Können Tiere Annahmen treffen? Alasdair MacIntyres "Dependent Rational Animals"


Essay, 2019

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Können Tiere Annahmen treffen? – Entwicklung der Diskussion

2 Dependent Rational Animals im Kontext
2.1 Dependent Rational Animals – die Korrektur von After Virtue?
2.2 Die Argumentationskette in Dependent Rational Animals

3 Das Problem des Anthropomorphismus

4 Was sind Annahmen?
4.1 Begriffsbestimmung
4.2 Kann Annahmen nur treffen, wer Sprache hat?
4.3 Können Tiere zwischen wahr und falsch unterscheiden?
4.4 Haben Tiere eine Theory of Mind (ToM)?

5 Ist die Fähigkeit, Annahmen treffen zu können, für die Ethik relevant?

6 Literatur- und Medienverzeichnis

Können Tiere Annahmen treffen? – Überlegungen zu Alasdair MacIntyres Dependent Rational Animals

Selbsttäuschung heißt die Krankheit, die wir ererbt haben. Wir Menschen sind nämlich die anfälligste und zerbrechlichste aller Kreaturen, gleichzeitig aber auch die arroganteste… Durch diese Selbsttäuschung setzen wir uns von den anderen Geschöpfen ab und bilden uns ein, über göttliche Eigenschaften zu verfügen, …die uns von den anderen Lebewesen abheben und uns ihnen gegenüber sogar überlegen machen.[1]

1 Können Tiere Annahmen treffen? – Entwicklung der Diskussion

Ob Tiere Annahmen treffen können, scheint aktuell eine höchst virulente Frage zu sein. Jedenfalls taucht das Thema in dieser oder leicht abgewandelten Fassungen nicht nur bei MacIntyre[2] auf. Wohl angefeuert von den verhaltenspsychologischen Experimenten seit Beginn des letzten Jahrhunderts, erfreut sich das Philosophieren über das, was Tiere denken oder nicht denken können, hoher Beliebtheit. Arbeiten hierzu finden sich zum Beispiel bei Dayton[3], Andrews[4], Dennett[5], Lurz[6] oder Davidson[7], um nur einige, ganz wenige Autoren zu nennen. Zu Beginn der Neuzeit fragen die Philosophen noch nicht so konkret nach einer möglichen Hypothesenbildung bei Tieren. Gegenstand der Debatte war damals eher das allgemeine Denkvermögen nichtmenschlicher Kreatur. Bei Descartes etwa ist die Sache schnell abgehandelt, weil er Tieren von vorneherein jeglichen Verstand abspricht [8]. Entsprechendes gilt für Hobbes, der in den Tieren wegen der fehlenden Sprache Wesen ohne Verstand sieht[9], die „nur sinnliche Triebe“ haben[10].Andererseits schreibt er ihnen aber eine „geschwächte und verwischte“Vorstellungskraft zu[11], die freilich mit dem hier thematisierten Begriff der ,Annahme‘ nichts zu tun hat. Ganz anders argumentiert Hume:

„Mir nun erscheint keine Wahrheit einleuchtender, als die, daß die Tiere ebensogut wie der Mensch denken und mit Vernunft begabt sind.“[12]

Bei ihm können Tiere dementsprechend Schlüsse ziehen[13], so dass wegen der behaupteten Analogie zum Menschen Tiere nach Hume wohl Annahmen treffen können. Für Kant ist der Mensch das vernunftfähige Tier (animal rationabile), weil er von sich in der ersten Person sprechen, zu sich also „Ich“ sagen kann. Das erhebt ihn „unendlich“ über alle andere Kreatur[14]. Damit ist die Frage, ob Tiere Annahmen treffen können, jedenfalls nicht negativ beantwortet. Ausdrücklich aber sagt Kant dazu nichts, so dass die Frage an dieser Stelle offenbleiben muss. Genauso wenig erklärt uns Schopenhauer, ob Tiere Annahmen treffen können. Bei ihm ist zwar der Verstand von Mensch und Tier der nämliche[15], die Vernunft jedoch, die er vom „Vernehmen“ und der Verwendung der Sprache ableitet, ist dem Menschen vorbehalten[16]. Zu vermuten ist deshalb, dass Schopenhauer Tieren keine Fähigkeit zur Hypothesenbildung zuschreiben würde, weil ihnen das erforderliche Ab-straktionsvermögen abgeht, das nach seiner Meinung nur aus Sprache und Vernunft kommen kann[17]. Bevor ich mich mit dem Kern der Frage, ob Tiere Annahmen treffen können, auseinandersetze, untersuche ich, wie das Thema in MacIntyres Philosophie eingebunden ist. Die Kenntnis der Zusammenhänge und Umstände von „Dependent Rational Animals“ sollte eine darauf passend abgestimmte Argumentation ermöglichen. Ich beginne deshalb damit zu schildern, warum Alasdair MacIntyre nach seiner Schrift After Virtue [18] meinte, Dependent Rational Animals verfassen zu müssen. Sodann setze ich mich in einem Zwischenschritt - losgelöst vom Text – damit auseinander, ob und gegebenenfalls mit welchen Vorbehalten es überhaupt zulässig ist, Tieren menschliche Qualitäten zuzuschreiben. Danach frage ich, was ,Annahmen‘ sind, ob sie zum Beispiel Sprache oder einen Wahrheitsbegriff voraussetzen. Schließlich werde ich zur eigentlichen These dieser Arbeit kommen und dabei – allerdings nur im Ergebnis - wie MacIntyre behaupten, dass zumindest manche Tiere in der Tat Annahmen treffen können. Am Ende stelle ich dar, welche entscheidende Bedeutung es für die Ethik hat, dass Tiere Annahmen bilden können.

2 Dependent Rational Animals im Kontext

2.1 Dependent Rational Animals – die Korrektur von After Virtue?

In seiner Schrift After Virtue|A Study in Moral Theory sieht MacIntyre die Aufklärung als die Wurzel der Krise der Ethik, weil sie einerseits mit der aristotelischen Tugendethik aufräumte, indem sie „die Moral von der Theologie, dem Recht und der Ästhetik unterschied“[19], anderseits aber selbst nicht in der Lage war, eine neue, nunmehr rationale Rechtfertigung für Moralität zu stiften[20]. In seiner Conclusio sieht MacIntyre „das Streben nach dem Guten in einem Entwurf, der nur in einer fortschreitenden sozialen Tradition entwickelt und besessen werden kann“[21] (meine Hervorhebung). Er leitet also die Rechtfertigung des Guten aus einer Teleologie ab, die ihrerseits aus einer Soziologie des kulturellen Lebens stammt, das die Menschen erfahren. Davon wendet sich MacIntyre im Vorwort zu Dependent Rational Animals bewusst ab: „…I now judge that I was in error in supposing an ethics independent of biology to be possible…“[22]. Er meint, einem Irrtum unterlegen zu sein, als er die Rechnung mit der Apologie der Moral ohne den biologischen Wirt aufgemacht hatte. Ganz im Sinne der Aufklärung verwirft MacIntyre jetzt die aristotelische Vorstellung, wonach es ein typisch menschliches telos gibt, das der Mensch erkennen und das er anstreben soll. Stattdessen sieht MacIntyre den Menschen nun als ein komplexes Wesen, dessen Vorstellungen vom Guten, von Normen oder von den Tugenden wir niemals richtig erklären können, ohne unsere biologische Konstitution mit in Erwägung zu ziehen22. Den Vergleich zwischen uns und anderen intelligenten Spezies zu unterlassen, hieße genau die Rollen zu übersehen, die die Tugenden im menschlichen Leben spielen22.

2.2 Die Argumentationskette in Dependent Rational Animals

MacIntyre beginnt seine Überlegungen mit der Feststellung, dass der verletzte, behinderte und abhängige Mensch in der gegenwärtigen Moraldiskussion eine ,eigene Klasse‘ darstellt, dem, abgegrenzt von uns Gesunden und Starken, unser besonderes Mitleid gelten sollte[23]. Selbst Adam Smith habe bereits erkannt, wie trotz ökonomischer Prosperität Menschen sich Leid, Krankheit und Zukunftssorgen ausgesetzt fühlen können[24]. Während Smith solches Elend zum Beispiel bei der Gruppe der Alten und Gebrechlichen[25] oder selbst bei den unglücklich Besitzenden eher akzidentiell verortet, vermisst MacIntyre in der Philosophie ein generelles Anerkenntnis unserer Abhängigkeit und Verletzlichkeit als menschliche Wesen insgesamt[26]. Die biologische Insuffizienz ist demnach Teil unserer Natur, mit der wir uns bewusst abfinden sollten. Es schließen sich ausführliche Überlegungen an, wie sich Menschen von Tieren unterscheiden und worin sie übereinstimmen[27]. MacIntyre verwendet viel Zeit dafür, den Unterschied zwischen Mensch und Tier möglichst zu verwischen. Das geschieht vor allem in den Kapiteln „The intelligence of dolphins“[28] und „Can animals without language have beliefs?“[29]. Und genau an dieser Stelle reiht sich die vorliegende Arbeit in MacIntyres Überlegungen ein: Ich werde mich damit auseinander-setzen, ob Tiere - mit oder ohne Sprache ausgestattet – Annahmen treffen können. MacIntyre bejaht das, meint aber, für Hypothesenbildung seien wenigstens elementare, vorsprachliche (prelinguistic) Entscheidungsfähigkeiten erforderlich[30]. Im Übrigen werde die menschliche Sprachfä- higkeit oft überschätzt und daraus fälschlich geschlossen, dass Tieren ohne Sprache geistige Kapazitäten und praktische Vernunft fehlten[31]. MacIntyre bestreitet das unter Bezugnahme auf John Searle, der behauptet, ein Lebewesen müsse nicht sprachlich fein zwischen Absicht, Annahme und Wünschen unterscheiden können, damit man ihm planvolles Handeln zuschreiben könne[32].

[...]


[1] Eigene Übersetzung von Montaigne, Michel de: Apologie de Raimond Sebond. In Essais, Kapitel XII. Paris 1818. Seiten 28f.

[2] Dort MacIntyre, Alasdair: Dependent Rational Animals|Why Human Beeings Need the Virtues. Chicago und La Salle, Illinois 2014. Seiten 29 ff.

[3] Dayton, Eric: Could it be worth thinking about Descartes on whether animals have beliefs? In History of Philosophy Quarterly Band 21. Los Angeles 2004. Seiten 63 ff.

[4] Andrews, Kristin: The Animal Mind: An Introduction to the Philosophy of Animal Cognition. Abingdon 2015.

[5] Dennett, Daniel C.: Do Animals Have Beliefs?. In Comparative Approaches to Cognitive Sciences. Cambridg, CA 1995. Seiten 111 ff.

[6] Lurz, Robert W.: Mindreading Animals: The Debate over What Animals Know about Other Minds. Cambridge, MA 2011.

[7] Davidson, Donald: Rational Animals. In Dialectica Band 36. Delsberg 1982. Seiten 317 ff.

[8] Descartes, Réné: Von der Methode des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Forschung. Hamburg 1978. Seite 47.

[9] Hobbes, Thomas: Grundzüge der Philosophie|Lehre vom Menschen und vom Bürger. Leipzig 1918. Seite 18.

[10] Hobbes, Thomas: Leviathan. Halle 1794. Seite 23.

[11] Hobbes, Thomas: ibidem. Seite 12.

[12] Hume, David: Traktat über die menschliche Natur. Hamburg und Leipzig 1904. Seite 237.

[13] Hume, David: ibidem. Seite 239.

[14] Kant, Immanuel: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. Leipzig 1912. Seite 11.

[15] Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung|Zweiter Band. Stuttgart 1859. Seite 50.

[16] Schopenhauer, Arthur: ibidem. Seite 69.

[17] Schopenhauer, Arthur: ibidem. Seite 71.

[18] MacIntyre, Alasdair: After Virtue|A Study in Moral Theory. Notre Dame 2007.

[19] MacIntyre, Alasdair:After Virtue. Ibidem. Seite 39.

[20] MacIntyre, Alasdair:After Virtue. Ibidem. Seite 50.

[21] MacIntyre, Alasdair:After Virtue. Ibidem. Seite 273.

[22] MacIntyre, Alasdair: Dependent Rational Animals. Ibidem. Seite X.

[23] MacIntyre, Alasdair: Ibidem. Seite 2.

[24] Vergleiche Smith, Adam: The Theory Of Moral Sentiments. São Paulo 2006. Seite 164.

[25] Smith, Adam: Ibidem. Seite 181.

[26] MacIntyre, Alasdair: Ibidem. Seite 3.

[27] MacIntyre, Alasdair: Ibidem. Seiten 11 ff.

[28] MacIntyre, Alasdair: Ibidem. Seiten 21 ff.

[29] MacIntyre, Alasdair: Ibidem. Seiten 29 ff.

[30] MacIntyre, Alasdair: Ibidem. Seite 36.

[31] MacIntyre, Alasdair: Ibidem. Seite 12.

[32] MacIntyre, Alasdair: Ibidem. Seite 35.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Können Tiere Annahmen treffen? Alasdair MacIntyres "Dependent Rational Animals"
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
18
Katalognummer
V509868
ISBN (eBook)
9783346079121
ISBN (Buch)
9783346079138
Sprache
Deutsch
Schlagworte
MacIntyre, Dependent Rational Animals, After Virtue, Anthropomorphismus, Hypothesenbildung, Theory of Mind, pratical reasoners, Hans Jonas, Donald Davidson, Wahrheitstheorien, John Searle, Empathie, vorsprachlich, prelingu-istic, Staatsbürgerrechte für Haustiere, philosophische Sekunde, de Saussure, signifié, signifiant
Arbeit zitieren
Götz-Ulrich Luttenberger (Autor), 2019, Können Tiere Annahmen treffen? Alasdair MacIntyres "Dependent Rational Animals", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509868

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