Mitleidsästhetik in Lessings Drama "Emilia Galotti" anhand seines Briefwechsels mit Mendelsohn und Nicolai und seiner "Hamburgischen Dramaturgie"


Hausarbeit, 2017

15 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 . Einleitung

2 . Lessings Mitleidstheorie

3 . Der tragische Konflik des ständekritischen Dramas

4 . Emilias Tod als Rettung ihrer ideologischen Unschuld

5 . Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

,,Mit Lessing fängt die > lebendige < deutsche Literaturtradition eigentlich an.[...] Lessings Dramen sind dagegen immernoch auf den Theaterbühnen präsent. Dies gilt vorallem für seine ständekritische Tragödie Emilia Galotti, die 1772 vollendet und uraufgeführt wurde. [...] Mit ihr etabliert Lessing in Deutschland den neuen Dramentyp des bürgerlichen Trauerspiels [...] . ''1

Dieses Zitat von Sebastian Kaufmann und Günther Saß gibt bei näherer Betrachtung einen guten ersten Einblick in die Umstände und Kontroverse des von Gotthold E. Lessings verfassten Dramas. Ebenfalls beteuern diese:

„Dass Emilia Galotti heute noch regelmäßig gespielt wird, [...] verdankt sich dem auch in unserer Gegenwart noch nachvollziehbaren Problembewusstsein, mit Lessings Familienkonstellationen und Liebesbeziehungen [...] .''2

Eine Auseinandersetzung zwischen Bürgertum und Adel, Moral und Unmoral innerhalb der Stände, Sittlichkeit und Unsittlichkeit, wie auch der Konflikt zwischen Vater, Tochter und dem konfliktauslösenden Liebhaber wird in dieser Tragödie beinahe zeitlos thematisiert und in Frage gestellt.

Die von Lessing verfassten Tragödien, sind wiederum von seinem Verständnis des Tragödienmitleids geprägt und bilden einen Zusammenhang, der die dramaturgische Architektur des Dramas charakteristisch ausmacht. ,,Das Trauerspiel soll so viel Mitleid erwecken, als es nur immer kann [...]''3 schrieb Lessing in diesem Zusammenhang im November 1756 an Nicolai innerhalb seines Briefes.

Ebenfalls, basierend auf seiner „Mitleidstheorie", werden in dem oben genannten Briefwechsel mit Mendelson und Nicolai (1756/ 1757) und in seinem dramentheoretischen Hauptwerk ,,Die Hamburgische Dramaturgie'' (1767/ 68) Lessings konkrete Vorstellungen zur Darstellung eines tragischen Helden verdeutlicht.

Auf Grund dieser Zusammenhang bildenden Aspekte habe ich entschieden, mich der Untersuchung folgender Fragestellung zu witmen:

Trifft der von Lessing aufgestellte, dramentheoretische Aspekt des tragischen Heldens in seiner von ihm verfassten Tragödie „Emilia Galotti'' (1772), auf die Titelfigur des Dramas zu? Zuerst werde ich mich mit der Mitleidstheorie Lessings befassen und herausarbeiten, wie er einen tragischen Helden beschreibt. Danach gehe ich auf die Ständeproblematik und den tragischen Konflikt seines Dramas ein und Abschließend diskutiere ich daraus resultierend, ob Emilia eine tragische Heldin im Sinne Lessings darstellt.

2 . Lessings Mitleidstheorie

Die Beschäftigung Lessings seinerseits mit dem tragischen Mitleid, stellt wiederum zwei wesentlich wichtige Etappen in seinem theoretischen Werk dar. Zum Einen handelt es sich hierbei um den Briefwechsel mit Mendelsson und Nicolai (1756/57) und zum Anderen um sein dramentheoretisches Hauptwerk die „Hamburgische Dramaturgie" (1767/68). Die Intentionen Lessings innerhalb dieser beiden Ausführungen fasst Monika Fick hier zusammen und erläutert diese wie folgt:

,,Die Tragödie hat für ihn unmittelbar moralische Wirkung (1); und zwar (2) aufgrund des Mitleids, das sie erweckt. Das Mitleid >bessere< den Menschen als solches, ohne das Regulativ der Vernufterkenntnis nötig zu haben. Schließlich lehnt Lessing (3) die >Bewunderung< als selbstständige tragische Leidenschaft ab. >>Schrecken<< und »Bewunderung« werden dem Mitleid untergeordnet. [...]."4

Lessing selbst ordnet dem Mitleid innerhalb seiner Dramen eine zentrale Funktion zur Aneignung moralischer Lehransätze zu: ,, Kurz, ich finde keine einzige Leidenschaft, die das Trauerspiel in dem Zuschauer rege macht, als das Mitleiden: [...].'' 5

Dies gibt wiederum ausführliche Rückschlüsse auf Lessings Verständnis des ästhetischen Mitleids in theoretischer Form. So schrieb er in diesem Zusammenhang in seinem Brief an Nicolai im November 1756: ,, [...] so sey auch in dem Trauerspiele das Mitleiden das Hauptwerk,[...].''6

Die charakteristische Darstellung eines tragischen Heldens im Sinne Lessings basiert auch auf seiner Mitleidsästhetik. Entgegen der Ständeklausel und des Bewunderungskonzeptes innerhalb seiner bürgerlichen Trauerspiele stellt Lessing vermischte Charaktere mit charakterlichen Stärken wie auch Schwächen dar, die für ihr Unglück in gewisser Weise mitverantwortlich sind. So beschrieb Max Kommerell Lessings Prinzip in der Hinsicht wie folgt: „Lessing macht die Gleichheit des Helden mit dem Zuschauer zur Bedingung der echten tragischen Gefühle [...].'' 7

Diese Konzeption machte es dem Publikum, welches ebenfalls fehlerhafte Eigenschaften besaß, möglich, sich mit den Figuren des Stückes und somit auch mit dem tragischen Helden der Handlung identifizieren zu können. ,, Es muß eine Eigenschaft seyn, deren ich den Menschen überhaupt, und also auch mich fähig halte [...]'' 8

Diese Empathie der Zuschauer konnte also nur durch einen Helden ihresgleichen und mit ihren Ansichten und Eigenschaften gewonnen werden. Lessing äußert sich dazu in seiner Hamburgischen Dramaturgie wie folgt:

,,Die Namen von Fürsten und Helden können einem Stücke Pomp und [Majestät] geben; aber zur Rührung tragen sie nichts bey. Das Unglück derjenigen, deren [Umstände] den unsrigen am [nächsten] kommen, muß natürlicher Weise am tiefsten in unsere Seele dringen; und wenn wir mit Königen Mitleiden haben, so haben wir es mit ihnen als mit Menschen, und nicht als mit Königen [...]unsere Sympathie erfordert einen einzeln Gegenstand, und ein Staat ist ein viel zu abstrackter Begriff für unsere Empfindungen.'' 9

Die Identifikation der Zuschauer mit dem tragischen Helden oder der tragischen Figur des Dramas beleuchtet er innerhalb seiner theoretischen Abhandlungen auch nochmal genauer. Daraus ist, laut Lessing, zu schließen, dass ,, [...] alle Personen, die man unglücklich werden läßt, gute Eigenschaften haben, folglich muß die beste Person auch die unglücklichste seyn [...] ''10 Der tragische Held des Dramas muss, im Sinne Lessings, daraus resultierend ,,[...] über sein Unglück [...] weit erhaben [...]''11 sein.

Die daraus entstehende Bewunderung des Helden dient dann wiederum gleichsam dem Ruhepunkt desselben,12 denn ,, Der Weg zum Mitleid wird dem [Zuhörer] zu lang, wenn ihn nicht gleich der erste Schreck aufmerksam macht, und das Mitleiden [nutzt] sich ab, wenn es nicht in der Bewunderung erholen kann.''13

Es konnte laut Lessing eine moralische Besserung der Zuschauer also nur erfolgen, wenn der Zuschauer um den unglücklichen Helden fürchten und mit ihm Mitleid haben kann.

Dies belegt er in seinem Brief an Nicolai im November 1756: ,, Ich verlange nur, daß die Personen, die mich am meisten für sie einnehmen, während der Dauer des Stücks, die unglücklichsten seyn sollen.''14

Die Wirkungskraft des Mitleids wird somit durch die Furcht über ein ähnliches Schicksal, bis hin in den Alltag transportiert und auf diese Weise verwandeln sich die Leidenschaften laut Lessing in tugendhafte Verhaltensweisen.

3 . Der tragische Konflik des ständekritischen Dramas

Lessings verfasstes Trauerspiel ,, Emilia Galotti " thematisiert die Widersprüche innerhalb einer ständischen Welt, in der die unterschiedlichen Moralvorstellungen des Adels und des Bürgertums aufeinander treffen. Trotz dieser Problematik ist Lessings Drama, laut Kaufmann und Saß keinesfalls als eine revolutionäre Anstiftung anzusehen15, er bringt diese beiden Welten mittels der Titelfigur des Dramas, jedoch zum kollidieren.

[...]


1 Kaufmann Sebastian u. Saße Günther (2012): Gotthold Ephraim Lessing, Emilia Galotti, Schroedel Interpretationen, Band 28. Schroedel. Braunschweig , S. 17.

2 Ebd. S. 17.

3 Langemeyer, Peter (2011): Dramentheorie: Texte vom Barock bis zur Gegenwart. Stttgart: Reclam, S. 139.

4 Fick, Monika (2010): Lessing Handbuch, Leben - Werk - Wirkung, 3. Auflage. Verlag J.B Metzler Stuttgart. Weimar, S. 143.

5 Langemeyer, Peter (2011), S. 137.

6 Langemeyer, Peter (2011), S. 140.

7 Kommerell, Max (1984): Lessing und Aristoteles, Untersuchung über die Theorie der Tragödie. Vittorio Klostermann. Frankfurt am Main, S. 35

8 Langemeyer, Peter (2011), S. 142.

9 Ebd. , S. 151.

10 Ebd. , S. 139.

11 Ebd. , S. 137.

12 vgl. Langemeyer, Peter (2011), S. 138.

13 Ebd. , S. 138.

14 Ebd. , S. 140.

15 vgl. Kaufmann u. Saße, S. 81.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Mitleidsästhetik in Lessings Drama "Emilia Galotti" anhand seines Briefwechsels mit Mendelsohn und Nicolai und seiner "Hamburgischen Dramaturgie"
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Theaterwissenschaft)
Veranstaltung
Die Rezeption der aristotelischen Poetik in Frankreich und Deutschland. Einführung in die Theorie und Ästhetik
Note
2,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V510828
ISBN (eBook)
9783346092663
ISBN (Buch)
9783346092670
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Emilia Galotti, Lessing, Poetik, Mitleidsästhetik, Drama
Arbeit zitieren
Antonia Sternberg (Autor), 2017, Mitleidsästhetik in Lessings Drama "Emilia Galotti" anhand seines Briefwechsels mit Mendelsohn und Nicolai und seiner "Hamburgischen Dramaturgie", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/510828

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Mitleidsästhetik in Lessings Drama "Emilia Galotti" anhand seines Briefwechsels mit Mendelsohn und Nicolai und seiner "Hamburgischen Dramaturgie"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden