Die jüdischen Sonderkommandos im Konzentrationslager Auschwitz


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
27 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Zum Begriff „Sonderkommando“ und seiner Geschichte

3. Der Weg in das Sonderkommando
3.1. Gründe für die Zusammenstellung der Sonderkommandos aus Häftlingen
3.2. Auswahlverfahren
3.3. Häftlingszahlen
3.4. Los der Auserwählten

4. Die Arbeit im Sonderkommando
4.1. Arbeitsplatz: Vernichtungsstätten
4.2. Gruppierungen der Sonderkommandohäftlinge
4.3. Verhaltensweisen der Häftlinge

5. Widerstand
5.1. Methoden zur Vermeidung von Widerständen
5.2. Schriften – „Die Historiker des Sonderkommandos“
5.3. Fotos
5.4. Aufstand

6. Heute
6.1. Überlebende
6.2. Widersprüchliche Stellung dieser Häftlingsgruppe
6.3. Probleme der Überlebenden

7. Bibliographie
7.1. Quellenverzeichnis
7.2. Literaturverzeichnis
7.3. Multimediale Literatur

1. EINLEITUNG

Das jüdische Volk war während seiner dreitausendjährigen Geschichte zahlreichen Angriffen und Verfolgungen ausgesetzt. Es hatte unter Kreuzzügen, Vertreibungen, Pogromen, Boykotten und anderen Diskriminierungen zu leiden, jedoch waren durch Gehorsam, Selbsterniedrigung, Unterwerfung oder finanzielle Leistungen immer Wege gegeben, sich diesen zu entziehen. Wenn auch der Judenhass, das Ghetto und der Judenstern keine deutsch-nationalsozialistische Erfindung war, so wurde im Dritten Reich - dessen Führer sich nach einer angeblich wissenschaftlichen Rassetheorie zur totalen Vernichtung der Juden verpflichtet fühlten - erstmals der administrative Apparat eines Staates zum Völkermord eingesetzt und vor allem nach 1941 in industrieller und systematischer Weise durchgeführt. Das Urteil der Nationalsozialisten über das jüdische Volk war endgültig und ausweglos.[1] Hauptsächlich in den Gaskammern der Konzentrationslager wurden täglich unzählige Menschen grausam ermordet. Den Höhepunkt der Menschenunwürdigkeit erreichten die Nationalsozialisten allerdings – was kaum jemanden bekannt ist – durch den Einsatz von jüdischen Gefangenen für die schrecklichen Arbeiten im Zusammenhang der Massenvernichtung. Die Gruppe von Häftlingen, die dazu bestimmt war, nannte man das „ Sonderkommando“.

Da Worte oftmals nicht ausreichen, um der Bedeutung eines solchen Schicksals nachzukommen, sollen die folgenden Ausführungen durch die Bilder des ehemaligen Sonderkommandohäftlings – David Olère – ergänzt werden. Olère (Häftlingsnummer 106144) war ein ausgebildeter Maler und Zeichner, der durch sein Talent eine Nische fand, in der er es schaffte, zu überleben. Nur selten wurde er zu direkten Arbeiten innerhalb der Todesfabrik eingesetzt, da er die meiste Zeit im Auftrag der SS künstlerische Spezialaufträge ausführen musste. Nach seiner Befreiung schuf er ein einzigartiges Werk – aus seinen Erinnerungen fertigte er Zeichnungen an, die die unterschiedlichen Stationen der Opfer im Prozess ihrer Massenvernichtung aufzeigen.[2] [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]

2. ZUM BEGRIFF „SONDERKOMMANDO“ UND SEINER GESCHICHTE

Seit Mai 1942 löste der Begriff „Sonderkommando“ bei erfahrenen Häftlingen des Konzentrationslagers Auschwitz Angst und Schrecken aus, da die Sonderkommandos bei so genannten „Sonderbehandlungen“ (S.B.) zum Einsatz kamen. Hinter der verharmlosenden Tarnbezeichnung der „Sonderbehandlung“ verbarg sich: Massenmord und die restlose Beseitigung der Opfer. Zwar ist das Wort „Sonderbehandlung“ keine Wortschöpfung der Auschwitzer Endlöser, aber nach seinem Bedeutungswandel im Laufe der Zeit fand diese Bezeichnung ihren tragischen Höhepunkt in der modernen Todesfabrik Auschwitz.[3]

Im Jahre 1939 steht die „Sonderbehandlung“ für eine polizeilich angeordnete Exekution von so genannten „Reichsdeutschen“ Häftlingen. Seit dem September 1942 bedeutet eine „polizeiliche Sonderbehandlung“ die „Vernichtung durch Arbeit“ für „Soziale Elemente aus dem Strafvollzug“. In den Konzentrationslagern wurde die „Sonderbehandlung“ aber auch schon 1941 als Tarnbezeichnung für Euthanasie eingeführt. Ab 1942 beinhaltete sie, als Gipfel aller Perversion, die umfangreiche und formalitätslose Massentötung durch Giftgas in den Vernichtungslagern.[4]

Für die „Sonderbehandlungen“, deren Durchführung als „Sonderaktion“ bezeichnet wurde, waren stets „Sonderkommandos“ verantwortlich. Die verrichtete Arbeit nannte man „Sondereinsatz“. Seit Ende Juni 1941 waren die „Sonderkommandos“ und die „Einsatzkommandos“ der Einsatzgruppen des Sicherheitsdienstes (SD) und der Sicherheitspolizei (SiPo) für die systematischen Massenmorde im Osten zuständig. Im November 1941 bekamen sie Unterstützung durch die modernen S-Wägen. Diese Wägen, deren Abkürzung für „Spezial- oder Sonderwagen“ gebraucht wurde, waren nichts anderes als mobile Gaskammern. Ursprünglich waren die „Sonderkommandos“ für den Einsatz im Frontgebiet gedacht.[5]

Die Geheimsprache der Nationalsozialisten machte aus den Vernichtungslagern „Sonderlager“. Dorthin zugeführte Transporte nannte man „Umsiedlersonderzüge“. Das deutsche Lagerpersonal verrichtete seinen Dienst unter der Tarnbezeichnung „SS-Sonderkommando“ und die Häftlinge, die im Vernichtungsbereich eingesetzt wurden, bildeten das „Sonderkommando“. Da die „Sonderbehandlungen“ eine geheime Reichssache waren, wurde jeder Eingeweihte zum Geheimnisträger.[6] Alle Beteiligten an „Sonderaktionen“ - sowohl SS-Leute, als auch jüdische Häftlinge – erhielten „Sonderverpflegung“. Der gravierende Unterschied zwischen den Häftlingen und den Angehörigen des SS-Sonderkommandos bestand darin, dass die Häftlinge zugeteilt wurden und Männer der SS aufgrund der „Sonderzuteilungen“ oftmals nach einem Einsatz bei „Sonderaktionen“ drängten. Sie erhielten weiterhin für ihren „Sonderdienst“ auch „Sonderurlaub“.[7]

Die Tarnbezeichnungen der nationalsozialistischen Sprachregelungen standen nicht für eine Verharmlosung der Vorgänge, sondern für Vertuschung, Verdrängung und Verleugnung. Derartige Geheimsprachen sind allerdings keine Erfindung des nationalsozialistischen Deutschlands, sondern haben eine weltweite Tradition.[8]

3. DER WEG IN DAS SONDERKOMMANDO

3.1. Gründe für die Zusammenstellung der Sonderkommandos aus Häftlingen

Die moderne Todesfabrik in Auschwitz wies alle Elemente eines Industriebetriebes auf: Maschinen, Rohstoffe, Fließbänder, Vorarbeiten, einfache Arbeiter, Arbeitsleiter in diversen Hierarchien, Generaldirektoren, Gewinn-Verlust-Bilanzen und Produkte. Sie unterschied sich von einer ganz normalen Fabrik nur dadurch, dass die Rohstoffe die Menschen waren, als Produkt Haare, Gold und Asche übrig blieb und statt bezahlten Arbeitern für die schmutzigsten Aufgaben Häftlinge des Sonderkommandos eingesetzt wurden.[9] [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]

Schon länger hatte sich die Methode bewährt, ausgewählten Häftlingen bestimmte Vermittlungs- und Ordnungsfunktionen zu übertragen. Aufgrund des Selbsterhaltungstriebes, das eigene Leben vielleicht doch noch retten zu können, wurden die Befehle größten Teils kompromisslos ausgeführt. Dies war einer der entscheidenden Gründe, die Sonderkommandos aus Häftlingen zusammenzustellen. Das Sonderkommando ist jedoch mit keiner der anderen Arbeitsgruppen vergleichbar, denn hier wurden die Opfer selbst am aktiven Prozess des Mordens beteiligt. Ein weiteres Argument war, dass die zum Tode Verurteilten über die wahre Identität ihrer Mörder getäuscht werden sollten, damit sich der ganze Zorn und jegliche Entrüstung gegen die Vermittler richtet, obwohl sie eigentlich auch nur machtlose, passive Instrumente waren. Die Botschaft, die den Sonderkommandohäftlingen damit vermittelt werden sollte, lautete: „Wir, das Herrenvolk, sind eure Vernichter, aber ihr seid nicht besser als wir. Wenn wir es wollen, und wir wollen es, sind wir nicht nur in der Lage, eure Körper zu vernichten, sondern auch eure Seelen, so wie wir unsere eigenen Seelen vernichtet haben“[10]. Neben der Verlagerung der Schuld auf andere, um sein eigenes Gewissen nicht zu verunreinigen, wollten die SS-Angehörigen obendrein die unangenehmen Arbeiten einfach nicht selbst erledigen, sondern auf die Häftlinge abwälzen.[11]

3.2. Auswahlverfahren

Nach jeder Vernichtungswelle, die auf die alte Belegschaft der Sonderkommandos ausgeübt wurde, oder einfach bei Personalbedarf, in Erwartung weiterer „Umsiedlersonderzüge“, mussten neue Sonderkommandohäftlinge ausgewählt werden. In den meisten Fällen wartete man, bis ein Transport eintraf, um gleich an der Bahnrampe geeignete Männer auszusuchen. Nur sehr selten kam es vor, dass aus den bereits im Lager Lebenden in einem besonderen Appell Häftlinge selektiert wurden. Der Grund hierfür lag darin, dass man die desorientierten, neu angekommenen Menschen, die noch dazu von der Anreise zermürbt und ohne Widerstandskräfte waren, bei der Rekrutierung leichter verschrecken konnte. Sie mussten ebenso die Kriterien der physischen Kraft und Stärke erfüllen und natürlich Angehörige des Judentums sein.[12] Der ehemalige Häftling Primo Levi bemerkte zu diesem religiösen Auswahlkriterium folgendes: „Juden mußten es sein, die die Juden in die Verbrennungsöfen transportierten, man mußte beweisen, daß die Juden, die minderwertigste Rasse, die Untermenschen, sich jede Demütigung gefallen ließen und sich sogar gegenseitig umbrachten. Andererseits ist verbürgt, daß nicht alle SS-Anghörigen die Massenvernichtung als tägliche Aufgabe gerne hinnahmen; das Delegieren eines Teils der Arbeit, und zwar des schmutzigsten, an die Opfer selber sollte helfen (und wahrscheinlich half es auch), manches Gewissen zu erleichtern.“(sic)[13]

3.3. Häftlingszahlen

Über die Anzahl der Häftlinge in den Sonderkommandos liegen nur sehr spärliche Informationen vor. Auf jeden Fall hat die Gesamtzahl der Betroffenen stets gewechselt. Vermutlich war im August 1944 der Höchststand von 903 Männern erreicht. Sicher ist ebenso, dass Adolf Eichmann eine detaillierte Anweisung gegeben hat, alle Sonderkommandohäftlinge, die schließlich Augenzeugen der begangenen Verbrechen waren, zu ermorden. Am 9.Dezember 1942 wurde somit im Stammlager Auschwitz die erste große Häftlingsgruppe, bestehend aus ungefähr 300 Männern, vergast, nachdem sie ca. zwei Monate bei der Verbrennung von 107.000 Juden, polnischen Häftlingen und sowjetischen Kriegsgefangenen helfen mussten.[14] Nach Zeugenaussagen wurden aber wohl schon zuvor zwei Sonderkommando-Gruppen, wahrscheinlich im April und im August/ September 1942, umgebracht. Weitere nachweisbare Vernichtungsaktionen wurden am 14.Februar 1944, am 7.Oktober 1944 und am 26.November 1944 vollzogen. Die Häftlinge sind demnach regelmäßig getötet wurden.[15]

[...]


[1] Vgl. Greif: Wir weinten tränenlos, S.16f.

[2] Vgl. Friedler u.a.: Zeugen aus der Todeszone, S.202-204; Olère: Un peintre, S.8-10.

A Olère: Un peintre, S.33.

[3] Vgl. Kogon: Nationalsozialistische Massentötungen, S.16-23.; http://www.sonderkommando-studien.de/artikel.php?c=forschung/begriff

[4] Vgl. Friedler u.a.: Zeugen aus der Todeszone, S.20-23.; Greif: Wir weinten tränenlos, S.20f.; Kogon: Nationalsozialistische Massentötungen, S.18-23.; http://www.sonderkommando-studien.de/artikel.php?c=forschung/begriff

[5] Vgl. Friedler u.a.: Zeugen aus der Todeszone, S.43f.; Greif: Wir weinten tränenlos, S.20.; Kogon: Nationalsozialistische Massentötungen, S.18f.; http://www.sonderkommando-studien.de/artikel.php?c=forschung/begriff

[6] Vgl. Friedler u.a.: Zeugen aus der Todeszone, S.76.; Kogon: Nationalsozialistische Massentötungen, S.24f.

[7] Vgl. Friedler u.a.: Zeugen aus der Todeszone, S.70/ 73.; Kogon: Nationalsozialistische Massentötungen, S.26.; http://www.sonderkommando-studien.de/artikel.php?c=forschung/begriff

[8] Vgl. Kogon: Nationalsozialistische Massentötungen, S.16.; http://www.sonderkommando-studien.de/artikel.php?c=forschung/begriff

[9] Vgl. Friedler u.a.: Zeugen aus der Todeszone, S.179f.; Greif: Wir weinten tränenlos, S.22f.

B Olère: Un peintre, S.36.

[10] Levi, Primo, zitiert nach: Greif: Wir weinten tränenlos, S.28.

[11] Vgl. Friedler u.a.: Zeugen aus der Todeszone, S.34f.; Greif: Moralische Problematik, S.1023.; Greif: Wir weinten tränenlos, S.26/ 28.

[12] Vgl. Greif: Wir weinten tränenlos, S.24-27.; Rieger: Überlegungen zur Stellung, S.122/ 125.; Dragon: Verzweiflung und Hoffnung, S.118f.

[13] Levi, Primo, zitiert nach: Greif: Wir weinten tränenlos, S.28.

[14] Vgl. Friedler u.a.: Zeugen aus der Todeszone, S.94-97.

[15] Vgl. Friedler u.a.: Zeugen aus der Todeszone, S.76f.; Greif: Wir weinten tränenlos, S.27/ 32.; Rieger: Überlegungen zur Stellung, S.122.; Sacker: Überleben, S.101.; Dragon: Verzweiflung und Hoffnung, S.142f.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Die jüdischen Sonderkommandos im Konzentrationslager Auschwitz
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Historisches Institut)
Veranstaltung
"Stets gern für Sie beschäftigt" - Die Erfurter Firma Topf & Söhne und der Holocaust
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
27
Katalognummer
V51133
ISBN (eBook)
9783638471824
Dateigröße
771 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sonderkommandos, Konzentrationslager, Auschwitz, Stets, Erfurter, Firma, Topf, Söhne, Holocaust
Arbeit zitieren
Theres Vorkäufer (Autor), 2005, Die jüdischen Sonderkommandos im Konzentrationslager Auschwitz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51133

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