Erinnerungskultur und deren Darstellungen im kambodschanischen Kino

Analyse der Filme "First They Killed My Father: A Daughter of Cambodia Remembers" und "S-21, la machine de mort Khmère rouge"


Seminararbeit, 2018

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung - Erinnerungskultur in Südostasien

II. Die Erinnerungskultur in Kambodscha - von außen nach innen

III. Die soziale Funktion der Erinnerungskultur

IV. Der Film „First They Killed My Father: A Daughter of Cambodia Remembers“
1. Die Handlung des Films
2. Der Hintergrund des Films
3. Die Umwandlung der individuellen Erinnerung zu einer kollektiven Erinnerung

V. Der Film „S-21, la machine de mort Khmère rouge“
1. Die Handlung des Films
2. Der Hintergrund des Films
3. Die Umwandlung der individuellen Erinnerung zu einer kollektiven Erinnerung

VI. Schlussfolgerung: Das Erzählen ist die Heilung einer anderen Form

Literaturverzeichnis

I. Einleitung - Erinnerungskultur in Südostasien

Erinnerungskultur hat die Autorin Astrid Eril als den Umgang des Einzelnen und der Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit und ihrer Geschichte definiert und sie ist historisch und kulturell sehr stark von kollektivem Gedächtnis geprägt.[1] Erinnerung und Trauma sind die Hauptthemen in der südostasiatischen Kunst, aus denen sich auch die Erinnerungskultur in Südostasien bildet.[2] Diese besondere Kulturform weist auch ihre Besonderheiten in Südostasien auf, vor allem im 20. Jahrhundert. Das war eine chaotische und aufwühlende Zeit für Südostasien, was hauptsächlich auf die Kolonialisierung durch die westlichen Länder zurückzuführen war. Nach dem zweiten Weltkrieg und im Prozess der Dekolonalisierung und der Modernisierung haben sich viele Nationalstaaten in Südostasien gebildet, wie Thailand, Kambodscha, Burma und Laos. Aber die Neubildung der Nationalstaaten hat keinen Frieden in Südostasien versprochen. In den folgenden Jahren haben die neugeborenen Nationalstaaten weitere nationale Instabilitäten und Konflikte mit Nachbarländern erlebt, wie die Herrschaft der Khmer Rouge zwischen April 1975 und Januar 1979 und den ständigen Grenzkonflikt zwischen Kambodscha und Thailand. Die Erinnerungskultur in Südostasien hat dann auch in vielen politischen Ereignissen ihre Wurzel gefunden und ist sehr eng mit den politischen Konflikten und Unruhen verbunden. In der südostasiatischen Geschichte, vor allem in der neuzeitlichen Geschichte, ist die Erinnerungskultur in dem jeweiligen Land durch ein landespezifisches politisches Ereignis geprägt. Kwok Kian-Woon und Roxana Waterson haben in ihrem Artikel zum Thema „Southeast Asia and the politics of contested memories“ folgende Ereignisse aufgelistet: den Genozid in Kambodscha unter dem Khmer Rouge Regime, den Kollaps von Suhartos Regime nach den vielfältigen studentischen Bewegungen in Indonesien, das Massaker an der Thammasat-Universität in Thailand sowie den Aufstand 8888 im Jahr 1988 in Burma.[3]

Es handelt sich hierbei um ein umfangreiches Thema, und nicht alle oben genannten Ereignisse können in diesem Artikel ausführlich behandelt werden. Der vorliegende Artikel thematisiert hauptsächlich die Erinnerungskultur in Kambodscha anhand der Darstellungen im kambodschanischen Kino nach dem Khmer Rouge Regime. Zuerst werde ich die Besonderheit der Erinnerungskultur in Kambodscha und die soziale Funktion der Erinnerungskultur darstellen. Anschließend werde ich die Umwandlung der individuellen Erinnerung zur kollektiven Erinnerung am Beispiel der Filme „First They Killed My Father: A Daughter of Cambodia Remembers“ von der Regisseurin Angelina Jolie und „S-21, la machine de mort Khmère rouge“ von dem Regisseur Rithy Panh, und deren Handlungen und Hintergrund, diskutieren. Für die Auswahl dieser zwei Filme sprechen hauptsächlich die zwei unterschiedlichen Aspekte, die in den beiden Filmen dargestellt werden, nämlich „der erste Ort der Heilung“: Perfekte sozialistische Lebenswelten und „der zweite Ort der Heilung“: das Gefängnissystem.[4] Am Ende dieses Artikels werde ich hieraus eine Schlussfolgerung ziehen: „das Erzählen ist die Heilung in einer anderen Form“.

II. Die Erinnerungskultur in Kambodscha - von außen nach innen

Obwohl der nationale Erinnerungstag in Kambodscha schon am 20. Mai 1984 festgelegt wurde[5], gab es zu dieser Zeit in Kambodscha keine richtige Erinnerungskultur. Ein denkbarer Grund hierfür ist zunächst, dass in der Zeit der Roten Khmer die meisten Eliten ermordet wurden. Die Überlebenden haben auch nach der Zeit der Roten Khmer kaum eine richtige Ausbildung bekommen, was dazu führte, dass sie nicht in der Lage waren, die Geschichte zu reflektieren. Weiterhin waren die Überlebenden von den Roten Khmer übermäßig gefoltert worden, und den Opfern fällt es schwer, die schrecklichen und unmenschlichen Erlebnisse niederzuschreiben. In der Entwicklung der Erinnerungskultur spielten die Kambodschaner*innen eine wichtige Rolle, die vor der Zeit der Roten Khmer schon aus Kambodscha nach Frankreich oder den USA geflohen waren oder nach der Zeit der Roten Khmer als Flüchtlinge von den Nachbarländern sowie den westlichen Ländern aufgenommen wurden. In den westlichen Ländern hatten sie einen besseren Zugang zur Ausbildung; somit hatten sie mit ihrer Betrachtung von außen ein besseres Verständnis über den Kern von Khmer Rouge.

Die ersten Bücher oder Filme über die Roten Khmer sind hauptsächlich von den letztgenannten Kambodschaner*innen geschrieben und gedreht worden. Als Beispiel ist der wohl berühmteste von ihnen, Rithy Panh, zu nennen. Er wurde in Phnom Penh geboren, in einer oberklassigen Familie. Sein Vater arbeitete im Ministerium für Ausbildung im alten Regime. Aufgrund der Position seines Vaters in dem alten Regime wurde seine ganze Familie durch die Roten Khmer aus Phnom Penh vertrieben.[6] Er floh im Jahr 1979 nach Thailand und fand dort im Flüchtlingslager eine Unterkunft. Anschließend ging er nach Frankreich und studierte an der dortigen französischen Filmhochschule. Nach seiner Rückkehr von Frankreich nach Kambodscha drehte er zahlreiche Filme und Dokumentationen. Nennenswert ist vor allem sein erster Film „Das Land der anderen“, der auf seinen eigenen Fluchterfahrungen nach Thailand basieren soll. Eine internationale Präsenz hat er durch seinen Film „S-21: Die Todesmaschine der Roten Khmer“ erhalten, in dem sich die damaligen Gefangenen und Kader im Gefängnis treffen und mit dem Thema Khmer Rouge auseinandersetzen.

Neben seiner Tätigkeit als Regisseur stiftet er auch das Bophana Film Zentrum in Phnom Penh[7] mit dem Ziel, den nächsten Generationen Wissen über die neuzeitliche kambodschanische Geschichte zu vermitteln. In diesem Zentrum werden vor allem Filme zum Thema Khmer Rouge gezeigt. Im Vergleich zum Lesen bieten die Filme ein visuelles Erlebnis im Gefängnis, auf dem Reisfeld usw. an, durch das man die Geschichte hautnah erleben kann. Das ist auch der Grund, warum die Filme in der Entwicklung der Erinnerungskultur in Kambodscha nach der Roten Khmer eine unentbehrliche Rolle gespielt haben.

Im Lauf der Zeit entsteht in Kambodscha auch ein neuer Trend, dass sich die kambodschanischen Autor*innen und Regisseur*innen, die in Kambodscha geboren sind und die Zeit der Roten Khmer nicht miterlebt haben, mit den Erkenntnissen der ausländischen kambodschanischen Autor*innen und Regisseur*innen zum Thema Khmer Rouge auseinandersetzen und in Bereichen, die bisher noch nicht dargestellt wurden, eigene Bücher verfassen und Filme drehen. Lida Chan etwa wurde von Rithy Panh ausgebildet und gewann eine internationale Aufmerksamkeit durch ihren Film Red Wedding im Jahr 2012, in dem sie die Zwangsheirat in der Zeit der Roten Khmer darstellt.

III. Die soziale Funktion der Erinnerungskultur

Erinnerungskultur ist eine wichtige Trägerin der Geschichte, und die Geschichte ist wiederum ein bedeutungsvoller Wegweiser für die Zukunft.

Die Kultur ist nicht Sache einer einzelnen Person, sondern einer sozialen Gruppe, die sich aus verschiedenen Individuen bildet. Hingegen sind die Erinnerung sowie das Gedächtnis eher individuell ausgeprägt. Erinnerung bzw. Gedächtnis dient vor allem dazu, dass ein Individuum oder eine soziale Gruppe ein Ereignis nicht vergisst.[8] Eine Erinnerungskultur kann dann als ein gemeinsames Gedächtnis einer gesamten sozialen Gruppe, das aber die Gemeinsamkeiten der individuellen Gedächtnisse der einzelnen Person zu einem historischen Zeitpunkt widerspiegelt, verstanden werden. Die Gemeinsamkeiten der individuellen Gedächtnisse der einzelnen Personen in einer sozialen Gruppe rühren üblicherweise daher, dass die gesamte soziale Gruppe zu einem bestimmten Zeitpunkt ein bestimmtes Ereignis zusammen erlebt hat. Dieses Ereignis kann man eventuell politisch unterschiedlich wahrgenommen haben, auf einer emotionalen Ebene gelangen jedoch alle zu demselben Gefühl.

Dieses emotionale Gefühl in Bezug auf die Vergangenheit soll im Wege der Kulturvermittlung an die nächste Generation weitergeleitet werden, um es den nächsten Generationen zu ermöglichen, ein ähnliches Gefühl in einer anderen Wahrnehmungsweise mitzuerleben und die Werte der heutigen Gesellschaft sowie der Weltordnung besser zu verstehen. Selbstverständlich könnten die nächsten Generationen diese Erinnerungskultur unterschiedlich interpretieren, aber sie wissen dann zumindest, was sich in der Vergangenheit ereignet hat und was eine soziale Gruppe vorheriger Generationen erlebt hat, was auch das wichtigste Ziel der Erinnerungskultur darstellt.

Dazu hat die Erinnerungskultur auch eine heilende Funktion für diejenigen, die ihre Erinnerung erzählen. Da sich die Erinnerungskultur – im Vergleich zu einer privaten Erzählung – an einen unbestimmten Personenkreis richtet und sehr weit verbreitet ist, erlangen Personen aus verschiedenen Regionen oder sogar Ländern Kenntnis über diese Erinnerungen. Die täglich zunehmende Aufmerksamkeit ist eine Erleichterung, eine Heilung für die dunkle Vergangenheit.

IV. Der Film „First They Killed My Father: A Daughter of Cambodia Remembers“

1. Die Handlung des Films

Dieser Film basiert auf einem autobiographischen Roman „First They Killed My Father: A Daughter of Cambodia Remembers“, den die amerikanische Schriftstellerin mit kambodschanischen Wurzeln Loung Ung im Jahr 2000 geschrieben hat.

Dieser Film erzählt die berührende Geschichte eines Mädchens namens Loung Ung, welche die eben erwähnte Autorin des gleichnamigen Romans selbst ist. Am Anfang des Filmes wird ein sehr moderner Lebensstil der kambodschanischen Bevölkerung dargestellt. Darunter ist die kleine Loung Ung mit ihrer Familie in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh. Loung Ungs Vater ist ein Offizier in der kambodschanischen Armee mit einer hohen Stellung. Als die Kambodschaner keine zuverlässige Unterstützung von den Amerikanern bekommen können, wird die Regierung von Lon Nol abgesetzt und die Roten Khmer übernehmen anschließend die Hauptstadt Phnom Penh. Die Roten Khmer täuschen den Anwohnern vor, dass die Amerikaner Phnom Penh bombardieren wollen und alle Anwohner vorübergehend die Stadt verlassen sollen. Ihnen wird zugleich auch versprochen, dass sie nach drei Tagen wieder nach Hause kommen dürfen. Doch hat Loung Ungs Familie sehr schnell verstanden, dass sie bzw. alle Anwohner Phnom Penhs ihr Zuhause in Phnom Penh nicht mehr sehen werden. Loung Ungs Vater gibt sich als Bauer aus, um Probleme mit den Soldaten der Roten Khmer zu vermeiden, die sich aus seiner Stellung in der Armee in der Regierung Lon Nol ergeben könnten, und die ganze Familie macht sich auf den Weg zu den ländlichen Gebieten in Kambodscha. Danach ist das ganze Land in einem totalen Chaoszustand und brutale und unmenschliche Taten sind überall zu sehen. Das kommunistische Regime Angka (teilweise Angkar) zwingt die Bevölkerung, das Regime mehr zu lieben als ihre Familien, vor allem im Wege der Indoktrinierung. Als die wahre Identität von Loung Ungs Vaters entdeckt wird, wird er hingerichtet, vor den Augen der kleinen Loung Ung. Sie und ihre Geschwister werden nach der Hinrichtung ihres Vaters von ihrer Mutter zu einer fremden Familie geschickt. Loung Ung wird aufgrund ihrer Geschicklichkeit von Angkar als Kindersoldat ausgewählt und mit den anderen Kindern zusammen trainiert, vor allem darin, Landminen einzurichten und zu vergraben. Währenddessen müsen ihre Geschwister weiter auf dem Feld arbeiten und um ihr Leben kämpfen. Später hat Loung Ung endlich die Chance, als Flüchtling nach Vietnam zu gelangen. In einem Flüchtlingslager in Vietnam trifft sie durch einen glücklichen Zufall wieder mit ihren Geschwistern zusammen. Durch ihre Erfahrungen bei dem Vergraben von Landminen kann sie sehr gut erkennen, wo Landminen liegen, und auf dem Weg zur Sicherheitszone kann sie mithilfe dieser Erfahrung die Landminen umgehen. Am Ende dieses Filmes zeigt sich ein sehr harmonisches Szenario, wo Loung Ung und ihre Geschwister viele Jahre später zusammen in einer Tempelanlage beten.

[...]


[1] Astrid, Eril, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, Eine Einführung, S.1.

[2] Nora A. Taylor, ‘Who speaks for southeast Asian art?’, S. 12, vom Englischen ins Deutsche übersetzt.

[3] Kwok Kian-Woon and Roxana Waterson, ‘Southeast Asia and the politics of contested memories’

[4] Vgl. Daniel Bultmann, Kambodscha unter den Roten Khmer, S. 72, S. 111.

[5] Tom Fawthrop, Helen Jarvis, Getting away with Genocide?, S. 73, vom Englischen ins Deutsche übersetzt.

[6] Rithy Panh, Auslöschung. Ein Überlebender der Roten Khmer berichtet, S.14.

[7] http://bophana.org/km/about/

[8] Astrid, Eril, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, Eine Einführung, S.1.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Erinnerungskultur und deren Darstellungen im kambodschanischen Kino
Untertitel
Analyse der Filme "First They Killed My Father: A Daughter of Cambodia Remembers" und "S-21, la machine de mort Khmère rouge"
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Südasien- und Südostasien-Studien)
Veranstaltung
Modulprüfung in Geschichte, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft in Südasien- und Südostasien
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V511452
ISBN (eBook)
9783346089724
ISBN (Buch)
9783346089731
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kino, Erinnerungskultur, Kambodscha
Arbeit zitieren
Yizhou Liu (Autor), 2018, Erinnerungskultur und deren Darstellungen im kambodschanischen Kino, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/511452

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