Mein Name ist Hase. Ich weiß von nichts. Phraseologismen im sprachgeschichtlichen Bedeutungswandel


Hausarbeit, 2019

13 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Eigenschaften von phraseologischen Wortverbindungen
2.1. Was macht ein Phrasem zu einem Phrasem?
2.2. Entstehung von Phrasemen an zwei Beispielen

3. Bedeutungswandel von Phraseologismen

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit soll einen kurzen historischen Einblick in die Entstehung und Bildung von Phrasemen bieten und dabei an verschiedenen Beispielen zeigen, welche Veränderungen im Laufe der Zeit geschehen sind und warum wir den Ursprung von bestimmten Redewendungen schlicht vergessen haben. Grundlage zur Erarbeitung der vorliegenden Ausführungen ist die Einführung in die Phraseologie von Harald Burger, 2015.1 Der Sprachwissenschaftler beschäftigt sich mit der Thematik bereits seit einem halben Jahrhundert und hat seine Erkenntnisse in mehreren Werken publiziert.

Diese Arbeit soll im ersten Teil die theoretischen Grundlagen liefern, die zum besseren Verständnis der verwendeten Begrifflichkeiten beitragen soll. Dabei werden zunächst die Eigenschaften von phraseologischen Wortverbindungen genauer untersucht und mit Beispielen belegt. Das darauffolgende Kapitel soll zeigen, welche Faktoren notwendig sein müssen, damit ein Phrasem zu einem solchen wird. Anschließend werden die theoretischen Grundlagen zusammengefasst und die Entstehung von Phrasemen an den beiden Beispielen Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts und der rote Faden näher erläutert.

Der zweite Teil der Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Bedeutungswandel von Phraseologismen und wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass ein semantischer Wandel stattgefunden hat. Dabei soll vor allem Bezug genommen werden auf die verschiedenen Möglichkeiten, wie sich Phraseme verändert haben, ob sie an Bedeutung verloren oder gewonnen haben und was sich syntaktisch im Laufe der Jahrhunderte getan hat. An dieser Stelle sei jedoch schon die These erwähnt, die Burger bereits seit Beginn seiner Untersuchungen begleitet: Die Fixierung phraseologischer Wortverbindungen ist in hohem Maß der schriftsprachlichen Kodifizierung zu verdanken. Er hat diese Behauptung bereits 1986 aufgestellt, doch ist sie bis heute nicht bewiesen.

2. Eigenschaften von phraseologischen Wortverbindungen

Phraseme, phraseologische Wortverbindungen, (idiomatische) Redewendungen oder auch Idiome2 zeichnen sich durch bestimmte linguistische Merkmale aus. Zunächst geht es um die Polylexikalität3, d. h. die Wortverbindungen bestehen aus mindestens zwei lexikalischen Einheiten, ihre Bestandteile werden als Komponenten bezeichnet. Sich darauf beziehend ergibt sich ein weiteres Merkmal: Phraseologismen sind unterschiedlich lang und ihre syntaktischen Funktionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie aus einem ganzen Satz oder auch nur einem Satzglied bestehen können. Außerdem weisen Phrasen ein normales morphologisches Verhalten in Konjugation, Deklination etc. auf. Ein genauerer Blick auf die Merkmale zeigt, dass es weitere Kategorien gibt, die eine Phrase ausmachen. Unter der Kategorie Festigkeit wird die Gebräuchlichkeit detaillierter untersucht. Es geht darum, ob Phraseologismen bereits bekannt sind und ob sie im täglichen Sprachgebrauch verwendet werden. Charakteristisch sind hierbei vier Basisklassifikationen: (1) In der psycholinguistischen Festigkeit4 geht es darum, dass das Abrufen aus dem Gedächtnis als eine Einheit passiert, wie es bei Einzelwörtern der Fall ist. Mit ihr einher gehen die (2) strukturelle Festigkeit5, die sich durch feste Strukturen der Phrasen auszeichnet (z. B. Tomaten auf den Augen haben), (3) die relative Festigkeit, die sich mit grammatischen Variationen befasst (z. B. eine Hand war im Spiel; sein/e Hand/Hände im Spiel haben) und die (4) pragmatische Festigkeit6, also die Verwendung im gewöhnlichen Gebrauchskontext wie z. B. in Grußformeln. Ein weiteres Merkmal, welches ein Phrasem ausmacht, ist die Idiomatizität7. Damit wird ein semantisches Phänomen beschrieben, welches die Diskrepanz zwischen der wörtlichen und der phraseologischen Bedeutung des gesamten Ausdrucks ausmacht. Die Gesamtbedeutung ist aus den Komponenten erschließbar oder aus der gesamten Wortbedeutung (z. B. ins Gesicht geschrieben stehen; die Kiste sauber halten). Der Prozess der Idiomatizität ist als graduelles Phänomen gekennzeichnet, d. h. der Wandel geschieht stufenweise und diachron. Hauptsächlich geht es aber in erster Linie darum, komplexe Ausdrücke zu lexikalisieren. Eine Gesamtbedeutung soll ins „mentale Lexikon" aufgenommen werden (z. B. jemandem einen Bären aufbinden) und nicht wie bei einer motivierten Wortbildung, die anhand der Einzeldeutungen der Komponenten etwas interpretieren will (z. B. Flugzeug). Weitere erwähnenswerte Eigenschaften, die an dieser Stelle aber nur aufgezählt und nicht weiter untersucht werden, sind Bildlichkeit, Bildhaftigkeit, Lexikalität (das Ergebnis des Bedeutungswandels), Expressivität und Unschärfe (Vagheit).

2.1. Was macht ein Phrasem zu einem Phrasem?

Harald Burger beschreibt in seiner Einführung zur Phraseologie, dass es sich bei Phrasemen um universal-sprachliche Phänomene handelt, welche „auf dem Vorhandensein von Lexik und Syntax" basieren.8 Auf dieser Grundlage sei es möglich, dass sich neue Redensarten ständig und jederzeit bilden können. Diese stellen dabei nicht einfach nur Ableitungen von bereits vorhandenen Phrasemen dar, sondern beschreiben eine grundlegend neue Bedeutung.9 Im Vergleich zu Neuschöpfungen, die immer wieder in den Umlauf kommen, verhält es sich mit älteren Phrasemen so, dass sie einen Ursprung haben, der schriftlich belegt ist. Der Ursprung neu geschaffener Phraseme ist in den seltensten Fällen belegbar. Ein genauer Zeitpunkt der Entstehung ist, laut Burger, nicht zu fixieren.10 Zwei Beispiele, bei denen die Entstehung einigermaßen genau bekannt ist, werden im folgenden Kapitel genauer untersucht. Die Art und Weise, wie ein Phrasem entsteht, kann jedoch auf verschiedene Weisen beschrieben werden. Zum einen nennt Burger empirisch universale kognitive Bedingungen, die zur Bildung von sogenannten Somatismen11 s dienen können. Der menschliche Körper und seine Teile fungieren hier als grundlegende Basis zur Entstehung psychischer und abstrakter Konzepte. In der Forschung wurden bereits zahlreiche Untersuchungen diesbezüglich unternommen, um weitverbreitete phraseologische Netze zu bilden, so Burger.12 Ein zweiter Entstehungsprozess ist in der Übertragbarkeit und Verschiebung, wie zum Beispiel bei der Metonymisierung oder auch bei der Metaphorisierung, erkennbar. Metaphern und Metonyme können demnach in den verschiedenen Sprachstufen für die Bildung von Phrasemen genutzt werden. Dabei ist jedoch wichtig, dass ihre Bildung konkreten historischen Bedingungen und kulturellen Konzepten unterliegt.13 Wie sich einzelne metonymische Phraseme entwickelt haben bzw. wo sie ihren historischen Ursprung haben, lässt sich am Beispiel des europäischen Rittertums anschaulich verdeutlichen. Das Schild beschrieb im Mittelalter einen Gegenstand zum Schutz im ritterlichen Kampf und war ein konkretes Zeichen für den Ritterberuf bzw. das Rittertum. Heutzutage wird das Schild in anderen Kontexten verwendet, sodass ihm weitere Bedeutungen zugeordnet werden können (z. B. eine Tafel mit Informationen, ein Sternbild oder auch ein Wappenschild als Grundbestandteil eines Wappens). Der Begriff hat im Laufe der Zeit und im Wandel der Sprache weitere Bedeutungen gewonnen, aber auch an der ursprünglichen Bedeutung verloren, da es kein Rittertum mehr gibt und wir es in diesem Kontext daher kaum noch gebrauchen. Es hat eine Bedeutungsveränderung stattgefunden. Ein historisches Beispiel für die metaphorische Nutzung von kulturellen Konzepten finden wir im Schachspiel wieder.14 Im mittelalterlichen Kontext bildete Schach eine wichtige soziale Aktivität. Eine mittlerweile im gängigen Sprachgebrauch aufgenommene Phrase bildet der Terminus schach matt oder jemanden beim Schachspiel matt setzen, der eine Figurenstellung beschreibt, bei der ein Spieler verloren hat, da sein König direkt angegriffen wird und dieser Angriff durch keinen weiteren Gegenzug aufgehoben werden kann. In der metaphorischen Übertragung haben sich weitere Bedeutungen für diesen Ausdruck etabliert. So befindet sich jemand ln einer ausweglosen Situation oder etwas scheint als verloren bzw. jemandem droht ein Schaden. Burger beschreibt an weiteren historischen Beispielen15 ([jmdm./ einer Sache] wlrt schâch (unde mat) / [etw.] ist mat / an [etw.] mat sîn/ligen usw.), dass es zwei zentrale Termini schâch und mat gibt oder eine Kombination aus beiden. Im Vergleich zum heutigen Deutsch gibt es „im Bereich der terminologischen Kollokationen (matt sein, jmdn. matt setzen, matt setzen, schachmatt sein, jmdn. schachmatt setzen) als auch bei den übertragenen Idiomen16 sehr viel weniger Varianten".17 Die idiomatische Bedeutung ist heutzutage kaum noch von Belange, da sie veraltet ist und nur noch wenige bis keine Belege zu finden sind.

2.2. Entstehung von Phrasemen an zwei Beispielen

Das folgende Kapitel soll anhand zweier Beispiele zeigen, wie Phraseme entstehen können. Im ersten Phrasem Mein Name ist Hase [ich weiß von nichts] wird umgangssprachlich eine Situation beschrieben, in der der Sprecher angibt, nichts von der vorgeworfenen oder aufgeworfenen Thematik zu wissen oder nichts mit einer Sache zu tun zu haben. Von der ursprüngliche Bedeutung wissen heutzutage die wenigsten bis gar keine Menschen mehr.

[...]


1 Burger, Harald: Phraseologie. Eine Einführung am Beispiel des Deutschen. 5., neu bearbeitete Auflage. Berlin 2015.

2 Der Begriff Idiom steht hier für eine eigentümliche Wortprägung, Wortverbindung oder syntaktische Fügung, deren Gesamtbedeutung sich nicht aus den Einzelbedeutungen der Wörter ableiten lässt [siehe Duden online, Bedeutung 2].

3 Vgl. Burger, S. 15.

4 Vgl. Ebd., S. 17.

5 Vgl. Ebd., S. 19.

6 Vgl. Ebd., S. 26.

7 Vgl. Ebd.

8 Vgl. Burger 2015, S. 133.

9 Vgl. ebd.

10 Vgl. ebd.

11 Somatismus ist die Beschreibung von Phraseologien mit der Bezeichnung von Körperteilen,

organen oder -flüssigkeiten. (Bsp. tragen")

12 Vgl. Burger 2015, S. 133.

13 Vgl. ebd.

14 Vgl. Burger 2012b, S. 7f.

15 Beispiele nach Friedrich 2006.

16 Der Begriff Idiom steht hier für eine eigentümliche Wortprägung, Wortverbindung oder syntaktische Fügung, deren Gesamtbedeutung sich nicht aus den Einzelbedeutungen der Wörter ableiten lässt [siehe Duden online, Bedeutung 2].

17 Burger 2015, S. 134.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Mein Name ist Hase. Ich weiß von nichts. Phraseologismen im sprachgeschichtlichen Bedeutungswandel
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Phrasem und Text
Note
2,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
13
Katalognummer
V510248
ISBN (eBook)
9783346083845
ISBN (Buch)
9783346083852
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Phrasem, Phraseologismen, Bedeutungswandel, Sprachgeschichte, Linguistik
Arbeit zitieren
André Gschweng (Autor), 2019, Mein Name ist Hase. Ich weiß von nichts. Phraseologismen im sprachgeschichtlichen Bedeutungswandel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/510248

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