Die Erzählforschung übernimmt eine wichtige Stellung in der Volkskunde. Dies wird zum Einen dadurch deutlich, dass es innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde eigens eine Kommission für Erzählforschung gibt. Weiterhin existieren in diesem Bereich bedeutende Sammlungen, von denen das Zentralarchiv der deutschen Volkserzählung, an der Universität Marburg (ca. 75.000 Aufzeichnungen aus mündlicher Überlieferung), und das Wossidlo-Archiv, an der Universität Rostock, die wichtigsten sind.
Die Schwerpunkte der deutschsprachigen Forschung liegen in Göttingen, Hamburg, Innsbruck und Zürich.
Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung
2) Methoden der Erschließung und Analyse von Erzähltexten
a) Die historische Quellenforschung als gelehrt- historische Disziplin
b) Die Feldforschung
c) Die Erforschung von audiovisuellen und elektronischen Quellen
3) Methoden der Analyse von Erzähltexten
a) Mythologische Methode
b) Geographisch-historische Methode
c) Strukturalistische Methode
d) Erzähler und Kontextforschung
e) Experimentelle Erzählforschung
f) Perfomanzstudien
g) Erzählforschung als Bewusstseinsforschung
4) Erzählforschung heute / Erkenntnisziele
5) Zukunft der Erzählforschung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den aktuellen Stand der Erzählforschung, indem sie die historische Entwicklung der eingesetzten Methoden nachzeichnet und deren Erkenntnisziele kritisch beleuchtet, um ein Verständnis für die Bedeutung von Erzählungen im modernen gesellschaftlichen Kontext zu schaffen.
- Historische Entwicklung der Erzählforschung und ihrer Disziplinen.
- Methodische Ansätze der Quellenerschließung und Textanalyse.
- Wandel der Erzählforschung von der Textanalyse zur Kontext- und Bewusstseinsforschung.
- Bedeutung der Volksdichtung und Sagen im modernen sozialen Kontext.
- Zukunftsperspektiven der Erzählforschung unter Einbeziehung neuer Medien.
Auszug aus dem Buch
b. Die Feldforschung
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts mehrten sich die Namen derjenigen, die vorgaben ihre Aufzeichnungen im Felde gewonnen zu haben. Aber auch hier ergaben Analysen, dass die gesammelten Märchen und Sagen nur zum geringsten Teil aus dem Volksmund stammten, sondern vielmehr ein gelehrtes Konstrukt waren. Kaum ein Sammler erteilte Auskunft darüber, wie er sein Material gewonnen hatte. Demzufolge machte man sich auch wenig Gedanken über die Methodik des Sammelns. Es galt allgemein hin der Grundsatz sich vorher zu überlegen was danach herauskommen sollte. Somit gab es in den Köpfen schon im Voraus eine Struktur der erhofften Endform.
Erst mit dem Übergang ins 20. Jahrhundert kam es zu so etwas wie einem Methodenbewusstsein. So verfasste z.B. der Volkskundler Ulrich Jahn (1861-1900) 1989 ein Werk zur „Anleitung zur Landes- und Volksforschung“, in dem er den Fragebogen als Instrument der Materialgewinnung und das Umherwandern ablehnte. Er sprach sich für ein längeres Verweilen am Ort und einem engeren Kontakt zum Menschen, insbesondere den sozial Schwächeren, aus. Ein weiteres Lehrbuch von Raimund Friedrich Kaindl (1866-1930) enthielt ein Kapitel über die Methode der Volksforschung und des Sammelns volkskundlichen Materials. Dort werden die wahrheitsgemäße Aufzeichnung als hohe Pflicht angesehen und gewisse weitere Vorgehensweisen werden genauer beschrieben, wie z.B. die Empfehlung zur Verwendung eines Phonographen als Aufzeichnungsgerät. In den 30er Jahren kamen aus der Schwietering Schule von Julius Schwietering (1884-1962) weitere Impulse. Er veranlasste seine Schüler in ihren heimatlichen Gefilden Feldstudien mit der ortsansässigen, vertrauten Bevölkerung zu betreiben. Aus dieser Zeit stammt auch die Forderung der absoluten Zuverlässigkeit und Authentizität der Aufzeichnungstätigkeiten.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: Beschreibt den Stellenwert der Erzählforschung innerhalb der Volkskunde und benennt zentrale Institutionen und Forschungszentren.
2) Methoden der Erschließung und Analyse von Erzähltexten: Erläutert die drei zentralen Zugangswege zur Materialgewinnung: historische Quellenarbeit, Feldforschung sowie die Nutzung audiovisueller und elektronischer Medien.
3) Methoden der Analyse von Erzähltexten: Stellt verschiedene wissenschaftliche Analyseansätze vor, von der Mythologie über die strukturalistische Methode bis hin zur Bewusstseinsforschung.
4) Erzählforschung heute / Erkenntnisziele: Diskutiert die heutige Relevanz von Erzählungen zur Identitätsfindung und Alltagsbewältigung in der Industriegesellschaft.
5) Zukunft der Erzählforschung: Blickt auf neue Forschungsfelder wie die Wechselwirkung zwischen mündlicher und schriftlicher Überlieferung in modernen Medien.
Schlüsselwörter
Erzählforschung, Volkskunde, Feldforschung, Quellenforschung, Strukturalismus, Mythologische Methode, Kontextforschung, Perfomanzstudien, Bewusstseinsforschung, Volkserzählungen, Sagen, Märchen, Moderne Medien, Tradition, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine Übersicht über die Methoden und Erkenntnisziele der modernen Erzählforschung, von ihren Ursprüngen im 19. Jahrhundert bis zur heutigen Zeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Methoden der Quellenerschließung, verschiedene analytische Zugänge zur Textbetrachtung sowie die Bedeutung von Erzählungen für den sozialen Kontext und das kollektive Bewusstsein.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Entwicklung der Erzählforschung nachzuzeichnen und aufzuzeigen, wie sich der Fokus von der rein textbasierten Analyse hin zur Erforschung von Kontext, Kommunikation und Bewusstsein verschoben hat.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit analysiert eine Vielzahl von Methoden, darunter die historisch-philologische Quellenarbeit, die Feldforschung, die strukturalistische Märchenanalyse und performanzorientierte Ansätze.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die methodische Erschließung von Quellen und die verschiedenen Ansätze zur Analyse von Erzähltexten, ergänzt durch Überlegungen zur aktuellen Bedeutung und zukünftigen Ausrichtung des Fachs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Erzählforschung, Feldforschung, Strukturalismus, Perfomanzstudien, Kontextforschung und die Rolle von Volkserzählungen in der Industriegesellschaft.
Warum spielt die Feldforschung eine so zentrale Rolle?
Die Feldforschung gilt als Gegenentwurf zum "gelehrten Konstrukt" früherer Sammlungen und ermöglicht eine authentische Untersuchung der lebendigen Überlieferung und Interaktion zwischen Erzähler und Publikum.
Was ist unter der "Conduit-Theorie" zu verstehen?
Diese Theorie besagt, dass Erzählungen über bestimmte soziale Kanäle weitergegeben werden und ihre Form abhängig davon bewahren oder verändern, wie adäquat die Kommunikation zwischen den Beteiligten verläuft.
Warum ist das "Struktursystem" von Propp relevant?
Propp ersetzte das alte Typensystem durch eine Analyse der "Funktionen", die in Märchen immer in einem bestimmten Schema ablaufen, und legte damit den Grundstein für den Strukturalismus.
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- Stefan Hufgard (Autor), 2005, Erzählforschung heute - Methoden und Erkenntnisziele, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51037