somit fur positive Bewertungen eher nachteilig ist. Ein gemeinsamer Wissensbestand ist essenziell fur das Verstehen sprachlicher Ironie. Eine negative AuBerung -auch wenn eigentlich ein Lob gemeint ist -fuhrt oft dazu, dass der Horer nicht mehr sicher sein kann, dass der Sprecher diesen positiven Wis- sensbestand teilt (vgl. Hartung 2002: 167).

Zusammengefasst bestehen die zentralen Eigenschaften sprachlicher Ironie dem- nach aus den folgenden Punkten:

- Es handelt sich um eine kurzfristige Verstellung in einer einzelnen AuBe- rung, die immer als solche gekennzeichnet werden muss, um ihre Wirkung zu erreichen.
- Diese Wirkung kann je nach Situation Erheiterung, Hohn sowie Spott sein, die Ironie kann aberauch als direkter Angriff auf eine vorangegangene Au- Berung funktionieren.
- Die Ironie in der AuBerung zielt darauf ab, den Gegner und seinen Stand- punkt abzuwerten, indem diese lacherlich gemacht werden.
- Eine ironische AuBerung muss nicht explizit markiert sein, sie wird meist uber gemeinsame Wissensbestande, aktuelle Situationen oder vorrangegan- gen Unterhaltungen disambiguiert.
- Aus diesen Situationen heraus lasst sich fur den Gegner Bedeutung, Funk- tion und Ziel der ironischen AuBerung ableiten.

(vgl. Hartung 2002: 29) Uber diese zentralen Eigenschaften sprachlicher Ironie ist man sich in der Litera- tur weitgehend einig; Diskussionen und Uneinigkeit betreffen vor allem die Pro- duktion und Perzeption der Ironie. In den folgenden Unterpunkten werden zwei Theorienhierzu betrachtet, die Echoic Mention Theory nach Sperber/Wilson (1981) und die Pretense Theory nach Clerk/Gerrig (1984). Beide Theorien werden knapp erlautert und erklart, um die Grundlage fur das spatere Ubertragen auf sprachliche Parodie zu schaffen.

2.1 Echoic Mention Theory nach Sperber/Wilson (1981)

Sperber/Wilson (1981) beginnen ihren Aufsatz damit,zu erklaren, dass die traditi- onelle Definition von Ironie nicht ausreicht, um das Phanomen in seiner Ganzheit zu beschreiben. Auch den pragmatischen Ansatz von Grice (1975, 1978), der Ironie als konversationelle Implikatur analysiert, halten sie fur unzureichend (vgl. Sper- ber/Wilson 1981: 295f). Sie argumentieren, dass keine der bisherigen Theorien - weder semantisch noch pragmatisch orientierte Ansatze - erklaren kann, warum ein Sprecher eine ironische AuBerung der wortlichen Redeweise vorziehen sollte; wa- rum ein Sprecher also einen Satz wie (2) sagen sollte, obwohl er (3) meint.

(2) What lovely weather.
(3) What awful weather.

(Sperber/Wilson 1981: 295)

Sperber/Wilson (1981) wollen mit ihrer Theorie eine neue Beschreibung fur sprach- liche Ironie liefern, erklaren, warum ironische AuBerungen gemacht werden und warum diese manchmal - aber nicht immer - das Gegenteil des Gesagten implizie- ren (vgl. Sperber/Wilson 1981: 305). Weiter begrunden Sperber/Wilson (1981) die Notwendigkeit eines neuen Ansatzes, der nicht nur auf der Semantik oder Pragma- tik der AuBerungen basiert,durch die Gemeinsamkeiten von Linguistik und Rheto- rik. Sie fuhren an, dass rhetorische sowie linguistische Beurteilungen letztlich auf der Intuition des Horers basieren, beide zur kognitiven Psychologie gehoren und rhetorische Techniken darum ebenfalls in einer linguistischen Beschreibung von Ironie berucksichtigt werden mussen (vgl. Sperber/Wilson 1981: 297). Sie berufen sich auf die in der Philosophie viel beschriebene Unterscheidung zwischen Ge- brauch (use) und Anfuhrung (mention) eines Wortes. Bei use handelt es sich hierbei um das Referieren auf das, worauf der Begriff referiert (4), wahrend es sich bei mention um die Referenz auf den Begriff selbst handelt (5) (Sperber/Wilson 1981: 303ff).

(4) These examples are rare and marginal

(5) a. „Marginal“ is a technical term.
b.Who had the nerve to call my examples marginal?

(Sperber/Wilson 1981: 303)

marginal in (4) wird demnach verwendet, um auf den zweifelhaften grammatischen Status bestimmter Beispiele hinzuweisen (use), wahrend in (5a, b) auf das Wort selbst referiert wird (mention) (vgl. Sperber/Wilson 1981: 303). Zudem unterschei- den Sperber/Wilson (1981) zwischen expliziten (6, 8) und impliziten (7, 9) Anfuh- rungen und weiten den Begriff auf die Differenzierung zwischen der Erwahnung von sprachlichen Ausdrucken (6,7) und der von Propositionen (8,9) aus (vgl. Sper- ber/Wilson 1981: 305).

(6) The master began to understand and to share the intense disgust which the archdeacon always expressed when Mrs Proudie's name was mentioned. “What am I to do with such a woman as this?“ he asked himself.

-> explizit, linguistischer Ausdruck

(7) The master began to understand and to share the intense disgust which the archdeacon always expressed when Mrs Proudie's name was mentioned. “What am I to do with such a woman as this?“

-> implizit, linguistischer Ausdruck

(8) The master began to understand and to share the intense disgust which the archdeacon always expressed when Mrs Proudie's name was mentioned. What was he to do with such a woman as this, he asked himself.

-> explizit, Proposition

(9) The master began to understand and to share the intense disgust which the archdeacon always expressed when Mrs Proudie's name was mentioned. What was he to do with such a woman as this?

-> implizit, Proposition

(Trollope 1857, aus Sperber/Wilson 1981: 305)

Sperber/Wilson (1981) zufolge sind Falle, bei denen Propositionen erwahnt werden schwerer als Anfuhrung zu identifizieren, als solche, bei denen sprachliche Ausdru- cke oder Formulierungen erwahnt werden. Zudem sind implizite Formen schwerer zu erkennen, als die expliziten Gegenstucke (vgl. Sperber/Wilson 1981: 305f). Im weiteren Verlauf ihres Aufsatzes schreiben Sperber/Wilson (1981) zudem, was sie unter dem Begriff echo beziehungsweise echoic verstehen. Sie erweitern den Be- griff von seiner eigentlichen Bedeutung ‘wiederholen, Wiederhall‘ auf verschie- dene mogliche Formen. Beispiel (10) zeigt ein eher typisches Beispiel, bei dem die Proposition von(a) in (b) wieder aufgenommen wird. Abgesehen davon gibt es laut Sperber/Wilson (1981) auch Falle von echoic mention, die in keinem direkten Zu- sammenhang zu vorangegangenen AuBerungen oder ganzen Gesprachen stehen (11)-(14) (Sperber/Wilson 1981: 306f).

(10) a. I'm tired.
b. You're tired. And what doyou think I am?
(11) a. I'm a reasonable man.
b. Whereas I'm not (is what you're implying).
(12) It absolutely poured. I know, it was going to rain (you told me so). I should listen to you more often.
(13) Jack elbowed Bill, and Bill punched him on the nose. He should have turned the other cheek (as it says in the Bible). Maybe that would have been the best thing to do.
(14) You're going to do something silly. You're free to do what you want (you'll tell me). Maybe so. But you still ought to listen to me.

(Sperber/Wilson 1981: 306f) In (11) wird nicht die direkte Proposition von (a) in (b) aufgenommen, sondern eine Implikatur davon. AuBerdem muss die wiedergegebene Aussage nicht unmittelbar zuvor geauBert worden sein (12) - die Quelle kann tatsachlich zeitlich sehr weit zuruck liegen (13). SchlieBlich zahlen Sperber/Wilson (1981) auch Falle wie (14) zu ihrem Verstandnis des Begriffs echo, in dem etwas vorwegnehmend erwahnt wird. Die zitierte Aussage hat also noch nicht stattgefunden, sondern der Sprecher gibt etwas wieder, von dem er glaubt, dass der Gesprachspartner es zu emem spa- teren Zeitpunkt sagen wird (vgl. Sperber/Wilson 1981: 307).

Sperber/Wilson (1981) gehen schlieBlich davon aus, dass jede ironische AuBerung einen solchen Fall von echoic mention darstellt. Der Sprecher benutzt denverwen- deten Ausdruck nicht im eigentlichen Sinne, sondern zitiert damit etwas (mention), das schon vorher vorhanden gewesen sein muss, um mit der AuBerung wieder auf- gegriffen werden zu konnen (echoic). Er erwahnt folglich eine Proposition derart, dass seine negative Einstellung dazu deutlich wird. Der Horer muss - damit er die AuBerung versteht - einerseits merken, dass es sich um einen Fall von Anfuhrung und nicht um den Gebrauch (use) handelt; andererseits muss er die Einstellung des Sprechers zu der angefuhrten Proposition erkennen. Die Interpretation der AuBe- rung hangt nach Sperber/Wilson (1981) vollkommen von diesen beiden Faktoren ab (vgl. Sperber/Wilson 1981: 308).

Letztlich halten Sperber/Wilson (1981) fest, dass zwar jeder Fall sprachlicher Ironie eine echoic mention ist, aber dass es hier verschiedene Arten und Grade geben muss:

„Some are immediate echoes, and others delayed; some have their source in actual utterances, others in thoughts or opinions; some have a real source, others an imaged one; some are traceable back to a particular individual, whereas others have a vaguer origin. When the echoic character of the ut­terance is not immediately obvious, it is nevertheless suggested.“ (Sper- ber/Wilson 1981: 309f)

Jorgensen et al. (1984) versuchen - basierend auf der Arbeit von Sperber/Wilson (1981) - die These zu stutzen und fuhren an der Princeton University einen empi- rischen Versuch mit 24 Studierenden durch, in dem sie die Echoic Mention Theory den klassischen Ansatzen gegenuberstellen. Sie gehen davon aus, dass nach dem traditionellen semantischen Ansatz Ironie so funktioniert, dass die wortliche Be- deutung durch die uneigentliche Bedeutung ersetzt wird; bei der Echoic Mention Theory hingegen die geauBerte Bedeutung durchaus die wortliche ist. Mit Bezug auf die Unterscheidung zwischen use und mention gebraucht der Sprecher die Au- Berung jedoch nicht, um seine eigenen Gedanken auszudrucken, sondern erwahnt sie lediglich, umdamit Geringschatzung, Spott oder Ablehnung auszudrucken (vgl. Jorgensen et al. 1984: 112f). Jorgensen et al. (1984) zufolge, wird nach der Stan- dardtheorie eine AuBerung als ironisch interpretiert, wenn (15) zutrifft:

[...]

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Details

Titel
In welchem Verhältnis stehen sprachliche Parodie und Ironie zueinander?
Hochschule
Universität Stuttgart  (Linguistik/Germanistik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
48
Katalognummer
V509466
ISBN (eBook)
9783346077530
ISBN (Buch)
9783346077547
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Linguistik, Pragmatik, Parodie, Ironie, Bachelorarbeit, Vergleich, linguistisch
Arbeit zitieren
Myriam Schütz (Autor), 2019, In welchem Verhältnis stehen sprachliche Parodie und Ironie zueinander?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509466

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