Wigalois ist ein Artusroman, der in etwa auf die Zeit von 1210 bis 1220 datiert werden kann. Somit gehört er literaturhistorisch betrachtet zu den Werken des Hochmittelalters.
Artusromane sind dafür bekannt, dass sie eine genaue Struktur aufweisen, die sogenannte „Doppelwegstruktur“, welche von dem Franzosen Chrétien de Troyes begründet wurde. Das signifikanteste Merkmal des Artusromans ist, dass Artus als absolutes und zweifelfreies Idealbild des Ritters gilt. Kein anderer Ritter ist derart tugendhaft in seinem Verhalten und seiner Erziehung, wie Artus. In einigen Fällen wird Gawein noch erwähnt. Ein Ritter, welcher Artus in seinem tugendhaften Verhalten am meisten ähnelt. Andere Ritter der Tafelrunde werden selten namentlich erwähnt.
Wigalois, von dem der gleichnamige Roman handelt, ist der Sohn von Gawein. Wigalois wird entgegen der Erwartungen als stumpfsinniger Jüngling darstellt, der weder nötiges Feingefühl für ritterliche Aufgaben noch die benötigte Ernsthaftigkeit hierfür vorweisen kann.
Die Forschung ist sich sicher, dass Wirnt von Grafenberg auch die Tradition um das Frauenbild in arthurischen Romanen grundlegend verändert. Die Frau hat im Artusroman bislang keine bedeutende Position und wird häufig nur mit dem Ritter in Verbindung gebracht, wenn es darum geht, ihm als Geliebte eine angenehme Nacht zu bescheren. Wirnt von Grafenberg beendet diese Konvention deutlich, indem er den Frauenpositionen in seinem Roman Macht, Oberhand und ein gewisses Maß an Arroganz zugesteht. Überdies wird der Frau ganz bewusst Sprechakte zugestanden, um ihr Seelenleben, ihre Denkweisen und ihre Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen.
Nereja, der Charakter der in dieser Arbeit repräsentativ für das neue Frauenbild steht, soll im weiteren Verlauf näher betrachtet und analysiert werden. Nereja stellt eine sehr starke und selbstbewusste Frau dar, welche sich von Überzeugungen und Wertvorstellungen anderer kaum beeindrucken lässt. Sie geht unbeirrt ihren Weg. Dabei hinterlässt das so respektvoll wirkende Regime des Artushofs und insbesondere die Artusrunde um König Artus bei ihr keine Wirkung. Doch auf welche Art und Weise stellt Wirnt von Grafenberg diesen nie da gewesenen Stilbruch um das Frauenbild dar?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Besonderheit des Wigalois
2.1 Vergleich des Wigalois zu anderen klassischen Werken
2.2 Das Frauenbild im Wigalois
3. Nerejas Auftritt als außergewöhnliches Mädchen
3.1 Nerejas charakterliche Entwicklung im chronologischen Verlauf
3.2 Nerejas Beziehung zu Männern
3.3 Nerejas Beziehung zu Frauen
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Darstellung der Botin Nereja als eine für den mittelalterlichen Artusroman untypische, starke Frauenfigur, die im Wigalois von Wirnt von Grafenberg aktiv Einfluss auf das Handlungsgeschehen nimmt. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert sich darauf, wie Nereja durch ihre Sprechakte, ihre räumliche Präsenz und ihr Auftreten die traditionelle Geschlechterhierarchie bricht und welche Rolle sie in der Entwicklung des Titelhelden spielt.
- Analyse des Wandels des Frauenbilds in der arthurischen Literatur
- Untersuchung von Nerejas Sprechakten und Machtanspruch
- Charakterisierung von Nerejas Interaktionen mit männlichen und weiblichen Figuren
- Bewertung von Nerejas Einfluss auf Wigalois' ritterliche Bewährung
- Deutung der Stilbrüche von Wirnt von Grafenberg gegenüber klassischen Vorbildern
Auszug aus dem Buch
3.1 Nerejas charakterliche Entwicklung im chronologischen Verlauf
Bereits Nerejas erster Auftritt im Artusroman stellt einen signifikanten Stilbruch der Tradition dar, wenn sie „geriten hövischlîche“ (V.1721) das Fest ganz bewusst stört. Die mittelhochdeutsche Ausdrucksweise „hövesch“ wird meist nur in Verbindung mit Rittern getätigt, welche eine entsprechende höfische Ausbildung haben und im Stande sind sich tugendhaft zu verhalten. „Hövescheit“ drückt eine wichtige ritterliche Tugend aus. In Verbindung mit Frauen wird es traditionell nie gebraucht. Der erste Eindruck ihrer Erscheinung, wird verstärkt durch ihr äußerliches Erscheinungsbild. Nereja ist gekleidet in einen Kapuzenmantel aus Scharlach. Sie trägt lange Zöpfe mit Goldbändern und der Erzähler ist der Auffassung, dass ihr alle den Lobpreis für ihre außergewöhnliche Schönheit zugestehen würden, wenn sie sie sähen (vgl. V. 1737-1746). Sie trägt hochwertige Stoffe und Materialien. Anfänglich wird sie in Vers 1747 als „juncvrouwe hȇre“ beschrieben. Auch in ihrem ersten Sprechakt, der eine Ansprache an den König darstellt, wird sie vom Erzähler als gebildete Frau dargestellt (vgl. V. 1749). Als sie sich dem König offenbart und der Ritterrunde mitteilt mit welchem Anliegen sie an den Artushof herangetreten ist, hofft sie darauf, Gawein als Gefährten für ihr Abenteuer an die Seite gestellt zu bekommen. Jedoch kommt Wigalois ihrem Plan zuvor, indem er Artus bittet, sie begleiten zu dürfen. Artus geht dieser Bitte nach und gewährt ihm, Nereja zu begleiten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in den Artusroman Wigalois ein, verortet das Werk im Hochmittelalter und stellt die Hypothese auf, dass Wirnt von Grafenberg das traditionelle Frauenbild des Artusromans durch die Figur der Nereja grundlegend transformiert.
2. Die Besonderheit des Wigalois: Dieses Kapitel arbeitet die literarischen Abweichungen des Werks von klassischen Vorbildern wie Hartmann von Aue heraus und beleuchtet die veränderte Rolle der Frau, der erstmals Macht und eine eigene Stimme zugestanden werden.
3. Nerejas Auftritt als außergewöhnliches Mädchen: Der Hauptteil analysiert detailliert Nerejas Auftreten und Handeln, ihre gezielte Steuerung des Protagonisten Wigalois durch Machtspiele sowie ihre spezifischen Interaktionen mit männlichen und weiblichen Charakteren.
4. Schluss: Das Fazit fasst zusammen, dass Nereja eine machtvolle, aber in ihren Aufträgen abhängige Figur ist, die durch ihre Individualität einen entscheidenden Bruch mit der Tradition der höfischen Romane vollzieht.
Schlüsselwörter
Wigalois, Wirnt von Grafenberg, Artusroman, Nereja, Frauenbild, Mittelalter, Höfische Epik, Literaturwissenschaft, Heldenreise, Ritterlichkeit, Sprechakte, Machtstrukturen, Geschlechterrollen, Aventiure, Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht die Figur der Nereja im mittelhochdeutschen Artusroman Wigalois und analysiert, wie diese Botin das traditionelle Frauenbild und die Geschlechterhierarchie des Genres infrage stellt.
Welche Themenfelder stehen im Fokus der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die charakterliche Entwicklung Nerejas, ihre spezifische Kommunikation durch Sprechakte, ihre Interaktionen mit dem Helden Wigalois sowie ihre Funktion als machtvolle Steuerungsinstanz der Reise.
Was ist die zentrale Forschungsfrage der Arbeit?
Es wird untersucht, auf welche Art und Weise Wirnt von Grafenberg durch Nereja einen Stilbruch vollzieht und wie diese Figur ihre Macht gegenüber männlichen Akteuren und dem Hofsystem ausübt.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse herangezogen?
Die Untersuchung basiert auf einer textnahen Analyse der Primärliteratur (Wigalois), unter Berücksichtigung des mittelhochdeutschen Textes und der narratologischen Struktur der Aventiuren.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der charakterlichen Entwicklung Nerejas, ihre Beziehung zu Männern (insbesondere Wigalois) und ihre Interaktion mit anderen weiblichen Charakteren sowie ihre Rolle als Botin.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wigalois, Frauenbild, Machtausübung, Aventiure, Sprechakte, literarischer Stilbruch und höfische Rollenverteilung.
Warum wird Nereja als "außergewöhnliches Mädchen" bezeichnet?
Nereja bricht mit Konventionen, da sie räumliche Überlegenheit einnimmt, Männer maßregelt und eine aktive Führungsposition im narrativen Ablauf einnimmt, die für Frauen im Artusroman der damaligen Zeit unüblich war.
Wie verändert sich die Beziehung zwischen Nereja und Wigalois im Laufe des Romans?
Die Beziehung ist anfangs von Nerejas Geringschätzung und Wigalois' unterwürfiger Anerkennungssuche geprägt. Erst nach bewiesener Tapferkeit durch Wigalois wandelt sich ihr Verhältnis hin zu einer kooperativen, respektvolleren Partnerschaft.
- Arbeit zitieren
- Annie Münzberg (Autor:in), 2018, Das Frauenbild im "Wigalois". Nereja als außergewöhnliches Mädchen im Artusroman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/510313