Struktur-Funktionsanalyse am Beispiel "Das Karussell" von Rainer Maria Rilke


Hausarbeit, 2018
27 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Textebene
2.1. Grafische Subebene
2.2. Akustische Subebene
2.3. Rhythmische Subebene
2.4. Syntaktische Subebene
1.5. Semantische Subebene
1.6. Subebenenstruktur der Textebene

2. Darstellungsebene

3. Bedeutungsebene

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Und dann und wann ein weißer Elefant.“

Diese Zeile ist die wohl Einprägsamste aus dem Gedicht „Das Karussell“ von Rainer Maria Rilke, welches zwischen 1906 und 19071 erschien. Das Werk entstand im Rahmen der Lyrikreihe „Neue Gedichte 1“ und lässt sich auf Grund seiner Sachlichkeit und dem Bezug zum Gegenstand als Dinggedicht einordnen. Der Autor selber, geboren am 04. Dezember 1875 in Prag, lebte im Rahmen der Entstehungszeit des Gedichtes in Paris, Frankreich und arbeitete dort als Privatsekretär von Auguste Rodin. Im Jahr 2007 befand sich R.M. Rilke außerdem auf der Insel Capri, Venedig und reiste dann zurück nach Paris, wo er im Dezember die Reihe „Neue Gedichte 1“ veröffentlichte. Sechs Jahre zuvor heiratete er seine Frau Clara Westhoff, die am 21. Dezember 1901 seine Tochter Ruth zur Welt brachte. 1902 entschloss sich der Autor, sein bürgerliches Familienleben aufzugeben und unternahm viele Reisen, welche meist getrennt von seiner Frau und Tochter stattfanden. Dem Forschungsstand des Gedichtes nach zu urteilen, bestehen ungeklärte Verbindungen zwischen dem „kleinen blauen Mädchen“ und seiner Tochter. Des Weiteren wird die Thematik der Kindheit in dem Werk Rilkes hinterfragt und ein Bezug zur Zeile „atemloses blindes Spiel“ geschaffen. Rilke selber wurde nach der Scheidung seiner Eltern, 1884, in den Eintritt der Militär-Unterrealschule gezwungen und blieb von 1886- 1891 in militärischer Ausbildung. Das Gedicht schafft des Weiteren hohes Aufsehen auf Grund seiner Bewegtheit und dem Zusammenspiel aus erwachsener und kindlicher Perspektive auf das Dingliche – dem Karussell.2 In der vorliegenden Arbeit sollen, mittels der Struktur- Funktions-Analyse, die Bewegtheit und die Wechselhaftigkeit der Perspektiven näher erläutert und allgemein ein Überblick zum Gesamtwerk geschaffen werden.

2. Textebene

2.1. Grafische Subebene

Das lyrische Werk „Das Karussell“ setzt sich aus sieben Textblöcken und insgesamt 27 Zeilen zusammen. Darunter befinden sich zwei Zeilen, (Textblock vier und sechs) welche als einzelne Textabschnitte fungieren. Der erste Abschnitt enthält acht Zeilen, wohingegen die beiden folgenden Textblöcke aus jeweils drei Zeilen bestehen. Es folgt eine einzelne Zeile und Textblock fünf, welcher sich aus vier Zeilen zusammensetzt. Im Anschluss daran, wie bereits genannt, erneut eine einzelne Zeile und abschließend Textblock sieben, bestehend aus sieben Zeilen.

Der Titel „Das Karussell“ befindet sich peripherisch am Kopf des Werkes, gefolgt von der Ortsangabe, bei welcher es sich um den „Jardin du Luxembourg“, deutsch: der Garten in Luxemburg, handelt. Eine zeitliche Angabe wird in der Darstellung des Werkes nicht kenntlich gemacht. Dennoch ist der Recherche und anderen Veröffentlichungen nach bekannt, dass das Gedicht zwischen 1906 und 1907 erschien.

In der grafischen Subebene lässt sich feststellen, dass die äußere Form des Werkes keiner Regelmäßigkeit folgt. Es gibt eine Dopplung der Zeilenmenge in Textblock zwei und drei, sowie die beiden Einzelzeilen in Textblock vier und sechs. Textblock eins und sieben, und somit der beginnende und endende Abschnitt des Gedichts sind im Verhältnis am längsten, dennoch ungleichmäßig hinsichtlich ihrer Zeilenzahl. Von Textblock eins bis fünf kann von einer Sukzessionsstruktur, trotz der Analogie in Textabschnitt drei, ausgegangen werden. Dennoch liegt ebenfalls eine Analogie in Textblock sechs im Rückschluss auf Textblock vier und selbiges für Textblock sieben zu Textblock eins vor, weshalb Merkmale der Rahmenstruktur ebenfalls berücksichtigt werden müssen.

Struktur der grafischen Subebene:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2. Akustische Subebene

Im Hinblick auf das Reimschema ist auffällig, dass dieses kein festgelegtes Nacheinander, sondern vielmehr ein Ineinandergreifen der Elemente darstellt und demnach ein komplexes Konstrukt aus verschiedenen Reimarten bildet. Die folgenden analysierten Reimstrukturen beziehen sich auf die Endreime des Gedichtes.

Der erste Textblock weist zwei umarmende Reime auf (abba bccb), welche ineinandergreifen. Somit reimen sich jeweils die Innenglieder auf die folgenden Außenglieder. Abschnitt zwei und drei umfassen jeweils drei Zeilen, von welchen die Mittleren (s.g. Waisen) von zwei sich reimenden Zeilen umgegeben sind (ded und fbf). Es folgt ein Einzeiler, welcher sich rückbeziehend auf Partikel des ersten Textblockes und die Waise des dritten Textabschnittes reimt (b). Hierbei handelt es sich um einen Kehrreim, welcher noch im ersten Abschnitt optisch und klanglich ganzheitlich integriert ist. Mit der Wiederholung dessen (Textblock vier) wird die Zeile optisch vom vorherigen Abschnitt isoliert und ist nur noch lose mit der „Hand“ nach hinten verbunden. Daraus resultierend lässt sich sagen, dass der Schlussreim „and/-ant“ als Schweifreim innerhalb der ersten Gedichthälfte dominiert. Der fünfte Textabschnitt verfügt über einen umarmenden Reim (effe). Hierbei wird ein Rückbezug zu der Waise des zweiten Textblockes hergestellt, welche mit der Variable e gekennzeichnet ist. Im Anschluss daran folgt erneut der Einzeiler, welcher als Kehrreim gilt, da er eine Wiederholung des vierten Textblockes darstellt – auf Grund der Zeilendistanz allerdings als verwaist gilt. Textblock sieben weist sowohl einen Kreuzreim, als auch einen umarmenden Reim innerhalb von sieben Zeilen auf (ghghggh). Die mittlere Zeile dient hierbei dem Ende des Kreuzreimes (ghgh), und zugleich dem Anfang des umarmenden Reimes (hggh), wodurch ein erneutes Ineinandergreifen der Elemente zu erkennen ist. Im Vergleich zu den zuvor auftretenden sich reimenden Endsilben, stellen die Reimpaare des siebten Textblockes „-il“ und „-endet“ keine Verbindung zu vorherigen dar.

Innerhalb der Zeilen zeigen sich ebenfalls Auffälligkeiten hinsichtlich des Klanges. Die Endzeile des ersten Textabschnittes, als auch die beiden vorliegenden Kehrreime (Textblock vier und sechs), weisen einen Binnenreim auf („und dann und wann“). Ein weiterer Binnenreim befindet sich in Textblock sieben, Zeile sechs („blendet und verschwendet“).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Darstellung des Reimschemas in dem Gedicht „Das Karussell“ von R.M. Rilke

Des Weiteren findet sich insgesamt 19 Mal das Polysyndeton „und“ im Werk Rilkes wieder und tritt gehäuft und alternierend mit dem unbestimmten Artikel „ein“ auf. Vor allem auffällig, ist die vielfache Verwendung der Konjugation „und“ im siebten und somit letzten Abschnitt des Gedichtes. Im Gesamtwerk verteilt sich das Bindewort innerhalb, als auch am Anfang der jeweiligen Zeilen, und bildet somit stilistisch Anaphern (TB 3, Z. 1 und 2; TB 4 und 5, TB 6 und 7). Alliterationen sind in dem Werk „Das Karussell“ nicht signifikant auffällig, und treten in Textblock 3, Zeile drei („Zähne zeigt und Zunge“) und in einem Fall (TB 7 „ein Grün, ein Grau“) verkürzt auf.

Zusätzlich finden sich gehäuft, teils modellierte, Wortwiederholungen in dem Text wieder. So werden die animalischen Begriffe „Löwe(n)“, „Pferde(n) und „Elefant“ innerhalb des Werkes dreimal verwendet, und das „Mädchen“ zweimal. Die „bunten Pferde“, welche als „Bestand“ tituliert sind (TB1, Z.2-3), verweisen auf eine Personifikation im gleichen Abschnitt.

Ebenso zeigt sich im letzten Textblock eine Personifizierung, bei welcher das benannte „hergewendet>e@“ Lächeln (Z.6) „blendet und >“an dieses atemlose blinde Spiel...“@ verschwendet ist.

Hinsichtlich der Analyse der Vokalklänge und deren Auftreten wird schnell deutlich, dass eine gehäufte Nutzung von Umlauten, als auch von neutralen Vokalen vorliegt. Inwieweit sich diese über die einzelnen Textabschnitte erstrecken, wird im Folgenden tabellarisch kenntlich gemacht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab.1: Auftreten der Vokale und Umlaute im Gesamtwerk „Das Karussell“ von R.M. Rilke unter der Berücksichtigung des Vokaldreiecks nach C.F. Hellwag (1781)

Besonders häufig tritt der Vokal „e“ und der Umlaut „ä“ auf und das in einem stetigen Mengenwechsel hinsichtlich der Textblöcke. Es wird ebenfalls deutlich, dass sich die hellen Laute „i“ und „ai/ei“ zu Beginn und Ende des Werkes mehrfach zeigen im Vergleich zu den dazwischenliegenden Textabschnitten. Das gleiche gilt für den dunkelsten Vokalklang „u“, welcher allerdings in comparision zu den zuvor genannten Lauten, ähnlich wie der neutrale Vokal „a“, in jedem Textblock mindestens einmal oder zweimal auftritt.

Die Verwendung der Bezeichnung „gemischt“ (Tab. 1) steht für keine eindeutige Zuordnung zu den Klangbereichen hell, neutral und dunkel, und verweist somit auf das vermehrte Vorkommen aller drei Kategorien.

Unter der Berücksichtigung der Reimarten, der stilistischen Mittel und der Klangfärbung des Werkes, lassen sich folgende Strukturen für die akustische Subebene aufstellen.

a) Reimschema:

unterteilt nach Reimart und dem jeweiligen, durch die Variable gekennzeichneten, Endreim

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

b) Stilistische Auffälligkeiten:

unterteilt nach dem Auftreten des Polysyndetons „und“ und den weiteren kenntlich gemachten stilistischen Mitteln (Alliteration, Personifizierung, Wortwiederholungen)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

c) Vokalklänge:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diesen aufgestellten Strukturen nach zu urteilen, wird deutlich, dass sowohl Übereinstimmungen als auch signifikante Unterschiede innerhalb der Subebene vorliegen. Im Bereich der Reimarten wird das bereits genannte Ineinandergreifen der Elemente deutlich. Es obliegt somit dem Leser und der analysierenden Person, ob der vierte Textblock isoliert oder als Bestandteil des dritten Abschnitts betrachtet wird, woraus sich die Unterteilung und Auslassung in der tabellarischen Ausführung ergibt. Textblock sieben ist hierbei separiert aufgeführt, da es sich um, wie oben genannt, zwei ineinandergreifende Reimarten, und zwar dem Kreuz- und den umarmenden Reim, handelt. Berücksichtigt man nun die Gesamtheit der aufgestellten Strukturen, lässt sich erkennen, dass Textblock eins und zwei in allen Fällen übereinstimmen.

Unter dem möglichen Aspekt der Verbindung zwischen dem dritten und vierten Textabschnitt und somit dem Auftreten einer neuen Variable C, zeigt sich eine erneute Übereinstimmung mit der Struktur c), in welcher der dritte Block als auffällig hell im Vergleich zu den Weiteren gilt. Textblock vier entfällt somit in der nachfolgenden Struktur der akustischen Subebene und zählt, auf Grund der Zusammengehörigkeit auf der Reim- und Klangebene, als Bestandteil des Dritten. Der fünfte Textabschnitt schafft sowohl einen Rückbezug zum ersten, als auch zweiten Textblock und kann somit als A‘ oder B‘ eingeordnet werden. Um die Linie der bereits argumentierten Struktur nicht zu verlieren, stellt es sich als sinnvoll heraus, die Reimart weiterhin zu berücksichtigen, um das Auslassen des vierten Abschnittes weiterhin zu rechtfertigen. Als verwaister Einzeiler lässt sich der sechste Textabschnitt dem Zusammenspiel aus Textblock drei und vier zuordnen. Dies wird mittels der Endreimvariable b, dem sich wiederholenden Bindeglied „und“, der Wortwiederholung „Elefant“ und der Gesamtübereinstimmung der letzten Zeile aus Textblock drei, argumentiert. Hinsichtlich der aufgestellten Strukturen, lässt sich erkennen, dass sich der letzte Textabschnitt von den anderen auffällig abhebt, weshalb er als Einzelvariable D gekennzeichnet ist.

Von Textblock eins bis drei kann von einer Sukzessionsstruktur ausgegangen werden. Dem widersprechend liegt ein analoger Rückbezug in Textblock fünf im Bezug auf Textblock eins, und selbiges für Textblock sechs zu Textblock drei/vier vor, weshalb Merkmale der Rahmenstruktur ebenfalls berücksichtigt werden müssen. Zusätzlich distanziert sich der siebte Textabschnitt hinsichtlich seiner akustischen Merkmale von den anderen Blöcken, was sowohl eine Sukzessions-, als auch Rahmenstruktur ausschließt und eine Opposition darstellt.

Des Weiteren wird die bereits aufgestellte Struktur bezüglich der Reimarten dennoch mit herangezogen, welche im Bereich der Gesamtstrukturermittlung zeigen soll, ob eine Auslassung des vierten Textblockes möglich ist.

d) Gesamtstruktur der akustischen Subebene:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Groddeck, W. (Hrsg.). (2008). Gedichte von Rainer Maria Rilke (Universal-Bibliothek Literaturstudium Interpretationen, Bd. 17510, [Nachdr.]. Stuttgart: Reclam.

2 Rilke, R. M. (2006). Gesammelte Gedichte (Goldmann, Bd. 7752, Taschenbuchausg., 1. Aufl.). München: Goldmann. S.719-726.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Struktur-Funktionsanalyse am Beispiel "Das Karussell" von Rainer Maria Rilke
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Germanistik an der Universität Rostock)
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
27
Katalognummer
V509895
ISBN (eBook)
9783346076038
ISBN (Buch)
9783346076045
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lyrik Rilke Karussell Analyse Interpretation
Arbeit zitieren
Johanna Weinhold (Autor), 2018, Struktur-Funktionsanalyse am Beispiel "Das Karussell" von Rainer Maria Rilke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509895

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