Trotz langer historischer Tradition gilt die Heimerziehung in der heutigen Kinder- und Jugendhilfe als eine der letzten Instanzen und Interventionsmöglichkeiten. In der vorliegenden Arbeit soll Heimerziehung im Sinne § 34 SGB VIII KJHG, also als Hilfe zur Erziehung thematisiert werden, wobei Heimerziehung als Erziehungsmaßregel und Heimerziehung nach erfolgter Personensorgerechtsentziehung unberücksichtigt und klar unterschieden bleiben soll.
Aus organisatorischen Gründen beziehe ich mich in meinen Darstellungen vorwiegend auf die Unterbringung in Heimgruppen, da die Entwicklungen zu weitreichend sind, als dass eine Benennung oder gar Charakterisierung aller Einrichtungen nahezu unmöglich ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition der Heimerziehung
3. historische Entwicklung
3.1. Nachkriegsentwicklung in der BRD
3.1.1. Heimkampagne
3.1.2. (resultierende) Entwicklungen
3.2. Nachkriegsentwicklung in der DDR
4. rechtliche Grundlagen & Finanzierung
5. Angebotsformen
6. Zielgruppen
7. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit gibt einen Überblick über die Heimerziehung als eine Form der Hilfe zur Erziehung gemäß § 34 SGB VIII. Dabei wird das Ziel verfolgt, die historische Genese der Heimerziehung in Deutschland, ihre aktuellen gesetzlichen Rahmenbedingungen sowie die vielfältigen modernen Angebotsformen und Zielgruppen kritisch zu beleuchten.
- Historische Entwicklung der Heimerziehung in BRD und DDR
- Die Auswirkungen und Forderungen der Heimkampagne 1968/69
- Rechtliche Grundlagen und Finanzierung der stationären Jugendhilfe
- Differenzierung der stationären Angebotsformen
- Analyse der Zielgruppen und Problemlagen bei stationären Hilfen
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Heimkampagne
„Linke Studentengruppen, die das vorherrschende kapitalistische Gesellschaftssystem anprangerten und sich für Randgruppen [z.B. Heimkinder], welche durch eben dieses System erzeugt seien, einsetzten“ (Günder 2003, S. 20), waren die Anstifter der 1968/69 stattfindenden Heimkampagne in der BRD. In aufsehenerregenden Aktionen wie Massenentweichungen wiesen sie zusammen mit betroffenen Kindern und Jugendlichen auf die zum Teil unhaltbaren Zustände wie autoritärer Erziehungsstil, Missachtung grundgesetzlich verankerter Rechte, unzureichende Bildungs- und Ausbildungschancen, unzureichende Entlohnung des unzureichend ausgebildeten Personals und Isolation abgelegener Heime hin.
Infolgedessen forderten sie die „Verringerung der Gruppengröße“ […], „tarifgerechte Entlohnung sowie Weiter- und Fortbildungsmöglichkeiten für Erzieher(innen)“ […], „Abschaffung von Stigmatisierungsmerkmalen, etwa Anstaltskleidung, Heime in abgelegener Lage etc.“ (ebd., S. 21), Abschaffung zum Teil langer Heimaufenthalte bei gleichzeitigem Fehlen einer Erziehungsplanung, Abkehr von willkürlichen Einweisungskriterien wie „Verwahrlosung“ (vgl. Münder, S. 321) und die Abkehr von geschlossener Unterbringung in Heimen. Dabei fand die Heimkampagne zu einer Zeit statt, in der die Gesellschaft für zunehmende Partizipation und Chancengleichheit sozial benachteiligter Gruppen sensibilisiert war, wodurch die Kritik auf fruchtbaren Boden fiel und sich sowohl die Heime als auch die Heimträger einem wachsenden Legitimations- und Veränderungsdruck ausgesetzt fühlten. Daraufhin erarbeiteten die Träger „Grundsatzpapiere zur Lage und zu den Entwicklungserfordernissen der Heimerziehung“ (Bürger 2001, S. 636), in denen sie konkrete Änderungsvorschläge erbrachten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung grenzt die Heimerziehung als Hilfe zur Erziehung gemäß § 34 SGB VIII von anderen Formen der Fremdunterbringung ab und erläutert den Fokus auf Heimgruppen.
2. Definition der Heimerziehung: Dieses Kapitel definiert Heimerziehung als zeitlich begrenzte, stationäre Erziehung außerhalb der Familie und betont deren gesetzliche Verankerung.
3. historische Entwicklung: Der historische Abriss skizziert die Entwicklung von den ersten Waisenhäusern bis hin zur kritischen Reformphase der Heimkampagne und der spezifischen Situation in der DDR.
4. rechtliche Grundlagen & Finanzierung: Hier werden die gesetzlichen Voraussetzungen für Heimerziehung sowie die finanzielle Ausgestaltung und Kostenträgerschaft erläutert.
5. Angebotsformen: Das Kapitel beschreibt die Ausdifferenzierung stationärer Angebote, von klassischen Kinderheimen bis hin zu Wohngruppen und betreutem Wohnen.
6. Zielgruppen: Hier werden die familiären Problemlagen und individuellen Gründe für die Inanspruchnahme stationärer Erziehungshilfe analysiert.
7. Fazit: Das Fazit fasst die institutionelle Wandlung und die Komplexität der Heimerziehung als bedarfsorientiertes, freiwilliges Hilfsangebot zusammen.
Schlüsselwörter
Heimerziehung, Kinder- und Jugendhilfe, SGB VIII, Heimkampagne, stationäre Hilfe, Erziehung, Sozialisation, Familiengruppen, Wohngruppen, Jugendhilfekarrieren, Jugendhilfe, pädagogische Fachkräfte, Hilfe zur Erziehung, Dezentralisierung, Fremdunterbringung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Heimerziehung als eine Form der stationären Kinder- und Jugendhilfe im Kontext der Hilfen zur Erziehung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die historische Entwicklung, die gesetzlichen Grundlagen, die moderne Vielfalt der Angebotsformen sowie die Analyse der Zielgruppen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, einen fundierten Überblick über die Strukturen und die historische Evolution der Heimerziehung in Deutschland zu geben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturgestützte Analyse, um die pädagogischen und rechtlichen Entwicklungen der Heimerziehung aufzuarbeiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen Meilensteine, die rechtlichen Voraussetzungen nach dem KJHG, verschiedene Wohn- und Betreuungsformen sowie statistische Trends bei den Zielgruppen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Heimerziehung, stationäre Hilfen, Heimkampagne, KJHG und pädagogische Fachkräfte.
Wie unterscheidet sich die Heimerziehung in der DDR von der in der BRD?
In der DDR war die Heimerziehung stärker ideologisch durch das Ziel der „Umerziehung“ für den sozialistischen Staat geprägt, während in der BRD eher eine Wandlung vom autoritären Heim zur familienorientierten Wohngruppe stattfand.
Welche Rolle spielte die Heimkampagne für heutige Strukturen?
Die Heimkampagne der Jahre 1968/69 war der entscheidende Auslöser für die Dezentralisierung, die Verringerung der Gruppengrößen und die stärkere Berücksichtigung der Rechte der Kinder.
Warum wird heute häufiger zwischen ambulanten und stationären Hilfen unterschieden?
Die Arbeit betont, dass stationäre Unterbringung oft die letzte Instanz ist und ambulante Hilfen zur Vermeidung von „Jugendhilfekarrieren“ bevorzugt werden sollen.
- Citation du texte
- Susanne Rehbein (Auteur), 2006, Heimerziehung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51098