Das Problem der Machtinstanzen in Heinrich von Kleists 'Erdbeben von Chili'


Hausarbeit, 2003

14 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das Erdbeben im historischen Kontext

2. DasTheodizeeproblem
2.1 Theodizeevorstellungen im 18. Jahrhundert
2.1.1 Leibniz und die beste aller Welten
2.1.2 Voltaire oder der Pessimismus?
2.2 Katastrophen im Erdbeben in Verbindung mit den zeitgenössischen Theodizeevorstellungen

3. Der Mensch als Machtinstanz?
3.1 Die Personen im Erdbeben als Täter oder Opfer
3.1.1 Das Liebespaar
3.1.2 Don Fernando der „göttliche Held“
3.1.3 Die Kinder
3.2 Staat und Anarchie

4. Das Motiv des Zufalls
4.1. Zufall als Gegenbeweis zu Gott?
4.2. Ist konstruierter Zufall noch zufällig?

5. Das Erdbeben als Ausdruck einer zerrissenen Seele

6. Literatur

1. Das Erdbeben im historischen Kontext

Die Zeit in der Heinrich von Kleist das Erdbeben geschrieben hat, ist eine Zeit des Umbruchs. Ereignisse wie das Erdbeben von Lissabon, vor allem aber die Französische Revolution mit all ihren Schattenseiten, haben die Menschen verunsichert und die Grundsätze der Aufklärung in Frage gestellt.

Das Erdbeben lässt sich zwar nicht eindeutig einer literarischen Epoche zuordnen, es sollte aber im geschichtlichen Kontext seiner Entstehung gesehen werden, denn Bezüge zu historischen Ereignissen und zeitgenössischer Literatur sind nicht von der Hand zu weisen.

Die im Erdbeben geschilderten Ereignisse sind von keiner bestimmten Machtinstanz zu verantworten. Christliche Motive weisen auf die Existenz einer allmächtigen Gottheit hin, während in anderen Passagen alles zufällig und unvorhersehbar erscheint. Die Personen in der Erzählung könnte man als dritte Instanz verstehen, da dem Menschen spätestens seit der Aufklärung mit dem Verstand auch Eigenverantwortung und –macht zugesprochen wird.

Diese Problematik der verschiedenen Machtinstanzen spiegelt die Zerrissenheit und Verunsicherung in der damaligen Zeit wieder, und besonders das Theodizeeproblem beschäftigte die Menschen im 18. Jahrhundert.

2. Das Theodizeeproblem

Wie kann Gott allgütig und allmächtig sein, wo es doch so viel Unglück und Ungerechtigkeit in der Welt gibt?

Diese und ähnliche Fragen haben sich die Menschen bereits lange vor der großen Diskussion im 18. Jahrhundert gestellt. Leibniz hat mit seinem Werk „Theodicee“ also eigentlich kein neues Problem erfunden, sondern einen neuen Begriff für Fragestellungen geprägt, mit denen sich bereits viele andere vor ihm auseinandergesetzt haben.[1]

2.1 Theodizeediskussion im 18. Jahrhundert

Das Theodizeeproblem wurde im 18. Jahrhundert zu viel diskutiert, als dass es möglich wäre in diesem Rahmen auf alle Personen einzugehen, die sich damit auseinandergesetzt haben. Ich werde mich deshalb auf zwei Beispiele beschränken und auch diese nur kurz anreißen um die Problematik zu verdeutlichen.

Leibniz als Begründer des Theodizeebegriffs muss schon deshalb erwähnt werden, weil sich viele andere auf ihn beziehen und zum Teil versuchen ihn zu wiederlegen. Voltaire als Leibniz Gegner wird aber nicht nur aus diesem Grund angesprochen, sondern auch, weil das Erdbeben einige auffällige Parallelen zu dessen Candide zeigt, auf die ich noch näher eingehen werde.

2.1.1 Leibniz und die beste aller Welten

Wie bereits erwähnt hat Leibniz weniger neue Ideen entwickelt, als bereits Bekanntes zusammengetragen und für seine Theorie verwendet. Zu nennen wären an dieser Stelle Namen wie Platon, Plotinus oder Descartes[2].

Die erste Vorraussetzung für die Theodizee von Leibniz ist die Existenz Gottes. Er glaubt an einen allmächtigen und gütigen Gott. Seiner Ansicht nach, gibt es viele verschiedene Welten, von denen Gott die beste der möglichen Welten ausgewählt hat. Auch diese beste Welt kann jedoch nicht perfekt sein denn wäre sie vollkommen, so stünde Gottes Schöpfung mit ihm selbst auf einer Stufe. Es muss jedoch immer einen Unterschied zwischen Gott und seiner Schöpfung geben denn sonst hätten wir eine pantheistische Religion, in der die ganze Natur göttlich ist.

Für die Freiheit des einzelnen Menschen ist in dieser Welt eigentlich kein Platz, denn alles was geschieht oder geschehen kann hat seinen Platz im Verstand Gottes.[3] Gleichzeitig, und da widerspricht sich Leibniz, versucht er dem Menschen doch eine gewisse moralische Freiheit zu zusprechen, in der die Vernunft über den „blinden Willen“ herrscht[4].

Der Mensch ist also frei in seiner Entscheidung zu sündigen. Diese Freiheit soll auch eine Strafe Gottes rechtfertigen ohne dass dies ein Widerspruch zu seiner Güte sei. Dies ist jedoch eine Schwachstelle in den Überlegungen von Leibniz, denn Gott sieht und bestimmt alles was geschehen kann, also auch das Handeln der Menschen. Er bestraft die Menschen also für Sünden, die er selbst hervorgerufen hat.[5]

2.1.2 Voltaire oder der Pessimismus?

Voltaires Ansichten über das Problem der Theodizee haben sich in den Jahren zwischen 1746 und 1756 stark gewandelt. Zu Beginn teilte er noch mit Leibniz den Gedanken der besten aller Welten, doch dies änderte sich nach dem Erdbeben von Lissabon (1755). Voltaire konnte den Gedanken, das Böse in der Welt sei als Strafe Gottes gerechtfertigt, nicht länger akzeptieren denn für ihn waren es Unschuldige, die bei dem Erdbeben umgekommen waren. Als Reaktion auf die Katastrophe schrieb er den Candide, in dem er den Gedanken der besten aller Welten auf ironischste Weise verhöhnt.

Voltaire glaubt an Gott als „Weltbaumeister“[6], gerade deshalb bleibt für ihn das Leid in der Welt „unergründlich, unvereinbar mit der Idee eines höchsten Wesens“[7]. Einen Gott, der wie im Erdbeben von Lissabon viele unschuldige Menschen tötet, ist entweder grausam oder unfähig das Unglück zu verhindern. Voltaire zieht es jedoch vor, an einen gütigen Gott zu glauben. Das Ergebnis dieser Überlegungen ist für ihn die „Notwendigkeit des Übels“[8]. Grob gesagt meint er damit, dass zum Mensch sein auch das Schlechte unweigerlich dazugehört und von niemandem verhindert werden kann.

2.2 Katastrophen im Erdbeben in Verbindung mit den zeitgenössischen Theodizeevorstellungen

Das Erdbeben in der Erzählung ist eines der zentralen Motive. Es ist so bedeutend, dass Kleist den ursprünglichen Titel Jeronimo und Josephe in Das Erdbeben in Chili geändert hat. Eine Verbindung zum Erdbeben von Lissabon drängt sich auf, und in diesem Zusammenhang lassen sich auch Parallelen zu Voltaires Candide ziehen.

[...]


[1] Nach: Dr. Josef Kremer: Das Problem der Theodicee in der Philosophie und Literatur des 18. Jahrhunderts mit besonderer Rücksicht auf Kant und Schiller. Berlin 1909. Seite 33.

[2] Nach: Dr. Josef Kremer: Das Problem ... Seite 33.

[3] Nach: Dr. Josef Kremer: Das Problem ... Seite 37.

[4] Nach: Dr. Josef Kremer: Das Problem ... Seite 56.

[5] Nach: Dr. Josef Kremer: Das Problem ... Seite 71.

[6] Dr. Josef Kremer: Das Problem ... Seite 118.

[7] Werner Hamacher: Das Beben der Darstellung. Kleists Erdbeben in Chili. In: Entferntes Verstehen. Studien zu Philosophie und Literatur von Kant bis Celan. Frankfurt 1998. Seite 240.

[8] Dr. Josef Kremer: Das Problem ... Seite 118.

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Details

Titel
Das Problem der Machtinstanzen in Heinrich von Kleists 'Erdbeben von Chili'
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
14
Katalognummer
V51120
ISBN (eBook)
9783638471701
ISBN (Buch)
9783638843645
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Problem, Machtinstanzen, Heinrich, Kleists, Erdbeben, Chili
Arbeit zitieren
Maria Benz (Autor), 2003, Das Problem der Machtinstanzen in Heinrich von Kleists 'Erdbeben von Chili', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51120

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