Welche Funktion kommt der Mythologie zu? Daran schließt sich unmittelbar die Frage an, welche Eigenschaften die neue Mythologie aufweisen muss, um ihre Funktion zu erfüllen. Es sind genau diese beiden Fragen, auf die diese Arbeit eine Antwort gibt.
Die Form der Rede über die Mythologie stellt dabei allerdings eine große Interpretationshürde dar. Es handelt sich hier nicht um eine nüchterne und systematische Entwicklung eines philosophischen Konzepts, sondern eben um eine durch den Pathos des fiktiven Sprechers durchzogene Rede, die reich an rhetorischen Mitteln und bildhafter Sprache ist, der aber dadurch die sprachliche Präzision und die systematische Bestimmung von Begriffen abgeht. So erreicht Schlegel zwar eine gewisse Synthese von Form und Inhalt, die zweifelsohne ihren Reiz hat, allerdings wird das Verständnis deutlich erschwert.
Den Schlüssel zur Deutung der Rede über die Mythologie kann man Schlegels Transcendentalphilosophie entnehmen. In der Transcendentalphilosophie legt Schlegel zum ersten Mal systematisch dar, was man seine Metaphysik nennen könnte. Vor diesem Hintergrund kann verständlich gemacht werden, warum eine neue Mythologie nach Ansicht Schlegels so dringend benötigt wird und was sie für Eigenschaften aufweisen muss. Aus diesem Grunde stellt die Arbeit zu Beginn einige Grundzüge der Transcendentalphilosophie dar, bevor sie sich der Rede über die Mythologie zuwendet.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Grundzüge der Transcendentalphilosophie
2. Die Rede über die Mythologie
2a) Das Vermittlungs- und Erkenntnisproblem
2b) Konservierung von Enthusiasmus
2c) Setzen eines Mittelpunktes für die Poesie
2d) Möglichkeit zur Ironie
2e) Synthese von Realismus und Idealismus
2f) Warum eine neue Mythologie?
Schluss: Zusammenfassung und offene Fragen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht Schlegels Konzept einer "neuen Mythologie" als Antwort auf das Vermittlungs- und Erkenntnisproblem in der Frühromantik. Ziel ist es zu analysieren, welche Funktionen diese Mythologie erfüllen soll, welche Eigenschaften sie hierfür benötigt und inwiefern sie eine Synthese von Bewusstsein, Natur sowie Idealismus und Realismus ermöglicht.
- Stellenwert der Transcendentalphilosophie für Schlegels Poetik.
- Vermittlung von Perspektiven auf das Unendliche durch symbolische Sprache.
- Die Rolle von Enthusiasmus und Ironie in der poetischen Schöpfung.
- Das Verhältnis von empirischer Realität und idealistischer Geistestätigkeit.
Auszug aus dem Buch
2d) Möglichkeit zur Ironie
Der Ironie, als Vermögen des Poeten sich selbst zu widersprechen, kommt innerhalb der neuen Mythologie die Funktion zu, „den Gang und die Gesetze der vernünftig denkenden Vernunft aufzuheben und uns wieder in die schöne Verwirrung der Fantasie, in das ursprüngliche Chaos der menschlichen Natur zu versetzen“. Dieser Satz ist deutlich gegen einen materiell und zweckorientierten Gebrauch der Vernunft gerichtet. Dies ist für Schlegel deshalb so wichtig, weil die Vernunft, auf diese Weise gebraucht, es nur vermag, Trennungen des Einzelnen vom Ganzen vorzunehmen. So kann sie aber nicht zu der angestrebten Synthese von Bewusstsein und Unendlichem beitragen. Zudem sind die Perspektiven des Poeten auf das Unendliche immer auch Momentaufnahmen. In einem neuerlichen Zustand des Enthusiasmus kann daher im Künstler eine neue Sicht auf das Unendliche entstehen, die in Sprache gegossen und mit der Vernunft betrachtet, der ersteren Perspektive diametral gegenüberstehen kann.
Dieser (scheinbare) Widerspruch ist aber lediglich auf das Unvermögen des Menschen, das Unendliche zu fassen, zurückzuführen. Will der Poet (und auch der Rezipient) nun seine Sicht auf das Unendliche erweitern, so muss er gerade die Vernunft ausschalten und sich „in das ursprüngliche Chaos der menschlichen Natur versetzen“ lassen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in Schlegels Forderung nach einer neuen Mythologie im Kontext der Frühromantik und Abgrenzung zu anderen zeitgenössischen Ansätzen.
1. Grundzüge der Transcendentalphilosophie: Darstellung der metaphysischen Grundlagen Schlegels, insbesondere des Verhältnisses von unbestimmtem Unendlichen und Bewusstsein.
2. Die Rede über die Mythologie: Zentrale Analyse des fiktiven Gesprächs und der darauf aufbauenden Funktionen einer neuen Mythologie.
2a) Das Vermittlungs- und Erkenntnisproblem: Untersuchung der Schwierigkeit, individuelle Perspektiven auf das Unendliche kommunizierbar zu machen.
2b) Konservierung von Enthusiasmus: Analyse der Bindung flüchtiger, emotionaler Erfahrungen in der hieroglyphischen Ausdrucksweise der Poesie.
2c) Setzen eines Mittelpunktes für die Poesie: Erörterung der Mythologie als Fundus konventioneller und symbolischer Gestaltungsmöglichkeiten für den Dichter.
2d) Möglichkeit zur Ironie: Betrachtung der Rolle der Ironie beim Aufheben von Vernunftzwängen und der paradoxen Natur poetischer Erkenntnis.
2e) Synthese von Realismus und Idealismus: Untersuchung der Vermittlung zwischen empirischer Naturansicht und schöpferischer Geistestätigkeit.
2f) Warum eine neue Mythologie?: Begründung, warum die alte Mythologie zur Lösung heutiger Erkenntnisprobleme nicht ausreicht und eine Neuschöpfung nötig ist.
Schluss: Zusammenfassung und offene Fragen: Zusammenführende Betrachtung der Mythologie als ästhetische Utopie und kritische Reflexion des ambitionierten Gesamtprojekts.
Schlüsselwörter
Friedrich Schlegel, neue Mythologie, Frühromantik, Transcendentalphilosophie, Poesie, Unendliches, Enthusiasmus, Ironie, Symbolik, Realismus, Idealismus, Vermittlungsproblem, Bewusstsein, Naturphilosophie, Ästhetik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Friedrich Schlegels Konzept der "neuen Mythologie" und deren philosophische Begründung im Kontext seines Werkes um 1800.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die frühromantische Ästhetik, Schlegels Transcendentalphilosophie, die Funktion von Symbolik und Sprache sowie das Spannungsfeld zwischen Vernunft und Fantasie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, warum Schlegel eine neue Mythologie für notwendig hielt und welche spezifischen Erkenntnis- und Vermittlungsfunktionen diese für den modernen Menschen erfüllen soll.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer textnahen philosophischen Analyse von Schlegels Schriften (insbesondere der "Rede über die Mythologie" und der Vorlesung "Transcendentalphilosophie") unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine philosophische Grundlegung und eine detaillierte Funktionsanalyse der Mythologie, wobei Unterfunktionen wie Enthusiasmus-Konservierung, Ironie und die Synthese von Realismus und Idealismus untersucht werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem das Unendliche, die hieroglyphische Sprache, der enthusiastische Zustand, die progressive Universalpoesie und die Reellisierung der Gottheit.
Wie unterscheidet sich die "neue" von der "alten" Mythologie?
Die neue Mythologie soll nicht einfach antike Motive kopieren, sondern aus der "tiefsten Tiefe des Geistes" erwachsen und dem Bedürfnis des modernen Bewusstseins nach einer umfassenden, symbolischen Welterklärung entsprechen.
Warum spielt die Ironie eine so zentrale Rolle?
Die Ironie ist für Schlegel notwendig, um die Begrenztheit der Sprache und des menschlichen Erkenntnisvermögens anzuerkennen, ohne das Streben nach dem Unendlichen aufzugeben.
Ist Schlegels Konzept der neuen Mythologie heute noch relevant?
Die Arbeit diskutiert die Mythologie als "ästhetische Utopie", deren Wert in ihrem Zukunftsoptimismus und der Suche nach echter zwischenmenschlicher Verbundenheit liegt.
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- Simon Ewers (Author), 2018, Schlegels Rede über die Mythologie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/510428