In dieser Hausarbeit soll es um die Vorstellungen von Privatheit und Intimität gehen, die das Phänomen des Interior-Bloggings auf Instagram offenbart. Untersucht wird dabei nicht nur, wie die Plattformspezifik dazu beiträgt, sondern auch, welche Normen das Wechselspiel zwischen Plattform und Nutzerverhalten produziert.
Im Fokus steht, angelehnt an den Kurstitel „Digitale Schau- und Zeigelust“, die Frage, welche Bedürfnisse, Nutzermotive und Lüste hinter dem Phänomen des Interior- Bloggings sowohl auf passiver als auch auf aktiver Seite stehen. Lässt sich gar von einem Stalking light sprechen? Es wird ebenfalls zu untersuchen sein, in welcher Art und Weise Instagram den Nutzern nicht nur in metaphorischer Form ein Zuhause bietet, sondern sich #instahome in doppelter Weise bewahrheitet.
Die Überlegungen von Marshall McLuhan werden hier wegleitend sein. Der Fragen-Dreiklang der Hausarbeit lautet somit: Warum zeigt man, warum schaut man und warum auf Instagram?
Die Relevanz einer Hausarbeit über die Thematik Interior-Blogging erklärt sich nicht nur aus der Aktualität der Plattform heraus. Dennoch ist sie nicht zu vernachlässigen: Laut der Onlinestudie von ARD und ZDF aus dem Jahr 2018 sind mittlerweile 63,3 Millionen Menschen in der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren online, was einem Anteil von 90,3 Prozent entspricht. 87 Prozent davon sind Mitglied mindestens einer Social-Media-Plattform. Instagram zählt 15 Millionen Nutzer in Deutschland, die täglich aktiv sind.
Trotzdem ist der Forschungsstand zur Plattform noch relativ dünn, wenn auch wissenschaftliche Arbeiten zu Themen rund um die Plattform Instagram stetig zunehmen. Die Publikationen, die das web of science zum Thema Instagram zählt, sind mit dessen Bedeutung von 145 (2015) auf 476 (2018) gestiegen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ein neuer Typ Öffentlichkeit in sozialen Netzwerken
3. Die Interior-Blogging Szene auf Instagram
4. Nutzerwotive hinter dem Interior-Blogging
4.1 Zur Reduzierung auf Wohnungsfotos
4.2 Normierungszwänge auf Instagram
5. Schau- und Zeigelust beim Interior-Blogging
6. Instagram und Interior-Blogging im Medienwandel
7. Zur Medienspezifik und Plattformlogik von Instagram
8. Kommerzialisierung des Interior-Boggings
9. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Phänomene des Interior-Bloggings auf Instagram, um die zugrunde liegenden Nutzerwotive und Vorstellungen von Privatheit und Intimität zu ergründen und kritisch zu hinterfragen. Dabei steht insbesondere die Forschungsfrage im Mittelpunkt, warum Menschen ihre privaten Wohnräume in einer öffentlich zugänglichen, digital vernetzten Umgebung inszenieren und welchen Normierungsprozessen dieses Verhalten unterliegt.
- Analyse der Transformation von Öffentlichkeit und Privatheit durch soziale Netzwerke.
- Untersuchung der ästhetischen Normierung und Inszenierung von Wohnräumen als Identitätsarbeit.
- Anwendung psychoanalytischer Konzepte wie Schau- und Zeigelust auf das digitale Nutzerverhalten.
- Diskussion der Rolle von Algorithmen, Hashtags und Plattformlogik bei der Bildung von Interessensgemeinschaften.
- Kritische Betrachtung der Kommerzialisierung und Instrumentalisierung privater Lebenswelten durch Marken und Kooperationen.
Auszug aus dem Buch
4.2 Normierungszwänge auf Instagram
Unter #solebich finden sich auf den ersten Blick hunderttausende individuelle Antworten in Bilderform auf die Frage: Wie lebst du? Aber auch wenn Esstische in allen möglichen Farben und Formen daherkommen, Küchen im modernen bis zum gemütlichen Landhausstil und Schlafzimmer mit Boxspringbetten bis Wasserbetten – so lässt sich doch eine gewisse Konformität erkennen. Stets sind die Räumlichkeiten penibel geputzt und aufgeräumt, auf den Tischen stehen Blumen oder Obst.
Übersetzt in bildliche Aussagen (unter Einbeziehung der oben beschriebenen Besonderheit hinsichtlich der Signifikanten) könnte man lesen: „Ich halte Ordnung und bin diszipliniert“, „Ich zeige, dass ich Obst esse und mich gesund ernähre“, „Ich stelle meine Möbel wöchentlich um – bin also kreativ, flexibel und wandelbar“, „Ich kann es mir finanziell leisten oft neue Einrichtungsgegenstände anzuschaffen“, „Ich habe frische Blumen auf dem Tisch und bin naturverbunden“, „Ich weiß wie man Gegenstände in Szene setzt durch mein fotografisches Geschick“, „Ich folge Trends, bin modern und gestalte Gesellschaft durch neue Trendsetzung mit“ – die Liste ließe sich weiter fortführen.
All diese Aussagen entsprechen gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Erwartungen, wie Individuen zu funktionieren und zu sein haben. Sie sind der arbeitsweltlichen Logik entlehnt. Schon Hannah Arendt hielt in ihrem Werk „Vita activa“ fest, die Neuzeit habe „damit begonnen, theoretisch die Arbeit zu verherrlichen und sie hat zu Beginn unseres Jahrhunderts damit geendet, die Gesellschaft im Ganzen in eine Arbeitsgesellschaft zu verwandeln“ (Arendt, 1960: 11). In dieser Arbeitsgesellschaft unterliegt selbst unsere intimste Privatsphäre arbeitsweltlichen Logiken. Die Blogger vermuten, dass die so gestalteten Fotos den Erwartungen ihres Zielpublikums entsprechen und sie so die meisten Likes erhalten werden. Die Erwartungserwartungen in Form von Annahmen über das Blickregime der Zuschauer sind dabei maßgeblich von der Gesamtgesellschaft geprägt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Beobachtung des Interior-Bloggings auf Instagram vor und definiert die Forschungsfrage nach den Nutzerwotiven und Privatsphäre-Vorstellungen.
2. Ein neuer Typ Öffentlichkeit in sozialen Netzwerken: Das Kapitel verortet das Phänomen innerhalb des Wandels digitaler Netzwerke und diskutiert die Auflösung der Dichotomie zwischen öffentlich und privat.
3. Die Interior-Blogging Szene auf Instagram: Hier wird die Struktur der Interior-Blogger-Szene beleuchtet, einschließlich der Rolle von Wohncommunitys und der Vernetzung über Hashtags.
4. Nutzerwotive hinter dem Interior-Blogging: Es wird analysiert, wie Interior-Fotos als Werkzeug der Identitätsarbeit dienen und welchen Normierungskräften die visuelle Darstellung der eigenen Wohnung unterliegt.
4.1 Zur Reduzierung auf Wohnungsfotos: Dieses Unterkapitel untersucht die bewusste Selektion und ästhetische Reduktion des Wohnumfeldes auf den Fotos.
4.2 Normierungszwänge auf Instagram: Hier wird aufgezeigt, wie individuelles Wohnen in ein konformes Muster gezwungen wird, das gesellschaftliche Erwartungen widerspiegelt.
5. Schau- und Zeigelust beim Interior-Blogging: Unter Anwendung psychoanalytischer Theorien von Freud wird das Phänomen als Ausdruck von voyeuristischem Schauen und exhibitionistischem Zeigen gedeutet.
6. Instagram und Interior-Blogging im Medienwandel: Mit Bezug auf Marshall McLuhan wird diskutiert, wie das Medium Instagram die Wahrnehmung von Wohnräumen und sozialen Beziehungen verändert.
7. Zur Medienspezifik und Plattformlogik von Instagram: Das Kapitel analysiert die spezifischen Funktionen der Plattform, wie das Teilen von Inhalten und die Bedeutung von Likes als Interaktionsinstrumente.
8. Kommerzialisierung des Interior-Boggings: Hier wird die zunehmende Vereinnahmung der Privatsphäre durch Kooperationen mit Unternehmen und die Transformation des Zuhauses zur Ware kritisch beleuchtet.
9. Fazit und Ausblick: Diese Zusammenfassung resümiert die Forschungsergebnisse und weist auf die weitere Entwicklung der Plattformen sowie den Bedarf nach tiefergehender explorativer Forschung hin.
Schlüsselwörter
Interior-Blogging, Instagram, Privatsphäre, Öffentlichkeit, Identitätsarbeit, soziale Netzwerke, Inszenierung, Normierung, Schau- und Zeigelust, Kommerzialisierung, Medienlogik, digitale Identität, Authentizität, Wohncommunity, #solebich.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen, dass Instagram-Nutzer detaillierte Einblicke in ihre privatesten Räume – ihre Wohnungen – gewähren, und analysiert die Hintergründe dieses Verhaltens.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Wandel von Öffentlichkeit und Privatheit, die digitale Identitätsinszenierung, psychologische Aspekte wie Schau- und Zeigelust sowie die Ökonomisierung des Privaten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu verstehen, welche Nutzerwotive und Vorstellungen von Privatsphäre das Interior-Blogging auf Instagram offenbaren und welchen normativen Zwängen die Nutzer dabei unterliegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer interdisziplinären medienwissenschaftlichen Analyse, die soziologische Ansätze (wie die von Jan-Hinrik Schmidt) mit psychoanalytischen Theorien (Freud) und medienphilosophischen Perspektiven (McLuhan) verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der Identitätsarbeit durch Wohnungsfotos, eine Analyse der Plattformlogik von Instagram, die Anwendung psychoanalytischer Kategorien auf das Online-Verhalten sowie eine kritische Betrachtung der Kommerzialisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Interior-Blogging, Identitätsarbeit, Privatsphäre, Schau- und Zeigelust sowie Kommerzialisierung.
Was bedeutet der Begriff "digitale Prostitution" im Kontext dieser Arbeit?
Der Autor verwendet diesen überspitzten Begriff im achten Kapitel, um die Kommerzialisierung des Interior-Bloggings zu beschreiben, bei der die intime Privatsphäre gegen materielle Vorteile oder Aufmerksamkeit als Ware zur Verfügung gestellt wird.
Warum spielt das Hashtag #solebich eine besondere Rolle?
#solebich fungiert als zentraler Vernetzungspunkt, der die Plattform Instagram für Nutzer in eine interaktive Wohncommunity verwandelt und die Konformität der gezeigten Bilder durch einen gemeinsamen Bezugsrahmen verstärkt.
Ist das gezeigte Wohnungsfoto auf Instagram authentisch?
Die Arbeit argumentiert, dass die Bilder trotz des Anscheins von Authentizität hochgradig inszeniert sind und einem "Management von Eindrücken" unterliegen, um gesellschaftliche Erwartungen und arbeitsweltliche Normen zu bedienen.
- Citar trabajo
- Marie Illner (Autor), 2019, Einblicke 2.0. Interior-Blogging auf Instagram, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/510043