Politische Aspekte in Jenny Erpenbecks Roman "Gehen, ging, gegangen". Das Verhältnis von Literatur und Politik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Das grundlegende Verhältnis von Literatur und Politik
2.1 Das Verhältnis von Literatur und Politik seit der Französischen Revolution
2.2 Das Politische im Ästhetischen: Bestimmungsversuche des Politischen der Literatur

3 Politische Aspekte in Jenny Erpenbecks Roman ‚Gehen, ging, gegangen‘
3.1 Zuwanderung als Romanstoff
3.2 Gemachtheit des Textes (Erzählanalyse)
3.3 Motivik und Bildfelder
3.4 Die Politik der Form

4 Schlussbemerkung

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Mit dem Begriff der ‚Obergrenze‘ geht die Vorstellung einher, dass sie in erster Linie eine konkrete Zahl von Flüchtlingen angeben soll, der ‚Wir‘ zur Hilfe verpflichtet sind. Ich werde aus einem Grund keine derartige Zahl nennen: Die Kontexte in der sogenannten ‚Flüchtlingskrise‘, worunter auch unsere staatlichen Institutionen und sozialen Begebenheiten zählen, sind keine unabänderlichen Gegebenheiten, aus denen sich eine so verstandene ‚Obergrenze‘ logisch ableiten lässt.

[…] Die aktuellen Flucht- und Migrationsbewegungen in Europa finden über Staatsgrenzen hinweg statt, so dass bereits der Begriff des ‚Wir‘ unscharf ist.“[1]

Philosoph Simeon Imhoff vom Karlsruher Institut für Technologie vertritt in obigem Zitat die Meinung, es sei – vom Wir-Bewusstsein und der Möglichkeit veränderbarer sozialer Bedingungen ausgehend – unverantwortbar einer Flüchtlingsaufnahme in Deutschland – natürlich auch in anderen Ländern – zu widersagen. Zum Kontext muss erwähnt werden, dass seit etwa zwei Jahren große Menschenmassen nach Deutschland strömen, die ihre Heimat aus der Not heraus verlassen. Viele werden wieder abgeschoben. Entweder müssen sie sich in das Land, in dem sie zuerst europäischen Boden betreten haben, begeben oder gar ganz zurück in ihr Herkunftsland. Dies erfolgt, wenn die Lebensbedingungen dort nicht des Fliehens wert erachtet werden. Politiker debattieren nun über eine Obergrenze, die festlegen soll, wie viele Menschen Deutschland insgesamt aufnehmen will und kann. Nicht nur Philosophen und Journalisten, sondern auch zeitgenössische Prosaautoren greifen – zum Teil subversiv, zum Teil latent – dieses und andere gesellschaftsrelevante, politische Themen auf. Mit Bezug auf das Politische werden hierarchische Ungleichgewichte aufgedeckt, und in fiktionaler Gestalt hinterfragt. Und was wäre im Jahre 2015 aktueller als das Phänomen der Flüchtlingsströme, das über 1,1 Millionen Menschen nach Deutschland bringt?[2] So veröffentlicht in selbigem Jahr die zeitgenössische Autorin Jenny Erpenbeck mit ihrem Roman Gehen, ging, gegangen[3] eine Aufforderung zur grundlegenden Menschlichkeit innerhalb der Flüchtlingsdebatte.[4] Jenny Erpenbecks Roman Gehen, ging, gegangen befasst sich mit der Flüchtlingsthematik in Deutschland in Betrachtung konkreter Einzelschicksale. Dieses Werk soll in vorliegender Ausarbeitung analysiert und auf seine politische Wirkkraft hin untersucht werden.

Die übergeordnete Thematik bildet das Literatur-Politik-Verhältnis. Dieses Verhältnis wird im ersten Kapitel geprüft und der historische Verlauf seit der Französischen Revolution dargelegt. Im Hauptteil steht die Analyse und Interpretation im Vordergrund, um letztlich zur abschließenden Bewertung im Hinblick auf die Politikfähigkeit des Werkes und einem allgemeinen Ausblick zu gelangen.

2 Das grundlegende Verhältnis von Literatur und Politik

2.1 Das Verhältnis von Literatur und Politik seit der Französischen Revolution

Wenn man einen geschichtlichen Überblick des Literatur-Politik-Verhältnisses seit der Französischen Revolution darlegen will, so stößt man wohl zuerst auf den Literaten Friedrich Schiller, der dem revolutionären Treiben wohlgesinnt und über das Scheitern der 1789er Revolution letztlich sehr enttäuscht ist.[5] Der politische Umsturz im Frankreich des 18. Jahrhunderts hat ihn in seinem Denken und Schreiben sehr beeinflusst. Für Schiller bilden die entfremdete Moderne, das Misslingen der Aufklärung sowie letztlich das Scheitern der Französischen Revolution den Impuls für seine Ästhetische Theorie und die Machtstrukturen hinterfragenden Dramen wie z. B. Kabale und Liebe, oder Maria Stuart. Als Leitspruch der Zeit könnte man das Zitat aus dem zweiten Brief der Ästhetischen Theorie sehen, welches wie folgt lautet: „[…] die Kunst ist eine Tochter der Freiheit, und von der Notwendigkeit der Geister, nicht von der Notdurft der Materie will sie ihre Vorschrift empfangen.“[6] Es besagt, dass der Mensch nicht nur physische Existenz ist, sondern auch etwas anderes existiert als die gesetzliche Notwendigkeit, die die „Notdurft der Materie“ repräsentiert. Andere Autoren wie Friedrich Hölderlin werden von den Gräueltaten der Revolution abgeschreckt.[7] Im 18. Jahrhundert vollzieht sich der Wandel von der literarischen zur politischen Öffentlichkeit und somit eine Interessenverlagerung auf die Institutionen der Macht.

In dieser Zeit hätten sich die für das gesamte 19. und frühe 20. Jahrhundert relevanten Themen der politischen Literatur wie nationale Einheit, Beteiligung des Volkes an der Regierung, gerechte Verteilung der Güter, ‚Politische Dichtung‘ als Wortfügung und programmatische Funktionsbeschreibung von Literatur seit dem Jungen Deutschland entwickelt.[8] Damit kommt die politische Literatur ihrer Etymologie nahe, denn polis ist der Antike Stadtstaat oder das politische Gemeinwesen, und die Politik betrifft das Zusammenleben und Herrschafts-Machtstrukturen.[9] Im 20. Jahrhundert – erstmalig im Ersten Weltkrieg – wird Literatur politisiert und soll als ‚Waffe‘ dienen.[10] Im Zweiten Weltkrieg des selbigen Jahrhunderts wird nunmehr deutlich, wie man Literatur missbraucht und für Hetzreden nutzt. Autoren werden in Pro- und Contra- Nationalsozialismus eingeteilt und dazwischen scheint es nichts zu geben.[11] In den auf die Nachkriegsjahre der Trümmerliteratur folgenden 60er Jahren ist das Private politisch. Viele Schriftsteller wie auch andere Künstler kritisieren das geteilte Deutschland und vor allem die Situation im Osten. Seit dem Mauerfall 1989 spricht man von Gegenwartsliteratur, obwohl auch dieser Begriff deutlich chronografisch, diskursiv zu behandeln ist.[12] Das heißt auch, dass es mit zunehmender Komplexität des Literaturbegriffes und dessen Eingrenzung auch schwierig wird, die Qualitätsmerkmale von politischer Literatur festzulegen, die man früher in der eindeutigen Subversion und Ideologiekritik zu finden glaubte. Eine Annäherung an diese Problematik soll im Folgenden versucht werden.

2.2 Das Politische im Ästhetischen: Bestimmungsversuche des Politischen der Literatur

Wie kann Gegenwartsliteratur politisch sein? „Politik der Literatur impliziert, dass die Literatur als Literatur Politik betreibt.“[13] Dem Philosophen Jaques Rancière zufolge ist es weder die politische Haltung des Autors, noch dessen Darstellung „sozialer Strukturen, politischer Bewegungen oder diverser Identitäten.“[14] Sondern es sei wie bereits die einleitende, vermeintliche Tautologie eröffnet, die reine Literatur, die Politik betreibt, indem sie durch Befragung in politischen Bezug gesetzt wird. Anhand der Definition des Metzler Literaturlexikons sollte politische Literatur als ‚Funktionsbegriff‘ verstanden werden. Das heißt es sollten nicht nur „Texte, die sich dezidiert auf politische Sachverhalte beziehen“, sondern z. B. auch Texte extremer Negation jeglichen politischen Bezuges mit einbezogen werden. Die Literarische Kommunikation werde allerdings erst dann zur politischen Literatur, wenn die Beziehung zwischen Literatur und Politik konstitutiv – grundlegend – für den Literaturbegriff sei.[15]

Der Roman Gehen, ging, gegangen handelt von dem politisch hochaktuellen konkreten Sachverhalt der Flüchtlingsthematik. Doch was im Werk selbst im Einzelnen als politisch einzustufen ist, soll nachfolgend untersucht werden. Zuerst geht es um den gerahmten Werkaufbau, dann auf literarischer Ebene um die politischen Motive und Bilder um dann tiefer in die Formebene einzudringen und letztlich zu einem abschließenden Fazit in Bezug auf das Politische zu kommen.

3 Politische Aspekte in Jenny Erpenbecks Roman ‚Gehen, ging, gegangen‘

3.1 Zuwanderung als Romanstoff

„Wir verlieren jeden Tag hunderte Einwanderer. Europas Grenzen sind militärisch abgeriegelt – die tödlichsten Grenzen der Welt. Jahr für Jahr sterben Tausende Menschen beim Versuch, sie zu überwinden. Die Opfer der Abschottung werden massenhaft im Hinterland südeuropäischer Staaten verscharrt. Sie tragen keine Namen. Ihre Angehörigen werden nicht ermittelt. Niemand schenkt ihnen Blumen.“[16]

Was in der Einleitung in Kapitel 1 bereits zur Sprache kommt, wird in obigem Zitat des Zentrums für Politische Schönheit noch einmal drastisch vor Augen geführt. Menschen sterben bei dem Versuch nach Europa zu kommen. Den Romanstoff gereicht die Flüchtlingsthematik. Doch zeigt Erpenbeck keineswegs eine breite Masse. Ausgewählte Einzelschicksale werden ihrer angenommen. Vor allem der junge Osarobo wird dem Leser durch die personale Erzählstimme aus Sicht des Protagonisten Richard ans Herz gelegt. Doch auch Raschid, „der Blitzeschleuderer“ und all die anderen Geflüchteten bekommen ein Gesicht.[17] Es wird erreicht durch bestimmte Charakteristika in der Sprechweise, wie z. B. Wiederholungen des immer gleichen Ausdrucks auf Englisch „It’s ok“ oder einer Tätigkeit wie Klavierspielen, Lesen oder Putzen. Dass Erpenbeck dabei nicht nur die Wiedererkennbarkeit der Charaktere für den Leser erreichen möchte, sondern sehr wahrscheinlich auch auf Traumata hinweist – die möglicherweise nach einer lebensbedrohlichen Flucht und Erfahrungen der Tode vieler Freunde resultieren – scheint einleuchtend. Dies wird dann besonders deutlich, wenn der „Blitzeschleuderer“ sich in Rage redet, oder einer der Männer einfach nicht aufhören kann den Boden zu fegen. Das Groteske für den Rezipienten sind nicht die Schicksale der Flüchtlinge und auch nicht das Verhalten der Bekannten Richards, welche ganz unterschiedlich auf die Einwanderer reagieren, sondern es ist der Protagonist Richard selbst. Er ist auch ein „Einwanderer“ aus der Zeit, als Deutschland noch zweigeteilt war. Doch scheint die DDR-Vergangenheit wohl eher harmlos im Vergleich zu den Schicksalen der außereuropäischen Männer.[18]

[...]


[1] Imhoff, Simeon: Über Hilfe und Aufnahme. Zwei Pflichten und ihre Grenzen. In: Welche und wie viele Flüchtlinge sollen wir aufnehmen?, hg. von Thomas Grundmann und Achim Stephan, Stuttgart 2016. S. 110.

[2] Daldrup, Till: Flüchtlingskrise. Das Jahr, das Deutschland veränderte (vom 09.03.16). In: http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-03/fluechtlingskrise-deutschland-bilanz-fluechtlingspolitik-zaesur. Datum des Zugriffs: 01.09.17.

[3] Erpenbeck, Jenny: Gehen, ging, gegangen, München 2015. Die weiteren Werkangaben sollen im Folgenden mit dem Kürzel E.P. gekennzeichnet werden.

[4] Siehe z. B. Houellebecq, Michel: Unterwerfung.

[5] Schiller war allerdings andererseits auch davon überzeugt, dass die Revolution von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Vgl. Schillerhandbuch: Theoretische Schriften S. 414: „Für Schiller scheitert die Französische Revolution nicht erst mit den Septembermorden und der Exekution Louis XVI. 1792/93, sondern schon im Oktober 1789. Sie scheitert gewissermaßen von Beginn an – also in erster Linie nicht politisch im Jakobinismus, wie für die meisten von Schillers Schriftstellerkollegen […] sondern von Anfang an anthropologisch, weil […] der ‚wilde Despotismus der Triebe […] alle jene Untaten‘ ausheckt, ‚die uns in gleichem Grad anekeln und schaudern machen‘.“

[6] Schiller, Friedrich: Über die ästhetische Erziehung des Menschen. Stuttgart 1965. S. 6.

[7] In Hölderlins Romanband Hyperion I und II der 1790er Jahre, entfremdet sich der kulturkritische Protagonist von der Deutschen Gesellschaft, um in Griechenland in der Natur seine Erfüllung zu finden. Dies bedeutet nun keineswegs, dass diese Literatur nicht politisch ist. Denn genau diese Abwendung von jeglichem Zusammenleben bedeutet auch eine Kritik an der Gesellschaft und ihren Strukturen.

[8] Metzler S. 597. Hier wird zum Beispiel auch Hoffmann von Fallersleben erwähnt, dessen politische Gedichte in der 1848/49er Revolution populär wurden. Vgl. URL: http://www.von-fallersleben.de/politische-gedichte/. Datum des Zugriffs: 13.09.17.

[9] Die Politisierung der Literatur die vor der Franz. Revolution stattfand, soll hier ausgeklammert werden, da dies sonst den Rahmen der Ausarbeitung sprengen würde.

[10] Vgl. Kiesel, Helmuth: Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1918 bis 1933. In: Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bd. 10, hg. von Helmut de Boor und Richard Newald, München 2017. S. 163.

[11] Was natürlich so nicht stimmt, da immer wieder über die innere Emigration diskutiert wird, und z. B. Autoren wie Hans Fallada nicht abschließend dem einen oder anderen Lager zugeordnet werden können.

[12] Vgl. Wikipedia: Gegenwartsliteratur. In: https://de.wikipedia.org/wiki/Gegenwartsliteratur, Datum des Zugriffs: 12.09.17.

[13] Rancière, Jaques: Politik der Literatur, 2. überarb. Auflage, Wien 2011. S. 13.

[14] Vgl. Rancière: Politik der Literatur, 2011, S. 13.

[15] Vgl. Hagen, Martin Huber: Politische Literatur. In: Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen, hg. von Dieter Burdorf , Christoph Fasbender und Burkhard Moennighoff, 3. überarb. Aufl., Stuttgart 2007. S. 597f.

[16] Zentrum für politische Schönheit: Die Toten kommen. In: https://www.politicalbeauty.de/toten.html. Datum des Zugriffs: 25.08.17.

[17] Vgl. EP: S. 60. Hier wird Raschid noch als mächtiger Mann, der die Entscheidungen für die Gruppe trifft beschrieben. Ithemba wird bereits als ‚Langer‘ charakterisiert.

[18] Dies soll auf keinen Fall abwertend klingen. Die Ausarbeitung wurde von einer Person verfasst, welche die DDR-Zeit nicht erlebt hat und der Meinung ist, ein Urteil könnten nur Betroffene darüber fällen.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Politische Aspekte in Jenny Erpenbecks Roman "Gehen, ging, gegangen". Das Verhältnis von Literatur und Politik
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  (Institut für Germanistik: Literatur, Sprache, Medien)
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V510704
ISBN (eBook)
9783346079947
ISBN (Buch)
9783346079954
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erpenbeck, Gegenwartsliteratur
Arbeit zitieren
Annika Haas (Autor), 2017, Politische Aspekte in Jenny Erpenbecks Roman "Gehen, ging, gegangen". Das Verhältnis von Literatur und Politik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/510704

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