Die Bedeutung nonverbaler Kommunikation in Gesprächssituationen. Der Einfluss der Körperhaltung auf die Bewertung von berufsrelevanten Persönlichkeitsmerkmalen


Masterarbeit, 2017
119 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Zusammenfassung

Die vorliegende Querschnittsstudie untersucht an einer Stichprobe von N = 217 Erwachsenen den Einfluss der Körperhaltung auf die Bewertung von berufsrelevanten Persönlichkeitsmerkmalen einer Gesprächsperson[1]. Es wird die Ausrichtung des Körpers, Kopfes, Rumpfes sowie der Arme variiert und in Hinblick auf die Bewertung von Durchsetzungsstärke, Führungskompetenz, Leistungsmotivation, Toleranz und Selbstbewusstsein untersucht. Zudem werden Geschlechterunterschiede geprüft. Im Rahmen des Online-Fragebogens werden die Körperhaltungen auf Fotos durch einen männlichen und einen weiblichen Gesprächspartner abgebildet.

Die im Rahmen der quantitativen Erhebung erzeugten Daten belegen, dass eine frontale Körperausrichtung sowie eine verschränkte Armhaltung zu einer höheren Bewertung von Durchsetzungsstärke führt. Darüber hinaus wird deutlich, dass ein zurückgeneigter Kopf eine höhere Beurteilung von Leistungsmotivation erzeugt und ein vorgeneigter Rumpf eine höhere Einschätzung von Führungskompetenz hervorruft. Im Zuge weiterer Hypothesenprüfungen wird sichtbar, dass die Bewertung von Toleranz signifikant durch die Haltung der Arme und des Kopfes beeinflusst wird, sich die Körperausrichtung und Rumpfhaltung jedoch nicht bedeutsam auf die Toleranzeinschätzung auswirken. Auf die Beurteilung eines selbstbewussten Auftretens nehmen alle vier Körperhaltungen bedeutsamen Einfluss. Darüber hinaus wird deutlich, dass der Bildungsstand und das Geschlecht einer Gesprächsperson signifikanten Einfluss auf das Urteilsverhalten eines Gegenübers nehmen.

Das Ziel dieser Arbeit ist, Stellungnahmen zu treffen, inwiefern die Bewertung von berufskritischen Persönlichkeitseigenschaften durch die Körperhaltung beeinflusst wird und den Nutzen nonverbaler Kommunikation herauszuarbeiten. Außerdem werden praktische Empfehlungen gegeben, wie nichtsprachliche Kommunikation erfolgreich eingesetzt werden kann, um gewünschte Effekte bei Gesprächspartnern zu erreichen.

Abstract

This cross section study is a random sample survey of N = 217 adults investigate the influence of posture on the evaluation of personality traits. It is examined whether body alignment, head, and torso tilt as well as arm positioning affect perceived levels of enforcement, leadership, performance motivation, tolerance, and self-confidence. Gender differences are also examined. Within the framework of the online questionnaire, the body measurements are mapped on photographs of a female and male conversation partner.

The data gathered in the quantitative survey show that a frontal body alignment as well as an entwined arm holding leads to a higher evaluation of enforcement. In addition, it becomes clear that a backward head tilt generates a higher assessment of performance motivation and a forward torso tilt evoke a higher level of leadership competency. During the further procedure, it becomes clear that the rating of tolerance is significantly influenced by the position of the arms and the head, but the body alignment and torso posture don´t have a significant effect on the tolerance estimation. Furthermore, it is shown that all four postures have an important influence on the assessment of self-conscious. Moreover, the level of education and the gender of a person have a significant influence on the judgment behavior of a counterpart.

The aim of the present master thesis is to generate comments on the extent to which posture influences the evaluation of job-relevant personality traits and point out the uses of knowing the effects of non-verbal communication traits. Furthermore, this study offers practical recommendations on how to deploy this knowledge to achieve desired effects among conversation partners.

Inhaltsverzeichnis

II Abbildungsverzeichnis. 9

III Abkürzungsverzeichnis. 10

1 Einleitung. 11

2 Begriffseinordnung und theoretische Grundlagen. 12

2.1 Theoretische Grundlagen. 13

2.1.1 Nonverbale Kommunikation. 13

2.1.2 Historie der nonverbalen Kommunikation. 14

2.1.3 Einführung in die Körpersprache. 16

2.1.4 Funktionen von Körpersprache. 18

2.2 Kommunikationskonzepte. 19

2.2.1 Das Sender-Empfänger-Modell nach Shannon und Weaver 20

2.2.2 Die fünf Axiome der Kommunikationstheorie nach Watzlawick. 22

2.3 Körpersprache als spezifische Form nonverbaler Kommunikation. 25

2.3.1 Die Rolle von Emotionen. 25

2.3.2 Geschlechtsspezifische Unterschiede. 27

2.3.3 Effekte des Bildungsstands. 28

2.3.4 Nonverbale Kommunikationsforschung. 29

2.3.5 Nutzen der Körpersprache im beruflichen Kontext 32

2.4 Die Körperhaltung und untersuchungsrelevante Formen. 33

2.4.1 Die Körperausrichtung. 34

2.4.2 Die Armhaltung. 35

2.4.3 Die Kopfhaltung. 36

2.4.4 Die Ausrichtung des Rumpfes. 37

2.4.5 Die Persönlichkeitsmerkmale. 38

2.5 Herleitung der Fragestellung und Hypothesen. 40

2.5.1 Fragestellung. 40

2.5.2 Hypothesen. 42

3 Methoden der Studie. 47

3.1 Untersuchungsdesign. 47

3.2 Messinstrument 48

3.3 Stichprobenkonstruktion. 49

3.4 Untersuchungsdurchführung. 50

4 Ergebnisteil 50

4.1 Stichprobenbeschreibung. 51

4.2 Statistische Auswertungsmethoden und Prüfung der Testvoraussetzungen. 52

4.3 Ergebnisse der Hypothesenprüfung. 54

5 Diskussion und Ausblick. 60

5.1 Interpretation der Ergebnisse. 60

5.2 Reflexion der Untersuchung. 68

5.3 Implikationen für die Praxis. 72

5.4 Fazit und Ausblick. 75

IV Literaturverzeichnis. 79

V Anhangsverzeichnis. 86

1. Einleitung

„Wenn eine nonverbale einer verbalen Handlung widerspricht, ist es wahrscheinlicher, dass die Gesamtaussage einer Nachricht von der nonverbalen Handlung definiert wird“ (Mehrabian, 1971, S. 45). Der amerikanische Professor und Psychologe Albert Mehrabian arbeitete bereits vor über 45 Jahren die Bedeutung nonverbaler Kommunikation im Gesprächskontext heraus. Mit seiner Untersuchung, die ergab, dass der Informationsgehalt einer Nachricht durch das gesprochene Wort nur einen geringen Anteil von etwa sieben Prozent einnimmt, untermauert Mehrabian den substanziellen Stellenwert von nonverbalem Ausdruck in Form der Gestik und Mimik, die mit 55 Prozent über die Hälfte des Informationsgehalts einer Nachricht übermitteln (Mehrabian, 1971). Dementsprechend wird deutlich, dass Personen innerhalb eines Gesprächs den nichtsprachlichen Aussagen mehr Glauben schenken.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob die Körperhaltung einen bedeutsamen Einfluss auf die Bewertung von Persönlichkeitsmerkmalen eines Gesprächspartners ausübt. Mehrere Studien belegen, dass die Bewertung von Persönlichkeitscharakteristika je nach eingenommener Haltung elementar gesteigert oder verringert wird. Dies wird auch in Untersuchungen zu Einstellungs- und Jobinterviews deutlich, bei denen durch die die Körperhaltung die Beurteilung von erfolgskritischen Eigenschaften signifikant stieg (Newman, Furnham, Gee, Cardos, Lay & McClelland, 2016). In dieser Arbeit wird mit Hilfe eines Online-Fragebogens der Einfluss von vier definierten, fotografisch abgebildeten Körperhaltungen eines fiktiven Gesprächspartners auf das Bewertungsverhalten eines Betrachters untersucht. Hierbei sind die Körperausrichtung, Armhaltung, Kopfhaltung und Rumpfhaltung sowie die Charakteristika Durchsetzungsstärke, Führungskompetenz, Leistungsmotivation, Toleranz und Selbstbewusstsein Gegenstand der empirischen Studie. Diese Persönlichkeitseigenschaften sind elementare Faktoren für beruflichen Erfolg (Schuler & Höft, 2006) und werden aus diesem Grund untersucht. Außerdem ist der Bildungsstand, der heutzutage als Haupteinstellungskriterium im Beruf gilt (von Below, 2011), Teil der Untersuchung. Es stellt sich die Frage, ob unabhängig von der jeweiligen Körperhaltung ein positiver Zusammenhang zwischen der Einschätzung der Höhe des Bildungsstandes und der Persönlichkeitsmerkmale vorliegt. Bisherige Forschungsergebnisse belegen, dass das Bewertungsverhalten von Probanden durch die Bildung einer Person stark geprägt wird (Bailey & Kelly, 2015, zitiert nach Newman et al., 2016) und ein hoher Bildungsstand die Wahrscheinlichkeit einer Einstellung und Beförderung erhöht (Newman et al., 2016). Da sich insbesondere in der Arbeitswelt geschlechtsstereotype Zuschreibungen auf die Einstellungswahrscheinlichkeit von Bewerbern auswirken können (Levine & Feldmann, 2002), wird zusätzlich der Faktor Geschlecht mit einbezogen. Demnach gilt es zu prüfen, ob das Geschlecht der Gesprächsperson einen bedeutsamen Einfluss auf die Bewertung der Persönlichkeitseigenschaften erzeugt. Ziel ist es herauszuarbeiten, welche geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Einschätzung von Persönlichkeitseigenschaften bestehen.

Nichtsprachliche Kommunikation stellt erwiesenermaßen einen elementaren Informationsträger im Gespräch dar, wird jedoch nicht ausreichend in den zwischenmenschlichen Austausch eingebunden (Mehrabian, 1971). Das Potential des Kommunikationsspektrums wird folglich von Gesprächspersonen nicht voll ausgeschöpft. Infolge der zunehmenden Konkurrenz im Berufskontext, der demographischen Entwicklung und der Internationalisierung von Unternehmen innerhalb einer globalen Wirtschaft ist anzunehmen, dass besonders im beruflichen Kontext in naher Zukunft nicht mehr allein auf die verbale Kommunikation vertraut wird, sondern zusätzliche Wege zum Austausch genutzt werden müssen. Aus den gewonnenen Erkenntnissen dieser Arbeit sollen hilfreiche Implikationen sowohl für die private als auch berufliche Praxis abgeleitet werden, um die Vorteile und den Gewinn nichtsprachlicher Kommunikation in Gesprächssituationen nutzen zu können.

Die Masterarbeit gliedert sich in vier Themenbereiche: Begriffseinordnung und theoretische Grundlagen, Methodenteil, Ergebnisse sowie Diskussion und Ausblick. Im ersten Teil dieser Arbeit erfolgt eine Begriffseinordnung und die Präsentation der theoretischen Grundlagen von nonverbaler Kommunikation. Im Anschluss werden die Hypothesen aus der Fragestellung abgeleitet. Der Methodenteil behandelt das Untersuchungsdesign, die Konzeption des Fragebogens und die Durchführung der Befragung. Die aus den erhobenen Daten resultierenden Ergebnisse werden im Anschluss an das methodische Kapitel ausgewertet und präsentiert. Die abschließende Diskussion widmet sich der Interpretation der Ergebnisse und reflektiert die vorliegende Studie kritisch. Schließlich werden Implikationen für die Praxis abgeleitet und ein Fazit gezogen, auf dessen Grundlage ein Ausblick gegeben wird.

2. Begriffseinordnung und theoretische Grundlagen

In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen nonverbaler Kommunikation erarbeitet. Weiterhin werden zwei Kommunikationskonzepte sowie die Körpersprache als eine Form nonverbalen Ausdrucks präsentiert. Im letzten Schritt werden hinleitend auf die formulierte Fragestellung und die daraus abgeleiteten Hypothesen die untersuchungsrelevanten Formen der Körperhaltung betrachtet.

2.1 Theoretische Grundlagen

Der erste Abschnitt des Kapitels beschäftigt sich mit den Theorien, welche im Verlauf dieser Arbeit von Relevanz sein werden. Im ersten Schritt wird eine Begriffsbestimmung vorgenommen, um den Terminus der nonverbalen Kommunikation für den Leser verständlich aufzubereiten. Zudem wird die Historie zur Thematik angerissen, um den überdauernden Stellenwert, den nonverbale Kommunikation im Kommunikationsprozess einnimmt, darzulegen. Weiterhin erfolgt eine Einführung in die Körpersprache, die in dieser Arbeit im Fokus steht. Im letzten Schritt des Kapitels werden die Funktionen von Körpersprache aufgeführt.

2.1.1 Nonverbale Kommunikation

Grundlegend wird im traditionellen Kommunikationsansatz Kommunikation als Transport von (Informations-)Einheiten definiert (Wilms, 2000). Zum Informationsaustausch und zur Kommunikation zwischen Personen wird insbesondere die menschliche Sprache als Mittel genutzt (Wilms, 2000). Jedoch gibt es über die verbale Artikulation hinaus eine weitere Form der Kommunikation, die als nichtsprachliche oder nonverbale Kommunikation bezeichnet wird. Nichtsprachliche Kommunikation wird in der Kommunikationsforschung für alle Formen der Kommunikation verwendet, die dem Austausch von Informationen ohne den Gebrauch verbaler Sprache dienen (Scherer & Wallbott, 1979).

Bislang existiert eine Vielzahl verschiedener Definitionen von nonverbaler Kommunikation, die versuchen das einzufangen, was nichtsprachliche Kommunikation zu vermitteln vermag. Im Psychologielexikon wird nichtsprachliche Kommunikation als der Teil menschlicher Kommunikation beschrieben, der für den Informationsaustausch andere Mittel als die sprachlichen nutzt (Ellgring, 2014). Nonverbale Kommunikation gliedert sich grundlegend in acht Kategorien. Diese werden in stimmliche Merkmale, Merkmale des Sprech-Pausen-Verhaltens, paralinguistische Merkmale, Mimik, Blickverhalten, Gestik, räumliche Aspekte und die Körperhaltung klassifiziert (Ellgring, 2014). Darüber hinaus werden auch olfaktorische Informationen (Geruch) oder taktile Mitteilungen (Körperberührungen) als Teil von nonverbaler Kommunikation verstanden, ebenso Merkmale von Personen oder Objekten wie dem Kleidungsstil, der Wohneinrichtung oder dem äußeren Erscheinungsbild (Ellgring, 2014). Nichtsprachliche Kommunikation setzt sich folglich aus verschiedenen Elementen zusammen und die nonverbalen Signale werden von einem Sender und Empfänger im Kommunikationsprozess wahrgenommen. Der Sender stellt die Person dar, die einen Inhalt übermitteln möchte und der Empfänger repräsentiert die Person, die den zu übermittelnden Inhalt empfängt (Strobel, 2011).

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]

Abb. 1: Grundlegendes Modell nonverbaler Kommunikation (Argyle, 2013, S.14).

Das grundlegende Modell der nonverbalen Kommunikation zeigt den mehrstufigen Prozess bei der Übertragung einer nichtsprachlichen Information. Bezugnehmend auf die vorliegende Abbildung wird deutlich, dass Person A ihren individuellen Zustand encodiert und in ein nonverbales Signal transformiert. Dieses kann anschließend von Person B decodiert werden (Argyle, 2013). Folglich vollzieht sich das Senden einer nichtsprachlichen Information in drei Schritten. Konkret formuliert wird beispielsweise eine Emotion (Trauer) in ein nichtsprachliches Signal übertragen. Dieses körpersprachliche Signal kann sich durch eine gebeugte Haltung des Körpers, einen gesenkten Blick oder Weinen äußern (Havener, 2014). Die nonverbalen Ausdrücke werden von einer anderen Person wahrgenommen und als Zeichen von Trauer interpretiert. Ein Ziel von nichtsprachlicher Kommunikation ist demnach, Informationen über die Gefühle der sendenden Person zu vermitteln. Durch das Sammeln von nichtsprachlichem Inhalt einer Nachricht ist es einer empfangenden Person möglich, die gewonnen Informationen in einen Kontext zu setzen und ihnen dadurch Bedeutung zu verleihen (Hill, 2010).

Aufgrund des begrenzten Rahmens können nicht alle genannten Ausdrucksformen der nonverbalen Kommunikation Gegenstand dieser Arbeit sein, es wird die Körpersprache und Körperhaltung einer Person fokussiert. Nachdem eine Einführung in die nonverbale Kommunikation erfolgt ist, wird im nächsten Abschnitt die Historie des nichtsprachlichen Ausdrucks erläutert.

2.1.2 Historie der nonverbalen Kommunikation

Mit dem Beginn menschlicher Existenz trat die nonverbale Kommunikation in Erscheinung. Unabhängig von zeitlicher Epoche oder geschichtlichem Wandel haben die menschlichen Vorfahren schon vor tausenden von Jahren nichtsprachliche Ausdrucksformen genutzt, um sich vor Gefahren zu schützen, soziale Gefüge zu bilden, miteinander zu kommunizieren und das Überleben zu sichern (Strobel, 2011).

Als Mitbegründer der Erforschung des körperlichen Ausdruckverhaltens gilt der britische Naturforscher Charles Darwin, der wesentlich dazu beitrug, nonverbale Kommunikation in den Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit zu rücken (Merten, 2003). Im Gegensatz zu Autoren seiner Zeit ging Darwin nicht davon aus, dass die Fähigkeit zum mimischen und körpersprachlichen Ausdruck gottgeben sei und keinerlei Funktionen habe. Sein Ziel war es zu beweisen, dass eine sinnstiftende, kontinuierliche Entwicklung des emotionalen Ausdrucks durch körpersprachliche Muster stattfindet (Ellgring, 1986). Diese Ansicht war zu jener Zeit revolutionär. Hiermit postulierte Darwin schon damals den konkreten Sinn und die Funktionalität nonverbaler Kommunikation. Evolutionsbiologisch orientierte Autoren wie Darwin gehen bis heute davon aus, dass der Ausdruck innerer Zustände durch körpersprachliches Verhalten unter anderem einen Selektionsvorteil mit sich bringt, der bestimmten Funktionen und Absichten dient und somit die eigene Existenz sichert (Merten, 2003). Darwins Theorie der Evolution des Ausdrucksverhaltens beeinflusste die weitere Forschung maßgeblich, deren heutige Hauptvertreter Tomkins, Ekman und Izard sind (Merten, 2003). Sie haben die Theorie des britischen Naturforschers aufgegriffen, weiterentwickelt und empirische Belege für dessen Richtigkeit erzeugt.

Die grundlegende Frage nach angeborenem bzw. erlerntem Verhalten nonverbaler Ausdrucksformen kann bis zum heutigen Zeitpunkt noch nicht eindeutig beantwortet werden. Anders als bei der verbalen Sprache ist für viele nonverbale Verhaltensmuster bislang umstritten, inwiefern angeborene Anteile Einfluss nehmen und von entscheidender Relevanz bezüglich des Ausdrucksrepertoires sind. Während heute bei der Bewertung der menschlichen Grundemotionen und damit verknüpften körperlichen Ausdrucksmuster von kulturübergreifenden Anlagekonzepten ausgegangen wird (Ekman, 2014), ist sich die Forschung insbesondere bei der Körperhaltung uneinig darüber, ob es sich um kulturinvariate Haltungen mit biologischer Basis handelt oder Körperhaltungen erlernte Verhaltensmuster sind, mit denen verschiedene Bedürfnisse wie beispielsweise Dominanz oder Macht zum Ausdruckt gebracht werden (Ellgring, 1986). Nach Ansicht von Verhaltensforschern werden viele der Verhaltensmuster genetisch weitergegeben. Ihrer Ansicht nach ist Körpersprache ein genetisch determinierter Code, der überliefert wird und dazu dient, menschliche Beziehungen aufrechtzuerhalten, die soziale Ordnung zu strukturieren und zu festigen (Ellgring, 1986). Körpersprache bietet demnach einen Mehrwert im Kommunikationsprozess, um nichtsprachlich soziale Interaktionen zwischen Personen zu strukturieren und zu stabilisieren. Trotz gesellschaftlicher und kultureller Unterschiede im körpersprachlichem Ausdruck deuten Ergebnisse von Studien auf global auftretende Ähnlichkeiten und identisch gefühlte Bewertungen hin (Sollmann, 2013). Beispielhaft für diese Annahme lässt sich die Untersuchung der Kopfhaltung einer stillenden Mutter nennen, die ihr Kind während des Stillens anschaut. Die Haltung des Kopfes während dieses Vorgangs ist kulturübergreifend konsistent. Die Szene wird von außenstehenden Personen global als positiv wahrgenommen, wobei eine minimal geänderte (abgewinkelte) Kopfhaltung bereits kulturübergreifend zu einer negativeren Wahrnehmung der Situation führt (Frey, 1999, zitiert nach Kolev & Kanning, 2012). Es wird folglich davon ausgegangen, dass Menschen von Geburt an mit einer körpersprachlichen nonverbalen Grundausstattung geboren werden, über die sie nicht nachdenken und die Teil des spontanen und zuverlässigen Ausdrucksverhalten sind (Sollmann, 2013). Deutlich wird, dass der nichtsprachliche Ausdruck die grundlegendste Sprache in der menschlichen Kommunikation darstellt (Matschnig, 2013). Konkrete nonverbale Signale werden universell verstanden und ordnen die Beziehung und Interaktion von Personen in sozialen Situationen (Ellgring, 1986). Nonverbal zu kommunizieren ist folglich im Gespräch ein elementarer Baustein, der zum Austausch zwischen Personen genutzt wird und nimmt dementsprechend seit jeher einen bedeutsamen Stellenwert in Gesprächssituationen ein.

2.1.3 Einführung in die Körpersprache

Bezugnehmend zum vorangegangen Kapitel waren in der menschlichen Geschichte lange Zeit nonverbale Kommunikationsformen wie die Sprache des Körpers das Hauptkommunikationsmittel. Die Teile des Gehirns, die die Entwicklung der Lautsprache ermöglichten, wurden erst in späteren Abschnitten der Evolution entwickelt (Strobel, 2011). Dementsprechend gilt die Körpersprache als älteste Sprache der Welt (Strobel, 2011).

Als eine Komponente des nonverbalen Ausdrucks ist Körpersprache (Kinesik) ein Mittel, ohne den Gebrauch von Sprache menschliche Beziehungen zu generieren, aufrechtzuerhalten und Informationen auszutauschen (Iljina, Morozova, Ljabina, & Schmakov, 2014). Anders als bei der sprachlichen Kommunikation, bei der der Ausdruck durch die Artikulation und Vokalisation des gesprochenen Wortes erfolgt, ist das Ausdrucksspektrum der Körpersprache weitaus komplexer differenziert. Dieses Spektrum kann in vier Hauptkategorien untergliedert werden; die Motorik (Mimik, Gestik, Körperhaltung), Taxis (Kopf- bzw. Rumpfausrichtung, Blickkontakte), Haptik (Selbst- und Fremdberührung, imaginative Berührung) und Lokomotorik (Fortbewegung und Distanzregelung) (Argyle, 2013). Bei der Körpersprache wird weiterhin zwischen Illustratoren und Adaptoren unterschieden (Sollmann, 2013). Erstere sind unterstreichende Gesten, die der Verdeutlichung eines Inhalts dienen, wie beispielsweise das Zeigen einer Person A auf eine Person B. Folglich sind Personen in der Lage, durch Illustratoren bestimmte Haltungen des Körpers gezielt zu steuern und bewusst diese unterstreichenden Gesten einzusetzen. Adaptoren sind, im Gegensatz zu Illustratoren, unbewusste Handlungen. Die Adaptoren des körpersprachlichen Verhaltens unterliegen dem vegetativen Nervensystem und sind nur schwer oder gar nicht steuerbar (Ellgring, 1986). Insbesondere in Gesprächssituationen, die unangenehm oder stressauslösend sind, werden diese unabsichtlichen Verhaltensweisen deutlich. Eingängige Beispiele sind dafür das Erröten des Gesichts oder das unbewusste Herumzupfen an Kleidungsstücken. Körpersprache ist folglich ein mehrdimensionales Zusammenspiel komplexer Verhaltensweisen, das dem Bewusstsein unterschiedlich stark zugänglich ist.

Wichtig ist bei der Betrachtung des körpersprachlichen Ausdrucks zudem, dass dieser maßgeblich von Individuenspezifität und Ganzheitlichkeit geprägt wird (Ellgring, 1986).

Es ist in einer Gesprächssituation bedeutsam, den körpersprachlichen Ausdruck immer in Hinblick auf die jeweilige Person zu interpretieren. Personen unterscheiden sich in ihrem Charakter und ihrer Persönlichkeit voneinander, sodass auch die Körpersprache unterschiedlich sein kann (Matschnig, 2013). Gesprächspartner bringen in Gesprächssituationen individuelle Erfahrungen, Erwartungen und Persönlichkeitsmerkmale mit, die das körpersprachliche Verhalten individuell gestalten (Scherer, 1977). Daraus wird deutlich, dass es keine einheitliche Form von Körpersprache gibt. Vergleichbar mit der verbalen Kommunikation, die sich in einer großen Bandbreite verschiedener Sprachen und Mundarten zeigt, beinhaltet die Körpersprache ebenfalls unterschiedliche und einzigartige Ausdrucksformen (Sollmann, 2013). Je nach kulturellen Einflüssen, Erfahrungen und sozialen Gegebenheiten kann nonverbale Kommunikation in Form der Körpersprache zwischen Personen unterschiedlich stark divergieren (Sollmann, 2013). Dies kann insbesondere im internationalen beruflichen Gesprächsaustauch von Bedeutung sein, um die nonverbalen Signale eines Verhandlungspartners auf Grundlage des kulturellen Hintergrunds zu interpretieren. Dadurch werden Unterschiede in der Kommunikation zwischen Gesprächspartnern besser verstanden und Missverständnisse erklärt. Die nonverbalen Mitteilungen einer Person sollten zudem nicht isoliert voneinander betrachtet, sondern in einen ganzheitlichen Eindruck integriert werden (Ellgring, 1986). Im Gesprächskontext bedeutet das, beispielsweise nicht nur auf die Mimik einer Person zu achten, sondern nichtsprachliche Mitteilungen durch Körpersprache, Blickverhalten oder Gestik ebenfalls zu berücksichtigen. Ebenso ist es wichtig, das nonverbale Verhalten von Gesprächspartnern situationsspezifisch zu deuten (Ellgring, 1986). Beispielsweise kann im Gespräch ein Verschränken der Arme nicht nur ein Zeichen von Ablehnung sein, sondern lediglich eine wärmende Haltung der Gesprächsperson darstellen. Es ist demnach relevant, das nonverbale Verhalten des Gegenübers immer in Zusammenhang mit der jeweiligen Situation zu interpretieren, um eine stereotype Schlussfolgerung des nichtsprachlichen Signals zu vermeiden. Deutlich wird, dass das Senden von Informationen durch nichtsprachliche Kommunikation in vielfältiger Art und Weise des nonverbalen Ausdrucks zum Tragen kommt und eine wesentliche Informationsquelle bei der Kommunikation zwischen Personen darstellt (Kostic & Chadee, 2015). Körpersprache muss folglich immer in ihrer Komplexität wahrgenommen, erkannt und über die Grundregeln nonverbaler Kommunikation unter Berücksichtigung der Dynamik vieler verschiedenerer Einzelheiten interpretiert werden (Iljina et al., 2014).

[...]


[1] Die männliche Sprachbezeichnung gilt in gleichem Maße für die weibliche Form, aus Gründen der Einfachheit wird auf die Doppelnennung verzichtet.

Ende der Leseprobe aus 119 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung nonverbaler Kommunikation in Gesprächssituationen. Der Einfluss der Körperhaltung auf die Bewertung von berufsrelevanten Persönlichkeitsmerkmalen
Hochschule
Hochschule Fresenius; Hamburg
Note
1,0
Jahr
2017
Seiten
119
Katalognummer
V509999
ISBN (eBook)
9783346094117
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nonverbale Kommunikation, Gespräche, Gesprächssituationen, Psychologie, Körpersprache, Sender-Empfänger-Modell, Körperhaltung, nichtsprachliche Kommunikation, nonverbal, verbal, Körper, Sprache, Kommunikation, Kommunikationskonzepte, Watzlawick, Kommunikationsforschung, Körperausrichtung, Persönlichkeitsmerkmale, Kopf, Arme, Rumpf, Ausrichtung, Wirtschaftspsychologie, Ekman, Paul Ekman, Emotion, Querschnittsstudie, Gesprächsperson, Berufskontext, Beruf, Durchsetzungsstärke, Leistungsmotivation, Führungskompetenz, Toleranz, Führung, Sprache des Körpers, Persönlichkeit
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Die Bedeutung nonverbaler Kommunikation in Gesprächssituationen. Der Einfluss der Körperhaltung auf die Bewertung von berufsrelevanten Persönlichkeitsmerkmalen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509999

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