Der (un)emotionale Psychopath. Psychopathie und das "Emotionsnetzwerk"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Persönlichkeit und Persönlichkeitsstörung
2.1 Antisoziale Persönlichkeitsstörung
2.2 Psychopathie

3 Das Emotionsnetzwerk

4 Das Emotionsnetzwerk bei Psychopathen
4.1 Hirnanomalien
4.2 Kognitive Emotionen
4.3 Emotionale Intelligenz
4.4 Empathie

5 Fazit

Literaturverzeichnis.

1 Einleitung

„Ich war eigentlich eine normale Person. Ich führte ein normales Leben. Bis auf diesen kleinen, doch sehr machtvollen und destruktiven Bestandteil, den ich vor allen geheim hielt.“

–Ted Bundy 1 (Huber, 2016)

„Es ist ein Prozess, es geschieht nicht über Nacht, dass man eine andere Person nur noch als Objekt sieht. Ein Lustobjekt und nicht ein lebendes, atmendes menschliches Wesen. Es scheint, das macht es einfacher, Dinge zu tun, die man nicht tun sollte.“

–Jeffrey Dahmer 2 (Huber, 2016)

„Was ich tat, tat ich nicht aus sexueller Lust. Es brachte mir vielmehr ein wenig Seelenruh.“

– Andrej Tschikatilo 3 (Huber, 2016)

Der klassische „Psychokiller“, wie man ihn aus den Nachrichten, Romanen, Kinos etc. kennt, ist weder ein satanistischer Dämon noch ein blutrünstiges Monster. Im Gegensatz zu der allgegenwärtigen Behauptung ein Psychopath sei „irre“, ist die beschriebene Unterform der Psychopathie schlichtweg kriminell. Außerdem wissen Psychopathen durchaus, was richtig und was falsch ist, sie verstehen die Regeln der Gesellschaft, sie handeln lediglich nicht nach den moralischen oder sozialen Normen (Hare, 1999: o.S.; Klopf, 2015). Kriminelle Psychopathen betrachten ihre gewalttätigen und brutalen Handlungen als gerechtfertigte Reaktionen (Füllgrabe, 2004; Roth and Strüber, 2009). Da Psychopathen aus juristischer und psychiatrischer Sicht geistig gesund sind, können sie strafrechtlich für ihre Taten zur Verantwortung gezogen werden (Klopf, 2015). Viele subkriminelle Psychopathen leben unentdeckt unter uns, schätzungsweise kommt auf 100 „normale“ Personen 1 Psychopath (Hare, 1999: o.S.).

Im weiteren Verlauf wird näher auf die Unterscheidung zwischen subkriminellen und kriminellen Psychopathen eingegangen.

Psychopathen gelten umgangssprachlich als emotionslos. Dies meint in diesem Zusammenhang sowohl empathielos, vor allem unfähig Mitgefühl für andere zu empfinden, als auch gefühlskalt. Andererseits jedoch haben sie Wutanfälle oder andere starke Gefühlsausbrüche (Huber, 2016; Roth and Strüber, 2009). Aufgrund der allgegenwärtigen Faszination für Psychopathie ist sie heute eine der am umfangreichsten erforschten und verstandenen psychischen Störungen (Klopf, 2015). Aus wissenschaftlicher Perspektive steht fest, dass diverse Hirnanomalien und Dysfunktionen bezüglich der Emotionsregulation bei Psychopathen vorliegen (Copestake et al., 2013), weshalb sich folglich aus wissenschaftlicher Sichtweise die Frage stellt wie kognitive Emotion, Empathie und emotionale Intelligenz als „Emotionsnetzwerk“ mit Psychopathie in Verbindung zueinander stehen.

Diese Studienarbeit wird sich deshalb mit der Forschungsfrage beschäftigten, welchen Zusammenhang es zwischen der Unterform der Antisozialen Persönlichkeitsstörung „Psychopathie“ und dem dysfunktionalen „Emotionsnetzwerk“ gibt.

Begonnen wird die Ausarbeitung, indem Persönlichkeit und Antisoziale Persönlichkeitsstörung sowie Psychopathie betrachtet, differenziert und definiert werden. Dies geschieht, um zu beschreiben was konkret mit Psychopathie gemeint ist und um zu verstehen, was die psychopathische Persönlichkeit abnorm macht.

Anschließend wird der Begriff „Emotionsnetzwerk“ für diese Arbeit definiert, indem Emotionen, Empathie und emotionale Intelligenz aus wissenschaftlicher Perspektive miteinander verknüpft werden.

Daraufhin wird sich konkret mit den Hirnanomalien und den damit verbundenen kognitiven Emotionen, Empathie und der emotionalen Intelligenz von Psychopathen beschäftigt bzw. festgestellt, wie diese im Verhältnis zu Psychopathie stehen.

Abschließend wird ein allgemeines Fazit zum Thema gezogen, sowie die Studienarbeit mit Sichtweisen bezüglich therapeutischer Maßnahmen für Psychopathen abgerundet.

2 Persönlichkeit und Persönlichkeitsstörung

Was macht einen Menschen aus? Seine Persönlichkeit.

Zum einen sind das die grundlegenden Merkmale und Dispositionen, wie Genetik, physische Merkmale und kognitive Fähigkeiten wie Intelligenz oder Wahrnehmungs- und Denkstile. Zum anderen sind das charakteristische Anpassungsweisen wie Bewältigungs-/Abwehr- und Informationsverarbeitungsprozesse sowie volitionale Prozesse. Vor allem aber zählen Emotionsregulationsprozesse und interpersonale Prozesse wie Bindungs-/ Beziehungsformen sowie Kommunikations- und Konfliktlösungsfertigkeiten dazu (Fröhlich, 2019; Schneewind, 2000).

Bei einer vorherrschenden Persönlichkeitsstörungen weichen die Erlebens-/ Verhaltensmuster insgesamt deutlich von kulturell erwarteten und akzeptierten Normen ab. Diese Abweichungen umfassen Kognitionen, Affektivität, Impulskontrolle sowie zwischenmenschliche Beziehungen (Fröhlich, 2019).

Unter diesem Aspekt werden in den zwei folgenden Unterkapiteln die Persönlichkeitsstörungen Antisoziale Persönlichkeitsstörung und deren Unterform Psychopathie genauer betrachtet und definiert.

2.1 Antisoziale Persönlichkeitsstörung

Die Antisozialer Persönlichkeitsstörung (ASP) ist eine klinische Diagnose im DSM (Klopf, 2015). Personen, die an ASP leiden, im ICD auch als Dissoziale Persönlichkeitsstörung definiert, legen aggressives und gesetzeswidriges Verhalten an den Tag. Sie lügen und betrügen zu ihrem eigenen Vorteil oder Vergnügen. Rationalisierung, Rücksichtslosigkeit, Unverantwortlichkeit, Betrug, Impulsivität sowie fehlendes Schuldgefühl und Gleichgültigkeit gegenüber jeglicher Art von Risiko oder Konsequenz gehören ebenfalls zu ihrem Persönlichkeitskonstrukt. Damit die Diagnose gestellt werden kann, müssen drei dieser Verhaltensweisen ab dem 15. Lebensjahr auftreten, sowie fortlaufend im Erwachsenenalter Bestandteil der Persönlichkeit sein (Sewing, 2007; Spektrum der Wissenschaft, 2014).

Im klinischen Zusammenhang wird bevorzugt die dissoziale Persönlichkeitsstörung nach dem ICD-10 diagnostiziert, wohingegen sich in der Forschung überwiegend an den Kriterien der antisozialen Persönlichkeitsstörung nach APA orientiert wird (Eisenbarth, 2008; Sewing, 2007).

2.2 Psychopathie

Im 19. Jahrhundert ist Psychopathie der Überbegriff für Persönlichkeitsstörungen gewesen. Sie ist anhand der Degenerationslehre und Evolutionstheorie Darwins als „angeborene psychopathische Degeneration im Bereich des Gehirns“ erklärt worden, „die intellektuelle und moralische Schwächezustände bedingt“ (Dulz et al., 2017: S. 4).

Widmet man sich dem Psychopathiekonzept, treten bereits zu Beginn Schwierigkeiten bei der Begriffsdefinition auf. Häufig im Zusammenhang mit der Psychopathie genannt, wird im deutschsprachigen Raum die „soziopathische Persönlichkeitsstörung“. 1952 im DSM-I hat dieser Begriff seine Anwendung als Überbegriff für Antisozialität, Dissozialität, sexuelle Störungen sowie Alkohol- und Drogenabhängigkeit gefunden (American Psychiatric Association, 1952: S. 38 f.; Hare, 1978: S. 16 f.). Die psychopathische Persönlichkeitsstörung ist dort im Zusammenhang mit pathologischer Sexualität, Emotionalität und asozialen oder amoralischen Trends aufgeführt gewesen und ebenfalls im Zusammenhang mit der soziopathischen und emotional instabilen Persönlichkeit genannt worden (American Psychiatric Association, 1952: S. 36 ff., 119; Hare, 1978: S. 16 f.).

Heute aber gilt die Psychopathie als schwere Form bzw. Kerngruppe der Antisozialen Persönlichkeitsstörung, ist allerdings nicht im DSM5 oder ICD10 als Diagnose enthalten (Dulz et al., 2017: S. 26; Roth and Strüber, 2009; Spektrum der Wissenschaft, 2014). Soziopathie ist heute in der Diagnostik ein veralteter Begriff für Antisoziale Persönlichkeitsstörung. Im Bereich der Neurologie allerdings bekommt er eine neue Bedeutung und steht fortan für die neuropathologisch bedingte Unfähigkeit bezüglich sozialer Kompetenzen (Saß, 1987: S. 7 ff.). Psychopathie beschreibt einen unerbittlich antisozialen und trügerischen Lebens- und Handlungsstil (Eisenbarth, 2008; Klopf, 2015). Im Folgenden wird sich deshalb auf den sich im wissenschaftlichen Kreis durchsetzenden Begriff „Psychopathie“ bezogen.

Man unterscheidet zwischen zwei Arten von Psychopathen: kriminellen und subkriminellen. Kriminelle, also erfolglose Psychopathen, sind die uns bekannten Gewaltverbrecher, Vergewaltiger oder Serienmörder. Sie zeichnen sich durch ein hohes Aggressionspotential sowie antisoziales Verhalten aus (Sewing, 2007). Subkriminelle Psychopathen sind genauso egozentrisch, bösartig und manipulativ wie kriminelle. Sie werden oft als „erfolgreiche Psychopathen“ bezeichnet, beispielsweise Anwälte, CEOs oder Führungskräfte (Füllgrabe, 2004), da es Ihnen, dank ihrer Intelligenz und sozialen Fähigkeiten, möglich ist eine Fassade der Normalität zu erhalten (Hare, 1999: o.S.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das psychopathische Spektrum, aufgegliedert nach seinem Gefährlichkeitsgrad. Von links, den subkriminellen, nach rechts, den kriminellen Psychopathen (Dulz et al., 2017: S. 28).

Ob Psychopathie allerdings ein Verhaltensspektrum oder eine trennscharfe Kategorie ist, ist bis heute nicht klar definiert (Klopf, 2015).

Psychopathie lässt sich seit Ende des 20. Jahrhunderts mittels der 20 Kriterien aus Robert Hares Psychopathy Checklist Revised (PCLR) diagnostizieren bzw. der Schweregrad je nach Ausprägung anhand von 0 bis 2 (volle Ausprägung) Punkten ermitteln. Ab einem PCLR-Wert von 30 Punkten erfolgt die Diagnose Psychopathie (Dulz et al., 2017: S. 15). Allerding ist die Punktzahl 30 eine beliebige Festsetzung und auch Personen die 25 – 29 Punkte erreichen sind sehr gefährlich (Hare, 1999: o.S.). „Die 20 Unterpunkte reichen von oberflächlichem Charme und Impulsivität über ständiges Lügen, Kaltschnäuzigkeit und fehlende Empathie bis zur Jugendkriminalität“ (Schlütter, 2011). Die PCLR Skala findet deshalb vor allem im kriminologischen Rahmen Anwendung, also bei den kriminellen Psychopathen (Copestake et al., 2013; Hare, 1999: o.S.).

In abgewandelter Form von Hare bezieht sich der Kriterienkatalog von Cooke mit 13 Items vordergründig auf die subkriminellen Psychopathen. Dieser wird nochmals in die drei Faktoren arrogant-betrügerischer interpersoneller Stil „(heuchlerisches Gebaren, Grandiosität, Lügen, Manipulation und Betrug“), Affekt („emotional flach, niederträchtig, fehlendes Schuldbewusstsein und Verleugnung von Verantwortung“) und Verhalten („impulsiv, unverantwortlich, parasitärer Lebensstil, Fehlen von langfristigen Zielen und Langeweile“) unterteilt (Dulz et al., 2017: S. 27; Mokros and Osterheid, 2009).

Ob jemand ein erfolgreicher oder erfolgsloser Psychopath wird, hängt von Risikofaktoren wie Geburtstrauma, Belohnung für aggressionsloses Verhalten in der Entwicklung, sexuellem und physischem Missbrauch als Kind oder Jugendlichen, fehlenden Vorbildern für Selbstkontrolle, eigenem sozioökonomischen Status sowie dem der Eltern und den vorherrschenden Rollenverteilung der Erziehungsberechtigten ab. Hinzu kommen Schulbildung, Intelligenz, Aufmerksamkeits-/ oder Hyperaktivitätsstörung, exzessiver Konsum aggressiver Spiele und Videos, Sensationssucht und Langeweile sowie Substanzmissbrauch (Birbaumer, 2015; Roth and Strüber, 2009).

[...]


1 Ted Bundy ist ein Psychopath gewesen, der zwischen 28 und 60 Frauen vergewaltigt und danach erdrosselt oder erschlagen hat.

2 Jeffrey Dahmer ist ein Psychopath gewesen, der 17 jugendliche Männer umgebracht, deren Leichen missbraucht, Körperteile gegessen und Fotos davon gemacht hat.

3 Andrej Tschikatilo ist ein Psychopath gewesen, der 53 Mädchen, Jungen und Frauen umgebracht, deren Leichen die Augen ausgestochen, Genitalien abgeschnitten und deren Brustwarzen abgebissen hat.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der (un)emotionale Psychopath. Psychopathie und das "Emotionsnetzwerk"
Hochschule
Fachhochschule des Mittelstands
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
19
Katalognummer
V509979
ISBN (eBook)
9783346085863
ISBN (Buch)
9783346085870
Sprache
Deutsch
Schlagworte
psychopath, psychopathie, emotionsnetzwerk
Arbeit zitieren
Vivienne-Elyn Spruck (Autor), 2019, Der (un)emotionale Psychopath. Psychopathie und das "Emotionsnetzwerk", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509979

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