Inklusion als Herausforderung an Schule und Unterricht. Chancen und Grenzen des Teamteachings in der inklusiven Schule


Hausarbeit, 2018

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Teamteaching als Notwendigkeit in der Inklusion
2.1. Inklusion
2.2. Teamteaching
2.3. Formen der Zusammenarbeit

3. Prozess der Teamentwicklung

4. Voraussetzungen und Grundlagen für ein erfolgreiches Teamteaching
4.1. Vorbereitungen für gelingendes Teamteaching
4.2. Beziehungen im Team
4.3. Bewusster Umgang mit Heterogenität innerhalb des Teams

5. Möglichkeiten und Chancen des Teamteachings
5.1. Chancen der Teamarbeit für die Lehrpersonen
5.2. Innere Differenzierung und Möglichkeiten für Lernende

6. Herausforderungen, Probleme und Grenzen

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wie kann ein einziger Lehrer für eine große Schülerzahl ausreichen?“ (Comenius)

Bereits im 17ten Jahrhundert stellte der Philosoph Comenius diese Frage und versuchte am Urbild von Schule und Unterricht zu rütteln, dass von einer Homogenität der Schülergruppen geprägt war, indem er weiter meinte „ Er soll also zu niemandem besonders hingehen und nicht dulden, dass einer besonders zu ihm komme, sondern […] wie die Sonne seine Strahlen über alle verbreiten.“ Bereits hier deutet sich an, dass eine heterogene Schülergruppe ein pädagogisches Team benötigt, damit auf die unterschiedlichen Begabungen und Interessen gezielter eingegangen werden kann.[1]

Johann Friedrich Herbart bezeichnete die „Verschiedenheit der Köpfe“ als das zentrale Problem des Schulunterrichts.[2] Doch die ersehnte homogene Lerngruppe erscheint angesichts gesellschaftlicher Realitäten immer wirklichkeitsfremder.

Lerngruppen sind während der letzten Jahrzehnte in sämtlichen Schulformen immer heterogener geworden. Ursache dafür sind gesellschaftliche Entwicklungen wie die Globalisierung, Migration, Pluralisierung familiärer Lebensformen und gesellschaftliche Individualisierung. Entsprechend groß sind die Unterschiede in den Lernhaltungen, Kompetenzen, Erwartungen und Interessen der Schüler[3] einer Klasse. Durch den Beschluss der UN- Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen durch die Bundesregierung im März 2009 werden Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Regelschulen unterrichtet. Damit steigt die Heterogenität im Klassenzimmer noch weiter an und fordert Schulen und Lehrkräfte heraus. Das gilt insbesondere für die berufliche Bildung. Wie keine andere Schulform sind berufsbildende Schulen durch Heterogenität in der Vorbildung ihrer Schüler geprägt. Das Bildungsniveau innerhalb einer Lerngruppe variiert dabei nicht selten vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur. Bei konventionellem Unterricht in heterogenen Lerngruppen müssen hierdurch einige Schüler warten, während andere nicht hinterher kommen und wieder andere sich bereits langweilen. Das Konzept des Teamteachings als neue Lehr- Lernform bietet die Möglichkeit, diesen komplexen Anforderungen gerecht werden zu können und eine Binnendifferenzierung im Unterricht zu realisieren.

In der folgenden Arbeit wird darauf eingegangen, welche Möglichkeiten und Herausforderungen das Konzept des Teamteachings beim Unterrichten einer heterogenen Lerngruppe mit sich bringt. Inwieweit kommt es durch Teamteaching zu einer Bereicherung bzw. Belastung für die im Team arbeitenden Lehrenden? Welche Vorteile ergeben sich für die Lernenden? Warum ist es lohnenswert sich auf diese „neue“ Unterrichtsform einzulassen und welche Kompromisse müssen trotzdem eingegangen werden? Zunächst werden der Begriff der Inklusion sowie das Teamteaching weiter definiert. Des Weiteren wird der Prozess der Teamentwicklung beschrieben und die strukturellen sowie individuellen Voraussetzungen für gelingende Teamarbeit thematisiert.

2. Teamteaching als Notwendigkeit in der Inklusion

Die Notwendigkeit der Teamarbeit in multiprofessionellen Teams und dabei unterstützend die des Teamteaching sind wichtige Merkmale einer inklusiven Schule. Bevor ich auf den Begriff des Teamteachings jedoch genauer eingehe, möchte ich zunächst den Begriff der Inklusion definieren und auf die Idee einer inklusiven Pädagogik eingehen.

2.1. Inklusion

„Inclusion is not a strategy to help people fit into the systems and structures which exist in our societies; it is about transforming those systems and structures to make it better for everyone. Inclusion is about creation a better world for everyone.” (Richler)

Die Idee von Inklusion ist es, allen Menschen eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Kernpunkt von Inklusion ist dabei die individuelle Förderung jedes Einzelnen. Schwerdt definiert Inklusion als das gemeinsame Besuchen einer Regelschule von Kindern mit sowie ohne sonderpädagogischen Förderbedarf, wobei die Heterogenität im Unterricht geschätzt und fruchtbar gemacht wird.[4] Der Begriff Inklusion lässt sich aus dem Lateinischen „inclusio“ ableiten und bedeutet „Enthalten sein“.[5] Im Sinne dieses Einschlusses aller Kinder in das Bildungssystem, fokussiert die Inklusion die Veränderungen bestehender Strukturen und Auffassungen, um gesellschaftliches Zusammenleben zu gestalten. Inklusion versteht die Lerngruppe als einheitlich und nimmt alle am Bildungsprozess beteiligten gleichermaßen in den Blick. Eine inklusive Pädagogik beschränkt sich demnach also nicht mehr auf eine eindeutig abgrenzbare Gruppe von Menschen, sondern umfasst alle Kinder, „unabhängig von ihren physischen, intellektuellen, sozialen, emotionalen, sprachlichen oder anderen Fähigkeiten […]“[6] und ist folglich der Verzicht auf soziale Exklusion, um eine möglichst chancengerechte Entwicklung aller Menschen zu ermöglichen. Für ein inklusives Verständnis, in dem alle Lernenden in Lerneinrichtungen willkommen sind, übernehmen alle Lehrenden und sonstigen Beteiligten Verantwortung für alle Lernenden. Nach den Standards der Inklusion ist es wesentlich, dass sich alle Beteiligten in inklusiven Lernumgebungen grundsätzlich auf eine heterogene Lerngruppe einstellen und mit einer Diversität rechnen. Dies schließt nicht nur die Lernenden, sondern auch die Lehrenden und Helfenden mit ein. Diversität gilt auch für das Team, in dem Lehrende in einer inklusiven Schule arbeiten.[7]

2.2. Teamteaching

Viele Lehrpersonen sind immer noch Einzelkämpfer. Auch wenn es Absprachen im Kollegium gibt, sind es Lehrkräfte in Deutschland häufig gewohnt, die Verantwortung als Klassenleitung oder als Fachlehrkraft alleine zu tragen. Beim Teamteaching geht es hier also zuerst um einen Rollenwechsel und ein anderes Verständnis der Lehrens und Lernens. Auch wenn mehrere Lehrkräfte in einem Unterrichtsraum agieren, ist dies nicht automatisch Teamteaching.[8] Ein Team gründet auf der gegenseitigen Abhängigkeit seiner Mitglieder, welche ihre Arbeiten koordinieren, um ein kollektives Ziel in gemeinsamer und geteilter Verantwortung zu erreichen.[9] Der Begriff des Teamteachings wird von verschiedenen Autoren immer wieder unterschiedlich definiert wobei jeweils andere Schwerpunkte dieser Lehrform in den Vordergrund gestellt werden. Mayer stellt in ihrer Definition die Lehr- und Lernprozesse der Schüler in den Vordergrund: „Teamteaching meint die Planung, Durchführung und Auswertung kommunikativer Lehr- und Lernprozesse durch kooperative Lehrer in Zusammenarbeit mit flexiblen Schülergruppen.“[10]

Murawski betont hingegen eher die Organisation und Methode. „Von einem gemeinsamen Unterrichten im Lehrerteam kann dann gesprochen werden, wenn mindestens zwei Lehrkräfte den Unterricht für eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen in einem gemeinsamen Klassenraum gemeinsam planen, gemeinsam durchführen und gemeinsam bewerten.“[11]

2.3. Formen der Zusammenarbeit

Beim Unterrichten im Team sind unterschiedliche Formen des gemeinsamen Unterrichtens möglich, wobei jede ihre Berechtigung für bestimmte Inhalte oder Lerngruppen mit sich bringt. Teamteaching kann dabei in einer Klasse nur wenige Stunden mit gemeinsamem Unterricht umfassen oder aber auch immer in kompletter Doppelbesetzung stattfinden. Grundsätzlich lassen sich die Formen der Zusammenarbeit in sechs verschiedene Methoden einteilen. Beim Prinzip Lehrkraft und Beobachter übernimmt eine Lehrkraft die Aufgabe des Unterrichtens wobei die zweite Lehrkraft spezifische Aspekte, die zuvor ausgesucht wurden (z.B. Sozialverhalten, Arbeitstempo) beobachtet. Diese Methode ist besonders in der Anfangsphase nützlich, in der die Klasse zunächst erst kennen gelernt werden und geeignete Unterrichtsmethoden erschlossen werden müssen. Beim Unterrichten und Unterstützen sind beide Lehrkörper aktiv. Der „Unterstützer“ geht dabei auf die Bedürfnisse einzelner Schüler ein und kann zudem auch regulierend wirken. Diese Methode eignet sich besonders für thematisch schwierigere Unterrichtsphasen. Das Parallele Unterrichten muss nicht zwingend im selben Klassenraum stattfinden. Die Klasse wird in 2 Gruppen aufgeteilt. Jede Lehrkraft unterrichtet eine Klassenhälfte mit demselben Inhalt. Diese Methode hilft, durch den geringeren Schüler-Lehrer-Schlüssel einzelne Lernende besser unterstützen zu können und die Beteiligung der Schüler zu fördern. Eine weitere Methode ist das Unterrichten an Stationen. Jede Lehrkraft ist nach vorheriger Aufteilung für eine Lernstation zuständig, die von allen Lernenden in Gruppen durchlaufen wird. Um einen Überblick über Themen zu geben oder auch bei komplexeren Lerninhalten, die auf die unterschiedlichen Stationen aufgeteilt werden können, ist diese Methode ideal. Niveaudifferenziertes Unterrichten und Zusatzunterricht bietet die Möglichkeit, Schüler flexibel, den Lernanlässen oder den Lernniveaus entsprechend, in Gruppen einzuteilen und separat zu arbeiten. Beim Unterrichten im Team führen beide Lehrkräfte den Unterricht gemeinsam mit allen Schülern durch und haben dabei abwechselnd oder gemeinsam die Leitung.[12] Neben der Kooperation von Lehrkraft und einer sonderpädagogischen Fachkraft als klassische Zusammensetzung des Teamteachings in inklusiven Lernumgebungen, gibt es außerdem auch Varianten, in denen drei oder mehrere Lehrkräfte gemeinsam in einem Klassenraum agieren. Oft wird auch in multiprofessionellen Teams unterrichtet. Diese können beispielsweise Schulpsychologen, Sozialpädagogen, Physiotherapeuten oder Assistenzhilfen bestehen.[13]

3. Prozess der Teamentwicklung

Wie genau wird jetzt also aus einer gemeinsamen Anwesenheit im Unterricht tatsächlich Teamarbeit? Der Prozess der Zusammenarbeit verläuft in jedem Team unterschiedlich. Es lassen sich trotzdem gewisse Gesetzmäßigkeiten finden. Tuckmann stellt dem Prozess der Teamentwicklung in seinem Vier-Phasen-Modell dar. Er geht davon aus, dass alle Phasen durchlaufen werden müssen, um zu einem funktionierenden Team zusammenzuwachsen.

In der ersten Phase, der Testphase, dem Forming, lernen die Teammitglieder sich vorsichtig kennen. Es ist das erste Zusammenkommen, bei dem jeder Einzelne seine Erwartungen und Einstellungen langsam mit einbringt. Ziele werden geklärt, Aufgaben definiert und Methoden entwickelt. Der Umgang ist höflich und eher unpersönlich.[14] Die zweite Teamphase Storming wird auch Nahkampfphase genannt. Die Teammitglieder kommen sich hier sowohl auf positive, als auch auf negative Art und Weise langsam näher. Es entstehen Konflikte und Spannungen innerhalb des Teams, erste Probleme der Zusammenarbeit stellen sich jetzt klar heraus. Nachdem die bedeutendsten Konflikte gelöst wurden, zeichnet sich die Organisationsphase Norming vor allem durch Geschlossenheit, Gruppenzusammenhalt und Gemeinschaft aus. Erstmals entsteht ein Miteinander, die Teammitglieder bewegen sich aufeinander zu, orientieren sich mehr am Team und entwickeln neue Umgangsformen. Das Team ist dadurch besser in der Lage, die Zusammenarbeit zu organisieren, verständigt sich gemeinsam auf neue Regeln, Umgangsformen und Verhaltensweisen der Gruppe bezüglich der Arbeitsweisen, Kommunikation, Feedback und Kooperation. Unter den einzelnen Teammitgliedern werden Rollen festgelegt und zu erledigende Arbeiten werden sinnvoll im Team verteilt. Dabei erleichtert das Durchleben der vorherigen Phasen eine Übereinkunft. Insbesondere die vorherige Storming-Phase sollte genutzt worden sein, um eine konstruktive Konfliktkultur zu etablieren, um sich gemeinschaftlich einigen zu können. Damit sind die Voraussetzungen für gelingende Teamarbeit geschaffen und sichern den Erfolg für die eigentliche Arbeitsphase Performing , die nun effektiv und konstruktiv verlaufen kann. Das Phasenmodell von Tuckmann wurde später noch durch eine fünfte Phase (Adjourning) für temporäre, nur vorübergehend zusammenarbeitende Teams, ergänzt. Diese beschreibt die sich anschließenden Ablösungsprozesse. Die Teammitglieder lösen sich voneinander und auch von der gemeinsamen Aufgabe. Im Idealfall reflektieren sie gemeinsam über ihre Teamerfahrungen und lernen daraus für folgende Gruppenarbeiten. Die Phasen des Modells können sich dabei immer wieder wiederholen. Damit wird deutlich, dass einem Team, über die Bearbeitungszeit der eigentlichen Aufgaben hinaus, genügend Zeit eingeräumt werden muss, damit es leistungsstark zusammenarbeiten kann.[15]

[...]


[1] Vgl. Wocken, 1991, S.18-22.

[2] Vgl. Wittwer, 2014, S. 197.

[3] Im weiteren Verlauf werde ich im Interesse einer besseren Lesbarkeit nicht ausdrücklich in geschlechtsspezifischen Personenbezeichnungen differenzieren. Die gewählte männliche Form schließt eine adäquate weibliche Form gleichberechtigt mit ein.

[4] Vgl. Bräu, 2005, S.9.

[5] Vgl. DUDEN online, Stichwort: Inklusion, 2019.

[6] Vgl. Salamanca-Erklärung, 1996, S.14.

[7] Vgl. Reich, 2014, S.66.

[8] Vgl. Reich, 2016, S. 56.

[9] Vgl. Kriz & Nöbauer, 2002, S. 51.

[10] Mayer, 1994, S.24.

[11] Murawski, 2011, S. 23, übersetzt zitiert nach Schwager, S. 2.

[12] Vgl. Krämer- Kilic et al., 2014, S. 18-19.

[13] Vgl. Beninghof, 2012, S. 7.

[14] Vgl. Krämer-Kilic et al., 2014, S. 20.

[15] Vgl. Tuckmann, 1965, S. 396.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Inklusion als Herausforderung an Schule und Unterricht. Chancen und Grenzen des Teamteachings in der inklusiven Schule
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Sozialpädagogik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V510674
ISBN (eBook)
9783346079732
ISBN (Buch)
9783346079749
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Inklusion, Teamteaching, Kooperation, Schule, Didaktik
Arbeit zitieren
Felina Lehmann (Autor), 2018, Inklusion als Herausforderung an Schule und Unterricht. Chancen und Grenzen des Teamteachings in der inklusiven Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/510674

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